
Ina Brandes darf man bestätigen, sich um die Kunstakademie Düsseldorf zu kümmern. Das Tätigkeitswort leitet sich von Kummer ab. Die Akademie steht auf Störung, vom Erfolgsmodell ist sie zum Sorgenkind geworden. Den einen ist die Aufsicht der NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft (CDU) viel zu viel, den anderen viel zu wenig. Ein „Hochschulstärkungsgesetz“ ist in Arbeit. Vor dem Hintergrund erscheint der andauernde Konflikt um Antisemitismus an der Kunstakademie desaströs. Die Autonomie der Kunstakademie Düsseldorf steht in der Diskussion und Brandes sieht sich gefordert, die aktuellen Zerwürfnisse und tieferliegenden Sorgen der Kunstakademie zu lösen.
Gleich mit Beginn ihrer Amtszeit Mitte 2022 bekam Brandes es mit der Kunstakademie zu tun. Rektor Karl-Heinz Petzinka warf im Juni die Brocken hin und verließ das Haus Ende September. Die Führungskrise an der Düsseldorfer Kunstakademie nahm ihren Lauf. Auch der kommissarische Rektor Johannes Myssok erklärte seinen Rücktritt aufgrund anhaltender Querelen. Im Dezember hatte sich die Architektin Donatella Fioretti (* 1962 in Savona, Ligurien), seit 2017 Akademieprofessorin für Baukunst, knapp gegen Myssok durchgesetzt. Doch Brandes erklärte die Abstimmung wegen Verfahrensfehlern für ungültig. Die neu angesetzte Wahl gewann Fioretti. Gegenkandidaten gab es da keine mehr. Das erste „Frauenrektorat“ in der 250-jährigen Geschichte der Kunstakademie übernahm.
Doch sind aus den Querelen mittlerweile Grabenkämpfe geworden und Brandes möchte die Rektorin „lieber heute als morgen“ loswerden. „Leider“ kann sie es aus beamtenrechtlichen Gründen nicht. Andere Weg stehen ihr frei. Das Frauenrektorat ist längst wieder auseinander. Kanzlerin Johanna Boeck-Heuwinkel, seit Mai 2021 im Amt, hat gekündigt. Die Juristin verlässt die Kunstakademie zum Jahresende. Meinungsverschiedenheiten mit der Rektorin ließ die Kanzlerin durchblicken, waren der Grund. Auch mit der langjährigen Sekretärin des Rektorats gab es Differenzen, ihr wurde gekündigt.
Einladung in den Landtag: Sondersitzung Fioretti
Zur Eskalation kam es in diesem Jahr. Fioretti suchte zuletzt im Namen der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit die Konfrontation mit der Ministerin. Nun hat der Landtag Nordrhein-Westfalen zu einer öffentlichen Sondersitzung des Ausschusses für Kultur und Medien für den 18. März eingeladen. Einziger Tagesordnungspunkt „Antisemitismus in der Kultur?! Vorwürfe im Zusammenhang einer Veranstaltung an der Kunstakademie Düsseldorf mit einer Künstlerin am 21. Januar 2026“. Ina Brandes wird dazu einen Bericht der Landesregierung vorlegen. Auch Donatella Fioretti ist geladen. Kommt sie, oder kommt sie nicht?
