Die Cragg-Connection

So viel Akademie war nie. „Die Bildhauer“ in der Kunstsammlung NRW. – Ein Ausstellungsbesuch

„Die Bildhauer“, so der schlichte wie auftrumpfende Ausstellungstitel, will die Entwicklungen und Verzweigungen, jener Bildhauerei verfolgen, wie sie sich in den Berufungen der gut 35 Bildhauerprofessoren der Kunstakademie seit 1945 bricht und spiegelt. Dazu geladen wurden einige der Malerprofessoren wie Lüpertz, Penck und Immendorff, die sich auch bildhauerisch geäußert haben, wie auch eine Reihe Abgänger, die es an anderen Akademien bis zum Professor gebracht haben wie Otto Piene und Heinz Mack, Harald Klingehöller, Pia Stadtbäumer, Bogomir Ecker und Thomas Virnich und dazu noch vier Akademieabsolventen der letzten Jahre, die hier als „neuesten Generation“ vorgestellt werden, Paloma Varga Weisz, Ralf Brög, Leunora Salihu und Andreas Schmitten, der erst im vergangenen Jahr sein Studium u.a. bei Georg Herold beendete und hier mit einer kunterbunten Rauminstallation für einiges Aufsehen sorgt.

 

Die monumentale Schau, die sich durch 24 Säle, dazu das Foyer der Kunstsammlung NRW und gut 3200 qm Ausstellungsfläche windet, versteht sich als „Bildhauerdocumenta“, weil ja „die internationalen Linien aller wichtigen Bewegungen durch die Düsseldorfer Kunstakademie gelaufen sind,“ wie der neue Kunsthistorikerprofessor und Ausstellungskurator Robert Fleck hervorhebt. Außer, wie auch er einräumt, Concept Art und Minimal Art, die im Alleingang Konrad Fischer über seine Galerie nach Düsseldorf gebracht habe.

 

Wie keine andere Kunstgattung stand die Bildhauerei seit den sechziger Jahren im Brennpunkt der Auseinandersetzung. Die Erweiterung des Kunstbegriffs und die soziale Plastik, Fluxus und Happening, Performance, Rauminstallation und Medienkunst sind einige der Spaltprodukte und Bewegungen, die aus dieser lebendigen Auseinandersetzung um die klassische Bildhauerei entstehen konnten; aus ihrem Schoß sind sie gewachsen. Die Düsseldorfer Akademie aber stand mit ihren Wortführern Joseph Beuys und Nam June Paik, um nur zwei reichlich unakademische Professoren zu nennen, an vorderster Front dieser Auseinandersetzung um den Begriff der Plastik. Die Akademie bezieht bis heute einen Gutteil ihrer internationale Stahlkraft aus diesen unruhigen Jahren und das Erstarken ihrer Bildhauerklassen heute ist auf diesen Impuls zurückzuführen. Die Ausstellung aber kennt nur „Bildhauer“, keine Rede mehr von „Plastik“.

 

Seit den Tagen von Norbert Kricke (1973 bis 1981) und Irmin Kamp (1981 bis 1988) wurde kein Bildhauer und keine Bildhauerin mehr zum Rektor der ehemals Kurfürstlichen, später Königlichen, heute Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf berufen. Unter Markus Lüpertz langer Regentschaft wurde sie wieder zu der, als die sie im ausgehenden 18. Jahrhundert gegründet worden war, zur Malerakademie. Die Bildhauerei geriet in den Sog einer neuexpressiven, figürlichen Malerei, was sich u.a. im „Pavillon der Bildhauer“ anlässlich der 1. Quadrienale 2006 niederschlug, als Lüpertz eine provisorische Halle im Ehrenhof aufstellen liess, um dort die seinen malerischen Ambitionen unterworfene Bildhauerei der Akademieprofessoren zu zeigen. Ein eher beschämendes Unterfangen.

 

Mit Tony Cragg gelangte erst 2009, also nach gut 20 Jahren, erstmals wieder ein Bildhauer an die Spitze der Akademie. Mit der Berufung Craggs, der schon ab 1978 an der Akademie lehrt und seit 1988 (mit einer fünfjährigen Unterbrechung in Berlin) dort eine Bildhauerklasse leitet, kam frischer Wind auf. Besonders in der Bildhauerei. Cragg gelang eine Reihe von Berufungen herausragender Künstler, unter ihnen Katharina Grosse, Katharina Fritsch, Marcel Odenbach und auch Richard Deacon, Craggs langjährigen Weggefährten und Konkurrenten im internationalen Geschäft.

