Anruf auf der Autobahn
Helge Achenbach über Frieder Burda

Frieder Burda (29.4.1936 in Gengenbach bis 14. Juli in Baden-Baden) wird vor allem als Kunstsammler und Mäzen in Erinnerung bleiben. Hier äußerst er sich über sein erstes Kunsterlebnis:

Meine erste Begegnung mit der Kunst? Das lässt sich bei mir nicht mit einem festen Ereignis oder einem Datum verbinden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wurzeln meiner Kunstbegeisterung in meinem Elternhaus gelegt wurden. Mein Vater war oft von Besuchen bei Kunden oder bei anderen Unternehmern nach Hause gekommen und erzählte erstaunt: “In diesem Haus hängt kein einziges Bild an der Wand, könnte ihr euch das vorstellen?!“

So hätten meine Eltern Franz und Aenne Burda nicht leben können. Mein Vater pflegte den Abschluss eines guten Geschäfts mit dem Kauf eines Bildes zu feiern. Einem Macke, Kirchner oder einem Jawlensky. Das war die Kunst bei uns zu Hause. Sehr expressiv, was sicher damit zusammenhing, dass mein Vater als Druckereibesitzer stark von der Farbe angezogen war.

Natürlich ging es mir wie anderen Kindern und Jugendlichen auch. Ich hasste die Sonntagsausflüge ins Museum, die ich total langweilig fand. Und eine wirkliche Begeisterung für die Bilder zu Hause hatte ich auch nicht. Vielleicht mit einer Ausnahme: der Märchenerzähler von August Macke. Meine Mutter mochte dieses Bild auch sehr und ich selbst war von dieser Mystik des orientalischen Erzählers angezogen. Warum sitzt er auf dem Teppich, was ist das für ein Mensch? Ein Mann mit erhobenem Zeigefinger, großen Augen und einem Turban. Gegenüber ein Zuhörer mit einer Pfeife, der aufmerksam den Worten lauschte. Das faszinierte mich.

Heute ist klar, die Bilder im Elternhaus haben mich geprägt. Auch ich komme von der Farbe her, meine Sammlung ist sehr expressiv aufgebaut und die Farbe zieht sich wie ein roter Faden durch die Sammlung, die heute rund 800 Kunstwerke umfasst. So war es dann auch mit dem ersten Bild, das ich selbst erworben hatte. Es war 1968 auf der documenta. Es war ein roter Fontana mit drei Schlitzen. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, wer dieser Künstler ist, aber mir hat das Bild unheimlich gut gefallen.

Das war der Beginn meiner Sammlung. In der Zeit der 1968er. Stolz zeigte ich die Neuerwerbung meinem Vater, in der Erwartung, sein Urteil werde vernichtend ausfallen. Das war so etwas wie meine Revolution oder sollte es sein. Denn mein Vater sagte: „…na ja, gar nicht schlecht das Bild…“ Dabei wollte ich eigentlich zeigen, wie radikal ich bin.

Von den Expressionisten in meinem Elternhaus zu den deutschen Nachkriegsmalern wie Georg Baselitz, Gerhard Richter oder Sigmar Polke, aber natürlich auch zu den amerikanischen abstrakten Expressionisten in meiner Sammlung war es eigentlich nur ein kleiner Schritt. Es sind Bilder, die bei genauem Hinsehen durchaus miteinander zusammenhängen.

Heute kaufe ich mit großer Begeisterung Bilder von jungen Künstler. Und auch da sind es wieder die Farbe und Ausdruckskraft, die mich faszinieren. Das Kunstsammeln lässt mich nie mehr los. Sammeln kommt von innen heraus.

aus: “Ich fand Kunst doof und gemein”. Mein erstes Kunsterlebnis, Cornel Wachter (Hg.), Köln 2012

Helge Achenbach erinnert sich, wie der große Sammler an seine bedeutende Gerhard Richter Kollektion kam.

 

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