Für den 21. Januar 2026 hatte SPARTA, eine lose Gruppierung von Studierenden der Kunstakademie, zu einer öffentlichen Veranstaltung Basma al-Sharif eingeladen. Die Rektorin hatte ihre Rückendeckung zugesichert. Die 43-jährige Künstlerin wurde in Kuwait geboren, hat in den USA studiert und lebt in Berlin. Sie verarbeitet in ihren Filmen die Erfahrung von Flucht und Exil. Ihre Werke wurden vielfach ausgezeichnet. Erst im November erhielt sie beim Kurzfilmfestival Winterthur den hoch dotierten Hauptpreis für ihren Film „Morgenkreis“. Doch Basma al-Sharif ist auch als Streiterin für das palästinensische Volk und ihre Nähe zu HAMAS bekannt. Ihre Instagram-Posts sind nicht nur Pro-Palästina, sondern auch streng Anti-Israelisch. Nach dem Überfall am 23. Januar 2023 postete sie u.a. „1$RA3L has zero right to exist. Dismantle it.“ Ein Bild eines Mülleimers ist da mit der Aufschrift „Israel“ zu sehen, Hashtag „#trash“. Wiederholt ruft sie als Anhängerin der BDS-Bewegung zum Boykott gegen Israel auf und solidarisiert sich weiter mit der HAMAS.
Ina Brandes forderte die Akademie in einem Schreiben auf, die Veranstaltung zu überdenken. Fioretti hingegen hielt an der Veranstaltung mit al-Sharifa fest, stufte sie als nicht-öffentlich ein und ergriff die Flucht nach vorne. Da hatte die Jüdische Gemeinde Düsseldorf längst zum Protest aufgerufen und forderte ihren Rücktritt. Die Landesregierung in Person ihrer stellvertretenden Ministerpräsidentin Mona Neubauer (Die Grünen) nahm an der Demo vor der Kunstakademie teil, ebenso wie der Antisemitismusbeauftragte der Stadt Düsseldorf, Wolfgang Rolshoven. Beide forderten den Rücktritt der Rektorin. Ein Vorgang ohne Beispiel.
Die Fronten sollten sich weiter verhärten. Fioretti traf sich in Berlin mit al-Sharifa, Brandes bestellte Fioretti ins Ministerium. Ein Gespräch mit der Jüdischen Gemeinde wurde vereinbart, Fiorett gab ein Interview mit der Frankfurter Rundschau, schrieb sich ein Zitat von Rosa Luxemburg auf die Fahne und wiederholte ihre Überzeugung, gab sich sonst als Opfer und Kämpferin für die Freiheit. Die Jüdische Gemeinde antwortet mit einer detaillierten Erklärung und sagte das Gespräch kurzerhand ab: Im Interview versuche Fioretti eine „gefährliche Täter-Opfer-Umkehr“. Tatsachen würden verdreht und relativiert, wenn sie etwa von verschiedenen „in den sozialen Medien geäußerter Drohungen gegen das studentische Veranstaltungsteam und Gewaltaufrufen“ spräche, um den Ausschluss der Öffentlichkeit bei der Veranstaltung mit Basma al-Sharif als Vorsichtsmaßnahme darzustellen, „verschiebt sie den Fokus bewusst: Nicht die antisemitischen Inhalte und Positionierungen von Frau al-Sharif stehen im Zentrum, sondern jene, die diese kritisieren.“ Bezeichnend auch, was im Interview unerwähnt bleibt: Weder die Terrororganisation HAMAS noch die PFLP werden erwähnt, stattdessen wird einseitig ein Narrativ reproduziert, dass die Bedrohung Israels und die realen Ängste von Jüdinnen und Juden konsequent ausblendet. Instagram-Posts, in denen Basma al-Sharif Gewalt gegen Jüdinnen und Juden legitimiert und verherrlicht, werden verharmlosend als „Kritik an der israelischen Politik“ abgestempelt…“
Der Konflikt zieht Kreise. Petion und Offener Brief
Gestartet von Rivkah Young & Peter Wildanger, vom Iron Dome Düsseldorf zieht der Aufruf „Fordern Sie die Rektorin der Kunstakademie, Donatella Fioretti, zum Rücktritt auf!“ (change.org) weite Kreise. Erstunterzeichner ist der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Stephan Keller, CDU.
