“Denn ich erfinde ja nichts”
Zur kleinen Retrospektive von Norbert Tadeusz im Kunstpalast

Als Norbert Tadeusz Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die Bühne betrat, setzte die Moderne Kunst gerade zu ihrer zweiten Welle an. Und prompt landete er 1962 als einer der ersten Schüler überhaupt in der Bildhauerklasse des neuberufenen Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf. Härtetest und Selbstprüfung, zumal für einen, der „was lernen wollte“ und zwar Malerei. Fünf Jahre hielt er es bei Beuys aus, brachte es zu seinem Meisterschüler und Assistenten und doch zu einem außerordentlichen Maler.

Gegen die Welle

Tadeusz schwamm immer schon gerne gegen die Welle und gewann dabei einen malerischen Furor, der ihn schnell bekannt machte. Auf Ablehnung reagierte er mit noch wuchtigeren, noch grelleren, noch obzöneren Bilder. Als Beuys und andere in Düsseldorf die Malerei für hoffnungslos überholt, ja für tot erklärte, setzte Tadeusz dem trotzig sein „Ich bin kein Künstler, ich bin Maler“ entgegen.

Aus Widerspruch, Entgegensetzung und Provokation ist sein ungemein vielschichtiges, drangvolles und auch bestürzendes Maler-Werk entstanden. Acht Jahre nach seinem Tod kommt es im Kunstpalast nun zu einer ersten Retrospektive. Zeit, einen frischen Blick auf das Werk dieses Malers zu werfen.

Norbert Tadeusz, schon von der Krankheit gezeichnet. Foto: Claudia van Koolwijk 2009

Kurator Kay Heymer läßt diesem Maler endlich zu teil werden, was ein Museum (auch wenn sich sein Haus nun gar nicht mehr so nennen will) einem Künstler bieten kann: Eine kluge Auswahl an womöglich besten Werken, alle Themen, Landschaft, Portrait, Frauenakt, Atelierszene, Stillleben, Monumentalmalerei, Zeichnungen, selbst frühe bildhauerische Entwürfe werden aufgeboten und chronologisch in einem Rundgang erschlossen. Dazu ein brauchbarer Katalog mit zwei erhellenden Beiträgen, die auf die Bezugsgrößen und Quellen des Malers verweisen. Dabei ist Heymer auf eine Neuigkeit gestoßen, die es in sich hat. Tadeusz stieß wohl in der Bibliothek der Kunstakademie auf Herbert Kühns Klassiker „Die Felsbilder Europas“, aus denen er sich Bestärkung und Anregung für seinen eigenen „Primitivismus“ holte.

Bei allem Protest-Potential und malerischem Furor war Tadeusz ein analytischer Kopf, der sich die Malerei wie die Kunstgeschichte im Laufe der Jahre im Selbstversuch selbst beigebrachte. Er ackerte sich durch die Malerei von der Steinzeit bis zur Pop Art, von der italienischen Renaissance über den römischen Barock bis zu Francis Bacon und Edward Hopper – und blieb sich doch stets treu: Ein Unzeitgemäßer, ein Anti-Minimalist, der in Zeiten der Conzept Art und des erweiterten Kunstbegriffs an der figürlichen Malerei festhielt, zumal an der menschlichen Figur, besonders am Akt weiblicher Körper und auch sonst alle Sparten der klassischen Malerei bediente, bearbeitete und auf seine besondere Art bewältigte.

Das Studium bei Beuys blieb keineswegs ohne Folgen. Tadeusz fühlte sich von Beuys ganz eigener Archaik mindestens ebenso angezogen, wie er Freundschaft mit den Mitschülern Palermo und Anatol schloß und deren ganz unterschiedliche künstlerische Ansätze in sein Werk aufnahm.

