Ein halbes Jahrhundert, ein ganzes Paar

Gilbert & George praktizieren die Künstlerehe seit 50 Jahren. Glückwunsch!

 

Wer sind Gilbert und George? – Zwei ziemlich britische Komiker, die in Maßanzügen und Gleichschritt durch ihre Ausstellungen stolzieren? Ein Künstlerpaar, das sich zur living sculpture stiliert hat? Zwei weltbekannte Konzeptkünstler, die sich der Fotografie bedienen, ohne je selbst zu fotografieren?

 

Je mehr man unter tausenden und abertausenden von Bildern, die die stets formell gekleideten Herren in wechselnden Posen zeigen, nach ihre Identität sucht, desto mehr scheinen sie sich zu entziehen. Als Künstler sind sie öffentliche Figuren und wenden sich öffentlichen Fragen und Belangen zu. Ihre Konterfeis haben sie millionenfach reproduziert und doch ist wenig über dieses am meisten abgebildete Künstlerduo bekannt. Im Gespräch mit eiskellerberg.tv haben sie nun den Schleier gelüftet und Verblüffendes zu Protokoll gegeben. Die beiden Herren sind Frühaufsteher. Zwei benachbarte Reihenhäuser in London, Baujahr 1701, sind ihnen Lebensmittelpunkt und Headquarter. Diese verlassen sie nur ungern. Auch Besuch wird nur selten empfangen. Sie wollen den Kopf frei halten. Gilbert & George sind am liebsten in ihre Recherchearbeit vertieft. Bücher sind ihr größtes Vergnügen. Die Bibliothek ist die Herzkammer ihres Doppelreiches, Schwerpunkt 19. Jahrhundert, Britische Architektur und Gartenkunst. Die Künstler sind bekennende Royalisten. Wie schon zu ihrer gemeinsamen Zeit als Studenten sind sie Außenseiter geblieben und Weltstars geworden.

 

Abends verlassen sie pünktlich um 18.00 Uhr ihre Twinhäuser, um sich auf einen einstündigen Fußweg durch ihr gebliebtes London zu begeben. Sie besuchen stets das gleiche Restaurant, sitzen stets am gleichen Tisch, wo ihnen stets das gleiche Essen serviert wird. Warum mit unnötigen Menukartenlesen befassen, mit Essenauswählen und Bestellen beschäftigen? Wo es doch darum geht den Kopf, resp. die Köpfe frei zu halten für alle die Eindrücke von außen.

 

Gilbert and George vor dem Museum Küppersmühle. Photographie Astrid Piethan

 

Die 292 LONDON PICTURES gingen aus 3712 Zeitungsplakaten hervor, wie sie auf täglicher und wöchentlicher Basis von verschiedenen Londoner Zeitungen produziert und im Stadtraum postiert werden. Diese Fundstücke wurden in eine alphabetische Reihenfolge und Ordnung gebracht und mit Fotos der Künstler unterfüttert. Die Präsenz von Gilbert & George ist in dieser neuen, 2011 abgeschlossenen Serie offenkundig und konsequent geisterhaft – als ob die Künstler psychische Manifestationen der Stadt selbst, der Bedeutung des Ortes und seiner Geschichte wären.

 

Die LONDON PICTURES lassen sich als das Inhaltsverzeichnis des alltäglichen, menschlichen Verhaltens eines Großstädters verstehen, das in all seiner schwerfälligen, aber auch explosiven Dynamik enthüllend, schockierend und gewalttätig ist, und sie sind damit gleichzeitig das moralische Porträt der Stadt: eine unerschrockene Bilanz des Verhältnisses der modernen westlichen Gesellschaft zu sich selbst, entblößt von jeglicher rhetorischer und intellektueller Verkleidung.

 

Denn in diesen Zeitungsplakaten – diesen Angriffen auf Verstand und Besonnenheit durch die grellen Schlagzeilen zu Gewalt, Leidenschaft, Elend und Habgier – kommt zum Ausdruck, was man als Londons Nervensystem bezeichnen könnte: die Triebe, Instinkte, Reflexe, Zuckungen, Wallungen und Sensibilitäten einer ungeheuren Sturzflut menschlicher Existenz. Derartig bloßgelegte Gefühle waren schon immer sowohl Gegenstand als auch Wesen der Kunst von Gilbert & George, genauso wie derartige Emotionen und Empfindungen, Handlungen und historische Konsequenzen das Stadtgefüge prägten und sein Empfindungsvermögen wachhielten. Man könnte die LONDON PICTURES daher als die kumulative Kraft und Intensität aller bisherigen Arbeiten von Gilbert & George bezeichnen. Vielleicht markieren sie auch genau den Punkt, an dem Gilbert & George durch die transformative Vermittlung ihrer Kunst zu so etwas wie Geistern Londons wurden – ein Zustand, den sie in ihrer Kunst und ihren Werken durch ihr tiefes Eintauchen in das Gewebe der Stadt und ihre Identifizierung – als Zeugen und moralische Beobachter – mit den in der Stadt enthaltenen Zyklen von Leben und Tod erreichten.

