Oh my dear!
Konversion am Panamakanal - Diktatorenschule zu Luxusresort

Militärchef, Antikommunist, Pensionär. Rubén Darío Paredes vor Panamas Skyline

“School of the Americas”, kurz SOA, lautet der Name einer US-Militärschule in Panama, an der lateinamerikanische Militärs ausgebildet wurden. Die vom Pentagon betriebene Offiziersschule wurde erst Mitte der 1980er Jahre geschlossen. Heute ist sie ein Luxushotel.

~ von Michael Marek und Sven Weniger, 11.11.2021 ~

20. Dezember 1989. Mehr als 20.000 US-amerikanische Soldaten greifen im Morgengrauen Panama an. Im Handstreich besetzen sie das kleine Land am Isthmus zwischen den Subkontinenten. Die Gründe für die Invasion: Die Vereinigten Staaten wollten Manuel Noriega absetzen. Der korrupte Militärchef Panamas hatte für die CIA Waffen nach Nicaragua verschoben und gleichzeitig gemeinsame Sache mit den Drogenbossen des kolumbianischen Medellín-Kartells gemacht. Vor allem aber wollten die USA die Kontrolle über das kleine mittelamerikanische Land zurückgewinnen, das sie 40 Jahre lang fest im Griff hatten. Für diesen Überfall steht ein Symbol: die Escuela de las Américas, die Schule der beiden Amerikas.

Die Palmen auf dem sorgsam gemähten Rasen stehen stramm im Wind. Der Park dahinter neigt sich sanft zum Lago Gatún hinab. Es gibt einen klassizistischen Pavillon beim Bootsanleger, bunte Vögel, die irgendwo hoch oben in den Baumwipfeln keckern. Die Sonnenschirme am Pool sind noch blauer als der makellose Himmel. Livrierte Kellner servieren Urlaubern, die sich auf Liegestühlen der karibischen Nachmittagssonne aussetzen, aufgetakelte Cocktails. Wer es kühler möchte findet im Inneren des Luxushotels wohlklimatisierte Räume im gehobenen Kolonialstil. Das dunkle Mobiliar duftet nach Öl, die Geländer der Treppen sind aus geschmiedetem Eisen. Kann man einem Ort seine Vergangenheit ansehen? Gibt es so einen Hort des Bösen?

Sollte man diese Frage mit Ja beantworten, dieser verschlafen wirkende Gebäudekomplex nahe Panamas Karibikküste hätte gute Chancen, zu den Top Ten der Welt zu gehören. Denn das Meliá Panamá Canal, das heute zu der weltweit operierenden spanischen Kette als All-Inklusive-Hotel gehört, hatte vor nicht allzu langer Zeit eine ganz andere Bestimmung und trug einen anderen Namen. “Die Escuela de las Américas war eine Bastion der USA”, sagt José Miguel Guerra, einer der renommiertesten unabhängigen Journalisten Panamas. “Hier wurden Militärs aus ganz Lateinamerika mit Ausnahme Kubas von Ausbildern des Pentagon darauf gedrillt, Länder Mittel- und Südamerikas politisch unter Kontrolle zu bringen.” Verhör- und Foltertechniken, Dschungelkrieg und Gegenspionage standen damals auf dem Unterrichtsplan. “Aspekte von Demokratie und Menschenrechten fanden da naturgemäß wenig Raum”, resümiert Guerra, der sich seit Jahren mit der berüchtigten Geschichte des Hauses beschäftigt.

Krankenhaus und Folterschule

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war das Gebäude im Hacienda-Stil zunächst ein Krankenhaus. Hier wurden die Arbeiter der nahen Baustelle des Panamakanals behandelt. Tausende erkrankten damals an Malaria und erlitten bei Sprengarbeiten schwere Verletzungen. Ab 1946 kam es dann unter dem Namen Fort Gulick unter Kontrolle der USA. Als “Escuela de las Américas”, als “Schule der Amerikas”, erlangte die Militärakademie ihren zweifelhaften Ruf. Escuela de Asesinos, “Killerschule”, nannte die panamaische Tageszeitung Prensa später einmal die weitläufige Anlage nahe der Hafenstadt Colón.

