Die Stadt, das Öl, der Maler und der Kohlacker
Knausgårds Galerie „magischer“ Munch-Bilder in der Kunstsammlung NRW

Möwe flieg. Das Munch-Museum als neue Landmark

Oslo hat es besser. Oslo ist „Grüne Hauptstadt“ Europas 2019 und doch mitten im Umbau. Seit dem Regierungswechsel 2015 ist ein Bauboom ausgebrochen, der nur dem in den Golfstaaten vergleichbar ist. „Stadt für alle, Menschen an erster Stelle“, lautet das Motto des ehrgeizigen „Handlingsprogram“ für urbanes Stadtleben und Oslos Zentrum, das bis 2027 umgesetzt werden soll. Lala Tøyen-Landschaftsarchitekten aus Oslo beschreiben ihren großangelegten Plan in einem schönen Knittelvers: „the blue and the green and the city in between.“Der Hafen wird bis 2025 von Flipstad weiter nach Garnlia verlegt, auf künstlichen Inseln entstehen weitere Wohngebiete. Mit der neuen City Ferry wird man demnächst zwischen elf Museen auf dem Fjord hin und her fahren können.

Neue Mitte Oslo. Unten das Neue Munch-Museum 

Das bedeutet weniger Autos. Denn weniger Fahrzeuge bedeuten mehr Raum für Grünflächen, Plätze und mehr öffentliches Leben. Das alte Hafengebiet wurde schon zum Wohn- und Ausgehviertel um- und aufgemodelt, das Astrup Fearnly Musset von Renzo Piano steht das als spektakuläre Landmarke am Ende einer künstlichen Landzunge.
Wer in die City mit dem Auto will zahlt ordentlich Maut. 40.000 Elektroautos fahren schon heute durch die Stadt, Zum ersten Mal in der Geschichte Norwegens, und weltweit führend, wurden im April mehr Neuwagen mit Elektroantrieb zu gelassen als konventionelle Autos.
Der öffentliche Nahverkehr wurde kräftig ausgebaut, eine neue U-Bahn-Linie ist in Betrieb. Überall sieht man sparkesykkel, Elektroroller und ähnliches Gerät.

Ausgerechnet das sprudelnde Nordseeöl macht das alles möglich. Immer noch besitzt Norwegen über 50 Prozent der verbliebenen westeuropäischen Erdölreserven. Heute haben die Norweger das dritthöchste Prokopf-Bruttoinlandsprodukt der Welt, (das entspricht 81.500 Dollar pro Einwohner), die Arbeitslosenquote liegt unter drei Prozent, Gesundheitsversorgung und Erziehung sind gratis. Das Land, in dem unablässig Öl fließt, ist vom Ehrgeiz gepackt, Oslo zur schönsten unter den skandinavischen Hauptstädten werden zu lassen. Die Unabhängigkeit mußte man sich über Jahrhunderte gegen die Dänen und die Schweden erkämpfen. Erst 1905 wurde Norwegen eine Nation und erhielt einen „gewählten König“.

Oslo, eine Stadt etwa so groß wie Düsseldorf,  befindet sich mitten im größten Umbruch seiner Geschichte. „Grüne Hauptstadt“ ist dabei nur ein Etappenziel. Oslo ist zurzeit das weltweit avancierteste Projekt, aus Stadtentwicklung, Architektur und Kulturförderung die europäische Stadt des 21. Jahrhunderts zu formen.

Und alles wird vom neuen Munch-Museum überragt. 13 Geschosse hoch ragt der Neubau im neuen Kulturdistrikt am alten Hafen auf, unübersehbar vor allen bei Dunkelheit die von innen strahlende Glasfassade. Von der Dachterrasse wird man einen famosen Rundumblick über den ehrgeizigen Transformationsprozess nehmen können.

