Auf hoher See

Zdenek Felix hält an der „Qualität“ fest. Was ist das, fragt sich der Ausstellungsmacher bis heute. Jetzt wird er 80

Weist die Richtung. Zdenek Felix hier mit Björn Dahlem beim Aufbau von NO ILLUSIONS im KAI 10, 2008

 

Wer sich wie Zdenek Felix der jeweils aktuellen Kunst verschrieben hat, findet sich schnell auf einem schwankenden Boot wieder. Das kann ein besonderes Vergnügen bedeuten, verlangt aber ein gewisses Stehvermögen. Denn erstens weiß niemand, wohin die Reise geht und zweitens schlagen da zuweilen hohe Wellen mal von links, mal von rechts, mal von unverdächtigen, dann wieder von einschlägig bekannten Seeungeheuern aufgebracht in den Kahn. Der Schiffer aber hält sich in seiner Not an das Einzige, was einigermaßen stabil zu sein scheint, den Mast. „Qualität“ ruft da der Kunst-Skipper und klammert sich in der aufgebrachten Hohen See an diese Losung als seis die Erlösung selbst.

 

Zugegeben, auch dieser Vergleich hinkt. Auf zwei Beinen sogar. Denn Felix (1938 in Prag geboren) ist beileibe kein Seefahrer, vielmehr, was man eine echte Landratte nennt. Und das mit der Qualität ist nicht sein Stoßgebet, sondern sein Leitstern seit seinen Anfängen 1966 (mit einem Text zu Jiri Kolar). Er folgt ihm nicht einfach, dieser undogmatische Kreuzfahrer hat die Fahrt überhaupt erst aufgenommen, um seinem Stern auf seiner (fast) lebenslangen Fahrt kreuz und quer über das weite Meer der Kunst möglichst nahe zu kommen. Ja, um ihm vielleicht doch einmal leibhaftig zu begegnen. Felix ist auch kein Skipper, vielmehr ein Scout, eine ausgemachte Spürnase, ein Trüffelschwein eben. Suhlt sich lieber in den Niederungen der Kunst, sieht sich als Komplize der Künstler, als daß er kunsttheoretische Auseinandersetzungen suchte. Auch hält er wenig von Dogmen und Schulen, sieht sich lieber als Membran, als ein Medium, das aktuelle Kunst aufnimmt, um sie in die Welt zu vermitteln. Für sich selbst aber, der eine zuletzt wenig gesehene, vornehme Zurückhaltung bevorzugt, wählt für seinen unsicheren Beruf gerne die Bezeichnung  „Ausstellungsmacher“. – Eine aussterbende Spezies.

 

Ein Macher ist er auch nur in dem Sinn, daß er die Dinge gerne pragmatisch angeht, schnörkellos, geradlinig, soweit es sein Metier überhaupt erlaubt. Ausstellungsmacher erinnert zudem an den Urtyp und die wortprägende Gestalt Harald Szeemann, der Felix in bedrängten Zeiten in den Westen holte, ihm eine erste feste Anstellung in einem Kunstmuseum verschaffte und als Assistent duldete. Bei Ihm hat Felix das Machen seit 1969 gelernt und seine Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst geschärft und erweitert. So wurde er in seiner Zeit als Gründungsdirektor der Hamburger Deichtorhallen (1991 - 2003) zum Meister seines Fachs, der die beiden gigantischen Industriehallen am Hafen mit denkbar geringem Etat und kleinem Team mit einer Folge internationaler Großausstellungen „bespielte“.

