Down Under down
Ein Anti-Kunstmuseum in Tasmanien

Die größte privat finanzierte Kunstsammlung der südlichen Hemisphäre befindet sich auf Tasmanien. Für die einen ist das Museum eine Revolution, für andere das Ende der Kunst. Zugleich ist MONA, das “Museum of Old and New Art”, das wohl unbekannteste Museum für zeitgenössische Kunst, das aufgrund seiner Architektur, der Vielzahl seiner ausgestellten Werke und deren Präsentation zu den Top-Adressen weltweit gehört. Das vielleicht progressivste Kunstmuseum der Welt ist alles, einzigartig, provozierend, verstörend. Aber grade nicht  das, was man von einem Museum erwartet.

 

von Michael Marek & Saskia Guntermann

Es ist heiß und schwül, blauer Himmel. Tasmaniens Hauptstadt Hobart zeigt sich von seiner Sonnenseite. Viele viktorianische Gebäude um den fjordähnlich angelegten Hafen erinnern an die britische Kolonialzeit. Mit der Fähre geht es nach Barriedale, einem Arbeiterviertel etwa 10 Kilometer entfernt. Im Hafen liegen Segelboote, Katamarane, Hochseejachten, Kreuzfahrtschiffe und Versorgungsboote für die Antarktis. Am Pier gibt es jede Menge Souvenirläden mit kleinen, plüschigen Tasmanischen Stoffteufeln. Knapp 30 Minuten braucht das Schnellboot für die Fahrt auf dem Derwent River zur Anlegestelle.

Schon von weitem sind riesige weiß-rostbraune Metall-Mauern zu erkennen. Bei der Ankunft irrt man orientierungslos umher: ein futuristischer Riesenbungalow, ein Staudamm oder eine Trutzburg? Man fragt sich, wo ist hier nur das über 100 Millionen Dollar teure “Museum of Old and New Art”, kurz MONA genannt?

Amarna, Lichtskulptur von James Turrell im weitläufigen Park 

Lediglich ein Restaurant und dann eine Lichtinstallation von James Turrell tauchen auf. In der Ferne kleine Pavillons, Gärten und ein Tennisplatz! Das Museum aber befindet sich mehrere Etagen tief in die Millionen Jahre alten Sandsteinklippen der Halbinsel versenkt.

“Das Museum umfasst dreieinhalb Stockwerke und ist überwiegend unterirdisch angelegt. Man betritt den Ausstellungsbereich durch einen unscheinbaren kleinen Eingang, und dann geht es etwa 18 Meter nach unten. Dort gibt es eine Bar, wo Sie ihren Ausstellungsbesuch mit einem Cocktail beginnen können, um die Kunstwerke, sagen wir einmal, in einem entspannten Zustand zu betrachten. Wir haben auch eine Reihe von Tunneln, die die einzelnen Galerien miteinander verbinden. Es geht darum, den Untergrund zu spüren, ein Gefühl von Verlorenheit zu bekommen und nicht zu wissen, wo genau man sich befindet”, beschreibt Museumsdirektor Mark Wilsdon.

Mit einem runden, gläsernen Fahrstuhl fährt man im Dämmerlicht hinab. Dass es sich bei dem Museum um ein nach unten gelegtes Hochhaus handelt, das erkennt man erst jetzt. Ein unterirdischer Gebäudekomplex, der fast doppelt so groß ist wie das Guggenheim in New York. Das ganze Projekt, vom dekonstruktivistischen Gebäude bis zum einzelnen Kunstwerk ist auf Verwirrung angelegt.

Allzu leicht kann man sich in den unterirdischen Gängen verirren, die Orientierung verlieren: zickzackförmige Grundrisse mit labyrinthischen Räumen, schiefen Ebenen, spitzwinklig zulaufenden Wänden, die oftmals ein beklemmendes Gefühl der Enge beim Betrachten hinterlassen sollen:

“Das ist Absicht und Teil des Ausstellungserlebnisses. Die Besucherinnen und Besucher finden hier Kunst in einer völlig ungewohnten Umgebung. Sie wissen nicht einmal, was sich hinter der nächsten Ecke befindet”, beschwichtigt Wilsdon.

Ein Motto hat das MONA auch: Vergiss das Zentrum, vermeide den Mittelpunkt, lass dich an den Rand treiben! Überall wird mit nacktem Beton, frei schwebenden Treppenaufgängen und engen Gängen gearbeitet. Weiße Wände und eine neutrale Präsentation wie in traditionellen Kunstmuseen üblich: Fehlanzeige. Nicht einmal Hinweisschildchen neben den Kunstwerken gibt es.

