Art after Democracy

Kunst am Ende? Demokratie am Ende?

Bruce Nauman, Double Slap in the Face, 1985

Ein Warnruf von Robert Fleck

Wir müssen uns auf schwierige Zeiten einstellen. ‚Wir‘ meint hier die Künstlerinnen und Künstler, die Kunstvermittler, die Sammler, die gesamte Kunstöffentlichkeit. Es ist bereits seit dem Vorjahr deutlich abzusehen, dass in absehbarer Zeit zumindest für einen unbestimmten Zeitraum auch in unseren Breiten das freie Kunstmachen und der freie Umgang mit Kunst nicht mehr möglich sein werden.

Was können wir tun? Was müssen wir tun?

Es gibt mehrere Gründe für diese unheilvolle Entwicklung. Sie zu betrachten, hilft möglicherweise diese Fragen zu beantworten. Der erste Grund ist in Europa zu suchen. In nahezu der Hälfte der Mitgliedstaaten der EU wackelt die Demokratie. Italien hat eine explizit neofaschistische Regierungschefin. Eine Reihe von zentraleuropäischen Ländern werden von ihren Regierungen in illiberale Staaten nach ungarischem Vorbild umgebaut, was ein kosmetischer Ausdruck für ausgehöhlte Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit ist, welche für die Künstlerinnen und Künstler bereits heute Zensur, ideologischen Druck und auch physische Bedrohung bedeutet. Im nördlichen Europa haben sich rechtspopulistische Bewegungen bereits seit längerer Zeit verwurzelt, stehen in Regierungsverantwortung und radikalisieren sich. In Österreich erzielt eine neonazistische Partei mit suprematistischer Ideologie haushoch die meisten Wählerstimmen und stellt nur deshalb nicht den Bundeskanzler, weil die USA unter Joe Biden massiv dagegen intervenierten. In Deutschland kennen wir die Situation in den östlichen Bundesländern, in denen die AfD-Schläger sich die Kunst vorgenommen haben, doch selbst die Kommunalwahlen in NRW zeigten, wie stark sich diese Bewegung, die radikaler ist als die anderen rechtspopulistischen Kräfte in Europa, bereits auf lokaler Ebene festgesetzt hat. In Frankreich steht der Rassemblement National, hervorgegangen aus der explizit neofaschistischen Front National FN, seit einigen Jahren die wählerstärkste Partei in Frankreich, vor der Machtübernahme bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2027. Womit von den Atommächten nur noch Großbritannien einstweilen eine liberale, parlamentarische Demokratie bliebe. Wenn ich als Journalist mit Presseausweis in eine Wahlveranstaltung des FN gehe, muss ich damit rechnen, zusammengeschlagen zu werden. Das habe ich seit vierzig Jahren mehrfach erlebt.

Die Kunst findet sich überall von zwei Seiten bedroht. Das geschieht von oben her durch die Regierungen, die den unkontrollierbaren Charakter der Kunst ausschalten wollen, sie gängeln mit nicht vollständig rechtsstaatlichen Mitteln. Von unten her, von Seiten der Anhänger dieser rechtspopulistischen Kräfte sowohl auf den Sozialen Netzwerken als auch in der physischen Realität. Morddrohungen gegen engagierte Künstlerinnen und Künstler von Seiten der Identitären finden in Österreich seit Jahren statt, sind aber bisher kein öffentliches Thema.

Bruce Nauman, ohne Titel

Der zweite Faktor kommt aus den USA. Seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump haben sich die USA – ich versuche politikwissenschaftlich präzise zu sein – mit dem zunächst hand- und staatsstreichartigen Aufbau einer kriminellen Macht verbunden, die über die völlig illegale persönliche Regierung des Staatschefs funktioniert, die permanente Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft als einer handlungsbereiten Masse betreibt und unter dem Vorwand des Kampfes gegen illegale Einwanderung eine Miliz ICE u.a. als außerrechtsstaatliche Sonderpolizei geschaffen hat. Das hat mehrere Folgen. Die Künstlerinnen und Künstler, ebenso die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, stehen ganz konkret tagtäglich nicht mehr unter dem Schutz der Verfassung, und das in einem hochideologisierten System, das alle emanzipatorischen, gesellschaftskritischen und ökologischen Themen, Vokabel und Zeichen auf eine Verbotsliste gesetzt hat. Was das institutionell bedeutet, sieht man an den Universitäten – und den Kunsthochschulen! – in den USA, die nolens volens alle bis auf Harvard die neuen ideologischen Vorschreibungen der neuen Macht akzeptierten – und das in kürzester Zeit im einzigen Land neben der Schweiz, das bislang keine Diktatur kannte. Sehr besorgniserregend ist an der Entwicklung in den USA, dass die neue kriminelle Macht ständig beschleunigt, wobei dies leider zu ihrer inneren Logik gehört, welche in vielerlei Hinsicht an Deutschland nach 1933 erinnert. In einer Situation wie in den USA sind die Kunstschaffenden seit 2025 nicht mehr durch den Staat in der Freiheit ihres Kunstschaffens geschützt, werden nur noch sehr partiell von den Institutionen, Museen, Ausbildungsstätten usw. gestützt, das heißt sie werden zunehmend Freiwild und stehen alleine da. Glücklicherweise sind die USA ein föderales Gefüge, in dem die einzelnen Staaten, Counties, Städte usw. der Zentralmacht weit stärker gegenhalten können als anderswo.