 


Im letzten Zug von Prag nach Bern


Vor 50 Jahren machte ein junger Kurator und Schreiber einer Kunstzeitschrift („Work of Art“) rüber, sprang völlig mittellos, aber kunstbegeistert in den letzten Zug von Prag in den Westen, bevor die Sovjets den Eisernen Vorhang für weitere Jahrzehnte dicht machten. Von da an schlug sich Felix endgültig auf die Seite der Kunst - und landet im Auge eines anderen Wirbelsturms, beim Concept-Art Guru Szeemann in der Schweizer Hauptstadt Bern. Concept-Kunst, On Kawara (1972), Piero Manzoni (1973), Hans-Peter Feldmann (1977) heißen folgerichtig die ersten Einträge in seiner 200 Posten langen Liste der von ihm kuratierten Ausstellungen. Von der Basis der Concept-Art hebt er bald zu ungeahnten Flügen und Ausflügen ins internationale Gefilde der Kunst ab. Als Felix kürzlich eine „Dokumentation“ – chronologisch geordnet - aller seiner Ausstellungen, Kataloge und Publikationen vorlegte, durfte man staunen. Von 1967 bis heute, ein halbes Jahrhundert Westkunst auf internationalem Niveau – immer im Blick, was sich da jenseits der Grenze, in der alten Heimat und in den sich neu formierenden osteuropäischen Ländern auftut.    

 

Die jungen, hoffnungsvollen Künstler, die er, Zdenek Felix, ausstellte, denen er oft erstmals eine Plattform, eine internationale Bühne bot, sind heute samt und sonders Weltstars, bis auf die, die man vergessen hat. Das sind, wie man jetzt nachlesen kann verdammt wenige.

 

1976 als Felix, nach Stationen in Bern und Basel nach Essen an die „Galerie der Gegenwart“ des Folkwang Museum wechselt, kommt er gerade rechtzeitig, um den Generationenumbruch im Westen mit zu erleben und auch kräftig mit zu bewegen. Paul Wember aus Krefeld war gerade in den Ruhestand getreten, Charlie Ruhrberg hatte erst 1972 die Düsseldorfer Kunsthalle verlassen, Johannes Cladders wirkte noch im alten Museum an der Bismarckstraße in Möchengladbach, Peter Ludwig sammelte, was das Zeug hielt, schenkte der Stadt Köln seine Pop-Art Sammlung, das Museum Ludwig wurde gegründet, Rolf Wedewer öffnete das Museums Schloss Morsbroich in Leverkusen den „Neuen Tendenzen“ mit Piero Manzoni, Lucio Fontana, ZERO, Op-Art und Analytischer Malerei. Da kam ein stiller, aber keineswegs zurückhaltender Mann nach Essen und schlug neue Töne an. Feldmann, Katharina Sieverding, Per Kirkeby, Guiseppe Penone, Mario Merz, Jannis Kounellis, Michael Heizer, Videowochen Essen, Gerhard Richter, Anselm Kiefer – das alles in den ersten fünf Jahren.

 

Felix blieb auch dann neugierig und erstaunlich beweglich, als andere schon von Übersättigung und Kunstmüdigkeit sprachen. Er blieb erfrischend unideologisch, wirkte kein bißchen missionarisch, sogar, das kannte man im westdeutschen Kunstbetrieb wahrlich nicht, charmant. Er leistete sich und uns überdies eine Portion Humor. Der nach allen Seiten aufgeschlossene, dann wieder unbedingt entschiedene Felix hielt seine Spürnase irgendwie anders in den Wind. Er verzapfte keine Theorien, verstieg sich nicht in komplexere Welterklärungsmodelle, entzog sich allen Lagern und Seilschaften. Außer einer: Er blieb Verfechter der Qualität, auch als das längst aus der Mode geraten war. Ein Anachronismus?

 

So bleib er auf höchstem Niveau wendig,  stieg allmählich auf vom Assistenten zum Abteilungsleiter, zum Kunstvereinsleiter (München 1986-1991), zum Direktor der neugegründeten Deichtorhallen Hamburg, wo zwölf Jahre lang mit kleinem Team großes Orchester spielte. Andy Warhol, Helmut Newton, Andreas Gursky, Keith Haring, Cindy Sherman, aber auch Louise Bourgeois, Ilya Kabakov, Martin Kippenberger oder Andrea Zittel.

