Die zarteste Versuchung seit es Kunst gibt
Ein Atelierbesuch bei Anke Eilergerhard

                                                                 Loulou

Die ganze Zeit schon frage ich mich, was David Foster Wallace über Anke E. geschrieben hätte. Nun, DFW war ein saukluger Typ, ein detailbessener Schreiber, als Journalist berühmt und berüchtigt, ein Star des New Journalism. Als Romancier wurde er mit seinem zweiten Roman Infinite Jest (dt. Unendlicher Spaß) weltberühmt. Das ist ein 1512 Seiten Wälzer, zuzüglich 134 Seiten Fußnoten. Hier nur eine Stimme zum Spiel, immerhin die von Dave Eggers: „Ich las das Buch mit 25 und ich verbrachte einen Monat mit nichts anderem. Wenn sie nach einem Monat Lektüre aus diesen Seiten heraustreten, sind sie ein besserer Mensch. Es ist verrückt, aber auch schwer zu leugnen. Ihr Verstand ist gestärkt, weil er einen Monat lang trainiert wurde, und was noch wichtiger ist, ihr Herz wird praller.“

Im Buch geht es um Worte, Worterfindungen, Wortverdrehungen voller Anspielungen und Witz und es geht um Satzbau. Wallace versucht, reichhaltiger, komplexer und weitschweifender zu schreiben als in der sonstigen Gegenwartsliteratur. Er unternimmt beim Schreiben einen ausgedehnten Selbstversuch, indem er ein Maximum an Welt durch sich hindurchströmen lässt, um es dann wieder von sich zu geben. Diese Versessenheit auf das pralle Leben (bildungssprachl. Welthaltigkeit) zeichnet aber nicht nur Wallace per se aus, sondern trifft überhaupt sehr stark auf die amerikanische Gegenwartsliteratur zu, die bereit ist, nicht snobistisch auf Populärkultur herabzusehen, sondern diese als einen selbstverständlichen Bestandteil unseres Alltags aufzunehmen.

Dieses pralle Leben

bereitet ihm andererseits zunehmend Kopfzerbrechen. Unendlicher Spaß handelt von der ständigen Zerstreuung in der Spaßgesellschaft, dem Selbstverlust angesichts von Sucht und medialem Overkill. Wallace beschreibt nicht nur, was er sieht und erlebt, seinen Blick hat er soweit geschärft, dass eine Schreibe herausspringt, die man radikal und hyperrealistisch genannt hat, auch schonungslos und ironisch. Dabei könnte man ebenso gut sagen, dass er bei alledem Spaß, der ihn ständig umgibt, nüchtern bleibt. Umso greller zeichnet sich der jerk ab. Er zielt also nicht auf Absurdes, seine Schreibe ist in keiner Weise ironisch, er deckt auch nicht hyperschonungslos auf, was ihm da unter die Augen kommt. Er versucht sich nur zu retten. Am 12. September 2008 nimmt sich Wallace in seinem Haus in Claremont das Leben, er erhängt sich an einem Balken.

Das Unheimliche am allgegenwärtigen jerk (Spaß, Scherz, Jux) ist nämlich, dass er uns in den Wahnsinn treibt. Nun dürfte sich die Frage, warum ich mich die ganze Zeit frage, was DFW zu Anke E. schreiben würde, erübrigt haben. DFW ist schon vierzehn Jahre tot. Über Kunst hat er nicht eine Silbe verloren. Was wirklich schade ist! Nur über Tennis, Mathematik, Film, Fernsehen, die Unterhaltungsindustrie und das verflixte Leben.

