Von den Untiefen der Vielfalt
„Diversity United“: Ein Balanceakt zwischen Anspruch und Realität

Vielfältige Vereinigung. Manuel Graf zeigt Проект in Berlin.

Auf dem Gelände des Tempelhofer Flughafens in Berlin lässt sich noch bis zum 19. September aus dem Füllhorn zeitgenössischer Kunst schöpfen, findet sich doch in Hangar 2 und 3 die ganze Bandbreite europäischen Kunstschaffens nach 1989 versammelt. Die Ausstellung „Diversity United“ lädt uns ein, in der Idee eines vereinten Europas umherzuwandern. Ein Europa, das grundverschieden ist und doch in seiner Vielfalt Gemeinsamkeiten birgt.

Das Besondere an Europa ist die beispiellose Dichte divergierender Kulturen auf relativ kleinem Raum, die eine geografische Verbundenheit aus über 40 Ländern bildet. Eine Gemeinschaft, die besonders dieser Tage im Hinblick auf das Wiedererstarken nationalistischer und isolationistischer Politik weniger auf einem Miteinander als vielmehr auf einem Gegeneinander beruht. Auf Kosten der Rechte von Minderheiten gewinnen Nationalisten und Populisten allerorts zunehmend Einfluss, werden einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen immer beliebter. Stellt sich die Frage, ob Europa mehr sein kann als eine politische Zweckgemeinschaft mit ökonomischen Zielen. Vielleicht angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimakrise, Pandemie und Migration – vielleicht sogar mehr sein muss?

Vielfalt in Einheit, Einheit oder Vielheit. Chefkurator Walter Smerling im Hangar 2

„Diversity United“ entwirft das Bild einer offenen, zukunftsorientierten Gesellschaft über geografische, sprachliche und ästhetische Grenzen hinweg. Eine Utopie, basierend auf der friedenstiftenden Grundidee von Europa, die vielleicht nur durch die Kraft der Kunst zu realisieren ist. Wird doch die Kunst zur Brückenbauerin in bewegten Zeiten, innerhalb derer die Pandemie die Welt zu Beginn stärker zusammenrücken ließ, die Gräben heute aber tiefer denn je erscheinen.

Wofür steht Europa? Auf diese Frage finden die rund 90 ausgestellten Künstler*innen aus 34 Ländern, deren Namen von etablierten bis jungen Positionen reichen, ganz unterschiedliche Antworten. Ein Team aus zehn Kurator*innen hat in kooperativer Zusammenarbeit mit den beteiligten Kunstschaffenden einen essayistischen Entwurf vorgelegt, einen Versuch die Welt neu zu denken. Der Anspruch der Vielfalt spiegelt sich auch in der Auswahl der gezeigten Positionen wider, die stellvertretend für verschiedene Geschlechter, Regionen, Generationen und kulturelle Prägungen stehen. Entstanden ist ein offenes Assoziationsfeld, auf dem sich in Begriffspaaren stellenweise Aspekte thematisch verdichten und übergreifende Dialoge zwischen den Werken ermöglichen.

Der Gang in die Ausstellung wird bereits von einem Werk des dänischen Künstlers Olafur Eliasson begleitet, der uns in einem Korridor aus gelbem Licht einlädt, gedankliches Neuland zu betreten, die anfängliche Schleuse geradezu neutralisiert zu verlassen.

Nach Durschreiten dieser Lichtschleuse stoßen wir auf ein Schlüsselwerk von „Diversity United“: „Antarctic Village No borders“ (2007) des britisch-argentinischen Künstlerpaars Lucy und George Ortas, eine Siedlung aus Zelten und bunten Flaggen. Gegeneinander strebende Traditionen von Kulturen des Sesshaften und des Nomadischen verbinden sich hier zu einer Vision von Transnationalität sowie einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Am „Passport Office“ ist es interessierten Besucher*innen möglich, sich einen Pass für die antarktische Staatsbürgerschaft ausstellen zu lassen, Teil einer imaginären Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden vertretenden Gemeinschaft zu werden.

Remains to be Seen, 2019. Foto: Silke Briel / © Mona Hatoum; Andreas Angelidakis

Nur unweit der Zeltlandschaft spiegelt sich in der Installation „Remains to Be Seen“ (2019) der libanesischen Künstlerin Mona Hatoum mit dem fragilen Gleichgewicht kartesianisch angeordneter Trümmerteile die Balance Europas, die am seidenen Faden zu hängen scheint und sich doch in einer bisher unerschütterlichen Struktur behauptet. Ähnlich einem Werk der in Sarajevo geborenen Künstlerin Šejla Kamerić, deren Lichtskulptur „Liberty“ (2015) mit Dornen überzogen ist. Das Licht der Freiheit ist hell, strahlt weit und bedarf trotzdem eines besonderen Schutzes.

