WHITEOUT statt Blackout
Im endlosen White Cube!

 

Beitrag und Interview mit „New Scenario“ zur Ausstellung „WHITEOUT“ von Lothar Frangenberg

 

Whiteout, Still, Performance Va-Bene Elikem Fiatsi © NRW-Forum Düsseldorf, New Scenario

 

Die vollmundige Ankündigung der Schau „WHITEOUT“ als erste, weltweit präsentierte Virtual-Reality-Gruppenausstellung im „digitalen“ Erweiterungsbau des NRW-Forums, einem am Rechner generierten, grenzenlosen White Cube, macht neugierig. Drei durchaus bekannte Performancekünstler und -künstlerinnen geben sich dort auf Einladung des kuratierenden Künstlerteams „New Scenario“ ihr Stelldichein: Maria Hassabi, Christian Falsnaes und Va-Bene Elikem Fiatsi. Ihre zeitbasierten Arbeiten leben stark von der körperlichen Präsenz der Akteure. Die Frage, ob und wie sich diese Energien überhaupt virtuell übertragen lassen, drängt sich als erste auf. Und welche Rollen, welche neuen Erfahrungen sind uns Besuchern zugedacht? Werden wir unsere eigenen Avatare kennenlernen, gar mit anderen Vertretern dieser „Spezies“ interaktiv in Kontakt treten? Die auch in der Kunst wie überall rasant fortschreitende Digitalisierung schürt verheißungsvolle Fantasien.

Das Set der Ausstellung gestaltet sich äußerlich eher spekulativ und erwartbar: Man betritt einen abgedunkelten Raum mit geschwärzten Wänden, doch gedämpfte, bläuliche Schwarzlichtlampen lassen Farben und Stoffe teils hell aufleuchten. Die sichtbare Technik mit rötlich glimmenden Grafikkarten ist dekorativ hinter Plexiglas an den Wänden präsentiert. Leichtes Disko-Feeling stellt sich ein. Man nimmt auf einem der vorhandenen Stühle platzt, stülpt sich das Headset mit VR-Brille und Kopfhörer über und taucht visuell in die randlose, weiß-neblige, digitale Gegenwelt ein. Bevor man sich in dieser Weite verliert, erscheinen in unterschiedlichen Richtungen am Horizont fleckartige Gebilde. Sie entpuppen sich beim Heranzoomen mit einer Handsteuerung als die angekündigten Performances. Sie wurden als Videos unter realen Studiobedingungen aufgenommen und digitalisiert in den endlosen Weißraum portiert. Dort laufen sie als Loops ab. Die zoomende Bewegung erfasst jeweils nur eine der angebotenen Aktionen. Sie bleibt für den Besucher leider linear auf eine Achse beschränkt. Er nähert oder entfernt sich. Immer spürbar auf dem Stuhl arretiert, verharrt er als eingeschränkter Akteur, kann die Arbeiten nicht umkreisen, nicht multiperspektivisch erleben. Er erfährt sich als isolierter Beobachter ohne Kontakt zu anderen Teilnehmern, die neben ihm im „Realraum“ auf anderen Stühlen Platz genommen haben. Über einen Schwenk nach rechts oder ein Dreh nach links findet er sich über eine erneute Zoombewegung im Endlosloop der nächsten Performance wieder. Die Verführung zum Zappen ist angelegt. Die Performances unterliegen unabhängig von ihren Inhalten dem gleichen Procedere, bleiben in den gleichen Blickwinkeln gefangen. Das Moment, dem Geschehen unmittelbar körperhaft und einmalig vor Ort ausgesetzt zu sein, schwindet mit dem Zoomen im weißen Nebel.

