Wo der Hase liegt
Jean Fautrier – eine weitgespannte Sammlung in einer wundervollen Ausstellung auf der Raketenstation

Lapin, 1926

Hombroich ist eine Insel, ist ein Museum, ist eine Wundertüte. Am meisten vielleicht eine Lostrommel, in der es unter vielen Nieten auch dicke Gewinne gibt. Das große Los ist Jean Fautrier. Diesem besonderen Künstler (1898 in Paris bis 1962 in Châtenay-Malabry, Île-de-France) ist so ziemlich ein ganzes Jahr lang eine Ausstellung im Siza Pavillon auf der Raketenstation gewidmet.

Erstmals kommt damit die Fautriersammlung vollständig zum Vorschein, wie sie der Inselgründer Karl-Heinrich Müller (1936 in Düsseldorf bis 2007 ebenda) seit Beginn der 80er Jahre auf Anregung und im Austausch mit Samy Tarica zusammengetragen und hinterlassen hat. Fautrier wurde zum Grundstock der ausgreifenden Sammlungen des Düsseldorfer Immobilienentwicklers, lange bevor eine „Insel Hombroich“ überhaupt in seine Reichweite geriet.

Den Rhein rüber, im gerade eröffneten Erweiterungsbau des MKM  im Duisburger-Innenhafen wird die bedeutende Informel-Sammlung von Sylvia und Ulrich Ströher Ströher ausggebreitet. Dort findet sich ein einziges Werk von Fautrier, eine Papierarbeit von 1956.

Müller stieß auf Samy Tarica als der mit seiner Pariser Galerie 1973 eine Koje auf dem Internationalen Markt für aktuelle Kunst (IKI) in Düsseldorf aufschlug. „Das war eine Koje, wie man sie in Deutschland im Handel nie sehen konnte!“ erinnert sich Müller (im Gespräch mit Thomas Kling). Müller, der damals in einem Bürohaus in Heerdt lebte, lud den Galeristen gleich zu sich nach Hause ein. Sie lernten sich schätzen. Tarica wurde zu einem geachteten Gegenüber und hartem Konkurrenten auf der Jagd nach Kunsttrophäen, „…der mir eigentlich zum ersten Mal, so wie bei einem Lehrer, die Augen öffnete und sich mit mir beschäftigt hat, damit ich Ordnung in meine Sehweise bekomme.“

Tarica öffnete Müllers Augen besonders für Fautrier. Zunächst für die „schwarzen Bilder“ dann für die gesamte Schaffenspanne dieses „Signifiant de l‘informel“ (Michel Tapié) und er brachte Ordnung in Müllers wilde Sammelei. Neben Fautrier konzentrierte sich Müller fortan auf Kurt Schwitters, Hans Arp und Yves Klein. Dieses Viergestirn macht bis heute den internationalen Rang der Hombroich-Sammlung aus. Der Fautrier-Block ist mit 26 Gemälden, neun Skulpturen (Gips, Stein, Bronze), zahlreichen Radierungen und Künstlerbüchern der größte und am wenigsten geborgene Schatz.

Tête d’otage Nr. 24, 1945

Eine Sanierung eines Pavillons unten auf der Insel machte den Umzug nach oben auf die Raketenstation möglich. Der Siza Pavillon, keinesfalls als Ausstellungshaus oder gar Museumsbau entworfen, eigentlich alles andere als ein Pavillon, erweist sich als Ausweichquartier wie geschaffen für die Begegnung mit der Fautrier-Collection, wie mit einem bis heute faszinierenden Künstler. “Denn er war anders als Mensch, dachte anders als Künstler.” (Samy Tarica)

Die verstörende Gewalt, das Schrundige und Abgründige, die poetische Tiefe wie die existentielle Not, der innere Widerspruch wie die verzweifelte Auslöschung, das Ringen mit akademischen Traditionen und experimentelle Überwinden aus der Verweigerng heraus, lässt ihn kanonisierte Formen der Malerei, Skulptur, des Reliefs in Frage stellen und radikal neu formulieren, ohne einer Spontanietät oder ungezügelten Gestik je freien Lauf zu lassen. Seine Otages rufen nach der Befreiung in Paris Bestürzung, ja Ekel hervor, weil sie die Greuel der Besatzer in einer ungewohnt ergreifenden Bildsprache erfassen.

