Pixelwelten

Sung Tieu oder Konzeptkunst aus dem Geist der römischen Antike übersetzt aus neuerer Fotoperspektive anhand eines DDR Wohnblocks für vietnamesische Industriearbeiterfamilien mit Mosaiktechnik aus Ravenna für den Deutschen Pavillon in Venedig

Carl Friedrich Schröer: Wie bist du auf die Idee gekommen, den Deutschen Pavillon mit einem Bildteppich aus Marmormosaiken zu verkleiden?

Sung Tieu: Ich trage die Idee, die konzeptuelle Idee, schon eine ganze Weile mit mir herum. Seit 2022 mache ich Führungen durch die Gehrenseestraße. Die habe ich selbst organisiert und dauern ungefähr eine Stunde zwanzig. Da berichte ich eigentlich über die Geschichte der Gehrenseestraße berichte. Dort stand eines der größten Wohnheime für vietnamesische VertragsarbeiterInnen.

Zu DDR-Zeiten waren um hier an die 4.000 VertragsarbeiterInnen untergebracht. In der Wendezeit ist das Wohnheim ja eigentlich zusammengefallen, weil natürlich die Arbeitsplätze für die VertragsarbeiterInnen wegfielen, die es nicht mehr gab, die Betriebe gab es nicht mehr, die Menschen gingen direkt in die Arbeitslosigkeit. Es wurde dann eben in den 90er Jahren ein Community-Hub für ehemalige VertragsarbeiterInnen ohne legalen Aufenthaltsstatus und auch für Menschen wie mich, die als MigrantInnen nach Deutschland gekommen sind, um hier mit meinem Vater als Zusammenführung wieder zusammenzuleben zu können.

CFS: Es hat aber auch schwere Auseinandersetzungen um das Vietnamesen-Quartier in Berlin gegeben.

ST: Genau, Familienzusammenführung einerseits. Andererseits wurde die Gehrenseestrasse zu einem Ort, wo es viel rechtsradikale Gewalt gab. Es haben in den 90ern um die 6.000 migrantische Menschen dort gelebt. Ich trage heute auch ein Kleid, das über all die Gewalt in der Gehrenseestraße berichtet.

Das sind alles Artikel aus den 90ern, selbst die New York Times hat über die Gehrenseestraße geschrieben. Und genau, diese Komplexität wollte ich eben auf diesen nationalsozialistischen Bau des Deutschen Pavillons projizieren.

Ich habe dafür 3.200.000 Mosaik-Tessera benutzt. Die halt nach Farben angeordnet eben dieses Bild auf der Fassade kreieren. Das sind Marmorsteine, einmal einen Zentimeter groß. Und sie rekreieren sozusagen das Bild der Gehrenseestraße als eine Art Trompe l’oeil. Also ein Gebäude, das nur einen Stockwerk hoch ist, wird zu einer dreigeschössigen Platte, die als Ruinen-Isstzustand eben auch jetzt noch in Berlin-Lichtenberg zu sehen ist, aber gerade abgerissen wird.

CFS: Du hast zunächst Fotos gemacht, um dann daraus diese Mosaik-Wand aus Marmorsteinen zu gewinnen?

ST: Genau, ich habe Fotos gemacht im Oktober und die habe ich dann natürlich überarbeitet und auf die Fassade des Pavillons projiziert. Also wirklich jede einzelne Fläche haben wir uns genau angeschaut. Und dann wurden diese Bilder in Pixel umgewandelt und dann übersetzt in ein Mosaik, das tatsächlich von Hand gelegt ist. Das sind handgelegte Steinchen.

Sung Tieu mit Guiseppe Christoferi von der Mosaikfabrik Ravennae aus Ravenna

CFS: Das wurde in Ravenna gemacht?

ST: Das wurde in Ravenna produziert.

CFS: Was ja auch eine schöne Tradition ist, da sind ja die schönsten Mosaiken Europas vielleicht. Und dann ging es nach China zur Produktion?

ST: Alles wurde in Ravenna konzipiert und die Steine wurden dort auch geschnitten. Die kommen aus unterschiedlichen Produktionsstätten. Und dann wurde das in China teilweise gelegt und dann hier ausgeführt. Ravennai ist eine Firma, die in Italien ansässig ist, aber tatsächlich ist die Ehefrau des Unternehmers aus China.

Also es gibt eine Verbindung zu China. Aber die Hauptproduktionsstätte ist Ravenna.

CFS: Man wird deine Fassadenverkleidung ein Mosaik nach römischem Vorbild nennen können. Man kann es aber auch als Pixelbild lesen. Die Fotos sind gut sichtbar und die Pixel ergeben das Mosaik. Es steht hier ein klassizistischer Bau, aber das darübergelegte Bild des Mosaiks folgt nicht ganz der Quaderung. Es ist ähnlich, aber doch wieder etwas verrückt und aus den Fugen gerückt.

Man hört immer, es sei dir an eine Remineszenz an die DDR gelegen. Ich finde es viel schöner, wenn man erfährt, dass es aus einem Foto entstanden ist. Es ist letztlich eine Konzeptuelle Arbeit auf der Basis von Fotos realer Wohnbauten in Berlin-Lichtenberg, in denen Du aufgewachsen bist. Ein Stück Heimat.