Gleichzeitig wurde ein Offener Brief „Für die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit, Kunstfreiheit und Hochschulautonomie in Deutschland“ aufgesetzt. Gerichtet ist der Fioretti-Unterstützerbrief an die Mitglieder der Wissenschaftsministerkonferenz und der Kulturministerkonferenz von Deutschland und die Ausschussmitglieder des Wissenschaftsausschusses und des Kulturausschusses des NRW-Landtags. Darin beklagen, hier hauptsächlich Unterzeichnerinnen: „Nach juristischer Überprüfung ist festzuhalten, dass die Äußerungen der Künstlerin strafrechtlich nicht relevant und von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Der Versuch, eine Absage der Veranstaltung zu erzwingen, zielt darauf ab, den Meinungskorridor zu verengen und kontroverse Debatten im Spannungsfeld von Kunst und Politik zu verhindern.“
Im Wissenschaftsausschuss des NRW-Landtags sei wiederholt die Formulierung vom “Deckmantel der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit“ verwendet worden. Dass Fioretti in einer Sondersitzung des Ausschusses für Kultur und Medien des Landtags Nordrhein-Westfalen Stellung nehmen soll, finden sie als „besonders problematisch“, weil sich der politische Druck nicht gegen ein rechtswidriges Verhalten der Akademieleitung richtet, sondern gegen eine Entscheidung innerhalb der verfassungsrechtlich geschützten Hochschulautonomie. „Das markiert eine neue Qualität politischer Intervention.“ Artikel 5 des Grundgesetzes garantiere ausdrücklich auch kontroverse oder unbequeme Positionen. Diese Freiheitsrechte werden durch den Begriff „Deckmantel für Antisemitismus” unter Generalverdacht gestellt und somit geschwächt.
Die Haltung der Rektorin zur Verteidigung der Hochschulautonomie und zur Fürsorgepflicht gegenüber ihren Studierenden sowie das Recht von Studierenden und Lehrenden, wissenschaftliche, künstlerische und gesellschaftliche Fragen frei zu diskutieren wird im Offenen Brief ausdrücklich unterstützt.
Politische Interventionen, Drohungen oder Eingriffe in Finanzierung und Leitung dürften nicht als Druckmittel gegenüber akademischen und kulturellen Institutionen eingesetzt werden. „Solche Praktiken sind aus autoritären Regimen bekannt und einer Demokratie unwürdig.“ „Wir, die unterzeichnenden Institutionsleiter:innen, Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Architekt:innen und Bürger:innen beobachten mit wachsender Sorge zunehmende Eingriffe in die Freiheit von Wissenschaft und Kunst sowie in die Hochschulautonomie.“ So sei es in den vergangenen Monaten wiederholt zu politischen Interventionen und öffentlichen Kampagnen gekommen, die darauf abzielten, Programme und Entscheidungen kultureller und wissenschaftlicher Institutionen in Deutschland zu beeinflussen. Sie verweisen hier auf die „Debatten um die Leitung der Berlinale sowie in der Involvierung des Verfassungsschutzes im Rahmen des Deutschen Buchhandlungspreises.“
Erstunterzeichner sind u.a. Inke Arns (Direktorin HMKV Hartware MedienKunstVerein Dortmund) Michael Barenboim (Professor für Violine und Kammermusik, Barenboim-Said Akademie, Berlin) Prof. Sandra Bartoli (Hochschule München), Sybille Bauriedl (Professorin für Integrative Geographie, Europa-Universität Flensburg), Ulrike Bergermann (Professorin für Medienwissenschaft, Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig), Anne-Julchen Bernhardt (Architektin und Professorin für Gebäudelehre, RWTH Aachen), Candice Breitz (Künstlerin, Berlin), Robin Celikates (Professor für Philosophie, Freie Universität, Berlin), Claudia Emmert (Intendantin, Kunstmuseum Bonn), Nancy Fraser (Henry A. and Louise Loeb Professor Emerita of Philosophy).
