Immer Ärger mit Eva
Neuer Zwist über Beuys‘ Bildrechte. Ein Buch mit Ute Klophaus-Aktionsfotografien wird verhindert

Von Eva Beuys (geb. 1933) war im Jubiläumsjahr „beuys2021“ bisher wenig zu sehen. Die Künstlerwitwe machte sich rar. Nur der BILD-Zeitung gab sie ein Interview („Nach acht Tagen machte er mir einen Antrag“). Sonst blieb sie allen Ehrungen und Ausstellungen anlässlich des 100. Geburtstag ihres Ehemanns (ab 1959) fern. Allein nach Dresden kam sie, um sich vorab den Stand der Vorbereitungen zur Ausstellung im Kupferstich-Kabinett „Beuys zum Geburtstag \ Linie zu Linie, Blatt um Blatt“ anzusehen. Familie Beuys, Eva mit den Kindern Wenzel (geb. 1961) und Jessyka (geb.1964), gewährten dort erstmals einen Einblick in ihre Privatsammlung. Jetzt legte sie einen alten Streit wieder auf.

Keine Bildrechte für das lange erwartete Ute Klophaus-Buch

Alles schien bestens in Butter. Eva Beuys persönlich gab Roland Mönig, dem neuen Direktor des Wuppertaler Von der Heydt-Museums, den Hinweis auf die großartige Sammlung von Beuys-Fotografien von Ute Klophaus, die Lothar Schirmer seit Jahr und Tag zusammenträgt. Mönig war entsprechend begeistert, zumal Wuppertal und Beuys, wie auch Wuppertal und Klophaus engste Beziehungen unterhalten. Im Jubiläumsjahrs „beuys 2021“ versprach das ein Höhepunkt zu werden. Beuys hatte im Städtischen Museum Wuppertal 1953 seine erste museale Ausstellung – plastische Werke, Zeichnungen und Holzschnitte aus der Sammlung van der Grinten. Klophaus wurde 1940 in Wuppertal geboren und lebte daselbst bis Ende 2010.

Joseph Beuys, „Celtic (Kinloch Ramnoch) Schottische Sym-phonie“, Fotografie: Ute Klophaus, Courtesy Sammlung Lothar Schirmer

Lothar Schirmer wiederum zeigte sich hocherfreut, aus seiner gut 1000 Fotografien umfassenden Sammlung an Klophaus-Fotografien, der größten und bedeutendsten überhaupt, eine Auswahl von 180 Aufnahmen in Wuppertal zeigen zu können und endlich auch ein Buch (Verlag Schirmer/Mosel, München) mit den hoch geschätzten Klophaus-Fotos herausbringen zu können.

Genau das hatte Eva Beuys über Jahrzehnte hinweg verhindert. Die Bildrechte von Beuys-Fotos, für jeden Abdruck unverzichtbar, liegen nach Beuys´ Tod 1986 allesamt beim Beuys-Estate in Düsseldorf.

„Nach der Machtübernahme von Eva hat sie alles verboten, was von Ute Klophaus kam“, weiß Schirmer, war also vorgewarnt. Der Verleger sandte das gesamte Layout des Buches nach Düsseldorf, um die Zustimmung von Eva Beuys einzuholen. „Da kam wohl die alte Geschichte wieder hoch“, vermutet er. Eva Beuys zog ihre Zustimmung zurück. Das Buch kann bis heute nicht erscheinen. Lediglich ein Katalog zur Ausstellung ist erschienen, er ist an der Museumkasse erhältlich. Mit der Ausstellung in Wuppertal sei wieder Frieden eingekehrt, wie er gehört habe. Also schrieb der Beuys-Freund, Sammler und Verleger Schirmer erneut an die VG-Bild Kunst mit der Bitte um Gewährung der Bildrechte, „bisher ohne Antwort.“

Mit „Alte Geschichte“ meint er die Auseinandersetzung von Klophaus mit Eva Beuys. „Ich finde es beschissen, wie man mit mir hier umgeht”, klagte Klophaus noch kurz vor ihrem Tod. „Nach wie vor werde ich mit Einstweiliger Verfügung bedroht, sobald ich mein Werk zu Beuys ausstellen will.” Wegen dieser Drohung wollte sich kein Kunsthaus an eine Ausstellung ihres zentralen Werkkomplexes wagen. Eva Beuys sei „immer noch giftig und will den Beuys noch im Nachhinein korrigieren”, vermutete Klophaus. „Das ist tragisch und richtet sich gegen die Interessen von Joseph Beuys.”