Neue Oper am alten Hafen

Wie ein riesiger Eisberg wirkt das neue Opernhaus (Eröffnung 2008) am Fjord der Bjørvika-Bucht. Teils auf Pfählen gebaut, reicht der strahlend weiße, 242 m lange und 110 m breite Marmorblock 16 m unter den Wasserspiegel. Der Entwurf stammt von Snøhetta Arkitektur aus Oslo. Gleichzeitig sollen im kommenden Frühjahr die neue, modernste Deichmannsche Bibliothek (Lund Hagem Architekt i. Zs. mit Atelier Oslo) und Norwegens Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design (Klaus Schuwerk, Kleihues + Schuwerk) eröffnen.

Siri Hustvedt, die in New York lebende Schriftstellerin, Tochter einer Norwegerin und eines Professors für norwegische Geschichte lernte von Kindesbeinen an Norwegen lieben; das Skifahren in den Bergen, den Duft von Orangen, die im Winter in einer Schale lagen und Bolle, ein Gebäck mit Rosinen. Natürlich auch die reiche Literatur des Landes, Ibsen, den frühen Hamsun und Karl Ove Knausgård: „Für Norwegen waren seine Bücher wie ein Mann, der in den Park kommt, sich auszieht und zu heulen beginnt.“ Mit Knausgård teilt sie ihre Liebe zu Edvard Munch.

„Ein unendlicher Schrei durch die Natur“ 

„Über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen – meine Freunde gingen weiter, ich blieb zitternd vor Angst zurück. Und ich fühlte, dass ein gewaltiger unendlicher Schrei durch die Natur ging,” notierte Munch im Januar 1822 in sein Tagebuch. Kurz darauf malte er sein wohl berühmtestes Bild, „Der Schrei.“ So ist es dieser Schrei der Natur, der von der Frau auf Munchs Gemälde gehört wird und sie zusammenfahren läßt. Als Munch in Oslo unter der Deutschen Besatzung im Januar 1944 mit 81 Jahren starb, vermachte er seinen gesamten Nachlass, gut 1000 Werke, darunter viel Skizzenhaften und Unfertiges, Verwittertes und Liegengelassenes der Stadt. Erst 1963 kam es zur Eröffnung des Munch-Museum. Seitdem hat wohl jedes Schulkind Norwegens dieses Museum am Stadtrand Oslos besucht, bald wurde es zu eng und wirkte auch ein wenig wie eine Volkshochschule. Munch stieg zum Nationalkünstler auf, wie es hierzulande keinen gibt. Wohl nicht zuletzt wegen seiner tiefen Verbundenheit mit der Landschaft, mit der Natur.

Da das Nordseeöl weiter sprudelt, entschied man sich nach jahrelangen Diskussionen zum spektakulären Neubau am neuen alten Hafen im Stadtzentrum. Zur Abschiedsausstellung im alten Munch-Museum gewann man Karl Ove Knausgård, der sich gerade zum Nationalschriftsteller hinaufschrieb. Knausgård zu gewinnen, war in mehrfacher Hinsicht ein kluger Schachzug. Denn Knausgård, Einzelgänger wie Munch, ist überaus populär in lesefreudigen Norwegen und ein Weltstar der Literatur made in Norwegen dazu. Kunsthistoriker ist er überdies. Ihm konnte man einen „frischen Blick“ auf den etwas abgefeierten Nationalmaler zutrauen, man gab ihm freie Hand bei der Auswahl. Nun ist Knausgård ein fabelhafter Schriftsteller, der als Ausgleich von seiner intensiven Ich-Erforschung sicher einmal gerne ins kuratorische Fach wechselte. Seine Sicht auf Munch ist allerdings so frei nicht. Ohne die Begleitung durch die nicht minder fabelhafte Kari Brandtzæg wäre das Experiment sicher nicht so gelungen. Die Chefkuratorin des Munch-Museums stand Knausgård zwei Jahre lang beiseite. Zurzeit bereitet sie eine große Einzelausstellung mit Tracy Emin vor, mit der das neue Munch-Museum im Frühjahr eröffnen wird. Emins neue, sieben Meter hohe Bronze “The Mother” wird dann von der Museums Insel in der historischen Mündung der Akerselva aufragen.

