Post Modern Black Venus
Nagel Draxler zeigt mit Zandile Tshabalala subtil politische Malerei aus Afrika

Schön, schwarz, seitenverkehrt. Zandile Tshabalalas Lounging l: G fabulous, 2021

Mitten hinhein in die Diskussion um Kolonialismus, Rassismus, Gender und Frauenkunst wirft sich die berliner Galerie Nagel Draxler mit Zandile Tshabalala. Die Künstlerin ist schwarz, 22 Jahre alt, malt bevorzugt schwarze Frauen, wurde in Soweto, Südafrika geboren. Noch Fragen?

Mit der ersten Einzelausstellung dieser Künstlerin in Europa ist Nagel Draxler also wieder ganz schön weit vorne. Gleich beim Betreten der Galerie fallen die lebensgroßen Frauenporträts mit ihren selbstbewussten Blicken ins Auge: männlicher, weißer Voyeurismus?

Kurator dieser Ausstellung ist Azu Nwagbogu, Gründer der African Artists’ Foundation (AAF) mit Sitz in Lagos, Nigeria. Nwagbogu ist außerdem Gründer und Director des LagosPhoto Festival. Zuletzt kuratierte er für Les Rencontres de la Photographie d’Arles “Tear my Bra” über die Einflüsse von Nollywood (Nigerias Filmkunst) auf die zeitgenössische, afrikanische Fotografie.

„Mit dieser Solo-Präsentation taucht Tshabalala ohne Vorbehalt in die Post Modern Blackness ein, das heißt, die Freiheit, die sich Schwarze Künstler nehmen, in dem sie Werke schaffen, die ein Anathema zur gewohnten Kunstvermittlung darstellen. Sie haben nicht das Bedürfnis, Kampf, Leiden, soziale Umwälzungen und die üblichen Darstellungsweisen der schwarzen Existenz in der visuellen Kultur zu illustrieren. Da findet sich mehr Subtilität in der Ausführung und der Herangehensweise“, schreibt Nwagbogu.

Masking, 2021

Illustrativ sind Tshabalalas Werke weniger, collagehaft um so mehr. Sie präsentiert Frauenfiguren in intimen Momenten. Sie laden uns ein hinzuschauen. Doch verdreht Tshabalala die Art und Weise, wie schwarze Frauen in der westlichen Kunst dargestellt werden. Berühmtes Beispiel ist Manets Olympia. Exotische Akte finden sich in allen Lagen und querbeet in der Kunstgeschichte, sie sind immer schon ästhetisch verlockend und ein Kassenschlager ohnehin. Tshabalalas Venus-Version verdreht die Darstellung von Manets liegendem Akt, assistiert von einem schwarzen Diener. Sie malt ihre schwarze Liebesgöttin als eine selbstbewusste, sich selbst umarmende Frau. Im Gegensatz zur europäischen Tradition der Venus als bescheidene, zerbrechliche Figur, umarmt Tshabalalas Venus ihre Identität und fordert den Blick des Betrachters heraus. Sie will gemalt werden, sich darstellen lassen und begegnet uns mit ihrem Blick, der sicher und stark ist. Venus entledigt sich der bedeckenden Draperie und liegt völlig nackt da. Das Stück Stoff an der Seite wird zur reinen Dekoration, über die schöne, orangefarben leuchtend Muschel geworfen.

Die Künstlerin hat den Körper der Venus gerade so detailliert gemalt, dass eine Aussage erhalten bleibt: Obwohl sie die Figur abstrahiert und verflacht, ist ihre Präsenz auf der Leinwand immer noch stark genug und schafft es, nicht von den glänzenden Farben und kräftigen Ornamenten des Innenraums vereinnahmt oder überdeckt zu werden.

Nono and I, 2021

Die bezaubernde Zuversicht von Tshabalalas Kunst wird durch manche Details verstärkt, die aus der Augenblicksfotografie abgeleitet sind. In fast jeder Bildkomposition schneidet sie  Segmente von Beinen oder Armen ab. Das erzeugt unklassische Frische und eine gewisse moderne Lebendigkeit. Bei ihrer Venus hat sie dieses Stilmitttel nicht eingesetzt. Diese liegt zentriert mitten im Bild. Überraschenderweise taucht das Fotografische wieder auf. Die Beine der Frau ragen über den Rand des herrlich flauschigen Teppichs, auf dem sie posiert, hinaus. Um so pointierter, erotischer erscheinen ihre Fußspitzen mit dem glänzenden-roten Nagellack.

Der ersten Eindruck von der liegenden Venus erfährt eine Wendung. Sobald wir erkennen, warum sie die Füße der Venus über den Teppich hinausragen, verpufft der Effekt. Auf dem Teppich hätte der Nagellack kaum so reizvoll glänzen können. Eine Nuance nur. Spontaneität und Nonchalance, die Tshabalalas Malerei auszeichnet, kontrastiert mit der gezirkelten Komposition des Bildes. Zum silhouettenartigen Kontrast und der collagenhaften Komposition der Bilder gesellt sich ein Hinweis auf die Malerei als Darstellungsform.

Tshabalala spielt mit tradierten, längst vertrauten Bildfindungen. Die klassischen Fragen, wie die der sinnlichen Venus, auch der schwindenden Schönheit, werden offensichtlich und evident dargestellt, behalten aber doch ihre Eigenheit. Die Künstlerin stellt den Verfall von Schönheit dar, sie scheut sich nicht, klassische Bildthemen mit ziemlich überstrapazierter Symbolik anzusprechen. Die Banalität solcher übermäßig diskutierten Themen ist ihr nicht unangenehm, ist sie doch jung und zuversichtlich genug zu glauben, dass ihr Thema und ihr einzigartiger Stil immer noch etwas Frisches aussagen werden. Attraktiv genug sind ihre Bilder ohnehin. Ihr Stil ist prägnant, plakativ und sicher gesetzt.

Verblassen ist ein zu weiches Wort für das, was mit der Tapete hinter der Venus geschieht – sie wird physisch, fast gewaltsam, übernommen, aufgefressen von dem zementartigem Wandputz, der sich immer wieder an die sorgfältig ornamentierten, farbigen zarten Muster anschmeichelt. Der rissige, graue Putz scheint sich zu bewegen, breitet sich aus, um die Schönheit der schimmernden Wandmuster zu schlucken; er wird schließlich die reichen Ornamentik ausbalancieren. Diese beeindruckenden grauen Blöcke sind taktil und materiell und erinnern an die unzähligen Dinge, die dem Betrachter überlassen bleiben, eigene Assoziationsketten zu bilden. Sei es Beton-Dschungel moderner Städte oder einfach eine geschmackvolle, modernistische Dekoration, die die überbordende Schönheit des erotisch aufgeladenen Bildes mildert.

Tshabalala verdreht die Rassengespräche mit ihrer dem westlichen Betrachter vertrauten Symbolik, bereichert die westliche Kunsttradition um schwarze Perspektiven, macht sie so vielschichtig und sind doch einnehmend und klar. Die Preise der Werke liegen zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Alle Werke sind bereits verkauft.

 

Mariam Mchedlidze

Redaktion: Anke Strauch


Galerie Nagel Draxler & Nagel Draxler Kabinett, Berlin

ZANDILE TSHABALALA- beautiful experiment(s)

bis 26. Juni

 

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