Schirmer bedauert den Ausbruch des alten Zwists außerordentlich, ist er doch davon überzeugt, eines der besten Büchern zum Beuys-Jubiläum beisteuern zu können, zumal auch autobiographische Texte von Ute Klophaus und Autoren wie Bazon Brock und Bernd Stiegler darin aufgenommen sind. „Da habe ich mich völlig verhoben. Ich glaubte schon, die emotionalen Wogen glätten zu können“, gesteht Schirmer. „Selbst das Drake-Platz Buch hat nichts genützt.“ Schirmer hatte vor Jahren schon Fotografien von Eva Beuys publiziert – Düsseldorf- Oberkassel. Drakeplatz 4.

Joseph Beuys, „und in uns … unter uns … landunter“, im Rahmen des Happenings 24 Stunden in der Galerie Parnass, Wuppertal, Fotografie: Ute Klophaus, Courtesy Sammlung Lothar Schirmer

Ute Klophaus fand sich zeitlebens ausgegrenzt, sah sich verfolgt und starb verbittert am 6. Dezember 2010 in ihrer Wuppertaler Wohnung. Eine Fotodokumentation des Happenings „9 Décollagen” von Wolf Vostell im Jahr 1963 war der Beginn von Klophaus Beziehung zur Fluxusbewegung. In ihrer Geburtsstadt Wuppertal fotografierte sie 1965 die „24-Stunden-Aktion” der Künstler Joseph Beuys, Bazon Brock, Charlotte Moorman, Nam June Paik, Eckart Rahn, Thomas Schmit und Wolf Vostell in der legendären Galerie Parnass. Nachträglich wurde Klophaus in die Aktion aufgenommen und es begann eine prägende Phase, die über zwanzig Jahre, bis zum Tod von Beuys 1986, andauern sollte. In diesen gut 20 Jahren wurde Klophaus die kongeniale Fotografin der Aktionen und Performances von Beuys. Der Entwicklungsprozess in ihrer Dunkelkammer vom Filmnegativ zum Positiv lässt sich als ein eigener künstlerischer Prozess erkennen, in dem Klophaus zu einer eigenen Bildsprache fand. Es entstanden überwiegend Unikate, deren bekanntestes Merkmal eine Risskante des Papiers war. Ein Verweis auf das Offene des Kunstprozesses im Sinne von Fluxus und der Beuys-Aktionen. Kratzer, Staub, Zufallsspuren auf den Negativen ließ sie bestehen, sie entwickelte mit grobem Korn, Verdichtungen und Schlieren. So gewannen ihre Fotos „Aktionscharakter“.

Lothar Schirmer erinnert sich: „Beuys zog Ute oft zu seinen Aktionen hinzu. Er lud sie persönlich ein. Dann brachte sie alle Aufnahmen in sein Atelier nach Düsseldorf, wo Beuys eine Auswahl traf, natürlich mit Perspektive auf eine Veröffentlichung. Die kaufte er ihr das Stück für 15 oder 20 Mark ab. Er hat die Fotografien als seine eigene Arbeit begriffen. Er hielt ja überhaupt nicht viel von Fotografie.“

„und in uns … unter uns … landunter“, Im Rahmen des Happenings 24 Stunden, Fotografie: Ute Klophaus, Courtesy Sammlung Lothar Schirmer

Schirmer indes ist von der besonderen Qualität der ausnahmslos Schwarz-Weiß-Aufnahmen überzeugt: „Da ist eine eigene Magie drin, eine erotische Leidenschaft miteingebunden.“ Die Aufnahmen sind für ihn Zeugnisse einer „einzigartigen Zusammenarbeit.“ Bei den Aktionen gab es eine Übereinkunft. Beuys gab kleine Zeichen, wenn er zu einer Bewegung ansetzte. „Ute konnte Beuys lesen, sie bewegte sich mit, sie umkreiste Beuys.“ So konnte es zu einer einfühlsamen Bewegung in den Bildern kommen. Es entstanden, was Schirmer heute „Stummfilmfotografie“ nennt.

