Gelsenkirchener Weltwunderarchitektur

Oder worüber man sich bei RUHR.2010 wundern darf

Der Architekt im Revier.

 

Folgende Szene spielt sich ab: Doris Dörrie, Michael „Bully” Herbig und Helmut Dietl hockten über einem Drehbuch zusammen. Ein Film über „Helden im Ruhrgebiet” soll entstehen. Was Aktuelles, Heiteres und dabei Reviertypisches, eine Realsatire aus unseren Tagen. Schtonk im Pott. Rossini in Gelesenkirchen. Einer der Drei, schon am Rand der Ratlosigkeit, kommt da auf Karl-Heinz Petzinka: Kind des Ruhrgebiets, Star-Architekt, Manager von zigtausend Bergmannswohnungen und Zechensiedlungen, Ästhet und Baulöwe, Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf und künstlerischer Direktor von RUHR.2010. Ein Phänotyp, ein Held?

 

Bei weiteren Recherchen zum Film stoßen die Drei auf das aktuell größte, spektakulärste Bauvorhaben des Ruhrgebiets: Oben auf den achtzig Meter hohen, denkmalgeschützten Turm der „Zeche Nordstern” setzt Petzinka gerade einen gigantischen gläsernen Würfel auf. Vier Etagen samt Aussichtsplattform sind in Bau. Und ganz oben drauf aufs neue Dach kommt ein anderer schwerer Junge. Ein 18 Meter „Herkules” samt Löwenfell und Keule, ausruhend nach getaner Arbeit. Das Gesicht von all den Abenteuern noch schwer gerötet.
Im dämmrigen Herbstlicht wird es zum Showdown kommen. Dann wird der 20 Tonnen Koloss auf den 100 Meter-Turm gehievt. Ein neuer „Hochpunkt” soll es werden, „Wahrzeichen” sowieso. Damit man den stockenden Strukturwandel im Ruhrrevier aus luftiger Höhe bestaunen kann und von ganz unten, weiß, wo ganz oben ist.

 

Das allein wäre keinen Film wert. Wenn da nicht die Sache mit dem Büro wäre. Unser Revierheld trachtet nach Unsterblichkeit, das hat ihm Herkules vorgemacht. Architekten werden oft beschimpft und selten gefeiert. Sie wollen hoch hinaus, aber unsterblich werden die wenigsten. Der Film kommt erst in Gang, wenn man die vier, fünf, sechs Rollen erkennt, die Petzinka souverän zu spielen versteht. Wie verlockend muss es für ihn gewesen sein, diese einmal zu bündeln, in einem Projekt zu fokussieren, in einem Stück, auf einer Bühne.

 

In der obersten Etage des neuen Glaswürfels unter dem Herkules wird er sein Büro einrichten. Der 13,7 Millionen Euro teure Bau macht eigentlich nur Sinn, wenn man sich den Mann am Fenster vorstellt, wie er die Aussicht über sein Revier genießt. Zugleich Auftrageber, Förderer, Architekt und oberster Nutzer geht sein Blick ins weite Rund bis nach Bocholt, wo sein Elternhaus steht und hinüber nach Düsseldorf, wo der Ministerpräsident in einem Hochhaus residiert, das er einst entworfen hat und seinen Rum begründete. Zu seinen Füßen die Hauptverwaltung des Konzerns, dessen Hauptgeschäftsführer er ist und etwas weiter, am Ufer der Emscher, ein neuer Skulpturenpark, den er als RUHR.2010-Direktor großzügig befördert hat.
Wie alle Linien und Perspektiven in Versailles sich im Schlafzimmer des Sonnenkönigs bündeln, so bündeln sich alle Beschäftigungen und Bestrebungen unseres Helden in seinem Turmbüro. Und darauf einen Kir Royal.

 

3,10 Meter mißt allein der Fuß, 18 Meter hoch wird er sich in den Himmel recken. Wenn der 20 Tonnen Kerl auf den vier neu aufgesetzten Glasetagen über dem alten Klinkerturm der “Zeche Nordstern” zu stehen kommt, wird der Lockenkopf des neuen Ruhr-Koloss aus 133 Metern Höhe auf die Niederungen des Reviers herunterblicken. In der Glasetage unter dem Halbgott wird Karl-Heinz Petzinka (geb.1956 in Bocholt) sein neues Büro beziehen.