Das technische Equipment filtert und absorbiert die unmittelbare Erfahrung. Der stark fokussierte Betrachter erlebt, dass Aspekte von Distanz, Ferne und Unüberbrückbarkeit thematisiert werden. Das Eingeengtsein macht klar, dass der offene, virtuelle Raum künstlerisch weiter definiert und erobert werden muss, in einer Bandbreite, die nur angedeutet wird. Der konzeptuelle Ansatz ist auch offenkundig kein solutionistischer nach dem Motto, die neue Technik wird es schon richten. Vielmehr zeigt das Projekt in einer Testreihe mit drei Arbeiten gleichzeitig Möglichkeiten und ihre Begrenzungen. Die Schnittstellen zwischen Mensch und Technik, zwischen realer und virtueller Welt müssen weiterentwickelt und Wechselwirkungen aktiviert werden. Entscheidend ist die Frage, welcher künstlerische Mehrwert mit dem Wechsel in eine digitale „Kunst“-Welt erzielt wird. Wirklich neue Szenarien bleiben vor Ort noch hinter unerreichbaren Horizonten verborgen.

Whiteout, Still, Christian Falsnaes © NRW-Forum Düsseldorf, New Scenario

Die Künstler Paul Barsch und Tilman Hornig haben Ideen und Konzept für „WHITEOUT“ entwickelt, die Schau projektiert und beteiligte Akteure eingeladen. Sie veranstalten unter dem Namen „New Scenario“ Ausstellungen jenseits des White Cubes, die an exotischen Orten, wie im Innern einer dekadent, luxuriösen Party-Limousine („Crash“) oder in Körperöffnungen als tabuisierten, kleinsten Ausstellungszonen, stattfinden („BodyHoles“). Die Ergebnisse dokumentieren sie auf ihrer Website. Mit dem aktuellen Projekt schwenken sie doppelt zurück: Real hinein in den öffentlichen Ausstellungsraum und virtuell in den von ihnen konzipierten Cube, der letzteren „maßlos“ übersteigt. Zu ihrer Vorgehensweise und zur Ausstellung „WHITEOUT“ kommen sie selber zu Wort:

Wie definieren Sie sich als Künstler-Duo „New Scenario“ und Initiatoren der Ausstellung? Sie beide sind auch individuell als Künstler tätig. Wo sehen Sie Abgrenzungen zwischen Künstler- und Kuratorenstatus?

New Scenario: „New Scenario“ verstehen wir nicht als Künstlerduo, sondern als eine Art Oberbegriff für unseren kuratorischen Ansatz. Es ist der Name der Online-Plattform, auf der wir unsere Gruppenausstellungsprojekte präsentieren. Wir kuratieren und konzipieren unsere Projekte als Künstler. Wir sind keine ausgebildeten Kuratoren im klassischen Sinne. Die Grenzen zwischen dem einen und anderen Bereich interessieren uns nicht wirklich.

Nach welchen Kriterien laden Sie Künstler zur Teilnahme ein und welche Vorgaben machen Sie ihnen? Sie legen Konzept und Ort fest, während die Künstler Arbeiten oder Fotos der Arbeiten zum vorgeschlagenen Projekt abliefern?

New Scenario: Die Kriterien sind immer recht unterschiedlich. Zum Beispiel laden wir Künstler ein, weil wir ihre Position relevant finden, oder eine bestimmte Arbeit bzw. die generelle künstlerische Haltung zum Projekt passen. Jedes neue Projekt hat konkrete Rahmenbedingungen, die mit den ausgewählten Orten und Ideen zusammenhängen. In „JURASSIC PAINT“ zum Beispiel haben wir nur Malerei gezeigt. Diese hatte sich im Zusammenhang mit den lebensgroßen Betonsaurierskulpturen und der umgebenden Landschaft zu behaupten. Ähnliches gilt für „BODYHOLES“. Hier mussten die Arbeiten in menschlichen Körperöffnungen funktionieren. Wir haben bewusst Künstler angefragt, die normalerweise nicht in diesen kleinen Dimensionen arbeiten, um zu sehen, wie sie kreativ auf die Situation, auf die speziellen „Ausstellungsräume“, reagieren.