“Die Ausstellung kennt auch keine thematische oder historische Ordnung. MONA Gründer David Walsh und die Kuratoren haben zeitgenössische Kunstwerke sehr subjektiv angeordnet. Da wird etwas ein antikes Werk neben einem modernen Kunstvideo in einem Raum gezeigt. Wir überlassen es dem Publikum, eine Verbindung herzustellen.”

Erwin Wurms Fat Porsche

Die Sammlung des Multimillionärs, Kunstsammlers und Philanthropen David Walsh zeigt alte, vor allem aber zeitgenössische Kunst: Günther Uecker hat hier schon seine reliefartigen Nagelbilder gehämmert, Yves Klein sein Blaupigment ordentlich auf dem Boden verteilen lassen; Artists in Residence lassen Vermeer und Caravaggio wieder auferstehen. Die Namen der vertretenen Künstler ist ein Who is Who zeitgenössischer Kunst: Ai Weiwei, Fernando Botero, Ryoji Ikeda, Jean Tinguely, Nam June Paik, Christian Boltanski, Gerhard Richter, Dali und Picasso – sie alle sind hier zu sehen. Installationen von Toby Ziegler, Katthy Cavaliere, Julius Popp, dazu Konzeptkünstler wie Erwin Wurm, Jannis Kounellis, Marina Abramovic und Videos von Paul McCarthy sind hier zu sehen. Eine Wunderkammer von Bekanntem, Sonderbarem und Schönem, sperriger, morbider und obszöner Kunst ist im MONA versammelt.

Überall lauert die Provokation: Der Belgier Wim Delvoye hat eine Maschine aus Glaskolben und Pumpen geschaffen, die jeden Tag mit den Essensresten des oberirdischen Restaurants gefüttert wird; sie verdaut und produziert Kot: die Cloaca Professional. Daneben ein Mann, der sich den Rücken hat tätowieren lassen und nun als lebendes Ausstellungsstück auf einem Sockel sitzt.

in dierekter Nachbarschaft zu solch modernen Kunstwerken werden antike Stücke ausgestellt: Statuen aus Rom, ein ägyptischer Sarkophag, Artefakte aus Costa Rica, griechische Münzen. MONA ist eine Performance von Gegenwart und Vergänglichkeit – eine Mischung aus Sex, Provokation und intellektuell-ästhetischem Spiel über einen Zeitraum von 6.000 Jahren Kunstgeschichte:

Wilons pädagogischer Inpetus: “Es gibt diese altehrwürdigen Institutionen auf der ganzen Welt: mit riesigen Fassaden, langen Treppen, die man durch große Portale betreten muss – Museen, die Denkmälern gleichen. Den Besucherinnen und Besuchern wird dabei das Gefühl vermittelt, dass sie klein und unbedeutend sind und nichts wissen. David Walsh wollte dieses Prinzip auf den Kopf stellen: Es ist nicht die Institution, die über Wissen verfügt, sondern das Publikum – lasst uns schauen, was wir von ihm lernen können!”

Multimillionär, Museumsgründer, Kunstmäzen. David Walsh im MONA

MONA wurde von David Walsh ins Leben gerufen, der Hunderte Millionen Dollar trotz Asperger Krankheit und Autismus mit Blackjack, Pferde- und Hundewetten verdiente, alte und neue Kunst Down Under down in einem futuristischen Museum versammelt hat. Eine exzentrische Ausnahmepersönlichkeit, die hier in Hobart aufwuchs, sich vorgenommen hatte, mit 14 alle Bücher der örtlichen Bücherei gelesen zu haben (was ihm wohl auch gelungen ist), der die Schule schmiss, alles sammelte, was man sammeln konnte und zu einem Vermögen kam, indem er dank Intelligenz, Mathematik und Glück seine Millionen mit dem Glücksspiel machte. Aus seiner Sammelleidenschaft, seinem Wissen, seiner Freude am Spiel ist das “Museum of Old and New Art”, entstanden. Die Philosophie des 61-Jährigen lautet: Wir stellen aus, was uns gefällt. Wir lassen die Kunstwerke für sich sprechen. Jede Interpretation ist willkommen, keine ist falsch.

