Aus dem Stabilbaukasten

 

~ Von Carl Friedrich Schröer, 16.12.2020 ~

Olaf Metzel ruft aus dem Taxi an. Er ist auf dem Weg in seine Berliner Galerie. Seine aktuelle Ausstellung „Olaf Metzel“ steht da fertig aufgebaut, doch dürfen die Besucher nur scheibchenweise rein, VERY SOFT OPENING, heißt das neuerdings. Er ist „absolut angewidert“ vom Lockdown. Eigentlich wollte Metzel (geb. 1952) die erste Skulptur einer neuen Serie von inzwischen acht Arbeiten vorstellen: „Berliner Kindheit“, ein Aluminiumguss (130 x 100 x 115 cm) in schönstem Berliner Grau. Durchs Handy klingt er beinahe resigniert, „was hilfts, wenn Du da fast alleine rumstehst“.

Berliner Kindheit, 2020

Kindheitsmuster als Kontrastprogramm. Anlass und Ausgangspunkt der neuen Serie war ein Buch, vielmehr die schöne zweibändige Werkausgabe von Walter Benjamins „Berliner Chronik/Berliner Kindheit um 1900“. Die Lektüre führte Metzel unwillkürlich zurück in die eigene Berliner Kindheit. Die Regale der Speisekammer voller Einmachgläser, das „Aufwartefräulein“ von Familie Metzel hatte eingeweckt. Der Duft der Bratäpfel bei Oma, oder das lärmende Ambiente der Stehbierhalle „Blauer Affe“ auf dem Kottbusser Damm. Was schon Benjamin eindrücklich beschreibt, hat Metzel noch kennen gelernt, bevor sie alle in die „Neubaughettos“ umzogen und die Mauer gebaut wurde.

„Erst war da so ein breiter Pinselstrich über die Straßen gezogen. Auf einmal stand sie da, die Mauer. rosane Hohlblocksteine quer durch die Stadt.“ Gleich beim Paul-Lincke-Ufer, wo die geräumige, elterliche Altbauwohnung lag, baute man eine hölzerne Behelfsbrücke über den Landwehrkanal, den „Lohmühlensteg“. Die Lohmühlenbrücke daneben war mit dem Mauerbau plötzlich nicht mehr passierbar. „Kreuzberg wurde dann eine andere Stadt.“

Weihnachten 1958 hatte Olaf von seinen Eltern, der Vater aus altem Berliner Steinmetzadel, die Mutter aus der Hutdynastie Weimann, einen nagelneuen Stabil-Baukasten (Bild) der Berliner Firma Walther & Co. bekommen. Die Wohnung am Paul-Lincke-Ufer lag parallel zum Landwehrkanal, „heute absolut gentrifiziert“. Aber erst mal baute und schraubte Olaf was das Zeug hielt an seinem neuen Metall-Baukasten STABIL. Der Inhalt war laut Gebrauchsanweisung zum kreativen Nachbau von Kränen und technischem Gerät gedacht. Doch ließ sich, fand Olaf schnell heraus, genauso gut alles ineinander schachteln – verschrauben, stapeln und verbiegen. „Man musste ewig schrauben“, erinnert er sich, „irgendwann war mir das zu blöd“. Die Schachtelsysteme aus verschraubten Eisenplatten und perforierten Metallschienen erhielten ein paar kräftige Fußtritte, Ergebnis: „Zertretener Kubismus“.

Guter Rat an die Eltern von heute, sie sollten gut überlegen, was sie den Kindern so schenken. Es könnte prägend sein. Die Produktion von Walther´s Stabil-Baukasten wurde 1970 eingestellt, das Firmengelände verkauft, die Metzels zogen weiter.

In diesem „kaputten“ Jahr 2020 machte sich Olaf Metzel an die Arbeit, baute drei „Stabilbaukästen“, „Alles Nieten“ oder „Kaputt“ (nach Cruzio Malapartes Romantitel), Skulpturen, die noch auf ihre Ausstellung warten. Einstweilen hat Olaf Metzel seine Kindheitserinnerungen zu Papier gebracht.

Letzte Erinnerung an selige Weihnachten: Der Vater fuhr den Sohn im Winter mit seiner Borgwart-Isabella zur Schule, unterwegs kurvten sie über den Herrmannplatz. Dort standen Schupos mitten auf dem Platz und regelten den Großstadtverkehr. Ampeln waren noch nicht erfunden. Zur Weihnachtszeit stellte man ihnen Hochprozentiges vor die Tonne, wegen der Kälte. „Biegt man heute vom Hermannplatz kommend in die Sonnenallee ein, wäre es aus damaliger Sicht die reinste Märchenwelt, eine komplett arabische Welt.“

Schnaps auf der Tonne. Schupo auf dem Tauenzien um 1960

 


 

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