Gebefreudig
Auf „Beste Freunde“ ist Verlass. 50 Jahre schon erfüllt die Gesellschaft der Freunde der Kunstsammlung NRW jeden Wunsch - und sogar etwas mehr

Cheerleader in Chief. Robert Rademacher in der Jubiläumsausstellung

Wie viele Freunde braucht ein Museum?  „Es kommt gar nicht so sehr auf viele an“, weiß Robert Rademacher, „es kommt auch nicht mal auf das viele Geld an. Sondern auf die entscheidenden Personen.“ So war es von Anfang an. 1968, auf dem Siedepunkt der weltweiten Studentenunruhen, setzen sich ein paar Männer zusammen und hielten es für geboten, der sieben Jahre zuvor gegründeten NRW Staatsgalerie einen Freundeskreis bei zu gesellen. Selbstverständlich die „Crème de la Crème“, schwärmt Rademacher noch heute. Selbstverständlich übernahm der Präsident der Düsseldorfer Industrie- und Handelskammer wie des DIHT, Ernst Georg Schneider (1900–1977), den 1. Vorsitz.

Gründung vor der Gründung

Als Schneider 1960 durch den Baseler Galeristen Ernst Beyeler auf die Sammlung des amerikanischen Tycoons G. David Thompson aus Pittsburgh aufmerksam gemacht wurde, konnte der düssseldorfer Unternehmer, einer der bedeutendsten Sammler feiner Porzellane, den Wert der offerierten Kunstwerke sogleich einschätzen, zumal ihren ideellen Wert für die neue, doch etwas gesichtslose Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens. Schneider ergriff die Chance und machte sich sogleich gemeinsam mit einer Runde kunstsinniger Freunde, allessamt “Unternehmerpersönlichkeiten”, darunter Fritz Conzen (Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels), Friedrich W. Christians (ab 1965 Vorstand, später Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank) und dem Sammler und Bankier Kurt Forberg auf den Weg zu Ministerpräsident Franz Meyers (CDU). Der sagte prompt zu. 88 Bilder und Zeichnungen von Paul Klee wanderten tatsächlich ins Schloß Jägerhof, bevor ein Jahr danach die „Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen“ erfolgte. Eine Art Wiedergutmachung. Klee war als Professor der Kunstakademie 1933 von der Nazi-Regierung fristlos entlassen worden. 33 Werke von Alberto Giacometti, die Beyeler damals gleichfalls anbot, gingen ans Kunsthaus Zürich.

Wie eng die Bande damals waren läßt sich schon daran erkennen, daß Schloß Jägerhof zum ersten Sitz der Kunstsammlung NRW erkoren wurde. Im Obergeschoss dieser barocken Maison de Plaisance hatte Schneider bereits ab 1955 seine Kollektion an Porzellan, Silberwaren und barocken Möbeln untergebracht.

So kann mit dem Jubiläum dieser “Gesellschaft der Freude” ein gutes Stück Industrie- und Wirtschaftsgeschichte des Landes Nordrhein-Westfalen gefeiert werden, das ja nicht nur Industrie- sondern auch Kulturland sein wollte. Tatsächlich haben die Kunstwerke ihrer Kunstsammlung das Land an Rhein und Ruhr von Mief und Ruß, auch von provinziellem Klein-Klein befreit. Von Anfang an ging es hier nicht um ein weiteres Provinzmuseum, sondern um eine Sammlung von Weltrang. Entsprechend heftig fiel die Empörung aus, die dem “neureichen Emporkömmling” aus anderen Städten des Landes entgegen schlug. Nicht etwa wegen des Geldes, sondern “um dem zarten Pflänzchen Flankenschutz zu geben”, wurde die Gesellschaft gegründet.

Die Crème de la Crème, damals 50 Mitglieder, darunter Gabriele Henkel, leistete einen Mitgliedsbeitrag von 50 Deutsche Mark pro Jahr und Kopf. Mit 2500 Mark konnte man schon damals kaum große Sprünge machen. “Es kam aber gar nicht aufs Geld an”, erinnert sich Robert Rademacher. Der Automobilunternehmer und Sammler ist seit 1983 Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. In seiner noblen Bescheidenheit verkörpert Rademacher ein gutes Stück Landesgeschichte, als Industriekapital und internationale Moderne gemeinsame Wege suchten. Die noch reichlich sprudelnden Gewinne der Industrie wurden in École de Paris investiert. Man trug Weltoffenheit und kannte keine Furcht vor Globalisierung. Sein unermüdliches, bisweilen hartnäckiges Eintreten für die Kunstsammlung hat Rademacher stets stilsicher und mit ausgeprägt dipolomatischem Geschick vorgetragen – eine wohltuende Bescheidenheit, von der man heute schon befürchten mußte, sie sei unter die Räder gekommen.

