Gewebter Widerstand
"Active Threads" folgt dem Faden bis zu verbindenden Funktionen von Textilien

World Wall Tour im KAI 10. Propaganda von Juan Pérez Agirregoikoa, Detail. Courtesy der Künstler und Clages, Köln, 2021


Let the poor work for us, Mars for the Martians, Germany for the Germans,  prangt es in großen bunten Lettern auf Bannern, aufgehängt an einem sechzehn Meter langen Maschendrahtzaun. „The Wall World Tour“ (2015 – fortlaufend) des baskischen Künstlers Juan Pérez Agirregoikoa stellt nicht nur physisch einen Zaun da, sondern symbolisiert die imaginären Zäune in unseren Köpfen.
Die provokanten und populistischen Parolen karikieren unsere Gegenwart und führen uns die Bedeutsamkeit von Textilien als Träger des zivilen Widerstands vor Augen.

Die Ausstellung „Active Threads“ im KAI10 Arthena Foundation, kuratiert von Julia Höner, knüpft an Traditionen der eng mit der Menschheitsgeschichte verbundenen, aber zumeist in die kunsthistorische Peripherie verdrängten Textilkunst an. Höner führt den aufgegriffenen Faden weiter bis ins Heute, in dem pandemiebedingt funktionale und dysfunktionale soziale Strukturen offensichtlicher sind als je zuvor.

Textilien sind Gitterstrukturen, sind Netze, ein Geflecht aus vielen einzelnen Fäden, die sich zu einer Gesamtheit fügen. Dadurch hat Stoff auch eine soziale Ebene, ein verbindendes Element, nimmt Grundideen globaler Vernetzung vorweg.

Textilien sind elementarer Bestandteil unseres Lebens, sind funktionale Alltagsgegenstände. In Form von Kleidung bilden sie ein schützendes Element über der Haut, bedecken und umhüllen uns, werden zum identitätsstiftenden Erkennungszeichen. Zugleich sind sie Kommunikationsmittel, als Kleidung im erweiterten Sinne und ganz konkret als Vehikel von Botschaften wie in den Werken der südkoreanischen Künstlerin Kyungah Ham.

Gestickt schön. Kyungah Hams Kristallleuchter in Schieflage

Aus schwarzem Dunkel erhebt sich ein aus tausenden bunten Fäden gestickter Kristallleuchter. Als opulente Insignie der Macht erinnert er an die herrschaftliche Ausstattung antiquierter Autokratenpaläste, ist hier aber in Bewegung geraten, schwingt funkelnd von der einen Bildseite zur anderen. Der Titel des Stickwerks „What you see is the unseen / Chandeliers for Five Cities BK 03-05“ verweist auf die widerständige Entstehungsgeschichte hinter vordergründiger Opulenz.

Kyungah Hams Entwürfe werden von Mittelsmännern*frauen über die Grenze von Süd nach Nordkorea geschmuggelt, dort von Näher*innen in langwierigen Arbeitsprozessen gefertigt und illegal zurück nach Südkorea gebracht. Oft sind geheime und lebensgefährliche Botschaften wie „I am sorry“ und „Are you lonely, too?“ in die großformatigen Stickbilder eingewoben. Unzählige Fäden fügen sich schließlich zu einem repräsentativen Gesamtwerk, ganz ähnlich der Menschenversammlungen bei Nordkoreas medial inszenierter Militärparaden. Jedes Pixel auf dem Fernsehbildschirm ein denkendes, fühlendes Wesen, der eigenen Stimme beraubt.

Auch bei Kader Attia spielt Schmerz eine zentrale Rolle, wenn wulstige Nähte wie Narben aus dem ansonsten ebenen Stoff der Leinwand ragen. Sie bleiben nicht nur sichtbar, sondern werden prominent in Szene gesetzt, geradezu zum bestimmenden Bildinhalt erhoben. Ähnlich Prozessen im lebendigen Menschen sind sie als Überbleibsel von Wunden, offensichtliche Spuren der Verletzung, auch über ihre Heilung hinaus erkennbar.

Attia stellt afrikanische Stoffe, deren Bruchstellen bewusst nicht verborgen werden, der europäischen Tradition entgegen, in der Schadstellen im Gewebe möglichst unsichtbar bleiben sollen. Noch immer schmerzen die Wunden kolonial unterdrückter Völker, deren Verletzungen Europäer mit sog. Reparationszahlungen zu stopfen und nahtlos zu flicken suchen.

In seiner Installation „Repaired Broken Mirror“ (2015) stehen die Besucher*innen der Ausstellung sich selbst gegenüber, betrachten ihr Spiegelbild, über dessen gesamte Länge eine große Wunde verläuft, nur grob mit Klammern verschlossen. Trotz der sorgsam zusammengesetzten Spiegelhälften, bleibt das Spiegelbild zergliedert, spiegelt eine brüchige Identität wider.

Als Spuren der Erinnerung, wie Erkennungszeichen oder Wegmarken, werden die Wunden der Vergangenheit mit Stolz auf die eigene Identitätsbildung getragen und bleiben doch als Narben auf der Seele zurück. In diesem Zusammenhang nähert sich Attia in einer Videoinstallation dem Phänomen des Phantomschmerzes. Wie kann etwas schmerzen, das nicht mehr existent, vergangen oder verdrängt ist?

Verhüllung und Entblödung. Magdalena Kita, Premium Apocalyptic, 2020

Nicht zuletzt ist die Bearbeitung von Stoffen ein traditionell weiblich konnotiertes Metier, das stellvertretend für Häuslichkeit und überholte Frauenbilder steht, die sich im Textil manifestierten. Magdalena Kita macht sich diese Verbindung mittels Umdeutung zunutze. Vielfarbige Vorhänge, Tischdecken, Badetücher und männlich assoziierte Fanschals werden zum Träger von Bildern einer selbstbestimmten Form von Weiblichkeit. Die Textilien sollen Kitas Kunst in das alltägliche Umfeld eines breiteren Publikums und darüber hinaus in dessen Weltbild hineintragen.

Die Ausstellung lässt keinen Anfang und kein Ende zu, ist so dicht verwoben, dass keine losen Enden bleiben und sich in ihrer Dichte drängende Fragen gesellschaftlichen Zusammenlebens stellen. Wie wollen wir leben in einer Welt, in der wir verbundener sind denn je, die soziale Spaltung aber unaufhörlich fortschreitet? Textiles Aufbegehren lehrt uns den kritischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, leitet an zum gemeinschaftlichen Widerstand.

Julia Stellmann

Redaktion: Anke Strauch


Hinweis

Interwoven – twisting your mind on textiles

bis 21. Juli bei der Neurotitan Galerie in Berlin


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