 

Seine vorerst letzte Ausstellung für die Arthena Foundation von Monika Schnetkamp im KAi10 (2008 – 2017) trug übrigens den Titel „Metamorphosis“. Die Ausstellung mit fünf Neuentdeckungen wurde nach Düsseldorf noch in Berlin und Prag gezeigt. Ein programmatischer Titel zum vorläufigen Abschluß. Felix sieht die Kunst als eine sich wandelnde Größe. Einzige Konstante: „Qualität“. Von der allerdings bald niemand im Kunstlager mehr sagen kann, um was es sich handelt, noch was das überhaupt sein sollte. Immer mehr Künstler werden eingeschleust, immer kürzer fällt die Spanne der Aufmerksamkeit aus, die man den wechselnden Talenten zollt. Jene 15 minutes of fame (Warhol) scheinen heute schon üppig bemessen. Einzig Erfolg scheint als Überkriterium übrig geblieben, zählbar in Dollar und Euro. Aber Felix hält unbeirrt daran fest. Woran auch  sonst?

„Relevanz“, sagt er, wenn er gefragt wird, womit das Fragen kein Ende hat. Beileibe nicht sein persönlicher Geschmack und auch nicht Zeitgeist seien entscheidend. Sondern das, was heute Position bezieht, wo sich heute eine präzise Unruhe in Kunst ausdrückt – das will er unbedingt zeigen. Etwas Besonderes und Bewegendes, auch Beunruhigendes an der Kunst, die sich ihm anbietet und aufdrängt.

 

 

„Konzeptuell überladen“


Von seiner Warte aus gesehen, wie sieht ein Scout und Ausstellungsmacher wie er die letzte Documenta in Kassel? Zuletzt wurde sie von einem jungen Kollegen aus Osteuropa verantwortet. - „Konzeptuell überladen“, sagt Felix, „zu wenig auf die Kunst konzentriert“. 

 

Adam Szymczyk habe viele Fragen an die Politik, auch an die Wissenschaft, an den Postfeminismus und zur Flüchtlingsproblematik gestellt, aber nur wenige an die Kunst. Auch habe er "angebliche Kunst" aus der Dritten Welt nach Athen und Kassel geholt, ohne den Kontext darzustellen, in dem diese Kunst entstanden ist. Er habe nicht die Künstler befragt und deshalb zu wenige, aktuelle Werke gezeigt. Ein großes Manko in Kassel sei es überhaupt seit der "konzeptuellen" Documenta von Catherine David 1997, dass hier zu wenig Gegenwartskunst aus Osteuropa vorgestellt wurde. In Mailand habe er beispielsweise erst kürzlich die wunderbare Schau der Tschechin Eva Kotátkova besucht, deren Werk in Kassel kein Platz fand. Szymczyks Grundsatz, keine "kommerzielle" Kunst in Kassel zuzulassen, hält Felix für nicht haltbar. Wenn man alle Künstler, die sich im Markt behaupten ausschließt, "wird es absurd". Wie nicht alle Künstler, die erfolgreich sind, "relevant" sind.

 

Welche Documenta ihm überhaupt am besten gefallen habe? - Da ist sich Felix sicher: die Documenta V von Harald Szeemann 1972. Vielleicht noch die von Jan Hoet. Das ist ziemlich lange her.

 

Felix´ Suche nach dem Stern und den Sternen geht weiter. Nach neun Jahren Aufbauarbeit im Kai 10 zieht er sich „ein wenig“ zurück, nach Berlin, wo er mit seiner Frau wohnt. Dort  will seine Memoiren schreiben. Wir sind gespannt!

 

Zuvor noch, am 30. April, läßt sich Zdenek Felix von seinen Entdeckungen, seinen Freunden und Weggefährten in Berlin feiern. Es wird schon sein 80. Geburtstag.

 

 

C. F. Schröer 

 

 

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Zum Film:


"Sie heißen Felix?"

 

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27.04.2018 10:02 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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