Ich bin Solist

Zum Tod von Günter Haese

Der Hausmeister spielt eine unerforschte Rolle in der Kunstgeschichte. Vielleicht weil der junge Kunststudent Haese, kriegsverletzt und desorientiert wie viele an der Düsseldorfer Kunstakademie angelangt, zwischen Malerei (bei Bruno Goller) und Bildhauerei (bei Ewald Mataré) schwankte, einen besorgt-nachdenklichen Eindruck machte, drückte ihm eines Tags der Hausmeister einen Wecker in die Hand. Da war es passiert. Haese hatte seine Passion gefunden – nahm den Wecker in alle Einzelteile auseinander und setzte sie nach seiner eigenen Ordnung wieder zusammen. Und wurde schließlich weder Maler noch Bildhauer, sondern ganz Haese.

 

Ein Einzelgänger und Sonderfall, dem der Weltruhm gerade noch erspart blieb (Trotz früher Erfolge im Moma, New York oder bei der Venedig-Biennale). Zeit seines Lebens blieb er in jenem Atelierhaus am Alten Friedhof in Düsseldorf sesshaft, in dem der Hausmeister ihm den Weckruf gab. Hier, allmorgendlich die Tauben fütternd, schuf es seine engimatischen Figuren, Scheinaparte, Detektoren für die leisen Grunderschütterungen aus dem Universum. Zerbrechlich, zittrig, gigantomanisch zugleich. Zuletzt noch gab Udo Kittelmann der ZEIT auf die Frage, wen er denn als unterschätzte Position der Kunst zeigen wolle, einen Namen preis: Günter Haese.

 

Mit Haese ist im Alter von 92 Jahren der letzte der „Gipsknechte“ und Schüler der berühmten Mataré-Klasse gestorben. Zu seinem ehemaligen Kommilitonen Joseph Beuys stand er in „gar keinem Verhältnis“. Haese blieb der Antipode.

 

Eiskellerberg.tv hat Günter Haese kurz vor seinem 90. Geburtstag in seinem Atelier in der Sittharder Straße besucht und ihm ein Filmportrait gewidmet. Aus Anlaß seines Todes zeigen wir das Filmdokument erneut.  

 

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Sieht so das Innerste eines jener Abhörgeräte der NSA aus, mit dem Abermillionen Daten in einer einzigen Sekunde abgegriffen werden? Sind es Antennen von höchster Sensibilität und seltener Schönheit, um fernste Signale aus welchem Universum aufzufangen? Wir ahnen ihren Zweck mehr als wir ihn wüssten. Ihr Konstrukteur jedenfalls gibt sich gelassen: Alles Spiel, alles Kunst, sagt er lächelnd. Alles enstehe aus einer spielerischen Laune, ohne Plan und ohne Absicht. Es seien Modelle für Nichts.

 

Günter Haese ist wie aus der Zeit gefallen. Er gehört keiner Schule an und passt in keine Schublade. Einzigartig und völlig abgedreht stehen seine Objekte heute vor uns. Wir lernen sie als ganz und gar außergewöhnliche Artefakte kennen, die Apparaturen mit unbekanntem Zweck nur ähneln, sich aber dem reinen Spiel verdanken. 

 

Gut liesse sich Haese als ein Sonderling und Dinosaurier beschreiben, der jenseits aller Strömungen und Dogmen, abseits aller Neuerungen und Aufregungen in der Abgeschiedenheit eines Atelierhauses am alten Friedhof überdauert hat, um seine Kunst zu machen. Tag für Tag und nach wie vor. Er läßt sich aber auch als ein Künstler begreifen, der sich seinen eigenen Raum geschaffen hat, um das tun zu können, was er sich zur Aufgabe gemacht hat und in dessen Dienst er sich, aus dem Zweiten Weltkrieg kommend, gestellt hat: Kunst – mit einer Unbedingtheit und seltenen Abwesenheit von Eitelkeit.

 

„Hier kann ich spielen wie ich will“ - wochen-, monate-, jahrelang, selbstvergessen vergessen, probiert und komponiert der Künstler in der Abgeschiedenheit seines Ateliers. Ohne Konzept oder Mission, ohne Weltrettungseifer, frei von Vorbildern entstehen unter der Hand die abstrusesten, wunderlichsten betörendsten Objekte, für die man gerne allerpoestischste Namen erfinden möchte: Himmelsharfen, Weltentschlüsselungssatelliten, Empfangstationen für unerhörte Botschaften aus unentdeckten Galaxien, Welthintergrundgeräuschsaufnahmegeräte, Kopfverdrehorgane.

 

Bei geringster Erschütterung beginnen alle diese geheimen Apparaturen, Instrumente und Geräte zu vibrieren und zittern, daß einem die Worte und Begriffe durcheinandergeraten. Auf Begriffe und genaue Bezeichnungen kommt es Haese ohnehin nicht an. Alles gewinnt sich ihm aus dem Spiel, aus Zufall und Fügung und sicher auch aus der Fingerfertigkeit, die nur der beherrscht, der tagtäglich seine Instrumente stimmt und spielt. Kugel, Quadrat und Kubus, diese geometrischen Grundelemente sind die Bausteine all seiner himmelstürmenden wie abgründigen, technoiden wie spielerisch leichten Objekte. Keine Metaphysik, kein Weltverbesserungsmodell käme Haese je in den Sinn. Alles Spiel und alles Kunst? Sicher. Und doch entstehen aus der jahrzehntelang praktizierten  Abgeschiedenheit und Selbstvergessenheit Objekte von transzendentem Charme, die weit über das hinausweisen, wer Haese ist, wie auch über die Welt, in der er sich aufhält.

 

Wir haben Günter Haese im Künstlerhaus (Baujahr 1905) besucht und ihm bei der einsamen Arbeit zugeschaut. Vierzig Künstler haben hier ihre Ateliers, „Ich kenne keinen. Ich bin Solist“, sagt er gleich eingangs. 1957 ist Haese  hier eingezogen. Mit Joseph Beuys und Erwin Heerich diente er dem großen Mataré als Gipsknecht, wurde  dessen Meisterschüler und fand sich „ziemlich ratlos“ in seinem ersten Atelierraum wieder, kaum fünf Minuten Fußweg von der Akademie entfernt. 

 

Der Hausmeister drückte dem jungen Mann irgendwann einen Wecker in die Hand. Den hat er in alle Einzelteile zerlegt und ausgeschlachtet, nahm Schrauben, Federn, Zahnräder heraus, die Unruhe auch – und damit begann sich Haeses Universum aus Kupfer, Messing, Federstahl und Phosphorbronze in die allererstaunlichsten Formationen auszudehnen – über fünf, sechs Jahrzehnte nun schon.

 

Seine immense Ausdehnung und Variation, seine unglaubliche Schönheit läßt uns heute staunen und erschrecken, da wir allerorten von sichtbaren wie unsichtbaren Meß- und Kontrollgeräten umgeben sind. Am 18. Februar wird Günter Haese 90 Jahre alt.

 

C. F. Schröer

 

 

 

 

Dank an:

Galerie Sfeir-Semler, Hamburg und Beirut

Stephan und Birgit Hupertz, Hamburg

Erik Sick – scopitone Film, Köln

Musik im Film: Joseph Suchy - Calabi.Yau

 

 

Photographien: Astrid Piethan

 

14.12.2016 12:00 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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