Donatella Fioretti beharrt auf den „geschützten Diskursraum“ der Kunstakademie. “Mit der Durchführung der Veranstaltung wurde die Kunstakademie Düsseldorf als öffentliche Bildungseinrichtung ihrem Auftrag gerecht, die Voraussetzung für offene, verantwortungsvolle Debatten zu schaffen.“ Auch hob sie hervor, al-Sharif sei als Künstlerin eingeladen worden, nicht wegen ihrer politischen Haltung. Sie habe lediglich zwei kurze Filme gezeigt, woran sich ein Künstlerinnengespräch anschloss, gefolgt von einer offenen Fragerunde. Besonders in Zeiten zugespitzter und polarisierender Beiträge in sozialen Medien erhalten solche hochschulischen Diskursräume besonderen Wert, denn sie unterscheiden sich grundlegend von digitalen Erregungsöffentlichkeiten… „Wenn Hochschulen diese Räume nicht mehr eröffnen können, stellt sich grundlegend die Frage nach ihrem Auftrag.“
Kommt sie. Oder geht sie?
Mittwoch in der aller Frühe ist Showdown im NRW-Landtag. Wird die Rektorin Fioretti erscheinen? Die Rechtsauffassungen liegen auf dem Tisch, die Argumente sind ausgetauscht. Ihr bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder Fioretti wendet noch größeren Schaden von der Akademie ab, oder die Angelegenheit eskaliert weiter. Entweder das Rektorat der Kunstakademie Düsseldorf (Rektorin, zwei Prorektoren und die Kanzlerin) erscheint zur Anhörung geschlossen, bezieht Stellung zur Entscheidung vom Januar und entschuldigt sich förmlich und feierlich, auch für die Fehleinschätzung der politischen Situation. Oder eben nicht. Dann wird es prinzipiell, Gerichte werden entscheiden.
Brandes könnte in Abstimmung mit dem Landtag und der Landesregierung eine Amtsenthebung des Rektorats beschließen. Ein einmaliger Vorgang, der die Kunstakademie weiter schwer beschädigen wird. Je nachdem wie die Anhörung verläuft, wird Brandes kaum abwarten bis Fioretti ihre Amtszeit 2027 beendet. Diese hat bereits erklärt, nicht wieder kandidieren zu wollen.
Brandes kann ein Beamtenrektorat einsetzen, oder ein anderes temporäres Rektorat berufen, (wie es 2023 mit Tony Cragg der Fall war), das Neuwahlen vorbereitet, um ein neues, internes Rektorat aus dem Akademiesenat heraus wählen zu lassen.
Bleibt in jedem Fall zeitgleich noch die Neuwahl des Kanzlers, der Kanzlerin. Per akademieinterner Verfassung eine Person mit abgeschlossenem Rechtsstudium und Erfahrung in leitenden Verwaltungspositionen. Vor dem Hintergrund dieses Desasters werden wie bereits bei den Kanzlerwahlen 2017 und 2021 kaum hochkarätige Bewerbungen um diese – auf fünf Jahre befristete – Stelle am Eiskellerberg einlaufen.
Die Kunstakademie läuft Gefahr, ihre verbürgte Unabhängigkeit gegenüber den politischen Instanzen zu verlieren. Warum aber ist die Rektorin dieses Risiko eingegangen? War al-Sharif ihr das wert? War sie schlecht beraten oder schlicht überfordert? Oder hatte sie etwa Brandes unterschätzt?
Bei alledem und obendrauf hätte die Kunstakademie ganz andere Sorgen: Das seit zwanzig Jahren drängende Raumproblem, die Werkstättenfrage schmort weiter. Die Kluft in der Professorenschaft zwischen KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen muss überwunden werden, wie auch ein Rückgang international renommierter Lehrer und Lehrerinnen. Ist aus der hochgehaltenen Selbstverwaltung über die Jahre ein Selbstbedienungsladen geworden? Ist hier im Rücken der Kunstfreiheit ein Subventionssofa entstanden, das gut gefederte Karrieren befördert? Vom einstigen Akademiegeist ist auf dem Eiskellerberg ziemlich wenig übrig.
Carl Friedrich Schröer
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