ST: Absolut. Es befindet sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen italienischem, traditionellem Mosaikhandwerk und andererseits natürlich eben ein Fotomosaik. Es war mir auch wichtig, dass es diesen Bezug auch zu diesem zeitgenössischen Medium gibt. Das hier natürlich nicht in so einen Kitsch verkehrt, eher jetzt in der Tradition byzantinischer Mosaike als handwerkliches Produkt.

CFS: Aber keine figurativen Motive.

ST: Mir geht es auch um das Industrielle. Es steckt ja auch ein industrieller Prozess dahinter. Und diese industriellen Prozesse interessieren mich generell, weil es natürlich auch um die Vertragsarbeit geht. Und diese Frage zwischen Kunst und Handwerk, Kunst und Industrie, Kunst und Produktion, das interessiert mich schon immer.

CFS: Die Vertragsarbeiter aus Vietnam waren Industriearbeiter. Und hier sieht man eine überwiegend industrielle Verfahrensweise und Fertigung. Das lässt sich von der neuen Fassade ablesen.

Stammen die süßen Marienkäfer, die im Innern die Wände hochkrabbeln, auch aus industrieller Produktion?

ST: Die wurden nachproduziert, dem Original entsprechend. Da ist ein Magnet im Holzkörper mit Alufolie ummantelt.

CFS: Was verbindet Dich mit den süßen Käferlein?

ST: Es sind Marienkäfer, die ich sehr oft von meiner Mutter bekomme, an Weihnachten und zu den Feiertagen.

Sie symbolisieren natürlich Glück und Hoffnung einerseits. Andererseits wollte ich aber, dass eben diese Marienkäfer, die natürlich auch irgendwie bildlich für meine Mutter stehen oder auch bildlich für Insekten oder unbeliebte Tiere, unbeliebte Dinge also, die auf einmal diesen Deutschen Pavillon wie eine Plage überfallen. Das ist eine Installation und eine Invasion.

CFS: Sigmar Polke nahm hier im Pavillon Ende des letzten Jahrhunderts bereits Bezug auf Albrecht Dürer. Das liegt in Venedig auch nicht fern. Was ist dein Rekurs auf Dürer?

ST: Ich wollte natürlich auch eine deutsche Referenz in diesem Werk mit meiner Mutter haben. Ich habe auch an Sigmar Polke gedacht, aber die Art, wie ich das mit Dürer verbinde, ist ganz, ganz anders. Es ist ja eigentlich ein Vorstadium für die Zeichnung oder für die Repräsentation der Aktmodelle oder anderer Figuren, die er gezeichnet hat. Und es ist ein Vorstadium der Repräsentation. Darum geht’s es mir.

CFS: Wir sehen eine sehr strenge minimalistische Arbeit. Eine Bodenarbeit aus Aluminium, also wiederum ein industrieller Werkstoff. Nichts Spielerisches hier. Aber auch hier gibt es einen biographischen Hintergrund?

ST: Darum geht es mir auch hier. Es geht um das Gleichzeitige, das sehr Persönliche, dieser sehr persönliche Körper, den ich liebe, meine Mutter, die heute in Neukölln lebt. Und andererseits diese Härte und Abstraktion und natürlich auch so eine Stringenz, die sich dann wiederfindet im Material und in der industriellen Ausführung

Sung Tieu und C. F. Schröer nach dem interview

Sung Tieu wurde 1987 im vietnamesischen Hải Dương geboren. Sie kam 1992 mit ihrer Mutter über die tschechische Grenze nach Sachsen, wo die Mutter Asyl beantragte. Ihr Vater hatte drei Jahre zuvor Vertragsarbeit in einem Stahlwerk in Freital (DDR) gefunden. 1994 zog die Familie nach Berlin-Lichtenberg, wo sie bis 1997 in einem Wohnblock in der Gehrenseestraße lebte. Dort wurden seit 1982 hauptsächlich DDR-Vertragsarbeitende und Asylsuchende aus Vietnam untergebracht. 2007 nahm Tieu die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Nach einem Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (2009–2013) erwarb Sung Tieu einen Abschluss am Goldsmiths College der University of London, wo sie auch das Postgraduate Programme der Royal Academy of Arts absolvierte.

Sie arbeitet medienübergreifend und verbindet in großformatigen Installationen Sound, Video, Objekte, Dokumente, Zeichnungen, öffentliche Interventionen und Performance.

Tieu arbeitet konzeptionell. Für ihre Ausstellung in den Berliner KW – Institute for Contemporary Art machte sie zur Bedingung, dass der Verkaufserlös ihrer Arbeit Declaration of Donation die fünfjährige Mitgliedschaft der chinesischen Kuratorin und Theoretikerin Mi You im Trägerverein der KW finanziert. Ziel war es, den Trägerverein diverser zu gestalten und zugleich Mechanismen der Ausgrenzung sowie die Intransparenz institutioneller Prozesse zu kritisieren.

Mit der Ausstellung Ruin bespielt Tieu aktuell den Deutschen Pavillon. Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit mit der jüngst verstorbenen Künstlerin Henrike Naumann.

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