Tadeusz´eigener Privitivismus

Oft genug ist die Kunst von Nobert Tadeusz als obsessiv beschrieben worden. Dieses Besetztsein diagnostiziere man anhand stark erotisierender Frauenakte und „Casino-Szenen“, wie auch in der schier unersättlichen Malerwut, die Tadeusz am Ende zu über 3000 Gemälden und einer ähnlichen hohen Anzahl an Papierarbeiten getrieben habe. Die Kunstwissenschaft folgte damit dem zeitgenössischen Trip, Kunst zu psychologisieren und Künstler zu pathologisieren. Der zwanghafte Maler passte nur zu gut ins Schema und Tadeusz, „der Triebmaler“ wurde ihr Opfer.

Tadeusz stand allem Archaischen und Urzeitlichem, Ursinnlichem wie Spirituellem offen gegenüber. Doch war er in gleichem Maß an einer intellektuellen wie künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte interessiert. Tadeusz war nie einfach nur Geniemaler, der „aus dem Bauch heraus“ malte. Er inszenierte und komponierte seine Bilder aufgrund einer streng analysierenden Vorbereitung und Auseinandersetzung mit der Malerei. Das vermag uns die Ausstellung gut vor Augen zu stellen.

Höchste Zeit also, dieses Zerrbild in einer ersten Museumsausstellung nach Tadeusz´ Tod aufzuhellen. Doch gelingt dies nur auf Kosten eines anderen Nachteils. Die ins monumentale drängende, kraftstrotzende, häufig auch überladene Malerei Tadeusz´ wirkt in den verwinkelten Räumen des Kunstpalastes wie eingehegt. Ordentlich sortiert und musealisiert, verliert Tadeusz´ Malerei ihre vielleicht entscheidende Kraft. Ein frischer Blick wurde keineswegs gewagt. Die hohen Räume im Obergeschoss wollte man ihm nicht dann docch nicht überlassen. So fragt man sich, was der Kunstpalast mit dieser Ausstellung bewirken will? – Dem Kunstmarkt aufhelfen?

Tadeusz´ Werk ist groß und breit gezeigt (zuletzt im Kunstmuseum Bochum, in den Kunstsammlungen Chemnitz den Galerien, Böhm Chapel in Köln, bei Fred Jahn in München, Wolfgang Gmyrek, Schönewald und Beuse und Beck & Eggeling in Düsseldorf) und wohl rezipiert worden.

Leider geht im Kunstpalast das Monumentale und Überwältigende dieser Malerei im kunsthistorischen Kleinklein und unter der Last der Hallendecke verloren. Was den Formaten von Pia Fries noch entsprach, wirkt bei  Tadeusz einengend. Die Ausstellung will alles zeigen und verpasst, was dem Maler und uns vielleicht am besten getan hätte.

Zum Glück läßt sich das Ingenium des Malers auf der Insel Hombroich finden. Hier hat er (neben Erwin Heerich) als einziger Künstler schon 1993 einen eigenen Pavillon bekommen – voller verstörender, immer noch bestürzender Casino-Bilder.

Tadeusz, der in die Malerei verliebte Maler, hat die zweite Welle der Moderne mit langem Atem durchtaucht. Aber was hätte er einer neuen Generation von Künstlern und Betrachtern heute zu sagen?

 


Norbert Tadeusz, Kunstpalast Düsseldorf, bis 2. Februar 2020, anschleißend LMW-Museum Münster

Norbert Tadeusz – Wirklichkeit und Illusion. Druckgrafische Arbeiten aus über 20 Schaffensjahren
Galerie Breckner, Samstag, 31. August, 14.00 Uhr, Altstadt 6, 40213 Düsseldorf
15.00 Uhr bei CONZEN am Carlsplatz, Benrather Str. 8, 40213 Düsseldorf.
Gerhard Finckh gibt die Einführung


 


Kommentare

  1. Danke für den Kommentar. Ich hatte exakt den gleichen Eindruck als ich die riesigen Gemälde in den viel zu engen Räumen sah. Das hat er nicht verdient. Hier wurde am falschen Ende gespart.
    Die Ausstellung in Bochum dagegen, gab den Bildern Raum.

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