Wenn wir in die Pedale treten

Avant-Départ: Peter Tedden zeigt mit „velophil“ wo sein Herz schlägt

Bahnfrei. "Verkehrschild", Wandarbeit von Thomas Putze, 2015

 

Galerien sind, wenn sie ihren Namen verdient haben, ihrer Zeit voraus. Der Rest ist Kunsthandel. Die Düsseldorfer Altstadt scheint seit je Galeristen angezogen zu haben, die ihre Spürnase in den Wind halten. Das reicht von Mutter Ey über Hella Nebelung zu Alfred Schmela, Konrad Fischer und Günter Pooch (Galerie Gunar) bis zu Kai Brückner.

 

Um etliche Radlängen voraus ist Peter Tedden, Fahrradfan und Galerist, dem „Grand Départ“, das die Stadtspitze für den 29. Juni kommenden Jahres der Stadt Düsseldorf verordnet hat. Die erste Etappe der wegen andauernder Dopingskandale angeschlagen Tours de France soll in Düsseldorf über die Bühne gehen. „Die Tour de France in Klein-Paris“ heißt unbekümmert der städtische Werbeslogan, mit der die Stadt das Trikot wechseln will und aus der Kunststadt nun eine „Fahrradstadt“ machen will. Tedden, Altstadtgalerist mit gehörigem Sitzfleisch, bleibt gelassen und setzt die Gruppenausstellung velophil ins Programm (bis 28. Jan. 2017).

 

Das will Tedden aber keineswegs als Auftakt oder frühe Schwalbe verstanden wissen. „Dat auf keinen Fall“. Tedden, der aus Oberhausen stammt und dort auch einen großen Kunstraum, die Kranhalle, betreibt, findet das mit der Tour de France „aufgesetzt“ und „eingekauft“. In Oberhausen-Ost wird traditionell am Pfingstsonntag das Rück-Radrennen in sechs Klassen gestartet. Ausrichter ist dort der Radsportverein Blau-Gelb von 1928. Da steht Tedden jedes Jahr treu am Streckenverlauf und ruft sein „Hop, Hop Hop.“ Zum Grand Départ will er auf gar keinen Fall. „Wir sind doch nicht Geisels Lüstlinge.“

 

Auf dem Posten. Peter Tedden in seiner Galerie in der Bilker Straße inmitten seiner Kunst

 

Schwerpunkt der Ausstellungen bei Tedden sind Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie mit dem gesamten Spektrum figurativer Malerei und Plastik. Für velophil hat er viele Jahre recherchiert und schließlich mit Hilfe der Künstlerin und Kuratorin Julia Theuring Werke von 35 Künstlern in seinen zwei Galerieräumen versammelt, von Stephan Anders bis Ulrike Zilly, von Charlotte Bedke bis Johannes Vogginger, von Dieter Marschall zu Taka Kagitomi. Theuring wiederum, 1979 in Wangen im Allgäu geboren und Meisterschülerin von Sigi Anzinger an der Kunstakademie, ist selbst Radprofi. Sie kurvt als Fahrradkurier durch Düsseldorf. Ihren Sturz vom Rennrad hat sie auf dem großformatigen Ölbild „Spandex“ eindrucksvoll in Szene gesetzt.

 

„Der strampelnde Mensch auf dem Rad taugte nie als Sinnbild von Hybris“, schreibt Maximilian Probst im Katalog. Siehe Jacques Tati in Jour de fête. Das Fahrrad ist vielleicht tatsächlich „das letzte Versprechen einer Technik ohne Dialektik, ohne Umschlag in eine Katastrophe.“ Schon 1913 widmete Marcel Duchamps dem Fahrrad-Rad ein eigenes Monument. Der Einsatz aller Anabolika und EPOS kam später.

 

„Was passiert denn“, fragt Probst, “wenn wir in die Pedale treten? Jeder weiß es: Wir fahren, und zwar je weiter oder schneller, je mehr Kraft wir dabei aufwenden.“ Eben.

 

Ganz anders tönt es aus dem städtischen NRW-Forum: „Anlässlich des Grand Départ in Düsseldorf wird das Ausstellungshaus im Ehrenhof zum Schauplatz des wichtigsten Radrennens der Welt und widmet sich mit einer großen internationalen Schau den gewaltigen Bildwelten der Tour de France.“ Das beschreibt vollmundig die neue Aufgabe der Kunst in Düsseldorf. Sie serviert das Rahmenprogramm zum großen Sportereignis. Départ heißt Abfahrt, kann aber auch mit Abgang übersetzt werden. Beides trifft hier zu.

 

C.F.S.

 

 

© Andrea Bender, 2016

 

 

14.12.2016 14:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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