Bulb Fiction
Tückische Verlockung. Miron Schmückle steht in der Tradition der Blumenmaler, zeigt uns jedoch eine hybride Natur. - Ein Atelierbesuch von Mariam Mchedlidze

Haluzinatorische Schönheit – erotische Verzückung. No title, 2021, water colors, Indian ink and pencils on cardboard, 125 x 183 cm (Ausschnitt)

Ich setzte mich vor der Ausgangstür auf den Boden, um meine Tasche zu sortieren, damit ich die beiden schönen Bücher, die Miron Schmückle mir mit auf den Weg geben will, verstauen kann. Werfe noch einen kurzen Blick auf den Porzellanteller, der da über meinem Kopf hängt. Blumen in einem tiefen Blau sind darauf gemalt. Es ist zu spät, um noch zu fragen, welche Verbindung etwa zwischen den Dekotellern da und seinen panoramatischen Gemälden bestünde, zwischen den Blumenmustern dort und dem üppigen Blumengewoge auf den Papierbahnen hier im Atelier.

Eigentlich war mehr als genug Zeit gewesen. Aber ich beschließe, es dem Betrachter zu überlassen, eine mögliche Verbindung zwischen Schmückles Kunst und den Ziertellern, die wir in unserer Kindheit an den Wände unserer Familie hängen sahen, zu ergründen.

Erst verlaufe ich mich im Hinterhof, als ich das Gebäude in Berlin-Kreuzberg betrete, rufe laut nach Miron, damit er mir hilft, den Hauseingang  zu finden. Bevor wir ins Treppenhaus gelangen, repariert er schnell noch die alte Eingangstür so, dass sie offen bleibt, was einen kurzen Dialog über Luftzüge entfacht, die sich manchmal über zwei, drei Stockwerke hochziehen.

Schmückles Atelier liegt oben im zweiten Geschoss, es ist zugleich seine Wohnung, Altbau, geräumig, zentral gelegen. Ich betrete dieses Wohnatelier und sogleich beginnen wir über unsere Erfahrungen mit verschiedenen Kulturen zu diskutieren, was das Ausziehen von Schuhen angeht, wenn man als Gast eine Wohnung betritt. Ich behalte mit Mirons Erlaubnis meine Schuhe an und folge ihm in die Küche, wo er einen Kräutertee aufsetzt. Der Tee wird mich durch meinen Besuch begleiten. Die Kräuter bezieht Schmückle übrigens aus dem eigenen Garten an der Ostsee, wie er mir gleich erzählt.

Wir nehmen den heißen Tee mit in die hohen Räume und platzieren ihn auf dem großen Esstisch, der mit einem dunkelroten Wandteppich bedeckt ist. Wir setzen uns so an den Tisch, dass wir gut in den Arbeitsbereich blicken können. Ein Großteil der Kunst, die er normalerweise in seinem Atelier aufbewahrt, ist bereits zu Bulb Fiction verschickt hat, die erste Ausstellung in der Galerie Setareh in Düsseldorf.

Während ich den Tee schlückchenweise aus einer Porzellantasse trinke, die, wie ich finde, dem Kräutertee einen ganz eigenen Geschmack verleiht, entspinnt sich unser Gespräch über alles Mögliche, bis es sich schließlich ganz von alleine seinen Bildern zuwendet. Der Gobelin über dem Tisch erinnert mich daran, wie Schmückles Gemälde im Kern abstrakt, aber doch unglaublich elaboriert sind. Seine Blumen erscheinen frei, sind aber dennoch ornamental gebunden. Der abstrakte Teil hat vor allem damit zu tun, dass ich Schmückles Kompositionen nie zuvor begegnet bin. Auch könnte ich nicht sagen, in welchem Habitat oder irgendeiner Art von vertrauter Umgebung diese wilden, üppigen, niemals exotischen Pflanzen schon einmal aufgetauch  wären. Wie er sagt, sind sie aus der Luft geboren und wild. Ihnen einen Ort zu geben, den sie bewohnen könnten, würde eine Erzählung in Gang setzen, was er kategorisch ablehnt.

In seinen Kompositionen finden sich keine Objekte, Tiere, Gegenstände, anhand derer sich die Größe der organologischen Gebilde vergleichen ließe. Sie könnten gleichermaßen in Mikro- wie in Makro-Universen existieren. Sie schweben in einem leeren, weißen Raum. Wir verweilen bei dem Thema des negativen, weißen Raums, in dem Schmückle seine Gebilde gerne schweben lässt. Er stimmt mit meiner Beobachtung überein, die wilden, skalenlosen Blumen bildeten ein Kontinuum im Raum. Ein Allover über den Rand des Blattes, der Leinwand hinaus.

