Im Schwebezustand
KWI stellt Sozialfiguren der Corona-Pandemie vor

 

~ Von Carl Friedrich Schröer, 09.12.2020 ~

Schwebezustand bringt es ganz gut zum Ausdruck. Etwas löst sich auf, verflüchtigt sich; Neues ist noch nicht ganz greifbar. Gegen Mittag klingelte es. Was in letzter Zeit immer seltener geschieht. Ich gehe zur Tür, niemand da. Ich mache mich, home-officer, wieder an die Arbeit, um weiter an diesem Text zu schreiben. Da steht Lutz Mommartz in der Tür.

Foto: Julia Stellmann

Er ist von einem Besuch seiner Ausstellung (die gar nicht erst eröffnet werden konnte), die Treppe hochgestiegen und steht nun vor mir. Haben wir und doch erst für die kommende Woche zu einem Gespräch verabredet!. Oder habe ich mich um eine ganze Woche vertan! Nun steht er leibhaftig vor mir, der wirkliche Lutz Mommartz?: Oder ist er schon Teil der Extended Realities (XR), wie jetzt das New Yorker New Museum und ONX Studio ankündigen: Bodies in Space in Live Performance

Donnerwetter! Auf die Dauer geht uns die Wirklichkeit verloren. Schon jetzt mein Favorit für das Wort des Jahres 2020: „Wirklichkeit“.

In „Zwischenzeiten“ wie der andauernden Corona-Pandemie schießen sonderbare Sozialfiguren – Pilzen gleich – aus dem Boden. Ob man sie nun mag oder nicht, sie machen sich breit, man bewundert oder hasst sie, man meidet sie und am Ende identifiziert man sich sogar mit ihnen. „In ihnen verdichten sich jene Erfahrungs- und Problemlagen, die den alltäglichen Umgang mit der Pandemie prägen. Die Figuren und ihrer Geschichten dienen auch prima als Blitzableiter. Wir können uns an ihnen abreagieren und das artikulieren, was uns in der derzeitigen Lage‚ unter den Nägeln brennt.“ Das KWI legt dazu jetzt die Blogreihe Sozialfiguren der Corona-Pandemie auf.

Lange nichts gehört von den Kulturwissenschaften zum Thema der Saison. Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI), ein Forschungskolleg für Geistes- und Kulturwissenschaften in der Tradition internationaler Institutes for Advanced Study, hat Sebastian J. Moser (Universität Tübingen) und Tobias Schlechtriemen (Universität Freiburg) eingeladen, die „Sozialfiguren der Corona Pandemie“ vorzustellen. Da stecken wir doch mittendrin. Wir befinden uns in diesem Schwebezustand zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“ oder „schon wieder“. Die Quarantäne ist das ideale Biotop, in dem die seltsamsten Sozialfiguren gedeihen und prächtig aufschießen. Am Anfang stand bekanntlich der mit Bergen von Klopapier den Supermarkt verlassende „Hamsterkäufer“.

Den Anfang der Reihe macht allerdings  der „Patient 0“, gefolgt von der „volksnahe Landesvater“ und den „Corona-Kindern“. Bis Februar 2021 kommen u.a. der „Maskenverweigerer“ der „Absager“, die „Risikogruppen“ und zuletzt die “Virologen“ dran.

Leseprobe gefällig: “Patient 0 ist krank und: Er ist ansteckend. Mitunter bekommt er davon gar nichts mit, weil er keine Symptome zeigt. Dennoch – und gerade wenn er selbst davon nichts merkt – überträgt er die Viren auf andere Menschen, auf viele Menschen. In der Folge weitet sich die Krankheit zu einer Epidemie oder sogar Pandemie aus. Patient 0 bildet dabei den Ausgangspunkt der Ausbreitung. In der Regel wird Patient 0 (epidemiologisch: der Indexpatient) erst im Nachhinein bestimmt. Epidemiolog*innen betreiben dazu das contact tracing, bei dem sie die Ansteckungsketten rekonstruieren. Angesichts gravierender Folgen wird zudem nach der Schuld gefragt – und sie wird dort gesucht, wo alles anfing: bei Patient 0.“

Im Tiroler Skiort Ischgl tauchte etwa zeitgleich eine Variante von Patient 0 auf: der ‚Superspreader‘. So wird der Barkeeper der Après-Ski-Bar Kitzloch genannt.