Dies hat schwere Folgen für die Kunstschaffenden, Kunstvermittler usw. in Europa. Zum einen führt es dazu, dass die Entwicklung in den USA ein Modell wird für die verschiedenen Ausprägungen der rechtsextremen Bewegungen in Europa, für die, die bereits an der Macht sind oder die, die an der Schwelle dazu stehen. Trump II bringt Regeln und Gesetze zum Einsturz, wie sie diese Kräfte selbst in ihren kühnsten Träumen nicht anzutasten gewagt hätten.

Was wir mit entsetzten Augen in den USA wahrnehmen, wird in wenigen Monaten und Jahren, wenn sich ihr Erfolg bei Wählerinnen und Wählern in unseren Breiten fortsetzt, Realität auch in Europa.

Eine weitere Folge zeichnet sich bereits jetzt ab. Obwohl wir erst am Anfang dieser Entwicklung stehen, verstärkt sich die Spaltung der Kunstwelt. Bernard Arnault, der reichste Mann Frankreichs und Eigentümer der Fondation Louis Vuitton, Francois Pinault, der zweitreichste Mann Frankreichs und Eigentümer der Pinault-Collection in Venedig und Paris, waren ebenso bei der Amtseinführung von Donald Trumps als dessen erklärte Unterstützer wie Vincent Bolloré, der drittreichste Mann Frankreichs und neuerdings Besitzer der meisten Medien, Buchverlage und der gesamten Filmförderung und Filmausstrahlung. Die Fondation Louis Vuitton und die Pinault-Collection spielen derzeit die staatlichen und städtischen Museen in Frankreich an die Wand, da sie Milliardenbudgets im Hintergrund haben. Ein „Gesetz über das Mäzenatentum“ aus den 2000er Jahren legt fest, dass ihre Ausgaben für ihre privaten Ausstellungshäuser vom Steuerzahler getragen werden. Bolloré, der Rassemblement National und – sehr gefährlich – ein Teil der klassischen Rechtspartei betreiben eine Kampagne gegen angeblichen „Wookismus“ und „Linksideologie“ in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Fernsehanstalten. Wie leicht kann diese auch gegen eine freie Kunst gerichtete Kampagne mit dem beginnenden Präsidentschaftswahlkampf für 2027 in den nächsten Monaten auf den Kunstbereich überspringen!

Bruce Nauman, Still from ‚Clown Torture‘, 1987

Trump-Kunst auf dem Vormarsch?

Zuletzt sah man an der Art Basel Miami, dass bei weitem nicht die gesamte Kunstwelt entsetzt ist über Trump II und die Folgen. Im Gegenteil auch eine Trump-Kunst auftritt zunehmend selbstbewusst auf, getragen von Sammlermilliardären im Umfeld der Internetgroßkonzerne, welche die neue amerikanische Macht hochaktiv stützen und unterstützen. Es wird in der Periode, die im Januar 2025 begann, mittelfristig eine gespaltene Kunstwelt geben, mit wehrlosen Künstlerinnen und Künstler, wo auch immer sie weiterhin kritisch und emanzipatorisch sich auszudrücken versuchen. Auf der einen Seite Unterdrückung. Auf der anderen Seite Mitläufer aller Art hinter neureichen Sammlern, die von einem Regime à la Trump finanziell und gesellschaftlich sehr profitieren.

Kunst nach der Demokratie?

Wie können wir uns einstellen auf die kommende Zeit der Kunst nach der Demokratie? Wir, die Künstlerinnen und Künstler, die Kunstvermittler, die Freunde der Kunst, die ehrlichen Sammler usw., die mit dem neuen Faschismus nicht mitmachen, müssen als erstes zusammenhalten!

Diesbezüglich kann man viel lernen von den Generationen, die einen vergleichbaren Prozess in den 1930er Jahren erlebten und erlitten. In zweiter Hinsicht muss man – schon seit je, aber nun ganz besonders – sehr darauf achten, nicht unnötig in den Sozialen Netzwerken usw. Meinungsäußerungen zu hinterlegen, die aktuell nichts oder nicht viel bringen, aber gefährlich für einen selbst werden, wenn die Rechtsstaatlichkeit der Regierung im eigenen Land in einigen Jahren nicht mehr vollständig garantiert ist – und damit müssen wir jetzt explizit rechnen.

In dritter Hinsicht sollten wir uns nicht irre machen lassen. Es geht um die Kunst. Sie hat noch alles überlebt. Oder, wie André Malraux, der Kunstschriftsteller und geniale erste französische Kulturminister, sagte, „die Kunst ist die einzige Sache, welche die Menschheit gefunden hat, um den Tod zu bezwingen.“ Man kann hinzufügen: und die Dummheit.


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