
Wer in Wien aufwuchs hörte unwillkürlich bald von ihr: VALIE EXPORT. „Smart Export“ war die bekannteste Zigarettenmarke, die österreichische Gauloise. Meine Eltern rauchten vier Pakete davon am Tag. Plötzlich war da eine Künstlerin, die sich „Valie Export“ nannte und mit einem Plakat, das sie überall in der Stadt aufhängte, für sich warb. Das Logo von „Austria Tabak“ hatte sie durch ihr Selbstporträt ersetzt. Mein erstes feministisches Erlebnis, lange bevor ich den Begriff Feminismus überhaupt gehört hatte.

Mit 20 Jahren war ich plötzlich im April 1978 der Fotograf und Assistent in einem großen Internationalen Performance Festival, dem ersten überhaupt, das die drei (feministischen) Galeristinnen Ursula Krinzinger, Rosemarie Schwarzwälder und Grita Insam in Wien veranstalteten. Jeden Abend zwei bis drei Performances an zehn darauffolgenden Tagen.
Bei der Vorbereitung ihrer Performance fragte mich Valie urplötzlich: „Kannst Du eine Videokamera gerade halten? Denn ich habe meinen eigenen Fotografen. Dann musst Du wissen, Du bist dann auch mein Body Guard, wie mein Freund, der Diagonal am anderen Eck des Ölbeckens knien wird, in dem ich mich bewegen werde. Es werden 300 Besucher sein, es gibt keinen Sicherheitsdienst und da kann durchaus ein Verückter sein. Also Kamera gerade halten und zugleich die Situation beobachten.“
Abends dann kamen tatsächlich 300 Leute in Grita Insams großem Galerieraum. Valie (sie schrieb sich erst später in Versalien) kommt nackt in den Raum und strahlte eine innere Kraft aus, die ich noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Dies war im Grunde ihr Schutz bei der etwa 30-minütigen Nacktaktion vor all diesen Leuten.
Ein Jahr später kam ihr Spielfilm „Unsichtbare Gegner“ heraus, in dem sie mit ihrem langjährigen künstlerischen und Lebenspartner Peter Weibel ihre wichtigsten Aktionen vor der Kamera wiederholte und in eine Spielfilmhandlung einbaute. Ein Riesenerfolg in den ganz normalen Kinos.
1980 bestritt sie parallel zu Maria Lassnig – die beiden so starken Künstlerinnen kamen nicht miteinander aus – den Österreichischen Pavillon der Biennale von Venedig. Ab da war sie kein outlaw mehr in Österreich. Dreißig Jahre später wurde sie – bis heute – die anerkannteste und best bewunderte lebende Künstlerin des Landes. Wir trafen uns das letzte Mal zufällig im Flugzeug von Paris nach Wien. Sie war auf der Rückreise vom Geburtstag ihres neuen Galeristen, Thaddaeus Ropac, der 1982 in Lienz in Osttirol seine Galerie gegründet hatte. Alle im Flugzeug erkannten sie mit ihren knallroten Haaren. Wir waren als letzte Passagiere eingestiegen und als sie mich sah und umarmte, konnten die Leute das kaum glauben.

1997 kuratierte Harald Szeemann im MAK „Austria im Rosennetz“, eine Ausstellung über Visionäre in Österreich. Meine Aufgabe bestand darin, jeden Samstag während der Laufzeit der Schau im „Standard“ in Wien die Seite 3 der Samstagbeilage mit einem großen Interview mit einem Künstler oder einer Künstlerin und einem Text zur Ausstellung zu bespielen. Das sei ein „erweiterter Ausstellungsraum“, meinte Szeemann. Natürlich war VALIE EXPORT auf der Liste, die wir dafür erstellten. Beim Gespräch in ihrem Atelier erzählte sie, dass in den späten 1960er Jahren, als sie beispielsweise die berühmte Aktion mit Peter Weibel an der Hundeleine auf dem Stephansplatz gemacht hatte (spontan am Samstagmittag nach einer Ausstellungseröffnung in der Galerie nächst St. Stephan), die Polizisten in der Wiener Innenstadt ein Foto von ihr mit sich trugen, um sie zu identifizieren und daran hindern zu können, eine neue Aktion zu machen. Darauf war sie zurecht sehr stolz. Eine einzelne Künstlerin hatte die Kraft und die gesellschaftliche Wirkung einer ganzen feministischen Partei (die es nicht gab).
1993 bis 1995 entstand zusammen mit Noemi Smolik ein Buch „Kunst in Österreich“ beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Als wir VALIE fragten, wer über sie schreiben solle, gab sie uns die Adresse von Elfriede Jelinek. Diese antworte nicht auf mein Anschreiben, aber sandte am nächsten Tag einen spontan verfassten, großartigen Text. EXPORT und Jelinek haben viel gemein.
2008 hatten wir viel miteinander zu tun, weil sie meine Nachfolgerin als Kuratorin des Österreichischen Pavillons der Venedig Biennale wurde. Sie zeigte – mit Silvia Eiblmair als Co-Kuratorin – Elke Krystufek, Dorit Magreiter und Franziska und Lois Weinberger. Da zu diesem Zeitpunkt keine Infrastruktur dafür im Bundesministerium existierte, gab ich ihr unseren Verteiler, das Budget usw., das sie einfach abschrieb und im Ministerium einreichte, so wie ich dasjenige von Max Hollein, meinem Vorgänger bei dieser Aufgabe, abgeschrieben hatte.
Wenn man mit ihr an einer Ausstellungsbeteiligung arbeitete, wie 1995 für eine Doppelausstellung in Rouen und Caen und 1998 für die Ausstellung zu hundert Jahre Wiener Secession, war sie höchst angenehm, assoziierte zum Ausstellungskonzept nicht oder nur zum Teil realisierte Projekte und hatte einen großen Spaß daran, sie zur Grundlage einer neuen Arbeit zu machen.
Regelmäßig zeigte ihre Galerie Thaddaeus Ropac bei der Art Cologne Fotos aus dem heute legendären Zyklus „Körperkonfigurationen“, der vom Museum Ludwig und vielen bedeutenden Museen angekauft wurde. Diese Fotos waren zwischen 1975 und den frühen 1980er Jahren entstanden als sie in der Galerie nächst St. Stephan „MAGNA“, das erste internationale Festival Feminismus und Kunst veranstaltete. Sie wohnte damals im gleichen Haus ein Stockwerk über der Galerie. Als Helfer bei nächst St. Stephan hat man diese Fotoarbeiten damals unzählige Male ausgepackt, gezeigt, wieder weggeräumt. Keine einzige wurde verkauft. Dabei kosteten sie umgerechnet 80 oder 100 Mark.
Als ich das vor einigen Jahren einer Mitarbeiterin von Thaddaeus Ropac auf der Art Cologne erzählte, meinte sie: „Das Museum Ludwig hat wieder einige gekauft. Aber das Tollste ist, nahezu jede Besucherführung der Messe kommt an unseren, nicht für Baselitz oder Kiefer, sondern für VALIE, und dann heißt es immer: „Das ist die Ikone der feministischen Kunst.‘“
VALIE EXPORT verstarb am 14. Mai 2026 in Wien.
Ihren Nachlass betreut die VALIE EXPORT Stiftung.
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