 

So war es an der Zeit, die Bildhauer der Kunstakademie einmal groß zu zeigen, auf großer Bühne und auf breiter Bahn. Und das Ganze, wenn schon, denn schon, ab 1945. Das sollte und konnte nicht noch einmal auf Pavillonniveau geschehen und auch nicht in der Galerie der Kunstakademie am Burgplatz, wo sich sonst die Akademieprofessoren zeigen. Die um einen Ausstellungsflügel erweiterte Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen schien gerade angemessen, die erst 2010 mit der großen Beuys-Schau „Parallelprozesse“ wiedereröffnet worden war. Naheliegend, will man denken, und doch ist es das erste Zusammenspiel dieser mit Abstand größten Kunstinstitute Düsseldorfs, die beide vom Land NRW getragen werden.

 

Cragg tritt bei dieser großen Bildhauerparade gleich in vierfacher Rolle auf: als Rektor der Kunstakademie, zugleich als Initiator und Kurator der Ausstellung und zudem als ausstellender Künstler. Als Rektor will es es allen  Akademieprofessores recht machen, als Kurator muß er auswählen und gewichten, als Künstler treibt es ihn, sein eigenes Werk in günstiges Licht zu rücken. Das überanstrengt selbst einen Titan wie Tony Cragg bisweilen. Man sieht es der Bildhauergala im K20 an. Zudem ist bekannt, daß Cragg amtsmüde ist und sich im kommenden Jahr, wenn er 65 Jahre alt wird, lieber auf seinen eben noch ums Doppelte vergrößerten Skulpturenpark „Waldfrieden“ hoch über seiner Wahlheimat Wuppertal zurückziehen möchte. Kein Wunder, daß man Cragg im fünfköpfigen Kuratorenteam freie Hand liess und Marion Ackermann ihm die beiden neuen Ausstellungshallen, die hohe Halle zum Grabbeplatz hin, das Museumsfoyer und eine paar Ausstellungsräume dazu zur Verfügung stellte. So viel Gastfreundschaft bekommt der Ausstellung schlecht. 

Ob der geballte Cragg der Ausstellung gut bekommt? Wir sehen allemal „His Masters Choice“, Craggs Auswahl und Gewichtung, Craggs Sicht der Bildhauerei, aufgereiht anhand von 130 Werken von 53 Künstlern in 24 Sälen am Beispiel seiner Düsseldorfer Akademie: Craggs Credo und Craggs großzügige Abschiedsgala. Vor allem zeigt sich der späte Cragg akademisch, fest gefügt und frombewußt, geläutert und gekonnt, wenig experimentierfreudig oder gar grenzüberschreitend. Das Amt, die Jahre an der Akademie - seit insgesamt 37 Jahren lehrt Cragg an Kunstakademien - haben ihn mehr geprägt als ihm vielleicht bewußt ist.

 

Dabei hat sich Cragg, ganz britisches understatement, ausgesprochen zurückgenommen, nicht ohne hervorzutreten. Von sich hat er nur drei neue, wahrlich meisterlich patinierte Bronzen ausgestellt. Andererseits läßt er die anderen Größen, die durch ihr streitbares Auftreten die Bildhauerei in Düsseldorf erst für internationale Strömungen geöffnet haben, zumal Beuys, Paik und Dieter Roth, nicht sonderlich gut aussehen. Alles, was in den Jahren seit der Wiedereröffnung der noch kriegsbeschädigten Kunstakademie 1946 (damals mit nur 30 Schülern), nicht auf Craggs Linie liegt, wird entweder gänzlich unterdrückt, oder nur am Rande gestreift. Nichts da von Happening und Fluxus, von Aktionskunst, Rauminstallation und Videokunst, oder gar von sozialer Plastik. Nichts da vom anti-akademischen Impuls jeher „rebellischen Jahre“ und schon gar nichts vom erweiterten Kunstbegriff. So bleiben auch Werke von Lothar Baumgarten etwa, Gerhard Merz oder Gregor Schneider ausgespart.

Cragg gab zur Eröffnung seiner Ausstellung eine kurze wie überzeugende Definition der Bildhauerei: Sie sei eine seltene Nutzung von Material, frei von Funktion. Die Künstler geben dem Material erst „eine Bedeutung und auch einen Sinn.“ Warum dann alles Material akademisch gerinnt und museal formiert erscheint, bleibt die Frage.