Hier wurde das Drehbuch für die jüngere lateinamerikanische Geschichte geschrieben. Hier, in der von der Außenwelt abgeriegelten Sicherheitszone des Panamakanals, die zwar auf panamaischem Territorium lag, in der aber nur die Vereinigten Staaten das Sagen hatten, bildeten die USA Generäle, Geheimdienstler und Agenten aus. Menschenrechtsgruppen dagegen sprechen von Massenmördern, Folterknechten und Putschisten.

In Zeiten des Kalten Kriegs Unstrittig ist, hatte das Militär die Aufgabe, den „Hinterhof der USA“ vor dem Weltkommunismus auszukehren. “Militärische Stabilität war die einzige Doktrin der USA zu jener Zeit”, erklärt Severiano Mejía Mosquera, früher selbst Absolvent der Akademie und heute Wissenschaftler für Organisierte Kriminalität an der Universität von Panama City. “Daher hatten sie auch keine Probleme mit repressiven Systemen in ihrer Nachbarschaft”.

In der Schule der Amerikas drückte fast die gesamte Elite mittel- und südamerikanischer Diktatoren und Folterer die Schulbank, so Journalist Guerra: “General Roberto D’Aubuisson aus El Salvador, dessen Todesschwadrone Erzbischof Oscar Romero ermordeten, wurde hier ausgebildet. Ebenso wie Manuel Noriega, die Generäle Paraguays und Chiles – alles Leute, die später in ihren Ländern Militärdiktaturen errichteten.”

Musterschüler der USA

Mehr als 80.000 Armeeangehörige aus 23 Ländern durchliefen die Escuela de las Américas bis 1984. Zunächst waren die Ausbilder samt und sonders US-Amerikaner, später kamen dann Militärs aus Panama und anderen lateinamerikanischen Staaten hinzu. Die Schule wurde zur ideologischen Keimzelle zur Unterdrückung des Subkontinents: Aufstandsbekämpfung, Gegenspionage und psychologische Kriegsführung standen auf dem Lehrplan. Handbücher behandelten die Festnahme von Verwandten der Verhörten, Folter, Scheinhinrichtungen – verschärfte Verhörmethoden, wie es im Sprachgebrauch der Geheimdienste heißt, die nur auf eines abzielten: die Opferpersönlichkeit zu brechen und zu zerstören.

Der argentinische Junta-General Leopoldo Galtieri, Machthaber Roberto Viola, der bolivianische Präsident und Diktator Hugo Banzer, Gualtemalas Herrscher Rios Montt, Augusto Pinochet und der ecuadorianische Diktator Rodríguez Lara gehörten zu den Absolventen – ein Who-is-who schwerster Menschenrechtsverletzer. “Einer für alle und alle für einen”, lautete der Schriftzug auf dem Wappen der Schule.

“Es war nicht so, dass man dir sagte: Du musst repressiv sein und dich gegen dein Volk wenden”, hebt Mosquera hervor. Der Ex-Militär war Mitglied der Nationalgarde und brachte es bis zum Vize-Innenminister Panamas in den 1970er-Jahren. Heute arbeitet er in der Universität von Panama City: “Das Fundament der Akademie war, Militärs gegen die kommunistische Gefahr auszubilden.”

Die Sache lief aus dem Ruder. Es wurden auch einige schwarze Schafe ausgebildet, die außer Kontrolle gerieten, indem sie die antikommunistische Ideologie als Carte Blanche für Mord und Totschlag verstanden und ganze Völker mit Repressalien überzogen.