Apropos Maßstab, Miron Schmückle führt mich durch seinen sehr ordentlich organisierten Arbeitsbereich. Er sucht sich den dünnsten, zartesten Pinsel heraus. Nur mit diesem arbeitet er zurzeit. Ich finde es erstaunlich, dass er selbst für das Einfärben großer Flächen, die manchmal eine ganze Wand groß sind, seinen allerdünnsten Pinsel verwendet. Schmückle beginnt eine neue Arbeit stets mit einer  Vorzeichnung. Die feine, linearen Komposition erinnert mich an eine wissenschaftliche Arbeit. Auf dieser Grundlage wird der Prozess des Malens (des Aquarelierens oder der Tusche-Malerei) sorgfältig und akribisch ausgeführt. Auch wenn Miron Schmückles rhizomartige Gewächse wie unkontrollierte, urwaldwilde Wucherungen erscheinen, haben sie einen wohl organisierten Prozess der künstlerischen Komposition durchlaufen.

Ich frage ihn, wie für ihn eine misslungene Komposition aussähe.  Als erst kürzlich beim Spiegeln der Komposition auf ein Papier die Zeichnung falsch herum herauskam, erinnert sich Schmückle, habe es “falsch” ausgesehen. Ich frage mich natürlich, ob es die selbstkritische Sicht des perfektionistischen Künstlers gewesen sein könnte? Doch lässt er mich mit einem der Bilder aus seinem Buch Una Terza Natura experimentieren. Wir drehen das Buch und eines der Gemälde steht auf den Kopf. Und – es funktioniert einfach nicht.

Als wir überlegen, warum sich genau das einstellt – dieses „falsch herum“ – gibt er zu bedenken, dass wir in der westlichen Kultur daran gewöhnt sind, von links nach rechts zu lesen. Der blockierte “Anfang” der Komposition, lässt das Auge nicht frei durch die Anordnung, die Bewegung, gehen.

Die Betrachtung des Gemäldes mit dem Stolpern über ein Hindernis zu beginnen, hindert den Betrachter daran, die Oberfläche sanft und frei zu erkunden, was im Gegensatz zu einem der schönsten Aspekte von Schmückles Arbeiten steht – dem Folgen der freien Bewegung, des Flusses und der vielen Richtungen, in die sich pflanzlichen Gebilde (oder sind es vielmehr Organe?) auszubreiten scheinen. Sich in eines seiner großen Bilder zu vertiefen, heißt auch sich einem Sog der Farben und Formen hinzugeben, sich hineinziehen zu lassen in einen Strudel aus ungeheuren Schlingen, verlockenden Blüten, korpuskuösen Fruchtständen, Staubgefäßen, Sexualorgnen, die sich schwindelerregen in einen Raum ohne Dimension, ohne Zeit und ohne Ende ausdehnen.

Ich frage den Künstler, ob ich das Gemälde sehen könne, auf das ich zuvor bei meiner Recherche bei Google gestoßen bin. Kann mich nicht an den Titel des Werks erinnern, doch es beschreiben. Kleine kreisförmige Berglandschaften, waren da inmitten von Pflanzengebinden aufgetaucht. Gehört es zu den Gemälden von Schmückle, die eine Assoziation zu Landschaft als dem möglichen Lebensraum verträumter, wildwuchernder Blumen aufzeigen? Aber auch hier vermeidet es Schmückle perfekt, eine Erzählung zu beginnen. Auch hier bleibt dem Betrachter ein Hauch von Surrealismus und die wundersame Abwesenheit eines konkreten Bezuges oder eines wirklichen Ortes.

Als wir uns einem der wenigen Gemälde zuwenden, die im Atelier hängen, sehen wir „Polyptoton – De Flore“, gemalt 2016. Ähnlich wie bei dem unbenannten Gemälde mit dem Blick auf die Bergwelten, ist hier eine Vase zu erkennen – eher ist es die  Andeutung einer Vase, vielleicht ein Halt, ein potenzielles Heim. Hier erscheinen die Blumen domestiziert, aber keineswegs gezähmt. Da die Vase nur angedeutet ist, ergibt sich meine Überlegung, dass dieses Gefäß nur eine vorübergehende Behausung für die in der Luft geborenen Pflanzen darstellt. Es wird die üppig blühenden Blumen niemals einschließen, sie eher in ihre Freiheit entlassen.

Schmückles Blumen pulsieren vor Leben. Auch wenn die Bilder das Auge der Blumen, ihre Blütenstände, zu preisen scheinen, so strotzen doch auch die Stängel, die Blumensockel, die Fruchtstände, ebenso voller Lebenskraft. Für mich sehen sie wie blaue Adern voller Blut aus, prall und gierig, vor Energie strotzend, in den weißen Raum des Gemäldes ausstrahlen, ausgreifen und hinüberdrängen; aber darüber haben wir noch gar nicht gesprochen.

 

Redaktion: Anke Strauch


BULB FICTION – Miron Schmückle

22.04. bis 03.06.21 bei Setareh/ Düsseldorf

 


 

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