„Man muß immer was Gigantisches machen“
Wie der Sammler Hans Grothe der größte wurde – ein Nachruf

Seine ersten beiden Bilder kaufte Hans Grothe – Immobilienmagnat, Kunstsammler – 1956. Gerade  hatte der 26jährige 20.000 Mark in einem Architektur-Wettbewerb gewonnen. 14.000 Mark davon steckte er sich am frühen Morgen in die Tasche. Eigentlich wollte er einen Porsche kaufen. Doch Auto Becker in Düsseldorf öffnete erst spät. Daran erinnert sich der Duisburger Bergarbeiter-Sohn, gelernte Maurer. Früh war er in die SPD eingetreten, neben Architektur in Trier hatte er auch Kunstgeschichte in Mainz studiert. Der Autohändler hatte Pech. Frühaufsteher Grothe entschied sich für seine zweite Leidenschaft neben den schnellen Autos. Er ging in die Stadt und erstand einen “Blumengarten” von Emil Nolde und ein “Tingeltangel”-Bild von Edvard Munch. 13 000 Mark in bar erhielt der Verkäufer, der eigentlich 14 000 Mark verlangt hatte. Den Rabatt reservierte sich Grothe, um seinen Kunstkauf zu feiern.

Bereits zwei Jahre später war sein “Blumengarten” 40 000 Mark wert. “Da hat sich schon mein Raubtierinstinkt gezeigt”, erzählte Grothe gerne, wer immer es hören wollte. Den Porsche hatte er inzwischen auch. Mitte der 70er Jahre trennte er sich auf einen Schlag von seiner 100 Expressionisten umfassenden „Sammlung Rheingarten“. Sein in Bonn lebender Schulfreud, der Galerist Fritz Lempert, hatte Grothe für eine neue Leidenschaft begeistern können: die Kunst seiner Zeitgenossen, vornehmlich aus dem Umkreis der Düsseldorfer Kunstakademie.

Da gab es nicht nur viel zu entdecken, sondern auch etwas zu gewinnen für einen ehrgeizigen Kunstsammler wie Grothe. Peter Ludwig hatte sich bereits die amerikanische Pop Art vorgenommen, dazu den russischen Konstruktivismus, dazu Picasso. Grothe dagegen setzte auf ein damals unterschätztes Feld: Deutschen Kunst, wie sie ab Mitte der 60er Jahre vor allem im Rheinland auf den Plan trat. Schon 1973 hatte er auf Empfehlung von Lempert im Westfälischen Kunstverein in Münster die Werkschau „Original+Fälschung“ von Sigmar Polke besucht und sogleich übernommen. Dieser Ankauf en bloc war ein Coup ganz nach Grothes Geschmack. Der Ankauf ganzer Werkkomplexe und Werkzyklen sollte für die weitere Sammeltätigkeit zu Grothes Markenzeichen werden und darüberhinaus zu seinem, vielleicht entscheidenden Beitrag zur Ausstellungskultur führen: “Künstlerräume” sind erst mit Grothe groß geworden.

Aber Grothes Liebe zur Kunst entflammte nicht ohne die Nähe zu den Künstlern. So wurde der „Ratinger Hof“, gleich um die Ecke zur Kunstakademie, seine Anlaufstelle. In dieser legendären Szenekneipe entwickelte sich der enge Kontakt, bisweilen auch eine Freundschaft mit Künstlern wie Imi Knoebel, Ulrich Rückriem, Blinky Palermo, Katharina Sieverding, Gotthard Graubner, Abraham David Christian, Markus Lüpertz und Jörg Immendorff. Hier vollzog sich auch der Ankauf von zwölf Gemälden Gerhard Richters, die der Maler selbst als signifikanten Werkblock der Jahre 1964 bis 1974 herausgestellt hatte.

„Eine Sammlung braucht immer einen Leitwolf“, zu dieser Erkenntnis kam Hans Grothe erst nach und nach im Laufe seiner langen, wechselvollen Zuwendung zur Kunst, die sich zu einer vehementen Sammelleidenschaft auswachsen und steigern sollte, bis er der Größte war auf seinem Gebiet: Die Kunst seiner Zeit, ausschließlich von deutschen Künstlern. Erst wurde Gerhard Richter sein Leitwolf, später nach dem Verkauf seiner Sammlung Anselm Kiefer. Aber eigentlich war Grothe längst selbst der Leitwolf seiner ausufernden Sammlung.