“Ich habe die Escuela de las Américas als sehr professionell erlebt, ihre Militärdoktrin als sehr rein, mit einer tadellosen Auffassung von der Truppenführung.” Wir treffen Rubén Darío Paredes in einem Luxushotel in Panama City. Der elegant gekleidete Herr ist Rentner: “Da ging es um Ehre und beispielhaftes Verhalten. Ich glaube, dass die Escuela de las Américas ein sehr positives Schulungszentrum war.” Zwanzig Jahre lang war der General Ausbilder an der Schule der Amerikas. “Die ideologische Doktrin war richtig”, sagt Paredes, Militärchef in Panama von 1982 bis 1983: “Nur leider haben einige Schüler sie als Freibrief zur Unterdrückung in ihren Ländern missverstanden”.

Paredes war sogar oberster Machthaber Panamas und damit direkter Vorgänger von Manuel Noriega, der unzählige Menschenrechtsverletzungen verüben ließ und der nach jahrzehntelanger Haft in den USA und Frankreich heute in Panama im Gefängnis sitzt: “In den Köpfen der Leute ist allein hängengeblieben”, beklagt Paredes, “dass grausame und blutrünstige Diktatoren die Escuela de las Américas besucht haben. Es waren alle in der Escuela de las Américas, die Guten wie die Bösen. Den meisten von uns ging es nur um die Stabilität des Landes.” Dass Absolventen der Escuela de las Américas sich an Mord und Totschlag beteiligten, das beeindruckt Paredes bis heute nicht – ebensowenig, dass lateinamerikanische Diktatoren und Menschenrechtsverletzer in dem schmucken Gebäude ihren ideologischen Schliff bekam.

Eingreifen, wenn es nötig ist, so drückt es der Ex-General aus. Und so sahen es auch die US-Amerikaner, als sie 1989 in Panama einmarschierten, in vier Tagen das Land unter ihre Kontrolle brachten und Militärchef Manuel Noriega absetzten. Die Streitkräfte Panamas wurden abgeschafft waren, die Escuela de las Américas geschlossen und unter neuem Namen in die USA verlegt: Das “Institut für Sicherheitskooperation der Westlichen Hemisphäre” residiert seitdem in Fort Benning, Georgia, und wird massiv von Menschenrechtlern im eigenen Land attackiert – trotz neuem Lehrplan, neuen Ausbildern und einem Menschenrechtsbeauftragten.

Damián Barceló war von Anfang an von dem verschlafen wirkenden Gebäudekomplex fasziniert, von der abgeschiedenen Lage, der Grandezza des wie ein Landsitz wirkenden Areals, der Dekadenz des seit über zehn Jahren leerstehenden Haupthauses mit den rostroten Dachziegeln. “Als ich die Anlage im Jahr 2000 übernahm, wusste niemand etwas mit ihr anzufangen “, erklärt der über 90-jährige Mallorquiner, der mehr als sein halbes Leben in Panama verbracht hat.

Zu lange hatte das Land am Dollar-Tropf der US-Amerikaner gehangen, die den Isthmus zwischen den beiden Amerikas kontrollierten. Unternehmerische Eigeninitiative der Einheimischen gab es kaum. Barceló kannte auch, im Gegensatz zu den meisten Bewohnern der Region, die Geschichte der Militärschule. Einen Gegenentwurf zu ihrem früheren Zweck wollte der Sohn einer spanischen Hoteliers Dynastie aus der Escuela de las Américas machen. “Ich sah hier sofort die Chance, aus einem Trainingscamp für Unterdrücker einen Ort der Besinnung, der Entspannung, des Friedens zu schaffen”, sagt Barceló. 285 Zimmer und Suiten, ein eigenes Spielcasino, Butlerservice, zwei Restaurants, Pianobar, Motorboote – Barceló erkannte schon damals das touristische Potential, denn das Meliá Panamá Canal liegt einzigartig.