Aufschlussreich auch die Figur des „Landesvaters“ Der bayerische Ministerpräsident gleich forsch in einem Spiegel-Interview (vom 23. März 2020): „In der Krise wird oft nach dem Vater gefragt.“ Markus Söder wird in diesem Gespräch als Politiker und als Privatperson, und damit genau in der Doppelrolle adressiert, die jetzt zählt. Das politische Gemeinwesen wird auf die kleinere Sozialformation der Familie projiziert, um vertraute Verhaltensmuster aus dem gesellschaftlichen Nahbereich übertragen zu können. Söders Satz könnte auch als traditionsbewusste Selbstvergewisserung eines Politikers gelesen werden, dem es ein halbes Jahr zuvor nicht gelungen war, eine Frauen-Quote in der CSU durchzusetzen.

„Paternalistisches Charisma allein reicht nicht“, schreibt Julika Griem über den Landesvater. Das musste besonders Armin Laschet in NRW erfahren. Auch für ihn ist der Wettbewerb um fürsorgliche Corona-Krisenfestigkeit ein Ringen um politische Macht im Bund. Während Friedrich Merz in diesem Wettbewerb bisher kaum landesväterliche Bilder mobilisieren konnte und eher das Rebellentum des betrunken Mofa fahrenden Sauerländer Sohnes zu konservieren trachtet, hat sich Söder in eine aussichtsreiche Position als Hardliner und möglicher Kanzler-Kandidat katapultiert am 6. Dezember hat das bayerische Kabinett erneut den landesweiten Katastrophenfall ausgerufen. Doch mischt die Unvorhersehbarkeit des Pandemie-Verlaufs die Karten ständig neu durch.

Das Schaulaufen um anschlussfähige Auslegungen der Sozialfigur des Landesvaters findet unter den Bedingungen des in der Pandemie so vielzitierten föderalen „Flickenteppichs“ statt. Für Laschet und Söder geht es um die Frage, wie man auf dem Flickenteppich fliegt, ohne sich im Gewebe zu verheddern.

Schwieriger ist es, die „Corona-Kinder“ zu beschreiben. Stefan Höhne widmet sich der dieser Sozialfigur mit einem Rückblick, der auch nicht ohne ist: „Als die amerikanische Regierung im Frühjahr 1942 begann, die Zivilbevölkerung mit Gasmasken auszustatten, um sie auf mögliche Giftgasangriffe der Achsenmächte vorzubereiten, waren es die Kinder, deren Schutz und Ängste man besonders im Blick hatte. Um deren möglichen Widerwillen gegen das Tragen dieses überlebenswichtigen Geräts entgegenzuwirken, kreierte das US-Militär in Zusammenarbeit mit Walt Disney eine spezielle Version. Sie war nicht nur leichter und komfortabler, ihre farbenfrohe Gestaltung war zudem einem beliebten Cartoonhelden nachempfunden: Mickey Mouse.“

Mickey Mouse Gasmaske von 1942 (JoeInSouthernCA, CC BY-ND 2.0, creativecommons.org)

Man hoffte, den Kindern die Ängste vor der Maske nehmen und ihnen ein möglichst langes Tragen als Teil eines Spiels weismachen zu können. Dies würde ihre Überlebenschancen im Falle eines Angriffs entscheidend steigern. Die Idee war so durchschlagend, dass auch die britische Regierung bald ein eigenes Modell der Mickey Mouse Gasmaske herstellte und massenhaft unter der Bevölkerung verteilte. Verpackt in eine Pappkiste und an farbigen Bändern über der Schulter getragen, avancierten derartige Masken für mehrere Jahre zu einem tagtäglichen Begleiter für Millionen von britischen Kindern.

Auch aktuell steht die Sorge um das kindliche Wohlergehen im Zentrum des öffentlichen Interesses. Doch ist ihre Sozialfigur gespalten. „Corona-Kinder“ gelten als „heimtückische Superspreader“. Anderseits gelten sie als die primären Opfer und Leidtragenden der Krise.

„Jede Kita ist ein kleines Ischgl.“ textete etwa Der Tagesspiegel. Da die Kinder in den allermeisten Fällen keinerlei Symptome zeigen, gelten sie als besonders heimtückische Verbreiter des Virus, vor dem insbesondere die Großeltern und andere Risikogruppen zu schützen seien. Die Schließung der Parks, Sportplätze und Grünanlagen, war die Folge. Mehr als ein halbes Jahr später, ist immer noch unklar, wie gefährdet Kinder wirklich sind und welches Risiko zur Ansteckung mit dem Coronavirus von ihnen ausgeht.

Es bleibt eben Vieles in der Schwebe in diesen Tagen. Unsichtbar, aber wirksam schweben die Viren von einer Sozialfigur zur nächsten. Uns bleibt keine Wahl, einer Sozialfigur werden wir demnächst auch zugerechnet werden.

 

Schöne Grüße vom Eiskellerberg

 



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