Über die Anwesenheit
Zum Tod von Heide Pawelzik

Ohne Sprache – nennt Heide Pawelzik ihre große Berliner Bodeninstallation. Wir dürfen es als Warnung mit auf den Weg nehmen. Wer immer sich dem Werk dieser schweigsamen Künstlerin nähert, wird Worte und schon gar Begriffe am besten außen vor lassen. Sonst verpasse man vielleicht das Beste, das Eigentliche.

Nicht, dass sich ihre Installation in St. Elisabeth in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte (2018) den Worten entzöge. Es verhält sich gerade umgekehrt. Ihre Arbeit ruft zahlreiche verbale Anmutungen und Assoziationen hervor, regt zu unterschiedlichsten Wortkaskaden geradezu an: Meer, Wasser, Wellen Überschwemmung, schwimmende Kleider, Bootsflüchtlinge bis Migrantenflut. Und schon droht die verbale Beschreibung das Werk zu überlagern, zu überfluten, es festzuschreiben, wo es doch um eine Befreiung geht, um Kunst.

Ihre bisher größte Installation im ausgebombten, später zu einer Veranstaltungs- und Ausstellungshalle ausgebauten klassizistischen Kirchenraum weist zurück auf die Anfänge ihres künstlerischen Schaffens und kann als eine Summe ihrer Arbeit gesehen werden.

Es handelt sich hier um eine Installation. Eine Installation nicht nur im Raum, sondern für diesen besonderen Kirchenraum. Als essentieller Bestandteil ihrer Arbeit gibt sich zu erkennen, wie weit sich Heide Pawelziks künstlerische Idee im Raum selbst entzündet und mit diesem Raum entwickelt. Am Anfang, als inspirierendes Moment, steht der konkrete, von seiner Architektur und seiner Geschichte gezeichnete Raum. Auf ihn bezieht sich und aus ihm heraus entwickelt sie ihre Installation. Übersetzt man den Fachterminus „Installation“ wird ein Zusammenhang deutlich. Installation heißt a) Einbau, Anschluss (von Anlagen), b) Einweisung (in ein geistiges Amt), c) Überspielen eines Programms.

Eine Rauminstallation in der bildenden Kunst ist ein raumgreifendes, ortsgebundenes und oft auch orts- oder situationsbezogenes dreidimensionales Kunstwerk. Harald Szeemanns berühmter Ausstellungstitel ‘When Attitudes Become Form´ (1969) fasst das besondere Spannungsverhältnis von Haltung einerseits und Form anderseits in eine gültige Formel. Seit Ende der 1970er Jahre hat sich der Begriff aus und parallel zur Konzept- und Minimal Art, der Arte Povera und der Materialassemblage entwickelt. Dieser kunstgeschichtliche Zusammenhang ist keineswegs unbedeutend, will man sich dem Werk von Heide Pawelzik nähern. Denn ihre Kunst ist nicht allein raumbezogen, was den Ort ihrer Installation, sondern auch was ihre kunstgeschichtliche Verortung betrifft. Die Bezüge zur Konzept-Kunst und ihren Derivaten treten deutlich zu Tage; sie werden, was Idee, Haltung, Reduktion, serielles Arbeiten, Wahl und Einsatz der Materialien etc. betrifft, in den konkreten Ort übersetzt und dort zu ihrer aktuellen Erscheinung gebracht. Ohne Sprache – will insofern als Warnung ernst genommen werden, als hier nichts Erzählerisches, keine nacherzählbare Story zur Aufführung kommt, schon gar keine politisch-moralische Anklage erhoben wird, vielmehr sehen wir eine Rauminstallation, also ein Stück konzeptueller Kunst: O.S.