Der Lago Gatún, in den die Halbinsel mit der Hotelanlage hineinragt, ist die Quelle des Panamakanals. Ein Stausee eigentlich, angelegt von den US-Amerikanern, die das Kanalprojekt des Franzosen Ferdinand de Lesseps 1902 übernommen hatten. Der Lago Gatún nimmt die starken Regenfälle in Panamas Binnenland über den Río Chagres auf und spült sie von dort in beide Weltmeere. Kuriosum und ökologischer Segen gleichermaßen; denn obwohl der Panamakanal zwei Ozeane verbindet, fließt in ihm nur das Süßwasser aus dem Gatún-See. Eine Vermischung der seit Jahrmillionen getrennten Meeresbiotope von Pazifik und Atlantik über Wasser und Schiffsverkehr des Kanals, das verheerende Folgen für beide Ökosysteme haben könnte, wird so vermieden.

Wer vom Bootsanleger des Hotels hinausfährt, bemerkt von alledem nichts. Still ruht der See, dichte Vegetation reicht direkt hinab an die Ufer. Affen turnen in den Bäumen des heutigen Naturschutzgebietes. Eine tierartenreiche Idylle, die Geschäftsreisende und Touristen auch wegen der nahen Freihandelszone von Colón anzieht. Hier kann man billig einkaufen. Dass der tropische Regenwald in unmittelbarer Nähe der Stadt mit ihrem riesigen Industrie- und Kreuzfahrthafen so unberührt wirkt, liegt auch daran, dass er bis vor 25 Jahren militärisches Sperrgebiet war. Nur in Ufernähe sieht man vom Hotelboot aus die Stämme, der bei der Flutung Anfang des 20. Jahrhunderts versunkenen Urwaldriesen, die wie Lanzen aus der Tiefe ragen. Erst vor kurzem wurde deren Wert erkannt. Sie sind schwarz wie Ebenholz, hart wie Stahl und werden nun zu exklusiven Möbeln verarbeitet. Einige stehen auch im Meliá Panamá Canal. An der Zufahrt erinnern noch eine alte Kanone und ein Wachhäuschen an die dunkle Vergangenheit.

Eine Art Luxuskolonialismus

Beim Betreten des Hotels durch das Säulenportal fällt sofort die riesige Windrose ins Auge, aus Marmor und in den Boden des Foyers eingelassen. “Offen zu sein für Gedanken aus allen Richtungen”, sagt Eigentümer Barceló, “das wollte ich damit ausdrücken. Und über uns die neue Glaskuppel enthält die Farben aller lateinamerikanischer Flaggen.” Symbole der Freiheit und Einheit – dies waren die wesentlichen Änderungen, zu denen das Haus den alten Mann inspirierte. Ansonsten verschwand mit den Armeeschülern und deren US-Ausbildern auch die militärische Aura aus der Escuela de las Américas.

Als Ferienhotel am Rande des Regenwaldes ist das Meliá Panamá Canal heute vor allem eine Alternative zu den Strandresorts der Atlantik- und Pazifikküste. Tourismus in Panama ist relativ jung und entwickelte sich erst, nachdem die US-Amerikaner abgezogen waren. Koloniales Ambiente finden Urlauber in dem einst von den Spaniern besiedelten und heute ganz auf den US-Markt ausgerichteten Land kaum noch. Die weiten Säle des Hotels, die großen Zimmer mit den hohen Decken, das schwere Mobiliar, der livrierte Service und all das in unmittelbarer Nähe zum Regenwald, machen es inzwischen nahezu unmöglich, als Gast in dem sandfarbenen Komplex am Lago Gatún Verbindungen in die Vergangenheit zu ziehen. Symbol für eine neue Zeit – bei diesem Bild seines Hotels steigt Damián Barceló Glanz in die Augen. Das Mosaik im Hotelfoyer hat er selbst gestaltet: “Et in terra pax” steht dort – eine Friedensbotschaft für die Gäste aus aller Welt.


 

Kommentare

  1. Hallo meine Freunde/innen,

    mir gefallen Beiträge zur Kunst einfach besser.
    Wenn ich daran denke, dass ich für den jetzigen Präsidenten von Nicaragua schon einmal gekämpft habe, kommt mir nur die Kotze hoch.
    Was verstehen wir in Deutschland schon Lateinamerika?

    Viele Grüße
    gert lahnstein

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