Offerte aus Oslo

Da das Munch-Museum umzugsbedingt ohnehin schließen muß, lag die Idee gar nicht fern, die Werke auf Reisen zu schicken. Da Norwegen in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, wurde die Kombination Munch – Knausgård schier unwiderstehlich. Das beliebte Land der Fjorde startete zur Buchmesse seine bisher größte, fünf Millionen Euro schwere Kulturinitiative im Ausland überhaupt.

Licht und Landschaft. Susanne Gaensheimer im Gespräch mit Karl Ove Knausgård in der Düsseldorfer Ausstellung

Munch, Knausgård, Buchmesse, ein charmanter Auftritt von Kronprinzessin Mette Marit dazu, wie sollte die aus Frankfurt nach Düsseldorf gewechselte Direktorin der Kunstsammlung NRW, Susanne Gaensheimer da anders als diese kompakte Munch-Offerte aus Oslo willkommen heißen.

Die Offerte aus Oslo ist großzügig wie selten. Doch bringen Pakete oft Überraschungen mit sich. Die schlechte: Was für Oslo und das breitere Publikum dort, die ihren Munch seit Kindertagen kennen, eine Abwechslung und Wohltat war, trifft in Düsseldorf auf tabula rasa. Denn Düsseldorf ist Munch-Neuland. Wenn Knausgård auf die Ikonen, die großen und berühmten Munch-Gemälde gänzlich verzichtet, weil sie ihm abgenutzt und optisch verschlissen erscheinen, dann dürfen wir sie in Düsseldorf schmerzlich vermissen. Mit den Ikonen wird nämlich ausgerechnet die stärkste Phase dieses genialen wie manischen Malers ausgespart. Zwischen 1885, als Munch Das kranke Kind malte bis Die Mädchen auf der Brücke aus dem Jahr 1901, brachte Munch seine fünf, sechs Meisterwerke auf die Leinwand. Heute sind sie allesamt Ikonen der Moderne, weltbekannt, in Norwegen schier unausweichlich. Auf dem neuen Flughafen findet man Munch-Bilder im Original, auf Tea-Cups, T-Shirts, Handyschoner sind sie millionenfach gedruckt. Der Schrei (zwischen 1893 und 1910 malte Munch vier Versionen) dient inzwischen als universelles Zeichen vor Gefahr.

In Düsseldorf findet sich dagegen kein einziges Bild von Edward Munch, nicht in der Kunstsammlung NRW, nicht sonst wo. Die Kuratorin, Anette Kruszynski, trat zur Seite und ließ Knausgård in Düsseldorf freie Hand. Selbst die Wandfarben der vier Säle bestimmte der Schriftsteller selbst. Ironie der Geschichte: Die Kunstsammlung wurde einst groß, weil ihr Gründungsdirektor Werner Schmalenbach ausschließlich Meisterwerke in die neue Sammlung aufnahm. Nun muß die Munch-Ausstellung rein ohne Meisterwerke auskommen.

Stellen wir uns einmal vor, Düsseldorf hätte Siri Huvstedt gebeten, eine Munch-Ausstellung zusammenzustellen. – Wäre sicher eine schöne Alternative zur Knausgard-Auswahl geworden!

Die Düsseldorfer Malerschule reichte bis Norwegen

Die Düsseldorfer Kunstakademie hatte im 19. Jahrhundert durchaus Wirkung bis nach Norwegen erzielt. Die berühmtesten Maler waren zweifellos Adolph Tidemand (ein Schüler Carl Wilhelm Hübners), der, nachdem er 1837 in Düsseldorf eintraf, für den Rest seines Lebens am Rhein wohnen blieb, sowie Hans Fredrik Gude, der einem norwegischen Publikum als Düsseldorfer Maler bekannt ist. Auch Johan Fredrik Eckresberg wäre zu nennen. Seine an der Düsseldorfer Malerschule orientierten Schilderungen des Volkslebens dienten den Bauerngeschichten des Dichters und Nobelpreisträgers Bjørnstjerne Bjørnson als Inspirationsquelle. Künstler, die Munch allesamt hinter sich lassen wollte. Nichts Erzählerisches mehr, hin zu purem Ausdruck und magischer Präsenz.