Eher zufällig gerät er auf die Zenith, ein Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse und macht eine siebentägige Karibikkreuzfahrt mit. Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich, lautet der Titel seiner Story für Haper‘s Magazine. In seiner Geschichte tauft er den 47.255 Tonnen Luxusliner kurzerhand in Nadir um. „Denn alle diese Kreuzfahrten umgibt etwas unerträglich Trauriges. Und wie bei den meisten unerträglich traurigen Sachen ist die Ursache komplex und schwer zu fassen, auch wenn man die Wirkung sofort spürt: An Bord der Nadir überkam mich – vor allem nachts, wenn der beruhigende Spaß- und Lärmpegel seinen Tiefpunkt erreichte – regelrecht Verzweiflung. Zugegeben, das Wort Verzweiflung klingt mittlerweile ziemlich abgegriffen, doch es ist ein ernstes Wort, und ich verwende es im Ernst. Für mich bedeutet Verzweiflung zum einen Todessehnsucht, aber verbunden mit dem vernichtenden Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit, hinter der sich wiederum die Angst vor dem Sterben verbirgt. Elend ist vielleicht der bessere Ausdruck. Man möchte sterben, um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen, der Wahrheit nämlich, dass man nichts weiter ist als klein, schwach und egoistisch – und dass man mit absoluter Sicherheit irgendwann sterben wird. In solchen Stunden möchte man am liebsten über Bord springen.“

Ich mache mich zum Atelier von Anke Eilergerhard auf. Ich muss wohl oder einspringen. Ostberlin, Ostbahnhof, immer tiefer hinein zwischen Betriebsbahnhof Rummelsburg und Rummelsburger Bucht liegt ein echt so belassener DDR-Industriebau, gleich nebenan hat sich die Ostbloc Boulderhalle einquartiert. In den Industrieaufzügen, Baujahr 1961, riecht es. Wonach ist meine Nase zu wenig ausgebildet, zwischen rein säuberlich und kalt ranzig. „Mauerbau“ fährt es mir durch die Knie, dann sind wir oben angekommen.

Wo, wenn nicht hier? Das Atelier als Ort, wo die Kunst geschieht

Atelierbesuche haben immer etwas Aufregendes. Man kommt leicht in eine Art Euphorie. Allein die Fülle an Kunst aus einer Ecke, aus einem Künstlerdrama, das da plötzlich ausgebreitet liegt, ist überwältigend. Hier sind es vor allem die Farben, die drallen Formen, die sonderbaren Gerüche. Das führt leicht zu halluzinatorischen Erscheinungen. Oder kann auch, wie bei einer Überdosis, einen schwebenden Zustand zwischen überwach und beklommen, zwischen Hochstimmung und Panik hervorrufen.

Annadel

Gleich als ich eintrete, überfällt mich das Gegenteil von Unterzuckerung. Wäre was? Zuckerschock. In diesem Raum, einer schwerindustriell zugeschnittenen Fabrikhalle, ergibt sich ein Motivkontrast, der sich  aus der weißgestrichenen Werkhalle und den starkfarbigen Objekten ergibt. Was eine eigenartige Steigerung hervorruft. Alles scheint auf einmal süß, baisersüß, triefend süß. Gibt es eine Steigerung von süß? Wir reden über Wirbelstürme. Es gibt bei Anke Eilergerhard eine eingefleischte Angst vor Stürmen. Später wird sich herausstellen, es gibt auch eine Phobie vor Spinnen.

 

Viren oder Wirbelstürme

Hoops

Zunächst scheint alles sicher, einladend und maßlos schön. Scheint nicht bloß so, ist es bestimmt auch. Wie eine fein gedeckte Kaffeetafel, rundherum ordentlich, adrett und prett. Ungemein satt, glänzend und gnadenlos attraktiv: Sattrosa, Cremeweiß, Sonnengelb, penetrant Himmelblau, Türkis, das zum Mintgrün tendiert, Giftgrün, Rostorange, Tieflila und was für ein Kaliber von Pink! Wie sie da so neben einander stehen, könnte kein noch so durchgestylter Eisladen Marke Ipanema sunsetbeach mithalten.

„Wir waren am See“, erzählt Eilergerhard, „ein Monstersturm zog auf, Bäume entwurzelten sich, stürzten um wie Streichhölzer.“ Sie beginnt die Serie der WIRBELWINDE. Alle erhalten, anders als die Meteorologen es vorgeben, abwechselnd männliche und weibliche Vornamen. Aber so einfach übersetzt sich das hier nicht. Die monströsen Gebilde mit den vertrauten Namen sind keineswegs einfach Portraits von Wirbelstürmen. Könnten beispielsweise auch XXL Vergrößerungen von Staubpartikeln, urzeitlicher Einzeller oder von Pollen sein, die uns alltäglich umwirbeln. Beispielsweise auch Viren. Der Wunderkasten der Ultramikroskopie ist voll im Schwang. Oder auch Vergrößerungen prähistorischer Fruchtbarkeitssymbole, gesehen durch ein immenses Vergrößerungsglas mit koonsianischen Vorschaltlinsen.