Überall in der Ausstellung sind zudem die interaktiven Architekturelemente des griechischen Künstlers Andreas Angelidakis zu finden, ermächtigen in ihrer antiken Anmutung die Besucher*innen zur ganz praktischen Ausübung von Demokratie. Sie rücken die Bedeutung der Redefreiheit in den Fokus der Betrachtung und können eigenständig zu diskursiven Begegnungsorten umgruppiert werden. Eine Reminiszenz an Europa als Wiege der Demokratie.

Winterreise, 2015-2020. Foto: Silke Briel / © Anselm Kiefer

In der bühnenartigen Installation „Winterreise“ (2015-2020) setzt sich Anselm Kiefer mit dem Erbe der deutschen Romantik und Aufklärung auseinander, spannt den Bogen von Madame de Staël bis Ulrike Meinhof, von Empfindsamkeit bis Gewaltausbruch. Kunst und Kultur vermögen es letztlich nicht, Gewalt und Zerstörung zu verhindern, auch wenn das rostige Krankenbett im Zentrum des Werkes eine Zufluchtsstätte aus den Irrwegen dieser Welt bietet. Nicht nur in dieser begehbaren Traumlandschaft wird der Wald als Metapher für gesellschaftliche Zustände genutzt.

Mariele Neudecker greift ebenfalls das Bild des Waldes auf, indem sie Landschaften in gläserne Tanks versetzt und sie mit einer Atmosphäre aus Pigmenten und Flüssigkeit umgibt. „What If We All Just Stopped?“ (2018) bildet ein Landschaftsbiotop, dessen Einblicke die Betrachter*innen unwillkürlich anrühren. Die fragile Atmosphäre hinter dem Glas führt uns die Schönheit der Natur und zugleich ihre Gefährdung durch den Menschen vor Augen, wenn künstliches Licht wie Strahlen einer untergehenden Sonne durch den Nebelwald fällt.

Die Besucher*innen verlassen die Ausstellung im Angesicht von „Light Me Black“ (2009) der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini, erhellt und geblendet gleichermaßen. Die Lichtinstallation aus grellweißen Leuchtstoffröhren wirft ein Schlaglicht auf Werte wie Aufklärung und Transparenz als Voraussetzung für freiheitlich, demokratische Gesellschaften ebenso wie auf eine ins System eingeschriebene Verletzlichkeit.

„Diversity United“ scheint überambitioniert, droht streckenweise im Anspruch der Abbildung einer zunächst schwerlich überblickbaren Themenvielheit zu zerfallen und macht genau darin die Schwierigkeiten deutlich, die sich in ähnlicher Weise auch auf Europa übertragen lassen. Eine Ausstellung, die zum Balanceakt wird und als dieser im Film „Fil de sëida“ (2016) der Italienerin Marzia Migliora eine bildliche Entsprechung findet. Zwei Männer in Anzügen, die über ein Hochseil aufeinander zugehen, immer in Anbetracht des tiefen Abgrunds zu ihren Füßen. Die gezwungenermaßen oft nur oberflächliche Betrachtung europäischer Diversität gewinnt doch innerhalb der einzelnen Werke eine erstaunliche Tiefe.

Women’s House, Sanja Iveković, 2002-in progress

Die ursprünglich geplante Eröffnung in Moskau wurde allerdings aufgrund der sich zuspitzenden Spannungen um und in Russland sowie des repressiven Umgangs mit kritischen Künstler*innen innerhalb des Staates kurzfristig abgesagt. „Diversity United“ – letztlich ein gescheiterter Ost-West-Dialog?

Julia Stellmann

Redaktion: Anke Strauch


DIVERSITY UNITED 

Das künstlerische Gesicht Europas im Flughafen Tempelhof, Hangar 2 + 3

09. JUNI – 19. SEPTEMBER


weitere Arbeiten von Manuel Graf aktuell bei Van Horn:

CAN YOU SEE THE REAL ME

03. JULI – 21. AUGUST


 

Kommentare

  1. Nicht nachvollziehbar ist, dass die Autorin in ihrem Bericht über die Ausstellung „Diversity United“ keinerlei Notiz von Camille Morineau und ihrer Collection aus dem Pariser „Archives of Women Artists“ AWARE nahm. Chance vertan!

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