 

“Wir sind stolz darauf, unseren Kunden ein zuverlässiger, vertrauenswürdiger Partner zu sein und qualitätsvolle Lebensräume zu erhalten und zu entwickeln”, hießt es auf der THS Homepage, des Gelsenkirchener Immobilien-Konzerns. Die meisten Kunden hat die THS (Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten) in Gestalt der Mieter von 70.000 konzerneigenen Wohnungen. Doch treibt ihr Partner derzeit einen ehrgeizigen und kostspieligen Hochhausbau voran, der das Vertrauen erschüttern könnte. Petzinka ist seit 2004 Vorsitzender der dreiköpfigen Geschäftsführung der Gelsenkirchener THS-Wohnen GmbH. Da war Oliver Wittke (CDU) noch Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen. Wittke wurde wenig später Minister für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen im Kabinett des Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. In seine Zuständigkeit fiel auch der Denkmalschutz.

 

Weltwunderarchitektur für die Ruhr

 

Konzerne zeigen eine gewisse Vorliebe für Hochhäuser. Dass ausgerechnet die THS noch keines hatte, musste dem Düsseldorfer Architekten auffallen. Seine Vorzeigeprojekte sind kantige Glaspaläste wie das Düsseldorfer “Stadttor” und die CDU-Parteizentrale in Berlin. Also wurde die THS Auftraggeber und Bauherr des himmelstrebenden, kolossbekrönten Bauprojekts, Petzinka ihr Architekt. Weltwunderarchitektur in Gelsenkirchen.
Petzinka wurde zudem künstlerischer Direktor der “Stadt der Möglichkeiten”, mit Zuständigkeit für die Bereiche Architektur, Stadtentwicklung und Bildende Kunst der RUHR.2010 - Kulturhauptstadt Europas Essen und das Ruhrgebiet. Prompt erklärte RUHR.2010 den monströsen Gelsenkirchener Turmbau zur „Kategorie erster Priorität” und - Lebensräume erhalten hin, Denkmalschutz her - zum „Wahrzeichen” für „den künftigen Zugang zur Emscherinsel”. Von Petzinkas neuer Büroetage keine Rede, von Kompetenzüberschneidung und Ämterwirrwarr auch nicht. Alles unter einem „Herkules”: Bauherr, Architekt, Förderer und Nutzer. Petzinka hat es auf eine sagenhafte Vierfach-Funktion gebracht. Das ist selbst im Ruhrgebiet selten. Ein Fall für die Helden-Ausstellung in Industriemuseum Hattingen? Selbst Lüpertz-Herkules treibt es da die Schamröte ins Gesicht.

 

Spielt es da überhaupt eine Rolle, ob dieser neue “Hochpunkt des Ruhrreviers” noch in diesem Jahr fertig wird?

 

Fritz Pleitgen, Vorsitzender der Geschäftsführung der RUHR.2010 GmbH, lobte unumwunden, wie gelungen das Nordsternturm-Projekt gleich mehrere Programmstränge im Kulturhauptstadtjahr verbindet und so dem Anspruch an Nachhaltigkeit in besonderem Maße gerecht werde. 13,7 Millionen Euro kostet der Turmbau ohne den Koloss (davon werden 7 Millionen durch Land, Bund und EU getragen). Wieviel der Herkules kostet, dazu schweigt man lieber. “Sponsoren” hätten ihn bezahlt, aber die “möchten lieber ungenannt bleiben”, hört man aus der THS. Ein Widerspruch. Sponsoren treiben Werbung, und die ist nun mal öffentlich. Längst sickerte durch, dass u.a. die Allianz einen Großteil des Geldes für die Lüpertz-Figur zugeschossen hat. Eine andere Version präsentiert Petzinka selbst: Die Gesellschafter der THS hätten die Figur auf seine Anregung hin der THS zum 90. Geburtstag geschenkt.

 

Hochpunkt mit Herkules

 

Petzinka ist außerdem 2008 unter der Ägide von Markus Lüpertz als Professor für Baukunst an die Kunstakademie Düsseldorf berufen worden. Lüpertz wiederum musste aus Altersgründen sein Rektorat 2009 aufgeben und will in Potsdam die private Kunstakademie “Souci” eröffnen. Auch das ist kostspielig, auch er sucht Sponsoren.

