Vom Finderglück
Zum 75. Geburtstag von Bernd Jansen

359 Canal Street, NYC. Bernd Jansen mit “Burt” Wutsusara beim Schach. Keiko (einkopiert) schaut zu, New York 1979

Über die neuerlichen Streitigkeiten zwischen Essen und Düsseldorf, wer denn nun die schönste Fotostadt im Lande ist, kann Bernd Jansen nur lachen. Oder sein Lied davon singen. Er ist sozusagen die leibhaftige Figur, die in beiden Städten, beiden Welten zu Hause ist. Ein Koloss der neueren Fotografie, mit einem Bein hier, mit dem anderen dort stehend. Kein Grenzgänger, eher ein überzeugter Einzelgänger, der uns vorlebt, wie vorsintflutlich solches Lagerdenken ist.

1976 zog Jansen in die Einbrunger Mühle ein und lebt und arbeitet bis heute unverdrossen im Backsteinbau am Schwarzbach, dem Grenzflüßchen am nördlichsten Ausläufer Düsseldorfs zum Ruhrgebiet hin. Nach Essen sind es keine dreißig Kilometer.

Zuletzt sah man ihn bei SUBJEKT und OBJEKT. FOTO RHEIN RUHR zwischen zwei seiner Fotografien stehen. Links sein Doppelportrait von Bernd und Hilla Becher, rechts Otto Steinert. Bei Steinert ging er ab 1966 in die Folkwangschule in Essen-Werden; mit den Bechers wohnte er Seit an Seit in der Einbrunger Mühe (wo das frisch verheiratete Paar im Herbst 1961 einzog).

Aus der Serie Schlangenhaut, Sigmar Polke bleibt ausnahmsweise auf dem Teppich, 1973

Doch steht Jansen nicht zwischen den Klassen, Schulen oder Stühlen. Seine Abschlussarbeit nimmt sich die Künstler seiner Gegenration zum Thema. Die unübertroffene, legendäre Reihe „Portraits aus der Düsseldorfer Kunstszene“ entsteht (1968-1975). Es sind eigene Portraits von Anatol, Beuys, Broodthaers, Brüning, Bühl, Erben, Heerich, Kricke, Kriwet, Mack, Palermo, Polke… Die Serie Sigmar Polke als „Pin-up Weihnachtsmann“ und mit „Schlangenhaut“, die Jansen 1973 auf dem berühmt-berüchtigten Gaspelshof machte, sorgten zuletzt bei der großen Polke-Retrospektive im New Yorker MoMa für Furore. Unverkennbar, trotz der Düsseldorfer Motive, bleibt Steinerts Lehre: Subjektive Fotografie – von Jansen exemplarisch auf die Portraitfotografie übertragen.

 

Die Bechers als “Anonyme Skulpturen”, 1973

 

Selbst sein Becher-Portrait zeigt die Steinert Schule. Das Fotografenpaar als „Anonyme Skulptur“, scharfer schwarz-weiß Kontrast, starke Untersicht. Man sieht  das Paar aufrecht stehend, ernst und entschlossen ihr Blick, monumentalisiert zu Denkmalen ihrer selbst.

Doch gerät Jansen, der 15 Jahre lang als Bildjournalist arbeitet, mit dem Aufkommen der „Becher-Schule“ zwischen die Fronten. Düsseldorf ist Becher-Land und Jansen zählt nicht mehr viel. Norbert Kricke hatte ihm einst die neue Professur für künstlerische Fotografie an der Akademie angeboten. Jansen lehnte dankend ab. Becher übernahm.


Trümmerkind

Wer wie Bernd Jansen 1945 geboren wird, konnte kaum aus der Wäsche gucken, ohne Berge von Trümmern zu sehen. Schuttberge, zerbombte Häuser, Straßenzüge, Städte, zerstörte Gesichter, schwer gezeichnete Leben und alle auf der Suche nach irgendwas zwischen Vergessen und Neuanfang. Seine Eltern sind in Kleve ausgebombt und fliehen aufs Land. Kaum vorstellbar, wie er da jemals wieder rauskommen sollte.

