Überbewertet, Unterbewertet?
Das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld wagt sich an eine Gegenüberstellung von Marcel Duchamp und Joseph Beuys

Fettecke sei wachsam. Werke von Marcel Duchamp und Joseph Beuys als Boten der Zukunft?

Nur ein paar Straßen vom Beuys‘schen Geburtshaus entfernt, in welchem er die ersten Monate seines Lebens zubrachte, lassen sich dieser Tage im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld zwei Schwergewichte der Kunst des 20. Jahrhunderts miteinander in Beziehung setzen. „Beuys & Duchamp. Künstler der Zukunft“ ist der Titel der Schau, deren Protagonisten mehr als eine Generation trennt und doch ein in Bewegung geratener Kunstbegriff eint. Eine Bewegung, die Duchamp mit seinem im ersten Ausstellungsraum präsent platzierten Readymade „Fahrrad-Rad“ (1913) ins Rollen brachte und dessen Spur Beuys mit seinem „Schlitten“ (1969) weiterverfolgte.

Joseph Beuys, La rivoluzione siamo Noi (Die Revolution sind wir), 1972, Foto: Ulrich Ghezzi

Mutig schreitet Beuys im dahinterliegenden Multiple „La rivoluzione siamo Noi“ (1971) voran, scheint im Bewegungsmoment gefangen zu sein und versetzt die Betrachter*innen selbst in Aktion. Viele seiner Werke, besagter Schlitten nicht ausgeschlossen, verinnerlichen die Beuys‘sche Idee der Plastischen Theorie in komprimierter Form, tragen sie als Vehikel in die Welt hinaus und an uns heran. Beide künstlerischen Positionen sind Ausdruck von Bewegung, doch meint sie bei Beuys gesellschaftliche Veränderung, bei Duchamp hingegen mehr die Untersuchung sichtbarer und unsichtbarer Dimensionen.

Das Aufbrechen erstarrter Strukturen, festgeformter Denkmuster, etablierter Vorstellungen erforderte gänzlich neue künstlerische Strategien. Die Ausstellung fächert verschiedene Kategorien als Speichen um eine mittig befindliche Nabe auf, die als Kern den in Rotation geratenen Kunstbegriff in sich trägt. Jede Speiche eine Linie, die zur Mitte führt, Aspekte wie den Umgang mit Wissenschaft, die Lust am Ephemeren, die Vorliebe für Sprache als Aufforderung zur Partizipation, die Etablierung einer künstlerischen Persona oder den Einbezug von Alltagsgegenständen verfolgt.

So sind beispielsweise zwei Urmeter in der Ausstellung zu finden, die das Interesse beider Künstler an wissenschaftlichen Fragestellungen und artistic research bekunden. Duchamp stellte in „3 Kunststopf-Normalmaße“ (1913/14) einen elastischen Maßstab dem genormten gegenüber. Auch Beuys entzog sich dem gängigen Verständnis der Messbarkeit von Raum und Zeit, spielte mit dem „Plastisch/thermischen Urmeter“ (1984) auf Regeln der Thermodynamik an und machte das Unsichtbare, die im Innern intuitiv wirkenden Kräfte, mittels der Umwandlung von Energie durch Wärmewirkung in Gestalt von Dampf sichtbar.

Joseph Beuys, aus: 3-Tonnen-Edition, 1973-1985, Foto: Lothar Wolleh

Zeitlich durch die neubelebte Dada-Bewegung und die Ausstellungpraxis der 1960er Jahre verbunden, schwebte Duchamps Geist als Vater der Moderne über allem und wurde kaum ein anderer Künstler so oft von Beuys in Interviews genannt. Duchamp gilt auch als Vordenker des Beuys’schen Multiples, gab er doch Miniaturausgaben seiner Readymades als Edition „Boîte-en-valise“ (Schachtel im Koffer) heraus, die sich in Krefeld ganz haptisch begreifen lassen. Legendär ist vor allem die Aktion „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“. 1964 im ZDF ausgestrahlt, zeigt sie das ambivalente Verhältnis von Beuys zum explizit als Gegenspieler inszenierten Duchamp, der sich im Gegensatz zu ersterem kaum öffentlich, geschweige denn politisch äußerte. In der Ausstellung wird die Aktion mittels der Fotografien von Manfred Tischler im Geiste noch einmal erlebbar gemacht.

Besonders deutlich wird Beuys‘ Verhältnis zu Duchamp zudem in der 1982 durchgeführten Aktion „is it about a bicycle?“, in der Beuys motivisch Bezug auf Duchamps „Fahrrad-Rad“ nahm. Beuys rollte mit einem Fahrrad über auf dem Boden der Kunstakademie ausgebreitete 15 Schultafeln. Die Tafeln waren zuvor im Kontext der documenta 1982 in von Johannes Stüttgen abgehaltenen Seminaren entstanden. Eine weiße Spur zieht sich ausgehend von den Rädern über die Tafeln, versetzt ihren Inhalt in Bewegung. Wieder nimmt Beuys hier eine zwiegespaltene Position gegenüber Duchamp ein, geht von ihm als Vorbild aus und macht zugleich seine Ansicht deutlich, dass die Bewegung sich im „Fahrrad-Rad“ um sich selbst drehe, der Mensch bei Duchamp an ein und derselben Stelle verharre.

Die Gegenüberstellung führt in der breiten Werkauswahl von 150 Leihgaben unabhängig voneinander in das Schaffen beider Künstler ein, zeigt letztlich wer das Rad erfunden hat und wer damit gefahren ist.

 

Julia Stellmann


Die Ausstellung

Beuys & Duchamp
Künstler der Zukunft

bis zum 16. Januar im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld


Unter dem Hammer

Am 20. November werden u.a. Beuys Werke bei Dr. Andreas Sturies Kunst & Auktionen angeboten.

 

Am 02. Dezember kann man Marcel Duchamps Werk „From or by Marcel Duchamp or Rrose Sélavy (The Box in a valise)“ bei Grisebach erstehen. Der Schätzwert liegt bei 100.000-150.000 Euro.


Weiterer Lesestoff

Jeder Mensch ist ein…

Beuys – was bleibt?


 

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