 

Gleich eingangs in Saal 1 der chronologisch angelegten Schau der Auftakt mit Ewald Mataré, dem Urvater der modernen Bildhauerei im Rheinland, gerahmt von seinen beiden bedeutenden Schülern und Nachfolgern, Erwin Heerich und Joseph Beuys. Damit beginnt schon das Dilemma einer Ausstellung, die sich gerne „Bildhauerdocumenta“ nennt und doch eine verengte Sicht des Bildhauerrektors Cragg darstellt. Hier wird ein einziges Mal das die Akademie bis heute prägende Klassensystem sichtbar. Warum aber Mataré mit figürlichen Plastiken aus den frühen zwanziger Jahren vorgestellt wird, während daneben Joseph Beuys mit einem liegender Torso von 1948, einer Schülerarbeit, der einzigen der gesamten Ausstellung, vertreten ist, macht wenig Sinn. Zumal Erwin Heerich mit einer Kartonplastik aus den späten sechziger Jahren vertreten ist, als dieser bereits Akademieprofessor wird.

 

Der nächste Saal, in dem es rein chronologisch um die Jahre des Aufbruchs und das Ringen um ein neues Kunstverständnis geht, in dessen Zentrum ja ein neuer Bildhauerbegriff stand, ist spannungslos abgehandelt. Als seien der Akademie jene unakademischen Umtriebe von einst immer noch peinlich.

 

Erst am Ende des großen Bogens, im hinteren Drittel der 12 Meter hohen Grabbehalle findet diese Bildhauerausstellung zu ihrem Höhepunkt. In dieser Halle herrscht nicht mehr die Chronologie, hier hat man auf Zwischenwände ganz verzichtet. Hier können sich große, monumentale Werke von nur neun zeitgenössischen Bildhauern begegnen. Finale der Meister. Alles längst Professoren mit der einen großen Aussnahme: Thomas Schütte.

Ganz hinten, als krönender Abschluß, als Finale vom Finale, finden sich drei Größen der zeitgenössischer Bildhauerei zu einem wundervollen, überaus spannendem Zusammenspiel versammelt: Die raumgreifende Arbeit von Richard Deacon, „What Could Make Me Feel This Way“, davor versetzt Tony Craggs überlebensgroße figürliche Bronze „Der Fährmann“, gegenüber eine dunkle, bewegende Tischskluptur von Thomas Schütte. Das weiß man wieder, wo der Hammer hängt.

 

 

C. F. Schröer

 

 

K20 GRABBEPLATZ
Düsseldorf

20.02. – 28.07. 2013

 

Liste der ausgestellten Künstler:

Joseph Beuys, Karl Bobek, Ralf Brög, Hede Bühl, Tony Cragg, Richard Deacon, Jürgen Drescher, Bogomir Ecker, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Martin Gostner, Thomas Grünfeld, Erwin Heerich, Georg Herold, Martin Honert, Jörg Immendorff, Magdalena Jetelová, Irmin Kamp, Hubert Kiecol, Luise Kimme, Harald Klingelhöller, Imi Knoebel, Jannis Kounellis, Gereon Krebber, Norbert Kricke, Bernd Lohaus, Markus Lüpertz, Heinz Mack, Ewald Mataré, Rita McBride, Christian Megert, Reinhard Mucha, Wilhelm Mundt, Nam June Paik, A.R. Penck, Otto Piene, David Rabinowitch, Erich Reusch, Klaus Rinke, Dieter Roth, Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Leunora Salihu, Andreas Schmitten, Thomas Schütte, Fritz Schwegler, Pia Stadtbäumer, Rosemarie Trockel, Günther Uecker, Didier Vermeiren, Paloma Varga Weisz, Thomas Virnich, Franz Erhard Walther

 

Kuratoren:
Tony Cragg, Siegfried Gohr, Robert Fleck sowie Marion Ackermann und Maria Müller-Schareck

 

 

 

01.03.2013 12:33 (Kommentare: 3) | Weiterempfehlen

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Kommentar von Karin Göbel | 24.03.2013

 

 

Hallo,
tolle Ausstellung, brilliante Arbeit und gutes Interview! Aber kommen da nicht die IDEENGEBER und die Personen,die die Arbeit gemacht haben, zu kurz? Namentlich Frau Dr Ackermann?? Schön wäre es gewesen, wenn die Kunstszene fortschritlicher wäre als die Wirtschaft. Schade!!!
Aber es bleibt Raum zu hoffen.......

 

Kommentar von Simon Schade | 02.04.2013

Selbstbeweihräucherung der Vielen - viel Rauch viel Kohle

 

Kommentar von kalypso schorsch | 19.02.2014


elitäre klickenwirtschaft, sonst nix!!!
warum der cragg nicht auch noch bundeskanzler wird ist mir ein rätsel.
diese künstler arbeiten doch alle rein formell, ohne kritischen bezug zu
gesellschaftlichen wirklichkeit. dekor für bonzen!!