Jansen ist Nachkriegskind, wenige Monate nach Kriegsende (*20. November 1945) auf der linken, „französischen“ Seite des Niederrheins geboren. Er wächst in Kleve auf, Beuys kreuzt früh seine Bahn. Auch nimmt er, wie überhaupt seine „rebellische Generation“, eine skeptische Haltung gegen alles ein, was „von damals“ daherkommt. „Trau keinem über 30!“ skandieren die 68er, weil die „Alten“ im Krieg gedient hatten oder in der HJ aufgezogen worden waren. Jansen gehört auf die Seite der Jungen, die mit Megaphon und Spruchbändern in die Rebellion gegen die zerschossene Welt der Kriegsteilnehmer oder –Verbrecher auf die Straße zogen. Oder doch eher schlägt er sich auf die Seite der Beobachter, wird Fotograf und Bildreporter.

Kunst, eine andere Art von Rebellion. Sie verheißt vor allem Freiheit von den Tragödien des eigenen Landes. Jansen zieht es in die Ferne, nach Sizilien, New York und immer wieder nach Paris.

Zuvor, von 1966 bis 1971, lernt er, wie sein älterer Bruder Arno auch, das Fotografieren, sowohl das Handwerk, als auch, worauf es dabei ankäme: Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung. Folkwang in Essen-Werden seine Schule, Otto Steinert, sein Lehrer, „subjektive Fotografie“, das Zauberwort. “Die üblichen nur ‘schönen’ Bilder der ‘Kunstphotographie’, die hauptsächlich vom Reiz des Gegenständlichen leben, treten zugunsten von Experimenten und neueren Lösungen zurück”, schreibt der 1951. Jansen wählt als  Abschlussarbeit ein klassisches Fach, Portraits. Um dieses dann allerdings zu revolutionieren. Nicht der Fotograf macht das Foto, die Portraitierten selbst entwickeln es vor der Kamera und Jansen lässt sie gewähren, lässt sie agieren und sich zeigen, nimmt, was ihm dargeboten, gleichsam in die Linse fällt.

Auf der Brücke  

1981 ist Jansen in New York. Auf der Williamsburg-Bridge, die hinüber nach Brooklyn führt, verweist ein großer Spiegel auf einen nach vorn blickenden Mann. Von ihm ist nur der Ausschnitt seines Hinterkopfes mit Kragen zu sehen. Die Brücke erscheint wie ein eisernes Labyrinth, ohne Anfang und Ende. Jansen sieht die Brücke als aufklappbare Skulptur, baut einen Brückenteil en détail nach, um unsere Wahrnehmung von Fotografie zu schulen. Er hebt hervor, dass das Foto lediglich ein schmaler Ausschnitt von Raum ebenso wie von Zeit ist. Die achsensymmetrisch zugeordneten Fotos selbst erscheinen als zweidimensionaler Teil eines dreidimensionalen Ausschnitts. Seine Fotomontage nennt er „Materialrückerstattung“.

Von der Einstellung

Zum Fotografen gehört das Einzelgängertum; er ist still, scheu, wach, weiß sich zu tarnen, zögert, wartet, schleicht sich an und nimmt sich, bevor es seine Beute vielleicht gewahr wird, was er will: ein Foto, einen Augenblick nur. Also etwas überaus Flüchtiges, Ephemeres, fast ein Nichts. Und keinerlei Illusionen macht er sich über seine Kunst. Sie wird unscheinbar bleiben, die Spuren werden höchstens ein paar wenige Spurensucher, Gleichgesinnte lesen können und die Schatten, die die Aufnahme widergibt, vielleicht als Sensation erkennen. Es muss reichen, Signum und Beweis, dass er einzigartig ist, der Augenblick wie der Fotograf.

Dieser Fotograf ist kein Flaneur, er ist ein scheuer Beobachter (mit der Kamera als Maske vor dem Gesicht). Sein Trieb will der Vergänglichkeit ein bleibendes Bild entreißen. Er leidet bisweilen an seinem Einzelgängertum, aber mehr noch leidet er an der Blindheit seiner Zeitgenossen, die ihn nur weiter in die Rückzugsreservate treibt. Mit ihrer Gleichgültigkeit und mangelnden Unterscheidungskraft hat er nicht gerechnet, also bleibt ihm nichts übrig, als sie zu verstören, sie herauszufordern. Aber auch dieses Spiel wird ihm zu blöd. Was bleibt, ist sein Auge und sein Vermögen, sich unscheinbar zu machen, anzunähern, um bei einem Zusammentreffen mit den wenigen Künstlern, denen er über den Weg traut, ein Bild zu erhalten.

