Steffen Jopp ist semihard
bei Mouches Volantes, Ebertplatzpassage, Köln

 

~ Von Julia Stellmann, 04.03.2021 ~

Mit der Sonne aus der Sicherheit der häuslichen Umgebung, dem Vorhang hinter dem Fenster hervorgewagt, treibt es mich den Rhein hinauf nach Köln und dort zum Ebertplatz, dem schönsten städtebaulichen Desaster.

Auf asphaltierter Tiefebene, im Auge des Verkehrskarussells, lädt der Lichthof rund um den Brunnen zum Verweilen ein, ist er Mittelpunkt im geschäftigen Treiben vorübereilender Massen. Tagsüber Aufenthaltsort, zentraler Verkehrsknotenpunkt. Abends betonierter Schandfleck, der sich von nächtlicher Dunkelheit umfangen zum über die Stadtgrenzen bekannten Angstraum kehrt. Als Schauplatz bewegter Geschichte hat sich der Ebertplatz, dem zwischenzeitlich sogar das Zumauern der unterirdischen Passagen drohte, doch längst selbst zum Denkmal etabliert.

Aufgewertet von hölzernen Sitzbänken und Food Trucks finden sich in den unterirdischen Gängen, in der polygonalen Wabenstruktur Geschäfte, für die der Angst- zum Schutzraum wird, Kunstorte, die sich unter der schwer auf ihnen lastenden Betondecke zu behaupten suchen.

Unter Tage. Ladenpassage Ebertplatz mit Mouches Volantes, Foto Dirk Rose

In den ehemaligen Räumen von Bruch & Dallas ist nun der Ausstellungsraum Mouches Volantes beheimatet, mit einem Programm, das als schwarze Schlieren vor die Augen tritt, die BesucherInnen aufstört, auf ihr klares, unbeflecktes Weltbild irritierend einwirkt. Suchend, ohne genau zu wissen wonach, fällt der Blick durch das bodentiefe Schaufenster in eine Ausstellung, die das Außen ins Innen holt, in welcher das Innerste nach außen gekehrt wird.

Weltenfremdes Sexobjek, Foto Dirk Rose

Absurde Figuren aus glänzendem Edelstahl mit scharfen Kanten haben sich unter der Erde eingenistet, sich eingegraben unter dem Ebertplatz. Vor einem Dschungel aus winzigen Haaren, die überdimensioniert in die Bildwelt ragen, behaupten sie sich weithin sichtbar in der brutalistischen Betonlandschaft. Unbelebtes Material, blank polierte Oberfläche formt sich zu fremden Wesen aus einer fremden Welt, die doch seltsam vertraut erscheinen. Etwas abseits, wie zufällig von einem Narrativ überspannt, bleibt der abgelegte Brutpanzer zurück, zeugt von Leben, von einem Prozess des sich Herauswindens, der Metamorphose, einem Ausbruch aus dem Korsett gesellschaftlicher Norm. Aus innerer Dunkelheit zu einer Form gefunden, die sich zu behaupten sucht auf unbekanntem, spiegelnd glattem Grund. Kupferrohre krallen sich wie Beine eines krabbelnden Getiers, wacklig, verletzlich in die Bodenrillen, finden unsicheren Halt in einer Welt, die unbeweglich scheint, die in ihrer Hochglanzoptik keinen Raum für Zwischentöne lässt.

Brutpanzer, Foto Dirk Rose

Der Hintergrund ruft Assoziationen an aufgeknöpfte Hemden wach, die von Eigenurin korrodierten Objekte erinnern an ultimativ männliche Gesten der Reviermarkierung. Kaltes, hartes, scharfkantiges Ich, unnachgiebig, das sich trotzig ins Zentrum stellt, den Blick abweist und anzieht zugleich. Ist doch ebenso ein fragiles, lebendiges Wesen, ein fühlendes Ich, das den vorgegebenen Identitätskonstruktionen nicht standhält, einem unhinterfragten Bild von Männlichkeit als Stärke allein. Und gerade deshalb standhält, weil Stärke Verletzlichkeit heißt, weil es das Zulassen von Unsicherheit, das Bitten um Hilfe bedeutet, weil in vermeintlicher Schwäche eine besondere Form der Stärke liegt. So werden nicht glatt rasierte Haut, sichtbare Werkspuren in ihrer Imperfektion zur Perfektion. Bleiben Spuren des Schaffensprozesses sichtbar, weil nichts versteckt werden muss, weil es kein Richtig und kein Falsch gibt, weil sich die Freiheit der Sicherheit entzieht und in Sprache gegossene Fehlkonstruktionen überwindet.

Gesichtsschild, Foto Dirk Rose

Anthropomorphe Wesen, hineingeboren in eine Gesellschaft, die einen Sichtschutz trägt, deren Blick nie weiterreicht als bis an die Grenzen der bekannten Welt, deren Augen verschlossen sind vor dem Dahinterliegenden, vor Gefühlen, die so anders sind, weil bislang ungekannt. Sichtbar gemachte Schranken im Kopf, die durch einen Spalt hindurch die Wirklichkeit erahnen lassen und Ausblick in ungeahnte Höhen und Tiefen gewähren, die in ihrer puren Form nicht salonfähig sind.

Steffen Jopps Kunst ist wie er selbst, bestechend ehrlich, unmittelbar. Sie ist eindringlich, ohne aufdringlich zu sein. Auf dem Spiegelparkett vorgegebener Konventionen findet seine Kunst Halt in den Wachstumsfugen unserer Gesellschaft. Dabei ist der Künstler, wie in Brutpanzern seiner selbst, seiner künstlerischen Entwicklung, in jedem seiner Werke greifbar, ohne tatsächlich physisch anwesend zu sein. Changierend zwischen bewusster Kontrollabgabe und Kontrollverlust ergänzt eine Soundinstallation das haptische Werk, lassen sich alle Objekte gleichsam mit Augen und Ohren betasten. Weiche Worte mit harter Stimme vorgetragen, wecken sanfte Begehrlichkeiten, erzählen von geheimen Begierden. Aus dem Ausstellungsraum erklingt eine Symphonie der Zwischentöne, der Gegensätze und Fragen, die sich in Bässen auf die Schaufensterscheibe, auf die BesucherInnen selbst überträgt und diese gleichsam in Begehren wie Unbehagen zurücklässt.

Als ich den Ebertplatz verlasse, fühle ich mich ein wenig fremd in der Welt und doch ganz gewöhnlich. In der spiegelnden Oberfläche kaleidoskopisch in Einzelteile fragmentiert, in all die Aspekte, all die Eigenschaften meiner selbst, frage ich mich, ob es nicht an der Zeit ist, sich aus dem Brutpanzer herauszuwagen, den Sichtschutz abzunehmen – aber vielleicht wollen wir auch nur stets Zusammenhänge ausmachen, Bezüge sehen, wo keine sind.

 


„Semihard“ von Steffen Jopp bei Mouches Volantes
Kuratiert von Ihsan Alisan noch bis 06. März zu sehen


 

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