Wilsdon pflichtet dem bei: “In unserem Konzept stehen die Besucherinnen und Besucher an erster Stelle. Wir wollen keine Publikumserwartungen befriedigen und keine Interpretationen nahelegen. Es geht vielmehr um Entdeckungen, assoziative Verbindungen, darum, selbstbestimmte Erfahrungen zu machen. Wir ermutigen die Besucherinnen und Besucher, unsere Ausstellungsphilosophie zu bewerten. Jede und Jeder hat die Möglichkeit, über ein Kunstwerk per Knopfdruck abzustimmen: Gefällt mir oder hasse ich!”

Wer dennoch seinen bildungsbürgerlichen Hunger gestillt wissen will, der kann sich per Audioguide zu den Werken drei verschiedene Interpretationen anhören: Erstens: Gedanken und Ideen von David Walsh – alias GONZO, der das Werk erklärt. Zweitens die Kuratorin des Museums, die gern im Dialog mit dem Künstler dessen Werk erläutert und drittens eine museumspädagogische Version für Kinder. Walsh selbst nennt sein Museum “ein Disneyland für Erwachsene”. Seine Gleichgültigkeit gegenüber Moden ist eine der Stärken seiner Sammlung.

Ein vorgeschriebener Weg durch das Museum existiert nicht. Zwischen all den Kunstwerken führen Treppen kreuz und quer durch das unterirdische Hochhaus wie auf einem Bild von M.C. Escher. Es geht vorbei an Vaginaskulpturen, an einen Wasserfall, dessen Tropfen Wörter aus den meist gegoogelten Schlagzeilen des Tages formen oder den Überbleibseln eines Selbstmordattentäters – in Schokolade gegossen. Alles hier will anecken und irritieren.

“Die meisten Reaktionen sind sehr positiv – aus ganz unterschiedlichen Gründen”, schwächt Wilsdon ab. “Für manche Besucherinnen und Besucher steht die Architektur an erster Stelle. Andere kommen zu uns, weil sie hier einen Cocktail trinken und ein tolles Essen genießen können und sich dann an den Kunstwerken erfreuen. Man muss nicht notwendigerweise eine Kunstkennerin oder ein Kunstkenner sein. Am Ende geht es um das Gesamterlebnis.”

Es gibt gemütliche Coffeeshops, die neben Augenschmaus auch Gaumenfreuden servieren. Walshs eigenes Weingut bietet auf dem Museumsgelände Weinproben an. Gleich nebenan befindet sich ein Restaurant, das tasmanische Spezialitäten und Gerichte mit tollem Ausblick auf Bucht und Berge bereithält. Auf dem Außengelände spielen nicht nur Kinder, sondern auch Bands. Musik hallt über den Rasen; wer es nicht lassen kann, der darf gern noch Tennis auf dem Centrecourt spielen. Überhaupt wirkt MONA wie ein großer Spielplatz: spielen und genießen, Kunst und Klamauk – so als gäbe es keine Grenzen.

“Es gibt einen MONA-Effekt, ähnlich dem Bilbao-Effekt beim Guggenheim-Museum. In den letzten 10, 15 Jahren hat sich Tasmaniens Hauptstadt Hobart sehr verändert. MONA hat dazu einen sehr bedeutenden Teil beigetragen – kulturell, sozial und wirtschaftlich. Wir sind eine kleine Stadt am Ende der Welt und sehr weit entfernt von den Metropolen. Aber wir haben eine starke Identität in Tasmanien. MONA gibt den Tasmaniern etwas, auf das sie stolz sein können. Das Museum verbindet uns mit der Welt. Auch die  Tourismusindustrie in Tasmanien profitiert von MONA jährlich mit einem Spin-off von 135 Millionen Dollar. Unser Museum hat wirklich einen positiven Effekt.” Der Museumsdirektor zeigt sich euphorisch.

Selbst im Namen MONA steckt Ironie. Er soll auf das MOMA, das “Museum of Modern Art” in New York verweisen. Am Ende des Besuchs bleibt die Frage: Ist das Museum am Ende der Welt der “Verrücktheit” eines Kunstbesessenen geschuldet? Will da jemand den Kunstbetrieb fernab der Metropolen New York, Paris, Kassel, Basel oder Hongkong provozieren? Ist MONA gar ein Anti-Museum? Wohl eher ein einzigartiges Gesamtkunstwerk – 16.000 Kilometer von Europa entfernt, läppische 2.700 Kilometer von der Antarktis.

 

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