Jansen bittet nicht zum Shooting, er arbeitet ohne Staff. Fremd ist ihm jede Hierarchie und sei es die von Fotograf zu seinem Objekt. Eher lebt er in einem besonderen Spannungsverhältnis zwischen dem Bewusstsein der eigenen Geringfügigkeit und der Erfahrung  vom möglichen Gelingen gültiger Bilder. So fängt er, empfängt er ein Bild, es stellt bei ihm ein. Es ist, als ob es sich nicht länger entziehen könnte, also zeigt es sich für den Bruchteil einer Sekunde, vielleicht. Darin liegt die Magie seiner Bilder.

Zum 75. Geburtstag von Bernd Jansen, den er morgen, wie auch immer, in der Einbrunger Mühle „feiert“.

Bernd Jansen                           ©Burkhard Maus

 

 

Demnächst im Kino: „Bernd Jansen – When the pictures meets photograph“

eiskellerberg.tv – production 2021

 

 

 


Benefit for Artists | Mo, 23.11. – Di, 08.12.2020

 

 

 

 

Aufruf

Benefit for Artists startet am 23. November. Auf der Website www.benefit-for-artists.net werden bis zum 8. Dezember 30 Kunstwerke von 30 Düsseldorfer Künstlerinnen und Künstlern zu sehen sein. Vom 6. bis 8. Dezember können die Werke erworben werden. Das Besondere hierbei: Der Erlös der an diesen drei Tagen verkauften Werke kommt nicht jeweils nur einer oder einem, sondern allen beteiligten Künstler*innen zugute.

Benefit for Artists tritt für eine stärkere Solidarität innerhalb der Künstlerschaft und für mehr Respekt gegenüber allen Künstlerinnen und Künstlern ein, die gleichwertig an unterschiedlichen künstlerischen Konzeptionen arbeiten – unabhängig vom Erfolg am Kunstmarkt.

„Grundsätzlich“, so Thyra Schmidt und Juergen Staack, „werden oft viele innerhalb der Künstler-Community hochgeschätzte Künstlerinnen und Künstler zu wenig wahrgenommen. Geschlossene Museen und abgesagte Veranstaltungen verschärfen diese Situation gerade noch.“

Benefit for Artists lädt dazu ein, einige von der Künstlerschaft als hochkarätig betrachtete Künstlerinnen und Künstler kennenzulernen – und diese durch den Kauf einer Arbeit beim weiteren Aufbau ihres Werks zu unterstützen. Die Auswahl der Teilnehmenden erfolgte nach dem Vorschlagsprinzip: Thyra Schmidt und Juergen Staack wählten 15 Künstlerinnen und Künstler aus, die wiederum 15 weitere Kolleginnen und Kollegen benennen sollten.

Der Verkaufserlös jedes Kunstwerks wird geteilt: Eine Hälfte erhält der/die Künstler*in, dessen/deren Arbeit verkauft wurde. Die andere Hälfte wird solidarisch unter allen an der Aktion beteiligten Künstlerinnen und Künstlern aufgeteilt. Sammlerinnen und Sammler unterstützen mit dem Erwerb eines Kunstwerks also nicht nur einen, sondern direkt mehrere Künstlerinnen und Künstler.

An dem Pilotprojekt nehmen 30 professionelle Düsseldorfer Künstlerinnen und Künstler im Alter zwischen Mitte 30 und Mitte 70 teil. Vertreten ist ein breites Spektrum an Medien wie Malerei, Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Multimedia.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:

Laurenz Berges, Benjamin Bohnsack, Hans Brändli, Maria Anna Dewes, Peter Ewig, Angela Fette, Julio Ernesto Herrera Flores, Christian Forsen, Pia Fries, Gabriele Horndasch, Birgit Jensen, Ae Ran Kim, Martina Klein, Detlef Klepsch, Hanna Koch, Ariane Kollár, Silke Leverkühne, Stefan Löffelhardt, Haure Madjid, Ulrike Möschel, Marie Ogoshi, Lorenzo Pompa, Stefanie Pürschler, Judith Samen, Martina Sauter, Felix Schramm, Nicola Schrudde, Helmut Schweizer, René Spitzer, Birgit Werres.

in Kooperation mit TAIFUN Project e.V.  www.benefit-for-artists.net

 

 

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