Crown

Alles ist cremig, candy, klebrig, zuckrig von einer Art soft, wie Marshmellows. Wie Eilergerhard auf Silikon stieß ist eine andere Geschichte. Silikonmasse bietet mindestens drei Vorteile. Sie erscheint soft, ist aber verdammt stabil, lässt sich zu schwindelerregender Höhe auftürmen und zu unübersehbaren Wülsten verdicken. Sie kann durch millimeterdünne Düsen gespritzt und zudem hohe Farbintensitäten annehmen, die Oberfläche zwischen speckig und ultrahochglänzend changierend. So wirken die Gebilde vollkommen künstlich und doch wie Erotonome, vorwiegend Lebewesen von unbekannter Größe und Herkunft, unbekannten Geschlechts, süß, niedlich, unheimlich und jedenfalls ungenießbar, stachelig, untouchable, besser nicht berühren! Wegen ihrer drallen Rundungen verlockend bis obszön.

Silikon ist eine synthetische Masse. Als Kunststoff ist es ein Hybrid mit einzigartigem Eigenschaftsspektrum, das von keinem anderen Kunststoff erreicht wird. Aufgrund ihres typisch anorganischen Gerüsts einerseits und der organischen Reste andererseits nehmen Silikone eine Zwischenstellung zwischen anorganischen und organischen Verbindungen ein. Genug der Belehrung. Sie sei nur deshalb hier eingefügt, weil auch Plastiken gerade da interessant werden, wo sie seine Zwischenstellung beziehen. Zwischen was?

Doch erst einmal zurück zur Geschichte

„Einfach schön der Sonntagsnachmittagsausflug mit der Familie, Vater, Mutter und die beiden Töchter.“ Eilergerhard erinnert sich, „Im Bergischen Land regnet es viel, auch sonntags.“ Alles drängt da ins Kaffeehaus. Das Café Grimm in Elberfeld oder das Café Löwer in Barmen sind abwechselnd Höhepunkte des Sonntagsausflugs. Auch das Café Baldeau an der Rheinpromenade in Boppard kommt dann und wann in die engere Wahl. Der wohlvertraute, dann schnell stickige Geruch, der, sobald sie die Lokalität betreten, unausweichlich wird, setzt sich in der Erinnerung fest. Doch erst der Blick in die Tortenvitrine! In diesem gläsernen Schrein stehen die hochdekorierten Sahnehaubenelaborate und glänzenden Schokoladenprachtstücke fein säuberlich aufgereiht wie in einer Ausstellung. Oder sie drehen sich sogar auf runden Tablets unendlich langsam im Kreis. Das Mädchen steht lange vor diesen von innen beleuchteten Vitrinen, begeistert, hypnontisiert. Doch bringt eine sonntägliche Handlung, eine durch und durch profane Verrichtung, diese Zuckerbäckerwelt jäh ins Schwanken. Wie die Buffetkraft mit dem große Messer in die Sahnetorte fährt, die inneren Schichtungen sichtbar werden, das frisch tranchiert Tortenstück behutsan auf ein Kuchentellerchen gehievt wird, dabei beinahe kippt und, höchstes Ungeschick, größte zu vermeidende Peinlichkeit, die Spitze des Tortenstücks bricht ab.

Das alles steht hier auf dem Spiel. Das alles, höchster Kitzel der Gefühle, reichert die ohnehin süßlich verbrauchte Kaffeehausluft mit einer nach Entladung gierenden Spannung an. Vor der Vitirine stehend hat sie ihren Posten bezogen. Hier wartet sie still auf den einzig erregenden Moment des Sonntags, den Absturz eines Sahnetortenteils. Torten essen mochte Anke jedoch nie.

