Das pure Sein vor der Kamera
Lucent Man. Der neue Film von Lutz Mommartz

Lutz Mommartz / 2020 / 45 min. / DV / Farbe / eiskellerberg.tv production / Konzept: Yaël Kempf & Carl Friedrich Schröer / Bildregie & Schnitt: Yaël Kempf / Gespräch Julia Stellmann

Wurde je der Beginn einer Filmer-Karriere schöner beschrieben? „Ich hatte die Spikes an den Nagel gehängt, das Malen aufgegeben und war Oberinspektor bei der Stadt Düsseldorf.“ Über Weihnachten besuchte er Schwester und Schwager in Uganda, die dort mit dem Aufbau einer Farmschule beschäftigt waren. Ganz nebenbei griff sich der Oberinspektor die 8mm Kamera und filmte ein kariertes Tischtuch, das da in der Sonne zum Trocknen hing – formatfüllend. Die wunderschöne afrikanische Landschaft dahinter, war nur zu sehen, wenn der Wind einen Zipfel hochwehte. Doch der Wind spielte nicht mit. Das Federwerk lief ab, bevor der Wind seinen Dienst tat. „Also nahm ich das Schicksal in die Hand, schaltete auf Einzelbild und ließ Blümchen im Kreis hüpfen….Unverhofft befand ich mich zwischen Zufall und Fügung – ich war Filmer.“

So geschehen 1963. Lutz Mommartz (*1934) ist dennoch kein Naturfilmer geworden, sondern ein Zwischenfilmer. Im Dazwischen ist sein Lieblingsort. Zwischen Experimental- und Dokumentarfilm, zwischen Chronist und Selbstdarsteller, zwischen Lebensexperiment und utopischer Weltformel. Am Liebsten widmet sich Mommartz aber dem Leben selbst. Weil zu sehen seine intensivste Art zu leben ist, kommt er unwillkürlich zum Filmen. Unaufhörlich beobachtet er seine Umgebung, macht sich so seine Gedanken beim Sehen und wie sich das Gesehene optisch darstellen ließe. Also begann er mit dem Filmen.

In ZWEILEINWANDKINO (1968) „Gegenüber“ und „Rechts/Links“ mit Kiki Meyer und Sigmar Polke in den Hauptrollen, steht der Zuschauer zwischen zwei gegenüberliegenden Leinwänden. Der Zuschauer sitzt hier nicht länger im Klappsessel, er steht zwischen den Leinwänden, spielt die Hauptrolle und übernimmt wahlweise die Rolle des Cutters. Auf der Leinwand fliegen die Fetzen.

In der Kunsthalle lässt er 1968 die Simultanschau vom Stapel. Sieben über den großen Saal verteilte Projektoren, Lautsprecher- und Verstärkeranlagen rattern, dröhnen, sprudeln alle seine Filme über- und ineinander an die Wände. Zweileinwandkino gelangt zur documenta 4 in der Orangerie zur Uraufführung. Dann 45 Jahre nicht, das 16 mm Material ist verschlissen. Erst 2014 macht sich das IMAI an eine Rekonstruktion und zeigt die Doppelprojektion zur Quadriennale 2014 im NRW-Forum.

Um das eigene Lebensexperiment und die Frage, zu was der Mensch in der Lage ist zu sehen, zu denken, zu tun interessiert Lutz Mommartz unermüdlich bis heute. „Wieder reizte mich das Spiel mit dem Zufall. Doch ich wollte nicht einfach auf ihn warten oder ihm hinterherlaufen. Ich wollte mich und meine Freunde provozieren, wie ich es immer getan habe…“

So kam Lucent Man zustande. Mommartz ließ sich auf das Experiment ein, sein erstes Zoom-Erlebnis. Mommartz führt die Handy-Kamera und spricht über sich und sein großes Thema, das ihn seit Jahren wie kein anderes bewegt: den durchsichtigen Menschen. „Der durchsichtige Mensch“ wäre im Foyer der Kunsthalle zu sehen. Doch ist die leider bis auf weiteres geschlossen. 2017 hat er mit „Steuererklärung“ begonnen, sein Thema filmisch zu fassen, aber erst in der Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg fand er das icon, das ihn zur Fortsetzung seines Films animierte. Lucent Man ist die Erweiterung, Vertiefung und Fortsetzung von „Der durchsichtige Mensch“ im Schwebezustand der Corona Pandemie und läuft ab heute bei eiskellerberg.tv im Netz.

 


Kunsthalle Düsseldorf

mommartzfilm 1964 – 2020. Premiere & Werkschau

bis 7.2.2021


Filmwerkstatt Düsseldorf

bis 17. Januar 2021

Ausstellung Film, Gruppe, Werkstatt – Lutz Mommartz und die Filmwerkstatt Düsseldorf, kuratiert von Jan Wagner. Die Gemeinschaftsproduktion Der gerechte Krieg 1525 (Regie: Lutz Mommartz und Hartmut Kaminski) wird zum Anlass genommen, die Entstehungsgeschichte der Filmwerkstatt darzulegen.


Am 12. Dez. erscheint im Doppelpack Katalog und Buch zur Ausstellung.

Der Katalog wird von Renate Buschmann betreut; im Buch schreibt Lutz Mommartz über sein Leben, seine Filme, Filmstils gibts dazu.  Kettler Verlag: MOMMARTZFILM – 1964 -2020, 2 Bände. Überblick über das Lebenswerk in knapp 700 Seiten.

 

 

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