Beuys – was bleibt?
Viele Schüler, wenig Schule

Im Jubiläumsjahr „beuys 2021“ wird Joseph Beuys als Jahrhundertkünstler gefeiert. Das gibt Anlass zur Frage, wie relevant die Beuys‘schen Ideen und seine Kunst heute noch sind?

LIFE ist noch lange nicht Leben. Einsamer Besucher in Olafur Eliassons Bodeninstallation LIFE, 2021                                    Foto: Mark Niedermann

Gefeiert wird Beuys vor allem als Impulsgeber, als Sender, der seine Ideen mittels der Kunst als Vehikel durch die ganze Welt schickte, der als Werbender für die Vision einer zukünftigen Gesellschaft öffentlichkeitswirksam in Erscheinung trat. „To be a teacher is my greatest work of art“1 ließ sich Beuys im Rahmen seiner Amerikareise 1974 zitieren. Mit der hohen Anzahl an Studierenden, die letztlich für seine Entlassung als Professor an der Kunstakademie sorgte, schuf Beuys ein weitreichendes Netzwerk aus Multiplikatoren wie Johannes Stüttgen, der auch heute noch in aktiver Vermittlungspraxis in den offenen Dialog über die Soziale Plastik eintritt.

Mit der großen Schülerschaft knüpfte Beuys so ein Netzwerk aus Adepten, die den Beuys’schen Ideenkosmos, wenn auch in Abgrenzung dazu, weitertrugen. Das Zentrum der Beuys‘schen Kunst bildete jedoch die einst so schillernde Figur des Künstlers selbst, so dass sich nach dessen Ableben immer auch die Frage nach der Rezeption stellte. Hat sein Werk mit fortschreitender Zeit an Strahlkraft verloren?

Blick in die Ausstellung “Jeder Mensch ist ein Künstler”, Kunstsammlung NRW, Foto: Achim Kukulies

In der Kunstsammlung NRW läuft derzeit die von Isabella Malz, Catherine Nichols und Eugen Blume initiierte große Ausstellung „Jeder Mensch ist ein Künstler – Kosmopolitische Übungen mit Joseph Beuys“, in der lose Verbindungen von Beuys‘ aktionistischem Werk zu zeitgenössischen Positionen von Künstler:innen, Aktivisten und Akitistinnen und Vordenkern und Vordenkerinnen gezogen werden. So locker, dass die Verbindung auf den ersten Blick manchmal gar nicht zu erfassen ist und doch in der Vielfalt des Beuys’schen Werks begründet liegt. In 12 Themenfeldern wird deutlich, dass Beuys seinem Zeitgeist voraus war, dass er heute geführte Debatten bereits damals aufgriff und eine Veränderung im Denken bewirkte, deren Impulse bis heute nachwirken.

Besonderen Einfluss hatte Beuys wohl auf die ecological art, den Dialog zwischen Kunst und Nachhaltigkeit. Beuys hatte sich schon früh für die Grünen engagiert und Fragen bezüglich des Zusammenlebens von Mensch und Natur aufgeworfen, die dieser Tage relevanter sind denn je. Bis heute profitiert Kassel von der öffentlichkeitswirksamen Baumpflanzung beginnend 1982 im Rahmen der Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, in der Beuys grüne Utopien Wirklichkeit werden ließ.

Grüner See. Olafur Eliasson, LIFE, 2021 Foto: Mark Niedermann

Eine der Lichtfiguren der ecological art ist der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson, der bereits in der Vergangenheit mit spektakulären Installationen auf sich aufmerksam machte und momentan mit seinem raumgreifenden Ausstellungsprojekt „LIFE“ in der Fondation Beyeler zu erleben ist. Das mit dem Entfernen der Fensterscheiben nach außen geöffnete Museum verwandelt sich dort in eine giftgrüne Teichlandschaft und lädt Besucher und Besucherinnen ein, die Architektur und den umliegenden Park mit allen Sinnen zu erleben, über Formen der Koexistenz mit der Natur nachzudenken.

Ice Watch. Olafur Eliasson, Paris, 2015

Eliassons Kunst ist niedrigschwelliger als die Beuys’sche, wenn auch nicht minder politisch wie die Aktion „Ice Watch“ zeigte, in der Eliasson anlässlich der Klimakonferenz 2015 Brocken aus Gletschereis nach Paris bringen ließ und deren schnell fortschreitenden Schmelzprozess anschaulich vor Augen führte. Direkten Bezug zu Beuys nahm Eliasson mit dem Titel der 2006 im Lenbachhaus stattfindenden Ausstellung „Sonne statt Regen“, den der Künstler in Anlehnung an das Lied „Sonne statt Reagan“ von Beuys wählte, mit dem dieser sich 1982 für die Grünen und gegen die damalige Aufrüstungspolitik der USA engagiert hatte.

Ein weiterer bedeutender zeitgenössischer Künstler, der sich direkt auf Beuys bezieht, ist der chinesische Künstler Ai Weiwei. Das Plakat der vor zwei Jahren ebenfalls im K20 ausgetragenen großen Ausstellung, die unter dem Leitmotto „Everything is art. Everything is politics“ stand, zeigte den chinesischen Künstler wie er entschlossen auf den Betrachter zuschreitet. Ganz ähnlich dem Plakat und späteren Multiple „La Rivoluzione siamo Noi“ (1972), das Beuys in ähnlich energischer Haltung und als Anführer einer friedlichen Revolution durch Kunst vorstellt. Der handschriftlich hinzugefügte Titel veränderte sich von „Die Revolution sind wir“ bei Beuys zu „Wo ist die Revolution?“.