Nach Wien! Der Wunsch tauchte urplötzlich auf, wie er anderseits doch nahe lag. „Warum nicht nach Wien ziehen in die große Stadt der berühmtesten Kaffeehäuser! In einem alten Kaffeehaus das Atelier beziehen!“ Es wurde die Fabrik in Ostberlin. So kann es kommen, so kann es kippen. „Heile Welt hält nicht!“, so die ernüchternde Weisheit der jungen Künstlerin. Abstürze sind einzukalkulieren, mitunter breiten sie sogar insgeheim Lust.

Anouk

Ihre neuen Werke betitelt die Künstlerin nach allesamt Mädchennamen mit einem großen A: Anja, Anke, Annadel. Alle von Anna abgeleitet, die Liebreizende. Eine Serie mit Kaffeeservicen entsteht, die Annas ab 2011. Ganze Markenporzellan-Service aus Konkursbeständen bestellt sie bei ehemaligen Ost-Betrieben. Die Silikonmasse, die die Porzellanteile zusammenhalten soll, färbt sie entsprechen zu den Farben des ausgewählten Kaffeeservices: Rosa, Mintgrün, Beige, Elfenbein. Die Silikonmasse quetscht sich aus den Fugen und gewinnt als Spritzdekor, wie es auf Torten klebt, einen eigenen süßen Horror.

Es entstehen hoch aufragende Gebilde, äquilibristische Getüme, wunderliche Zikkurate mit Gesichtern, Fratzen, die köstlich und zerbrechlich, keineswegs nur statisch jederzeit einzustürzen drohen. Im überbordenden Detail, in den aus Tellern, Tassen und Kannen, Zuckerdosen und Milchkännchen accimboldesk geformten Gesichtern, dem abstrusen Witz der Figuren, geht schnell verloren, was sich hier vielleicht sonst noch zeigt: Sehnsucht nach Sinnlichkeit, nach Körperlichkeit.

„Wir kamen plötzlich in einen Schneesturm“

erinnert sich Eilergerhard. „Wir waren in den Dolomiten, Skifahren mit der ganzen Familie. Wir konnten die Hand kaum mehr vor Augen sehen, die Mutter rutscht einen Abhang herunter.“ Wie der Vater den beiden Töchtern noch zuruft: „Fahrt weiter, hinter denen her und wartet unten bei der Hütte…“. Plötzlich war der Famileinausflug gekippt. Oben, bei der Abfahrt hatte noch die Sonne geschienen, dann war die Mutter im Schneesturm verschwunden. Zeitlichkeit wird zu ihrer Grunderfahrung. Sahnetorten sind auch nur einen schönen Augenblick lang verlockend. Sie kippen schneller als „Fräuleinchen“ ahnt, sogar die Spitze kann abbrechen. Ja, beinahe liegt ihre schönste Eigenschaft im Moment des Kippens. Sie sieht in den Torten „gefrorene Explosionen“, steife Vergänglichkeiten, die ihr Potential und ihre Sprengkraft unter der pastellenen Glasur verbergen. Ludwig Wittgenstein hat den Kippeffekt beschrieben. In seinen Philosophischen Untersuchungen gibt er einen Hinweis darauf, wie diese Doppelwertigkeit genutzt werden kann, damit wir nicht im Zwiespalt oder im Widerspruch verfangen. In der Kunst erscheinen Doppelwertigkeiten als ein bekanntes Phänomen, ja sie machen ihren Kern aus; sie sind sogar ihr springender Punkt.

Hysterische Kippmomente

Wir betrachten in der Kunst nicht unbedingt nur das Ding selbst, sondern auch dessen Erscheinen. Sein In-Erscheinung-Treten. Wir wechseln von der klassifikatorischen Beschreibung und Bestimmung des Dargestellten zu dessen Eindruck, den es auf uns macht. Wir switchen (würde Wittgenstein sicher nicht gesagt haben) vom ontologischen Urteil zur ästhetischen Auffassungsweise.