Ute Klophaus, Selbstporträt, Courtesy Sammlung Lothar Schirmer

Klophaus kämpfte um Anerkennung, als Frau und Photographin, vor allem aber als gleichberechtigte Künstlerin. Fast alle Aktionen und Inszenierungen von Beuys hat sie aufgenommen und verarbeitet. Über ihr Selbstverständnis äußerte sie sich klar: „Hier steht sich nicht `ein Künstler und ein Fotograf´ gegenüber. Joseph Beuys war Bildhauer und Künstler, und ich bin Künstler mit dem Medium Fotografie.” Und weiter: „Ich habe nie fotografische Auftragsarbeiten durchgeführt. Alle Arbeiten habe ich seit Beginn meiner freiberuflichen Selbstständigkeit im Jahre 1963 selbst organisiert und finanziert. Jedes Risiko trug ich selbst, gerade weil ich frei und ohne Anweisungen arbeitete, war eine wirkliche Zusammenarbeit möglich.” Die Bezeichnung Beuys-Fotografin lehnte sie Zeit ihres Lebens ab. Ihre „Photographien zu Joseph Beuys” bilden das Zentrum ihres Schaffens.

„Kein anderer Fotograf und keine andere Fotografin hat die Wahrnehmung von Joseph Beuys als Künstler und als Mensch derart geprägt wie Ute Klophaus“, urteilt Antje Birthälmer, die Kuratorin der Wuppertaler Ausstellung heute. „Seine Aura ist genauso eingefangen wie seine Zeit und Raum durchdringende Kraft der Transformation.“

„Mein photographieren von Joseph Beuys war eine Hasenjagd” schreibt Ute Klophaus. „Er hat die Photographie gebraucht und abgelehnt … Meine Bilder beschwören ihn nicht. Sie haben niemals gesagt: Das ist Beuys. Sie haben immer gesagt, dass Beuys auch woanders ist. Bleibe hier und dort”. Mit ihrer Kamera wollte sie „hinter die Dinge blicken”. Es ging ihr um „das Eigentliche. Um Sinnzusammenhänge zu erfassen, Hintergründe aufzuspüren, Grenzen zu erweitern.”. Wo sie die Grenzen der Kamera erfuhr, arbeitete sie in der Dunkelkammer weiter.

 

 

 


Kurz vor ihrem Tod wollte Ute Klophaus ihren künstlerischen Nachlass dem Von der Heydt-Museum ihrer Heimatstadt vermachen, doch bot die Ernst von Siemens Stiftung den Erben mehr Geld. 100 Motive hat die Münchner Stiftung an den Preussischen Kulturbesitz zur Vermarktung gegeben, den Rest an das Museum Schloß Moyland. Armin Zweite hatte für die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ein Konvolut angekauft, die Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf (heute Kunstpalast) hält 150 Klophaus-Fotografien im Bestand des AFORK.


Aus der Zeit gerissen

Joseph Beuys: Aktionen – Fotografiert von Ute Klophaus

Sammlung Lothar Schirmer

bis zum 09. Januar 2022 im Von der Heydt-Museum in Wuppertal


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Kommentare

  1. Warum nur ist Eva Beuys so giftig? Alles so lange her… und die Klophaus-Fotos sind nun mal interessanter als die meisten anderen Aktionsfoto über Beuys, es scheint, als stecken sehr viel privatere Gründe dahinter ? Oder einfach nur, weil Ute Klophaus besser aussah als die Beuys-Witwe?
    viele Grüße ! Heike

  2. vielen Dank für die Information. Liest sich gut und ist auch irgendwie typisch für Beuys dem noch immer vorhandenen Unruheherd in der Kunstgeschichte, der so vieles als langweilig, überholt und vergessen und politisch macht. Ein Beuys täte heute dem eingeschlafenen Kunststädtchen Düsseldorf mehr als gut.

    Vielen Grüße
    gert lahnstein

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