Noch etwas zeigt ihre Berliner Arbeit. Es handelt sich um eine Bodeninstallation (wie es die Mehrzahl der Installationen Heide Pawelziks sind). Und es handelt sich um eine begehbare Plastik. Die Abwesenheit von Menschen und im Gegenschuss die Dominanz der sich über fast den gesamten Boden ausbreitenden refliefartigen Struktur, schließen den Betrachter keineswegs aus. Er wird – und das mag das Überraschende sein – konzeptuell einbezogen. Er wird zum anwesenden Abwesenden. Die Bodenarbeit breitet sich ihm, dem oder der aufrecht Stehenden, Umhergehenden zu Füßen liegend aus. Sie wird damit zur Überblickslandschaft, wie sie uns mit der europäischen Landschaftsmalerei vertraut wurde. Wir nehmen die Installation aus einer Bird´s Eye-Perspektive wahr. Wiederum bezogen auf den gewählten Ort St. Elisabeth erscheint diese minimalisierte, auf wenige amorphe Formen reduzierte Landschaft als eine Erinnerungslandschaft. Erst der sakrale Raum mit seinen unverkennbaren Kriegsspuren lässt das Landschaftsbild hier wie eine Historienlandschaft erscheinen. Ohne jedoch eine konkrete Geschichte erzählen zu wollen: O.S.

Ein weiterer Gesichtspunkt tritt hinzu. Wir können diese Landschaft begehen. Es ist eine Errungenschaft des Englischen Landschaftsgartens aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, als man das Landschaftsbild (landskip) als begehbar entdeckte. Der Besucher solcher Gärten konnte sich selbst mit im Bild sehen. Diese Entdeckung in den Raum übertragen, macht den Reiz und die Wirkung der zeitgenössischen Rauminstallation aus. Wir erleben uns im Raum, üben einen Umgang ein, machen körperliche, also sinnliche Erfahrungen, üben uns in sinnlich-emotionalem Gewahrsein, Gefühle werden hervorgelockt, spüren der sich darbietenden Atmosphäre nach. Das alles gelingt aller Erfahrung nach am besten non-verbal, ohne Sprache.

Atmosphären ergeben sich aus dem synästhetischen Spiel von Erscheinungen, aus denen sie gebildet sind. Atmosphären sind aber keine ominösen „Halbdinge“ (Jakob Böhme), sie sind ein aus Gerüchen, Geräuschen, Sichtbarkeiten, Gesten, Symbolen und Witterungen komponiertes Erscheinen in einer Situation, das die, die sich in diese Situation hinein begeben, auf die ein oder andere Weise betrifft. Lassen sie sich unbefangen darauf ein, werden sie dort aufmerksam und gewahr, können sie ihre Umgebung in einem atmosphärischen Erscheinen wahrnehmen. Es scheint jäh auf, plötzlich. Ein Erstaunen greift um sich. Sprachlos stehen wir da. Es ist mehr ein sinnhaftes Vernehmen als ein verbales Verstehen: O.S.

Ein besonderes Spannungsverhältnis baut sich auf: Anwesenheit/Abwesenheit, Material/Inhalt, Einfachheit/Komplexität, Abstraktion/Konkretion, usw. Ein stets wieder zu erkennender Zug ihrer „Räume“ seit 1987 Gegenräume 1-3, Tisch, Lazarett, Nachlass und Kanon ist ein eigenartiger Schwebezustand, auch als „Zwiespältigkeit“ (Annelie Pohlen im Katalog Installationen, Bonn und Oldenburg 1990) beschrieben. Aber diese Zwiespältigkeit wird vieldimensional, weitet sich.

Zwischen Prenzlauer Berg/Berlin und Caillabe/Aquitanien liegen gut 1800 Kilometer. Die Weite suchte sie in den letzten Jahren, den unendlich weiten, weißen Strand und den Blick übers Meer. Heide Pawelzik hat nach schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren die Weite gewonnen.

 

 

 


Ein Katalogbuch, Übersicht über ihr weit verzweigtes Werk, hat Heide Pawelzik noch kurz vor ihrem Tod fertig gestellt. Er wird in Kürze erscheinen. 

Mit der Künstlerinnengruppe Zart & Zackig wird sie im Künstlerforum in Bonn mit einer Raumarbeit präsent sein (28.03. bis 18.04.2021). Ihr langjähriger Künstlerfreund Douglas Swan (* 1930 in New Britain, Connecticut; † 7. Juni 2000 in Bonn) wird derzeit nur ein paar Meter entfernt, im August-Macke-Haus in einer Einzelausstellung geehrt.

 

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Kommentare

  1. Hallo,
    was ist das für ein Material, das die Bodeinstallation bildet ?
    Würde mich interessieren. Danke und
    Grüße
    Heike Pallanca

  2. Danke, lieber Carl Friedrich,

    für diese Erinnerung an eine große, aber sehr bescheidene und zurück gezogene Künstlerin!
    Herzlich Gerhard Pfennig

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