Der Aspekt, unter dem wir etwas sehen, ist entscheidend. Er ist das, was unter bestimmten Bedingungen im Kunstwerk aufleuchtet und er ist zugleich das, was der Betrachter am Kunstwerk bemerkt. Der doppelwertige Aspekt ist also weder alleine eine Eigenschaft des Gegenstands, noch allein eine Imaginationsleistung des Betrachters, sondern entsteht im produktiven Zusammenspiel beider. Wir sehen etwas, indem wir es als etwas auffassen, doch ist diese Auffassung nicht willkürlich, sondern muss zum Wahrnehmungsobjekt und dessen Merkmalen passen. Wenn wir nun einen Aspekt auffassen, machen wir, genau genommen, die Erfahrung eines Aspektwechsels. Denn was sich ereignet, ist der Austausch einer bisherigen Sichtweise durch eine neue – zum Beispiel die Sichtweise alles sei süß und klebrig durch eine neue, es sei giftig und stachelig. Oder: Es sind putzige Figuren aus hübschen Kaffeeservicen durch die neue, es handelt sich um ihr Gleichgewicht suchende, vom jähem Einsturz bedrohte Gebilde. Oder: Was erst niedlich erscheint, wirkt beim zweiten Blick anstößig.

Dieses Potential zum Aspektwechsel – dass etwas es selbst bleiben kann, ja sogar die Aufmerksamkeit auf seine intrinsischen Merkmale wie Materialeigenschaften oder Bearbeitungsweisen zu lenken weiß, um dennoch für uns zu einem Anderen werden zu können – erklärt Wittgenstein zu einer wesentlichen Qualität von Kunstwerken. Darin liegt deren eigene Produktivität. Es gehört zu den hervorragendsten Eigenschaften der Plastiken von Eilergerhard, wie verführerisch und wundervoll das Phänomen des „Kippeffekts“ hier erfahren werden kann. Eine Transformation, die sich diesseits der Magie vollzieht, nämlich allein aufgrund des produktiven Zusammenspiels zwischen den ästhetischen Merkmalen des Objekts und unserer ästhetischen Auffassungsgabe – , ein Wunder. Es ist dieses Wunder der Kunst, das sich in Eilergerhards Plastiken ereignet – und sie so delikat machen.

Verhext. Der Zweite Blick

Es ist dies eine mit den Jahren entwickelte Eigenart, oder besser Fähigkeit, dem Alltag gegenüber mit besonderer Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe zu begegnen. Das Beiläufige, ach so Gewöhnliche mit einem Staunen neu zu sehen und so zu eigenem Leben zu erwecken. Wer staunt, wiedersetzt sich der Vergeudung des Lebens. Serendipity.

Natürlich muss man sich fragen, inwieweit Kunst Teil der Unterhaltungsindustrie, des infinite jerk, des trash, „des ganzen zynischen postmodernen Kappes“ (DFW) geworden ist? Natürlich kann man dagegen aufgebracht sein, angewidert von den Verlogenheiten, mehr noch von den bodenlosen Banalisierungen, die wir als eine Form der Radikalisierung des trash ansehen können. Oder besser nicht. Denn dann bliebe noch Hoffnung, dass etwas dabei herausspringen könnte, zum Beispiel Megatrash. Trash ist auch nicht schlechter Geschmack. Denn das würde bedeuten, dass es noch eine Ahnung (sogar ein Wissen, ein Gespür) für guten Geschmack gäbe. Aber das ist eine Illusion. Trash schert sich nicht um solche Dinge. Trash feiert nur sich selbst, dreht sich um sich selbst und je mehr sich mitdrehen, desto größer die Party. Trash ist eine völlig bewusstlose Glibbermasse, die sich ausbreitet und alles auffrisst, solange von irgendwoher Geld zugeschossen wird. Trash ist Sucht nach mehr trash. Trash und Geld sind eine unheimliche Verbindung eingegangen, einziges Ziel: Es weiter in Schwung zu halten.

Es bleibt das große NOW

Und schon sitzen wir in der vermeintlich selbstbestimmten und daher widerspruchsfreien Totalkontrollfalle. „Paradox und Paradies“ von wem stammt noch verdammt dieser wunderbare Buchtitel?