 

Gilbert: „All diese von uns gesammelten Plakate stammen aus London – das war der Anfang der LONDON PICTURES. Die Themen sind aus London und aus aller Welt.“

 

George: „Schon mit RED MORNING und ähnlichen Werken wollten und versuchten wir immer, Londoner Bilder zu machen, aber sie waren nie so ausdrücklich über London; die Stadt war immer nur Randmotiv. Aber mit diesen Plakaten konnten wir dann die Themen ansprechen, die man mit London in Verbindung bringt: die Stadt der Morde, des Sexes, der Katastrophen und brennenden Gebäude.“

 

Gilbert: „Seit Jahren sagen wir, dass wir nie woanders sein wollen. London ist der bedeutendste Teil unserer Inspiration. Es ist alles, was uns umgibt. Und so konnten wir die ganze bemerkenswerte Palette von Gedanken und Gefühlen, die in diesen Plakaten zu finden ist, in unsere Arbeit mit einbeziehen – so etwas könnte man gar nicht malen. In dieser neuen Bilderserie gibt es so viele Ebenen, die man in einem Gemälde gar nicht erfassen könnte.“

 

George: „Wir können Dinge thematisieren, wie es sonst kaum möglich wäre – beispielsweise ein großes Bild mit dem Titel ‚Perverser‘ zu machen – so ein Thema ansprechen zu können.“

 

Gilbert: „Es fühlt sich an wie Dickens – er wanderte durch London und sah diese Dinge: die Selbstmorde, die Vergewaltigungen … Diese Plakate zeigen die westliche Welt in uns allen: als ob man London nehmen und ein MRT durchführen würde. Und es ist auch wie ein universelles Tagebuch von London. Wir hatten immer das Gefühl, dass es eine Weile dauert, bis ein Thema, oder auch ein Gebäude, uns wirklich etwas sagt. Es kann auch Jahre dauern; aber dann ist es so, als ob diese Dinge lebendig werden und zu uns sprechen – und wir daraus Kunst machen können.“

 
Gilbert and George vor dem Museum Küppersmühle. Photographie Astrid Piethan

 

Damit festigen Gilbert & George auf künstlerische Weise, was als ihre „psychische“ Verfassung als lebende Skulpturen und als Schöpfer von SIDE BY SIDE (1971) und DARK SHADOW (1974) verstanden werden könnte – ihr Platz als ewige Außenseiter, rastlose Wanderer der Stadt, städtische Seher, „Oberstadtstreicher“, isoliert, vertrieben, einsam: (als junge Künstler) ein spirituelles Zuhause unter einer Eisenbahnbrücke zu finden; später zu monströsen Versionen ihrer selbst zu werden, durchgedreht und gestikulierend wie verrückte Wachposten. In den LONDON PICTURES tauchen sie als Fragmente, Reflexionen oder transparente Versionen ihrer selbst auf.

 

 

 

Besonderer Dank:

Astrid Piethan für die Photographien

 

 

Museum Küppersmühle

Duisburg

20. März bis 30. Juni 2013

 

 

Als Kunststudenten der Londoner St. Martin´s School of Art lernten sich George Passmore (geb. 1942 in Plymouth, England) und Gilbert Proesch (geb. 1943 in Südtirol) am 25. September 1967 kennen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, gestanden sie 2002 in einem Interview mit dem Daily Telegraph. Beide hatten sich in die Bildhauerklasse eingeschrieben, bemerkten aber bald, dass sie am falschen Platz waren. Ihre Auffassung von Kunst und insbesondere Bildhauerei entsprachen in keiner Weise der Arbeitsweise ihrer Mitstudenten oder Professoren. Die damals, wie auch heute noch große Bedeutung des Materials (siehe unser Gespräch über „Die Bildhauer“ mit Tony Cragg) interessierte sie nicht die Bohne. Isoliert und unverstanden, fanden Gilbert und George Verständnis für einander und gründeten die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Gilbert&George. 2008 entschieden sie sich zu heiraten.

 

Die bis heute älteste, über fünf Jahrzehnte hinweg aktive Künstlergemeinschaft der Nachkriegsmoderne, erweist sich als aktueller denn je. Ihr künstlerischer Elan, der sich aus ihrem Außenseitertum speist, ihrem „being different“, Anderssein, führte sie von einer expilzit ästhetischen Sicht auf die Welt zu einer radikalen politischen Aussage: „Natürlich wollen wir die Welt verändern.“ Mit hohem ästhetischen Formbewußtsein ausgestattet, machten sie sich gemeinsam auf den Weg, eine eigene Kunstsprache zu entwickeln, die darum nicht weniger Anstoß an den gesellschaftlichen Verhältnissen nimmt. Bis zu sechzehn einzelne Fotografien werden zu einem riesigen, thematisch motviertem Tableau zusammengefügt. Sie selbst sind als handelnde oder bloß betrachtende Subjekte stets mit im Bild. Es sind verwirrende, teils schockierende Tableaus der Gegenwart: amüsant und abstoßend, attraktiv wie abgründig, provozierend in ihrer sexuellen Aufladung wie politischen Aussage. Mit Vorliebe widmen sie sich Themen des Alltags, der Werbung und der Massenmedien und erweisen sich so als die wahren Nachfolger des British-Pop. 

 

Die Ausstellung „Gilbert & George. London Pictures“ läuft noch bis zum 30. Juni 2013 im Museum Küppersmühle, Duisburg 

 

Siehe auch: Walter Smerling: über die Zukunft der Küppersmühle 


27.09.2017 11:01 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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