Oh my dear!
Helga Meister – über die „Kunst im Freien“

 

~ von Carl Friedrich Schröer, 07.10.2021 ~

Helga Meister hat ein Buch geschrieben. Das kommt nicht selten vor und nicht von ungefähr. Es sind inzwischen 23 Bücher und Kataloge entstanden, „können auch ein paar mehr.“ Nach dem Studium an der Uni Köln (Theaterwissenschaften, Philosophie, Germanistik) kam sie nach Düsseldorf, um ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten zu beginnen. Dem Blatt, heute WZ, hielt sie über fünf Jahrzehnte lang die Treue, bis die Zeitung ihr Feuilleton einstellte und Meister den Stuhl wegzog.

In Angriffslaune. Helga Meister auf der Arbeit

Die Doyenne der Düsseldorfer Kunstkritik (wo und wann sie geboren wurde, behält sie lieber für sich) hat die Corona-Sperrzeiten genutzt, um ihr „Lieblingsthema“ neu aufzublättern: Die Kunst in Düsseldorf. Die passionierte Fahrradfahrerin schwang sich also auf und durchkreuzte Düsseldorf von Kaiserswerth bis Garath, von Heerdt bis Gerresheim, stets auf der Suche nach der Kunst im Freien. Peter Tedden machte den Verleger, Udo van Meeteren und Theo Siegert erlagen ihrem unwiderstehlichen Charme und spendeten die Druckkosten. 125 weltbekannte wie längst vergessene Skulpturen hat sie im Stadtbild Düsseldorfs erradelt, aufgespürt, neu besichtigt und selbstverständlich über alle 90 Bildhauer aufschlussreiche Kapitel, gut recherchierte, dabei kundige wie reizvolle Hommages verfasst.

Das geht von Getulio Alvani (Kreis+Quadrat = Volumen) bis zu August Wittig (Schadow-Denkmal) und Alfred Zschorch (Radschlägerbrunnen). Die Mutter von vier erwachsenen Kindern und zehn Enkelkindern wunderte sich, was es selbst für Sie alles zu entdecken und aufzudecken gibt. Zum Beispiel der „Löwe“ von Carl Moritz Schreiner. Dieser Quereinsteiger führte ein bewegtes Leben, er muss ein „eigenwilliges Bürschchen gewesen sein, was seine drei Ehen und drei Scheidungen, seine vielen Kinder, sein Streben nach Unabhängigkeit und seine Liebe zu Katzen betrifft.“ In den 20er Jahren tauchte er bei Johanna Ey auf und erhielt in ihrer Galerie Einzelausstellungen, schloss sich aber dann einem Zirkus an, um den geliebten Löwen möglichst nahe zu sein. Ein solch prächtiges Löwentier (aus Muschelkalk) stand sprungbereit vor dem Marathontor des Mitte der Zwanziger Jahre errichteten Rheinstadions. Als das einer Multifunktionshalle weichen musste, wurde auch der Löwe versetzt. Helga Meister hat ihn auf einem Messeparkplatz wieder aufgespürt „Im Niemandsland, so dass selbst Mitarbeiter der Messe nichts von seiner Existenz wissen. Außerdem umgibt ihn ein Zaun, als fürchte man, der Leu könnte entspringen.“ Für solche Geschichten muss man das gut bebilderte Buch lesen und lieben. Es ist eine einzigartige Spurensuche.

Noch eine Wiederentdeckung: Der Blitzeschleuderer von Hubert Netzer. Auch diese Figur wurde nach Abriss des Stadions mehrfach umgesetzt, bis sie sich inmitten eines Kreisverkehrs in der Nähe der Mehrzweckarena wiederfand. Netzer, ein Schüler Adolf von Hildebrands und Lehrer u.a. von Arno Breker, ließ seine klassizistische Bronze bei Schmäke in Düsseldorf gießen und 1918 in der „Großen Berliner“ zeigen, doch die fand infolge des Weltkriegs in Düsseldorf statt. Der monumentale Blitzeschleuderer blieb. Netzer, fand Meister heraus, schuf auch zwei Brunnen mit Figuren aus Muschelkalk „…wobei der eine ganz verschwunden ist und der andere mit Beton brutal versiegelt wurde.“ Seine sechs Tugenden über dem Eingang des ehemaligen Land- und Amtsgerichts (heute Andreas Quartier) überstanden sowohl den Krieg als auch die Sanierung „…und die Respektlosigkeit der Menschen, die das kulturelle Erbe oft als lästig empfinden.“

Überhaupt Quereinsteiger und Künstler von weit auswärts haben die Kunststadt Düsseldorf bereichert. Auf diese Feststellung legt die Wahldüsseldorferin Wert, angefangen bei Gabriel Grupello (Jan Wellem Reiterstandbild) über Peter Anton Verschaffelt über Max Blondat zu Aristide Maillol zu Henry Moore und Herman de Vries.

Alle 125 Skulpturen (von rund 1000 im Stadtgebiet) hat Meister in ihrem „Sinnzusammenhang“ dargestellt, kunsthistorisch eingeordnet und mit manchen Anekdoten versehen. Weniger Aufmerksamkeit zollt sie der Beziehung einer Skulptur zu ihrem Platz, auf dem sie sich nun einmal behaupten muss, oder eben verloren geht. In der neuen “Leipzig Charta” der EU zur Stadtentwicklungspolitik ist von der grünen, der digitalen und der gerechten Stadt die Rede. Nicht aber von der kulturellen Stadt. Von Kunst schon gar nicht. Die kommt eben doch erst lange nach dem Friseur.

Wie viel eine einzige Figur für einen Platz ausmacht, wie viel Ausstrahlung sie entfalten, wie viel Änderung sie anstoßen kann, davon gibt der Beulenmann von Paloma Varga Weisz ein schönes Beispiel. Der kleine Mann hockt da etwas seitlich auf dem Vordach über dem Eingang zum Hauptbahnhof, guckt verloren in die Luft und scheint sich für das Gewimmel unter ihm nicht im Geringsten zu interessieren. „Dieses fantastische Wesen mit all seinen Anomalien am ganzen Körper“ verändert, man möchte sagen entdämonisiert diesen scheußlichen Bahnhofsvorplatz mehr als alle Stadtsanierungsmaßnahmen zusammen. Schön, ihn hier im Buch wieder zu finden. Bei nächsten Mal, beim Hineinhasten in den Hauptbahnhof, wollen wir mit ihm hinauf blicken, Ausschau halten.


Düsseldorf – Kunst im Freien

Herausgeberin: Helga Meister

Verlag Peter Tedden
ISBN 978-3-940985-78-1

Preis: 28 Euro

 

 


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