So viel Sehnsucht

Und dann tat Knausgård, was einem Schriftsteller eigen ist, er schrieb ein Buch über Edvard Munch und seine Lieblingsbilder – So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Pünktlich zur Buchmesse erschien das Buch auf Deutsch.

Aus den blauen Bergen kommen wir. Edvard Munchs Kohlacker von 1915

Ach ja der “Kohlacker“! – ein kleines Landschaftsbild von Munch aus dem Jahr 1915. Dieses fast skizzenhaft gemalte Kohlfeld hat es Knausgård besonders angetan. So schlicht, profan und überaus geöhnlich dieser Acker auch erscheinen mag – „dennoch ist dieses Bild magisch.“ – Denn „es ist so aufgeladen, dass es, wenn ich es betrachte, beinahe so ist, als würde etwas in mir zerbrechen.“ Aus Expressionismus wird Existenialismus. Und dann stellt Knausgård die suggestive Frage aller Fragen: „Wie kommt es dazu?“

Knausgård vor Munchs frühem Selbstportrait von 1888

Um knapp 270 Seiten später seine schriftstellerische Resignation, oder nennen wir es Demut zu bekunden, eine alte Platte gleichwohl: Die Vergeblichkeit aller Worte und Begriffe angesichts der Malerei: “…dass alles, was in diesem Buch gedacht und geschrieben wurde, seine Gültigkeit in dem Moment verliert, in dem der Blick der Leinwand begegnet.“

Eine schönere Huldigung des momenthaften Ereignisses, der ersten leiblichen Begegnung mit einem Gemälde im Original, läßt sich kaum denken. Doch leugnet Knausgård hier, im großen Finale seiner Auseinandersetzung mit Munch, die kunsthistorische Lehre, die da sagt: „Du siehst nur, was Du weißt.“

 

Präsenz – um die sich alles dreht?

Knausgård in Düssedlorf

Knausgård erweist sich mit seiner Feier der „Unmittelbarkeit“ und der „Präsenz“ – „Und darum dreht sich doch alles, nicht?“ – als Anhänger aktueller Vitalitätslehren, wie sie beispielsweise Henri Atlan (Living and Knowing as self-organizing Processes,  Knowledge, Glory and ‘On Human Dignity’) vorbereiteten. Der élan vitale ist dabei ein zentrale Begriff, den der französische Philosoph Henri Bergson, ein Zeitgenosse Munchs, 1907 in seinem Werk L’évolution créatrice („Die kreative Evolution“) geprägt hat. Munchs zeitlebens komplexe wie schwierige Auseinandersetzung mit der eigenen Malerexistenz und Knausgårds „Mein Kampf“ finden in Bergson einen gemeinsamen existentiellen Grund. Vor allem aber ist es Knausgårds eigene schöpferische Methode, sein Schreibdrang, seine Schreibtherapie, alles rauszulassen, aufzuschreiben, nichts zu überarbeiten, nichts zu redigieren, der dem Munch´schen Malerdauerelan entspricht. Er malte immer weiter, immer wieder und wieder die gleichen Motive, Landschaften, Äcker, Leute, Himmel, alles mußte raus aufs Papier, auf die Leinwand, nichts wurde überarbeitet, verworfen…

Das Gute am Überraschungspaket aus Oslo: Bei alledem ist eine große, eindrucksvolle, ja überwältigende Ausstellung herausgesprungen. Und das liegt an Munch, diesem großen Maler, der in die Malerei verliebt war, ihr folgte, sich von ihr abhängig machte, ihr diente, sich ihr unterwarf und sie über die Grenzen hinaus trieb. Dieser Quereinstieg ins Munch-Universum lohnt allemal.

 

 

 

 

Redaktionelle Mitarbeit: Anke Strauch

 

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