Obszön, wer das Wort verwendet, zeigt, dass er sich auf eine verbindliche Werteordnung berufen will. Es bezeichnet einen Verstoß gegen eine allgemein anerkannte Verhaltensregel, ein Tabu. Die Grenzen sind unterdessen unscharf geworden. Das Spiel mit Obszönitäten ist das Spiel mit der Schamgrenze. Sowohl Anziehendes als auch Abstoßendes kann als obszön gelten. Wer nur das eigene Empfinden ausdrücken will, der könnte mit den Vokabeln widerlich oder widerwärtig auskommen. Aber darum geht es Eilergerhard nicht. Sie liebt das Spiel.

Es geht uns wie Eilergerhard mit Horrorfilmen. Sie meidet sie und fühlt sich von ihnen angezogen, Hitchcocks „Die Vögel“ etwa, Kubricks „Shining“ oder Sam Mendes „Zeit des Aufruhrs“ (eigentlich kein Horrorfilm, sondern ein Melodram, eine Antithese zu „Titanic“, wo die Liebe den Tod überwindet, während sie hier der alltäglichen Banalität unterliegt). Die Liebe zerschellt am Eis der Gleichgültigkeiten. 50er Jahre, hohe Zeit der Sahnetorten. Gepflegte Oberflächlichkeit war schon immer das beste Biotop für depressive Leere.

Mimikri des Horrors

Toxisch ist eine unsichtbare Eigenschaft. Giftig aussehende Inhaltsstoffe können vollkommen harmlos, wie harmlos aussehende hochgiftig sein können.

Im Jahre 1844 erschien in England Vestiges of natural history of creation, eine anonym verfasste Broschüre, die jahrelang für Aufregung sorgte, denn sie enthielt eine Reihe von neuartigen Theorien über die Entstehung der Welt und der Tiere. Als sich der junge Zoologe Alfred Russel Wallace (ein Verwandter von DFW?) für die „Überreste“ zu interessieren begann, lernte er Henry Walter Bates kennen, einen Insektenforscher, der ebenfalls an der wahren Geschichte der Schöpfung arbeitete. Wallace schlug Bates vor, gemeinsam eine Reise nach Südamerika zu unternehmen. Wallace blieb drei Jahre im Amazonas-Regenwald, Bates sammelte dort elf Jahre lang Tiere und Pflanzen, vornehmlich Insekten. Dabei stieß er – serendipity hin oder her – auf ein unbekanntes Phänomen: Mimikry. Beim Sortieren seiner umfangreichen Schmetterlingssammlung wurde er gewahr, dass sich unter den farbenprächtigsten Edelfaltern einzelne Exemplare befanden, die zu einer ganz anderen Familie gehörten, den selteneren Weißlingen. Die Ähnlichkeit dieser beiden unterschiedlichen Schmetterlingsarten war verblüffend, als lebende Falter waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Nicht nur in ihrer Zeichnung und prächtig schillernden Färbung, sondern auch in ihrer Flügelform glichen sie so sehr den Edelfaltern (der Ithomiini-Arten), die sehr häufig vorkam. Bates war auf diese Prachtfalter aufmerksam geworden, weil sie so schön bunt waren und zudem so langsam umherflatterten, dass sie leicht zu fangen waren. Trotzdem wurden sie von Vögeln nie wirklich gefressen. Entgegen ihres attraktiven Aussehens müssten die Schmetterlinge alles andere als ein Genuss sein, folgerte Bates. Tatsächlich waren sie für die Vögel ungenießbar, ihr Genuss war giftig. Ihr Überleben sicherten sich die Weißlinge durch äußerliche Anpassung an die Edelfalter; die Vögel unterlagen einer Täuschung.

Ein Aspekt der Kunst ist ihre Mimikrytauglichkeit. Mimikry bedeutet die gelungene Anpassung mit dem Ziel Selbstschutz durch täuschende Nachahmung. In die Sprache der Kunst übertragen wäre es die gelungene Anpassung mit dem Ziel Selbstbehauptung durch täuschende Nachahmung. Unsere Auffassung, unser Kunstgeschmack fühlt sich immer aufs Neue herausgefordert.

 

Redaktion: Anke Strauch


HYSTERISCHE BALANCE
Anke Eilergerhard bei Galerie Anna Laudel, Istanbul/Düsseldorf
25. November 2021 bis 12. Februar 2022

 

 


 

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