Wir machen keinerlei Vorgaben außer den technischen, die jedes Projekt erfordert. In einigen Fällen fragen wir ein ganz bestimmtes Kunstwerk an, aber in vielen anderen, wie z.B. auch bei dem neuesten Projekt „WHITEOUT“, ist es den Künstlern komplett freigestellt, welche Arbeit sie zeigen wollen. Wir geben lediglich den Rahmen, den Ort oder das Konzept vor, in dem die Ausstellung mit den Kunstwerken präsentiert wird. Einige Künstler reagieren mit neuen Arbeiten darauf. Die Bildproduktion zur Ausstellung, also die Dokumentation der Arbeiten in den speziellen Settings und deren Narration, die ja letztendlich die Grundlage der Präsentationen bilden, ist aber komplett unsere Sache.

Sie kreieren ungewöhnliche Ausstellungsformate. Damit scheinen Sie kritisch auf den vertrauten White Cube als Ausstellungsraum zu reagieren. Wollen Sie die herkömmlichen, eingeschliffenen und oft machtbesetzten Präsentationen von Kunst bewusst unterlaufen?

New Scenario: Ja, wir wollen generell solch eingeschliffene Standard-Formeln aufbrechen. Das sind wir der Kunst schuldig. Die Digitalisierung hat viele neue Mittel für das Zeigen und die Distribution von Bildern bereitgestellt. Das künstlerische Bild an sich hat zudem viel von seiner Bedeutung verloren. Wir versuchen innerhalb der sich auftuenden Möglichkeiten und Nischen, andere Formen der Präsentation von Kunst und alternativer Kunsterfahrungen zu schaffen. Im Digitalen nur alteingeschliffene Muster zu wiederholen, macht keinen Sinn. Das herkömmliche Kunstsystem ist sowieso in einer Krise. Also muss man andere Wege finden, vorbei an den alten Institutionen, Gebräuchen und Netzwerken, neue Standards zu setzen.

Warum kehren Sie hier im NRW-Forum in Düsseldorf mit der Präsentation der drei Performances in den vertrauten, musealisierten Raum zurück? Sie spiegeln ihn sogar, in der grenzenlosen und cleanen Variante des White Cubes virtuell auf die Spitze getrieben, wider.

New Scenario: Das hat vor allem ganz pragmatische Gründe: Diese virtuelle, weiße Leere lässt sich nur in der Virtual Reality (VR) erlebbar generieren. Das NRW-Forum hatte uns angeboten, für seinen „digitalen Anbau“ das Projekt „WHITEOUT“ zu produzieren. Dort verfügt man auch über Infrastruktur und Technik, dieses durchzuführen. Letztendlich kann man das Projekt aber überall zeigen, wo die erforderlichen VR-Brillen und Rechner vorhanden sind. Es ist nicht zwingend an einen musealisierten Raum gebunden. Die eigentliche Ausstellung findet ja in der VR statt. Die Überspitzung des White Cube fanden wir dramaturgisch angebracht, da alle vorangegangen Projekte diesen komplett vermieden hatten. In seiner Übertreibung wird er aber auch zum Un-Ort, der die vermeintliche Neutralität thematisiert. Wie verhält es sich mit den Arbeiten, also den Performances, wenn alle räumlichen und körperlichen Bezüge sowie das Publikum wegfallen, von denen sie sonst leben?

Sie nutzen Performances wie die von M. Hassabi, die in ähnlicher Form immer wieder authentisch an realen Ort aufgeführt werden und dort präzise funktionieren. Auf dem Stuhl und hinter der VR-Brille verharrend, auf das lineare Zoomen mit Hilfe der Apparatur beschränkt, fühlt man sich in der Tat von solchen Arbeiten distanziert. Diese Erfahrung gehört also zum Konzept?

New Scenario: In gewisser Weise schon. Hier ist vor allen Dingen erwähnenswert, dass Maria Hassabi diese Arbeit für das Setting vorgeschlagen hat. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Arbeit unter den neuen Präsentationsbedingungen verändert und auch die Wahrnehmung beeinflusst. Andere Aspekte der Arbeit treten somit in den Vordergrund.
Ein Hauptansatz von „New Scenario“ ist es, Kunstwerke über Kontexte und Situationen hinweg wandern zu lassen. Die gleiche Arbeit an unterschiedlichen Orten unter verschiedenen Bedingungen gezeigt, offenbart immer wieder neue Sichtweisen.