Wir begegnen ihnen heute im Abstand von 75 Jahren anders. Der Siza-Pavillon mit seinen wohl proportionierten Wohnräumen, den gediegenen Eichenböden und -decken, den holzgerahmten Fenstern lässt die virulente Urgewalt, das künstlerisch Verstörende der Werke Fautriers nur umso stärker in Erscheinung treten. Bei aller Auseinandersetzung mit der Kunst (wie der Wirklichkeit) seiner Zeit, bei allem experimentellem Umgang mit Techniken und Farbmaterial bleibt Fautrier dieser Wirklichkeit, der Dingwelt wie der Räumlichkeit auf der Spur. Am Alltagsobjekt, am menschlichen Körper zumal entzündet sich sein künstlerisches Ingenium. „In seinen Werken manifestiert sich die Bewältigung von mindestens zwei Zwangslagen“, schreibt Johannes Rößler im Katalogbuch, “die der Erotik und die des Terrors.“ Erstere zeigt sich ab 1926 in den schwarzen Bildern, den Akten und Nus. Dann ab 1942 das Entsetzen und die existentielle Erschütterung über die Greueltaten der deutschen Besatzer in seiner Heimat. Vergleichbar mit Alberto Giacometti, läßt sich bei dem nur drei jahre älteren Fautier eine Reduktion und Verweigerung feststellen. Sein Schwarz ist Protest gegen alles, was die französische Malerei auszumachen schien, Licht und Farbe, nur um in der Auslöschung und Umkehrung zu einer neuen Ausdruckskraft zu finden.

Grande tête tragique, 1942

Wenn wir nur den Großen tragischen Kopf (Grande tête tragique) betrachten, der nur wenige Monate vor seiner Verhaftung durch die Gestapo in Paris entstanden ist, blicken wir in ein geschundenes menschliches Antlitz. Das Auge eines jungen Manns stiert uns da aus der einen Gesichtshälfte  entgegen, ein halb geöffneter Mund, eine halbe Nase vielleicht, alles andere, das andere halbe Gesicht wie im Furor weggekratzt, mit grober Klinge den Gips traktiert, der halbe Kopf tief geschrundet. Wir stehen da vor einer klassischen Protraitbüste, doch was ist übrig davon? Die unerbittliche Gewalt des Krieges hat tiefe Spuren hinterlassen. Jede Kontur fehlt, jeder menschliche Ausdruck ist weggeritzt, einerseits. Und doch sehen wir da einen menschlichen Kopf, grausam entstellt, aber immer noch fragend. Dieser Kopf ist offener Widerspruch und Warnruf zugleich, vorweggenommenes Erschrecken über alle Marter und alle Gewalt, die sich erst noch (auch an ihm selbst) ereignen sollten.

Das letzte Werk, das Müller kurz vor seinem Tod 2007 erwarb, war ein Werk Fautriers, La Mangue. Ein Bild aus dem Jahr 1945, gemalt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs als er endlich die Villa Barbier in Châtenay-Malabry beziehen konnte. Das Bild zeigt ein Stillleben. Die Frucht, eine einzelne Mango, liegt hier, dargestellt als Erinnerung an Zeichnung oder Spur von Ritzungen auf dem “Haute Pates”, dem Schicht um Schicht aufgespachtelten  Material, aus dem Fautrier seine Werke nun schafft. An der süßen, exotischen Frucht entzündet sich Fautriers malerischer Furor: Vor schwarzem Grund hebt sich ein Weiß ab, könnte ein Teller sein, auf dem ein Rundes liegt, vielleicht eine Frucht, grob schraffiert, dazu ein zartes Rot gesetzt. Süße Verlockung? gar Hoffnung?

„Ich verehre Fautrier und bin sicher, daß er einer der ganz großen Künstler dieses Jahrhunderts ist…“ schrieb Müller 1997. Die bisher größte Ausstellung in Deutschland dieses anderen „Besessenen“ ist nun spät, aber eindrucksvoll auf Hombroich zu sehen.

 

 

 


Jean Fautrier. Eine Sammlung

Ausstellung bis 10. April, leider viel zu selten geöffnet  Siza Pavillon, Raketenstation Hombroich


 

Endlich ist auch ein Buch erschienen, das die Zusammenhänge und Hintergründe einer der größten und weltweit bedeutendsten Sammlungen zu Fautrier beleuchtet – Texte von Johannes Rößler, Kaja Tscherner (die gemeinsam mit Frank Boehm die Ausstellung kuratierte), Oswald Egger und Sike Röckelein und alle 26 Gemälde, neun Skulpturen (Gips, Stein, Bronze), dazu zahlreiche Radierungen und Künstlerbücher vorstellt. Von Jennifer Eckert hervorragend gestaltet, von Ivo Faber und Achim Kukulies mit neuen Werkaufnahmen versehen.

 

Jean Fautrier. Eine Sammlung

Das Buch zur Ausstellung

Wienand Verlag

ISBN 978-3-86832-680-2

 

 


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Siza öffne Dich

Insel Hombroich auf dem Sanierungstrip

Farbräume – Farbfuror

 

 

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