
Selten sind eine Ausstellung und ihr Katalog so eng aufeinander bezogen, gegenseitig dienend und erhellend wie bei „Gerhard Hoehme“ im Museum Küppersmühle in Duisburg. Die Ausstellung mit großartigen Beispielen fast aller experimentellen Versuche und Bildideen Hoehmes – informelle, offene, schwarze Bilder, Borken-, Schrift- und Briefbilder, Historien- Fenster- und Damastbilder, Objektkästen, Glasfenster, Schnurplastiken, Mediatoren und Ätna-Bilder – wird vergehen (am 31. Mai), der Katalog wird bleiben.
Er umfasst eine detailierte mit seltenen Dokumentarfotos bebilderte Biografie Gerhard Hoehmes von Susanne Rennert. Sie führt vom 5. Februar 1920, dem Tag, an dem er in Greppin bei Bitterfeld geboren wird bis zu seinem Todestag am 29. Juni 1989 als er in seinem Atelierhaus in Neuss-Selikum durch ein bewegtes Künstlerleben, dem bei allem Erfolg der internationale Durchbruch versagt geblieben ist. „Bisher“.
Das will die Ausstellung und ihr Katalog nun ändern. „Die anhaltende Faszinationskraft und Bedeutung dieses Künstlers“ soll zum Ausdruck gebracht werden und Hoehmes „bis heute unterschätzter Rang“ erkannt und das Werk „in seiner Aktualität gewürdigt“ werden, hofft Kay Heymer, der Kurator der Duisburger Ausstellung.
Heymer, neben Gottfried Boehm, der profundeste Kenner von Hoehmes ausgreifendem und komplexem Werk, hat zudem einen aktualisierten Bestandskatalog aller bisher bekannten Werke Hoehmes beigesteuert, auch die, die sich neuerdings in der Sammlung Ströher und somit in Duisburg befinden.

Damit ist eine wissenschaftliche Grundlage geschaffen, auf der sich aufbauen lässt. Ein weiterer Vorteil ist, dass sich ein Hoehme-Zentrum in Duisburg gebildet hat, das eine Neubewertung dieses Künstlers überhaupt erst möglich erscheinen lässt. Heymer, der vor gar nicht langer Zeit vom Kunstpalast in Düsseldorf an das privat betriebene MKM am Duisburger Innenhafen wechselte, kann sich über gehörige Zuwächse freuen.
Im Kunstpalast Düsseldorf klagte man über „Kapazitätsprobleme“ und beschied dem Gerhard Hoehme-Nachlass, dass man den Leihvertrag gerne auflösen möchte. Kurzum entschied der neue Vorsitzende der Gerhard und Magarete Hoehme Stiftung (GMHS), Hans-Georg Lohe, lange Jahre Kulturdezernent in Düsseldorf, sich dem Museum in Duisburg anzuschließen. Am 1. Jan 2025 wurde ein Leihvertrag, einschließlich Geschäftsbesorgungsvertrag mit dem Museum Küppersmühle auf unbestimmte Zeit abgeschlossen. Alles an materiellem Nachlass, 50 Bilder, hunderte Druckgrafiken und Arbeiten auf Papier, die gesamte kunstbezogene Bibliothek, die umfangreiche Korrespondenz, Texte, Fotografien, Rechnungen, Unterlagen aus Hoehmes Zeit als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und über den Konflikt mit Joseph Beuys, seine Schriften und Manifeste – alles das wanderte von Düsseldorf nach Duisburg.
Mehr noch: Eine bedeutende, 45 Hoehme-Werke umfassende Zustiftung der Sammlung Bongartz aus Büderich kam hinzu wie auch Werke aus dem Nachlass von Rolf-Gunter Dienst (auch dessen Nachlass geht an die Sammlung Ströher. Das MKM widmet Dienst gerade eine schöne Einzelausstellung). Schon 2009 konnte der Darmstädter Sammler Ulrich Ströher mit „Unruhe wächst“ ein weiteres Hauptwerk der hauseigenen Sammlung zufügen. Die große Hoehme Ausstellung ist auf seinen Wunsch hin zustande gekommen. Ulrich Ströher starb im November 2025. Der Katalog ist ihm gewidmet.
55 Gemälde und Werke (ohne Papierarbeiten) befinden sich in der Ströher Sammlung, der weltweit bedeutendsten zum Deutschen Informell und zur Deutschen Kunst nach 1945.
Die Sammlung wird als gemeinnützige Stiftung geführt. Ina Hesselmann, Tochter der Eheleute Ulrich und Syliva Stöher, ist auch stellvertretende Vorsitzende der GMHS.
Was bisher zum internationalen Durchbruch Hoehmes fehlt?
Die Ausstellung im MKM steht „reisefertig“. Alles kann aus einer Hand ausgeliehen werden. Erste Verhandlungen mit Museen aus Großbritannien laufen. Und wie steht es mit den USA? Oder mit Italien, wohin es Hoehme seit seinem Aufenthalt in der Villa Massimo immer wieder trieb?. Oder mit Frankreich, wo er mit Jean-Pierre Wilhelm und Nam June Paik Ende der 50er Jahre prägende Eindrücke sammelte?
Der Markt mit Hoehme ist schwach. Es sind aber auch nicht mehr viele Werke auf dem Makt verfügbar. „Die ganze Generation Götz und Co. ist unterbewertet“, weiß Kay Heymer. Cy Twobly in Rom oder Eva Hesse in New York, mit denen Hoehme künstlerisch verbunden ist, erzielen dagegen anhaltend Höchstpreise. Hoehme aber war Kriegsgeneration, Kriegsteilnehmer auf Deutscher Seite. „Der Eichmannprozess in Jerusalem 1961 hat die gesamte Deutsche Kunst international schwer zurückgeworfen“, schätzt Heymer. Da hilft es wenig, dass jetzt herauskam, dass Hoehme 1938 der NSDAP beitrat.

„enträtsel nicht die Orte“, so der Titel der Duisburger Ausstellung verweist auf eines der Bilder dieser famosen Gesamtschau. „Meine Bilder sollen gelesen, nicht betrachtet werden. Ich möchte ein Stück Unbegreifliches sichtbar machen, es aber im Unbegreiflichen lassen,“ so Gerhard Hoehme, der Vielbelesene, in seinen Reflektionen.

Das Museum Küppersmühle MKM wird von der Stiftung für Kunst und Kultur e.V getragen. Die Stiftung feiert im Juni ihr 40-jähriges Bestehen. Bisher konnte sie 190 Millionen Euro, größtenteils private Mittel, für 330 Ausstellungen und Projekte einwerben.
Gerhard Hoehme – enträtsel nicht die Orte
bis 31. Mai
MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Philosophenweg 55, Duisburg
Rolf-Gunter Dienst – Tagebuch der Bilder. Ein Blick in den Nachlass
ab dem 23. April
Oberlichtsaal des MKM, Philosophenweg 55, Duisburg
Gerhard Hoehme – Vaters Verwirrspiel
bis 30. August
Kulturforum Franziskanerkloster, Burgstraße 19, Kempen
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