Hätte es nicht Sinn gemacht, für eine Präsentation im virtuellen Raum mit all seinen Möglichkeiten einen neuen, völlig anderen Container als Ausstellungsbühne zu erfinden?

New Scenario: Bei „WHITEOUT“ ging es uns gerade darum, einen „Nicht-Raum“, eine Leere, zu schaffen, in der die Performances gezeigt werden. Diese hermetische Isolation von etwas sehr räumlich und interaktiv Gedachtem hat uns sehr interessiert. Die Frage war, ob es möglich ist, durch diese virtuelle Leere eine intime Betrachtersituation zu schaffen, die ähnlich intensiv ist, wie das Erleben von Performances im Real Life.

Fühlen Sie sich bei solchen Projekten ausreichend finanziell unterstützt? Beschneiden hier vor Ort die finanziellen Mittel das kuratorische und künstlerische Konzept? Wenn Sie ihre Fantasie schweifen lassen, was wäre ohne finanzielle Begrenzung für Sie in der virtuellen Realität möglich?

New Scenario: Der ursprüngliche Plan bestand darin, acht verschiedene Performances zu zeigen. Das ging aber aus finanziellen Gründen nicht, da die Produktion schon für diese drei Positionen extrem teuer war. Hätte man aber eine halbe Million bis eine Million Euro Budget gehabt, hätte man die Performances auch volumetrisch (als allansichtige Videos) aufnehmen können. Das hätte definitiv mehr Interaktivität bedeutet. Da aber diese Aufnahmeverfahren noch am Anfang der Entwicklung stehen (in Deutschland gibt es seit kurzem erst ein Studio), wäre das nicht nur ein großes Experiment, sondern neben den exorbitanten Kosten auch enorm aufwendig gewesen.

Wenn Geld keine Rolle spielte, würde „WHITEOUT“ als reale Variante existieren, als existenter, scheinbar endloser Raum, der gleichmäßig weiß ist, und in dem 20 verschiedene Performances stattfinden. Ein ganzes Orchester würde die Hintergrundmusik spielen, und man müsste sich als einzelner Besucher im Weiß auf die Suche nach den Arbeiten machen. Als VR-Variante müsste als erstes die Auflösung der Brillen verändert werden, die ist nach wie vor eher schlecht. Das Blickfeld der Brillen müsste auch erweitert werden, damit der Taucherbrilleneffekt verschwindet. Man bräuchte auf jeden Fall die volumetrischen Videoaufnahmen für maximale reale Erfahrung und Räumlichkeit.

Ohne finanzielle Begrenzung ist sicher fast alles in VR möglich, aber diese ganze VR-Technik ist generell eher überbewertet und noch recht unhandlich. Das funktioniert sicher gut für Effekthaschereien und für Gaming; aber viele VR-Kunstprojekte leiden an einer überholten Computerspielästhetik. Die Kunst emanzipiert sich noch nicht wirklich vom Medium.

Ist „WHITEOUT“ nur ein Experiment, oder ist vielmehr der virtuelle Raum jetzt schon der angesagte, performative und interaktive Raum künstlerischer Aktionen und Auseinandersetzungen?

New Scenario: „WHITEOUT“ ist definitiv ein Experiment. Diese weiße, virtuelle Leere ist ein sehr schönes Setting für die Präsentation von Kunst und Performance. Das funktioniert auch super. Der Haken ist der Stand der VR-Technik, die diesen Raum nur beschränkt interaktiv und immersiv erlebbar macht. Technik entwickelt sich aber zum Glück.

Wird „WHITEOUT“ online in irgendeiner Form, wie andere Projekte auch, als Dokumentation verfügbar sein?

New Scenario: Nein. Das ist in erster Linie für die VR-Brille gemacht. Die derzeitige Technik hinkt der Idee einer browserbasierten Anwendung noch hinterher. Das „Raumerlebnis“ in der VR ist schon wichtig.


Zur Ausstellung:

WHITEOUT
Virtual-Reality-Ausstellung zur zeitgenössischen Performancekunst
19. Juli bis 10. November 2019
NRW-Forum, Düsseldorf


 

 

 

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