 

Kunst kommt im neuen Tower NT2 auch vor. Ein Videokunstzentrum soll in die unteren Etagen einziehen. Die Münchner Sammlung von Ingvild Goetz und des n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein) werden als Paten genannt. Weder ist etwas über das künstlerische Programm zu erfahren, noch steht fest, wer die Leitung des neuen Zentrums übernehmen wird, noch wie hoch etwa der Ausstellungsetat sein wird. Nicht einmal einen Eröffnungstermin gibt es bisher. In Marl hat sich auf Sichtweite längst ein Zentrum für Videokunst im Museum “Glaskasten” etabliert.

 

Zechenturmpolitik im Ruhrrevier. Was Zollverein für Essen, soll Nordstern für Gelsenkirchen werden. Fritz Schupp und Martin Kremmer heißen die Architekten hier wie da. Zollverein ist seit 2001 Weltkulturerbe, 500.000 Besucher strömen Jahr für Jahr auf das Gelände, Nordstern ist zur THS-Hauptverwaltung geworden. Was Rem Koolhaas für den spektakulären Umbau der Kohlenwäsche auf Zollverein, will nun Petzinka für den Nordsternturm werden. Essen liegt im Rheinland, Gelsenkirchen in Westfalen.
1857 begann das Abteufen der Schächte. Sieben Jahre später erhielt die Zeche den Namen „Nordstern”, weil sie damals die nördlichste im Revier war. Nach über 130 Jahren Kohleförderung und Kokerei war 1993 Schicht im Schacht. Die IBA Emscher-Park und die Buga 1997 bereiten den Strukturwandel vor. Der trat dann auch ein. Die THS verlegte ihre Hauptverwaltung auf das ehemalige Zechengelände. Ein Gewerbepark, ein Landschaftsgarten und unzählige THS-Wohnhäuser teilen sich heute das ehemalige Zechengelände.

 

Im tiefen Tal, im Emschergrund

 

Karl-Heinz Petzinka hat auch dafür gesorgt, dass auch die Nachbarschaft seines Firmensitzes kräftig aufgeschmückt wird. Mit der Emscherkunst.2010 findet dort das zentrale Projekt der RUHR.2010 statt, zumindest was den Etat betrifft. Petzinka hat diesem Projekt vor seiner Haustür elf Millionen Euro bewilligt. Zum Vergleich: das Kunstmuseum Bochum erhält im Kulturhauptstadtjahr gerade einmal 75.000 Euro an Zuschuss.

 

Die “Emscherinsel” ist eine Art Mittelstreifen irgendwo im Niemandsland zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal. Das Projekt (Kurator: Florian Matzner) irgendwo zwischen der Kassler documenta und den Skulptur Projekte Münster angesiedelt. 20 “künstlerische Interventionen” sind auf einer Strecke von 34 Kilometer von Oberhausen bis Castrop-Rauxel verteilt. Das reicht von Tadashi Kawamata über Monica Bonvicini bis Mischa Kuball (siehe auch das Interview: Citizen Kuball) und Lawrence Wiener, von Bogomir Ecker zu Silke Wagner, von Rita McBride zu Mogwai.

 

Höhepunkt der “100 Tage Open-Air-Kunst im Emschertal” soll aber “Slinky Springs to Fame”, eine Fußgänger- und Fahrradbrücke über die Emscher werden. Das Projekt von Tobias Rehberger wird alleine fünf Millionen Euro beanspruchen. Wann es fertig ist, steht derzeit in den Sternen. Die Bauarbeiten dauern an. Emscherkunst ist vorsichtshalber als Biennale geplant. Fest steht, dass der neue Skulturenparcours von Lüpertz´ „Herkules” dominiert wird. Die Kosten für den neuen Skulpturenpark sind ungewöhnlich hoch, seine Nutzung ist dagegen stark eingeschränkt. Wer ihn besichtigen will (bis 5. September), braucht Ausdauer, ein Fahrrad und jede Menge Zeit. Mindestens anderthalb Tage, raten die Veranstalter.

 

Maike Kraft

20.06.2011 15:07 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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