780 Werke umfasste die „Sammlung Grothe“ auf ihrem Höhepunkt. Ein mächtiger, in Anzahl wie Qualität ungeheurer beeindruckender Block, wie ihn die Welt zuvor noch nie gesehen hatte. Und Grothe wollte, daß die Welt ihn sah und wahrnahm! Auch dieser Sammler wollte voran, auch Grothe machte mit seiner Kunstsammlung gerne Kulturpolitik. Erst verteilte er seine Sammlung auf Kunstmuseen in Bonn und Bremen, dann schickte er sie auf Reisen, nach Berlin (1999 Martin-Gropius-Bau „gesammelte Räume – gesammelte Träume“), plante bald eigene Häuser, „Kunstkisten“, etwa in Bonn, Düsseldorf, Bremen, Trier, Palma de Mallorca, in denen er seine „Künstlerräume“ nach eigenem Vorstellungswillen und Gusto einrichten wollte. Aber Grothe überdrehte das Spiel. Allein das von den Schweizer Star-Architekten Herzog und de Meuron aus einem Speichergebäude im Duisburger Innenhafen umgewandelte Museum Küppersmühle in Grothes Heimatstadt wurde schließlich realisiert. Nur wenige Jahre nach der Eröffnung machte sich der Großkunstbesitzer daran, die „Sammlung Grothe“ aufzulösen, gewinnbringend versteht sich.

Erst gingen 48 Bilder bei Christie’s über den Auktionstisch, neben Gemälden von Sigmar Polke, Anselm Kiefer und Georg Baselitz vor allem Fotoarbeiten von Bernd und Hilla Becher und deren Schülern, u.a. v. Thomas Struth, Thomas Demand und Andreas Gursky. Mitte der neunziger Jahre hat er für fünf Fotografien von Gursky insgesamt 90 000 Mark bezahlt. Der Erlös allein für Gurskys Monumentalbild “Paris, Montparnasse” stieg auf über eine Million Mark. Fragte Grothe: “Soll ich mich für meinen Blick für Kunst etwa entschuldigen?” Gerhard Richters „Stadtbild Madrid“, ein zentrales Bild im Richter-Raum im Kunstmuseum Bonn, hatte er vorweg für knapp 20 Millionen Mark an François Pinault verkauft. Die Rede vom Museum als „Durchlauferhitzer“ für private Sammler machte die Runde. 2005 folgte dann der große Rest mit zwei Ausnahmen: Abraham David Chrsitian und Anselm Kiefer. Grothe wollte seine Sammlung zusammenhalten. Das gelang, indem das Darmstädter Ehepaar Sylvia und Ulrich Ströher sie für über 50 Millionen Euro übernahm und bis heute weiter in der Küppersmühle zeigt.

Grothe konnte knallhart verhandeln, wenn es ums Geschäft ging und zeigte eine sensible Seite, wenn es seine große Leidenschaft ging, die Kunst.  So ist seine Sammlung mit den ausgewählten Künstlern enstanden und gewachsen. Im Kreis “seiner Künstler” konnte er sich außerordentlich großzügig, auch warmherzig zeigen.

Als Sammler konzentrierte sich Grothe fortan nur mehr auf einen einzigen Künstler: Anselm Kiefer. Bald hier stieg er zum größten Kiefer-Sammler auf. Über einhundert Werke, Gemälde, Räume über eine Schaffenszeit von 30 Jahren hat Grothe zusammen getragen. Noch 2017 und 2018 kamen mit dem „Palmsonntag“ und „Vitrinenraum“ zwei weitere monumentale Werke Kiefers hinzu. Auch diese Sammlung ließ Grothe durch seinen Kurator und Freund Walter Smerling, Direktor des Museum Küppersmühle bis heute, betreuen und immer wieder ausstellen, so in Antwerpen, Palma de Mallorca, Madrid, Baden-Baden, zuletzt 2015 im finnischen Mänttä. In der Bundeskunsthalle in Bonn, gleich neben dem Bonner Kunstmuseum, mit dem die Sammlung Grothe jahrzehntelang eng verbunden war, kam es im Herbst 2002 zu einer Aufsehen erregenden Schau, alles aus Grothes Beständen. Titel dieser größten Werkschau Kiefers: „Am Anfang“. Ende Mai ist Hans Grothe nach langer, schwerer Krankheit in seiner Heimaltstadt im Alter von 88 Jahren gestorben.

 

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