Die radikale Verschmelzung von Kunst, Leben und Politik ist ein Grundprinzip, das Ai und Beuys eint. Bei beiden Künstlern ist politisches Engagement fester Bestandteil der Kunst, greift Kunst in alle Lebensbereiche ein und verschmilzt die Künstlerfigur letztlich mit der realen Person. Mit den regimekritischen Äußerungen gegenüber der chinesischen Regierung und als verfolgter Dissident wird Ai mehr noch als politischer Kunst-Aktivist wahrgenommen.

Hase sei wachsam. Schlingensief mit Beuys-Hase

Auch der Theater- und Filmemacher, Aktionskünstler und politische Aktivist Christoph Schlingensief, dessen Ausstellung derzeit im K21 auf ihre Eröffnung wartet, sah Beuys als Schlüssel zur Auseinandersetzung mit der Kunst der Gegenwart und zitierte nicht nur Werke von Beuys, wie in „Mein Filz, mein Fett, mein Hase“ (1997), sondern eignete sich auch dessen Rollenbilder an, wurde in der typischen Kleidung gar eins mit der Künstlerfigur.

Mit Beuys wurde die Kunst kooperativer, wurde mehr zur Kunsterfahrung und implizierte eine zunehmend handlungsorientierte Praktik. In seiner Nachfolge entwickelte sie sich hin zu einem sozialen Medium mit offenem Ausgang. Es entstanden partizipative Produktionsformen, die sich kritisch mit gesellschaftlich relevanten Fragestellungen auseinandersetzen.

Im kürzlich erschienen „Joseph Beuys-Handbuch“ greift Bettina Paust das Thema der zeitgenössischen Rezeption von Beuys auf und macht deutlich, wie viel unerschöpftes Potenzial dem Forschungsbereich innewohnt.2

Die Rezeption von Beuys ist heute mehr ideeller Natur, statt formaler, wenig von konkreter Bezugnahme gekennzeichnet, wie auch die Ausstellung im K20 zeigt. Trotzdem gibt es immer wieder auch Künstler und Künstlerinnen, die sich auf die Motive oder die Materialität im Beuys’schen Werk beziehen. Für den amerikanischen Medienkünstler Matthew Barney ist zum Beispiel der erweiterte Skulpturbegriff von besonderem Interesse. So tauschte er Fett gegen Vaseline und setzte „Unschlitt Tallow“ (1977) sein Werk „Drawing Restraint No. 9“ (2005) entgegen, das die veränderlichen Materialeigenschaften zwischen kristalliner und fluider Form in ähnlicher Weise zum Ausdruck bringt wie das Werk von Beuys.

Julia Stellmann

 

1 Staeck, Klaus; Steidl, Gerhard (Hrsg.): Beuys in Amerika, Heidelberg 1987.

2 Skrandies, Timo; Paust, Bettina (Hrsg.): Joseph Beuys-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Heidelberg 2021.

Redaktion: Anke Strauch


Ist jeder Mensch ein Künstler?

Catherine Nichols, Foto: privat

“Mit der Frage beschäftige ich mich seit Jahren intensiv – Eugen Blume, mit dem ich das Beuys-Jahr gemeinsam kuratiere, noch erheblich länger – und habe dazu immer unterschiedliche Antworten gehabt. Momentan halte ich die Idee, dass jeder Mensch ein Künstler ist, für unsere beste Chance, ein universelles Subjekt zu finden, das Vielfalt und Komplexität nicht ausschließt. Es ist möglich, beispielsweise Frau, Anwältin, genderqueer, katholisch zu sein, und dabei Künstlerin. Und dieses Künstlersein, das bereits in jedem vorausgesetzt ist, verbindet mich mit allen anderen Menschen. Der Satz gibt uns also die Möglichkeit, dieses Wir zu bilden, was uns in der Gesellschaft gerade so wahnsinnig schwerfällt…
Auf heute übertragen, betrachte ich beispielsweise die drei Frauen, die 2013 den Hashtag “Black Lives Matter” in die Welt gesetzt haben, und vergleiche ihre “soziale Plastik” mit den Arbeiten eines Künstlers wie Theaster Gates oder Suzanne Lacy. Wo sind die Unterschiede, macht es überhaupt Sinn, sie zu vergleichen?” Catherine Nichols in Monopol


Yael Bartana, Resurrection I-II (Detail), 2020

Der Katalysator Joseph – Beuys und Demokratie heute

mit Arbeiten von Marwa Arsanios, Yael Bartana, Joseph Beuys, John Bock, Zuzanna Czebatul, Karolina Jabłonska, Nikita Kadan, Honorata Martin, Henrike Naumann, Ahmet Öğüt, Marcel Odenbach, Mario Pfeifer, Tracey Rose, Christoph Schlingensief, Paul Sochacki, Alex Wissel & Jan Bonny und Yarema & Himey.

Kuratiert von Ania Czerlitzki

2. Mai bis 29. August im Museum Morsbroich

 

 


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