Rademacher, bald 80 Jahre alt, ist dienstältester Vorstand aller Freundeskreise an deutschen Museen oder Kunstvereinen. Vor ihm lag lange Jahre nur Peter Raue von den Freunden der Berliner Nationalgalerie, dem nach wie vor mitgliederstärksten Freundeskreis. Raue kommt nun nach Düsseldorf, um die Festrede zu halten.

So ein Freundeskreis ist viel wert; so viel, wie er auf die Waage bringt. Es braucht dazu kaum vieler Mitglieder, als vielmehr guter, noch besser exzellenter Verbindungen. Das ist das wahre Kapital. Gewiss ist auch dieses Schwankungen unterlegen. “Das Geschäft ist schwerer geworden”, sagt Rademacher heute, freilich ohne zu klagen. Die Unternehmen werden heute von Managern geführt, deren Spielraum weit bescheidener sei, als noch in den “Goldenen Zeiten”. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre habe es sich dann gedreht. Überschußmittel gingen ab dann in den Sport. “Der Geldhahn wurde gedrosselt, auch der öffentliche Ankaufsetat wurde gestrichen, während die Preise auf dem Kunstmarkt explodierten.” So gesehen müssen die sieben Amtsjahre von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft die Hochphase der 50jährigen Geschichte dieses besonderen Freundeskreises gewesen sein. Umso besser für die Freunde; ihre Großzügigkeit war um so mehr wieder gefragt. Die Zahl der Mitglieder erhöhte sich auf gut 1000.

Kunst braucht Bewunderung

In Deutschland geschieht das am liebsten im Verein. 1792 wurde in Nürnberg die Kunst-Societät gegründet, 1818 der Albrecht Dürer Verein. In Hamburg wurde 1817 der Kunstverein gegründet. Und immer noch fördern und pflegen die Kunstfreunde die Kunst am liebsten im Verein. Die Kunstvereine haben inzwischen mächtig Konkurrenz bekommen. Beinahe fast Jedes Museum (ob öffentlich oder privat) unterhält einen gemeinnützigen „Freundeskreis“, der materiell und ideell das Museum, oder genauer, den oder die jeweilige Direktor/in vor allem in Form satter Geldspritzen unterstützen soll. Sind die Freundeskreise eine Art betagt-betuchter Cheerleader?

Noblesse oblige. “Die Freunde” wie sich die renommierte Gesellschaft der Freunde der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gerne kurz und bündig nennt, bekommen nun als Dankeschön zu ihren 50 jährigen Bestehen eine Ausstellung ihrer gesammelten und selbstverständlich selbstfinanzierten Kunstwerke, selbstverständlich  in der „Henkel Galerie“, der Ausstellungshalle beim Stammhaus am Grabbeplatz, zu deren Bau sie mit vier Millionen Euro den „Löwenanteil“ beisteuerten.

1000 years. Robert Rademacher vor Kris Martins großer Stahlkugel in der Jubiläumsaustellung, erworben 2010 bei Sies+Höke

Auf alle Fälle: “Beste Freunde”

Der Stolz ist entsprechend groß, beläuft sich der Wert aller bisher 43 erworbenen Werke (die seit 1993 im Eigentum der Gesellschaft bleiben, der Kunstsammlung aber gerne „auf Dauer“ geliehen werden) auf einen „guten neunstelligen Betrag“. Stolz, mit einem Anflug von Selbstironie lautet auch der Ausstellungstitel: „Beste Freunde“.

„Zu Beginn“, erinnert sich Rademacher, “schwamm die Kunstsammlung im Geld“. Bis zu zehn Millionen Mark konnte der legendäre Gründungsdirektor Werner Schmalenbach damals pro Jahr für Ankäufe ausgeben. Kein Wunder, daß sich die Angebote aus aller Welt in seinem Büro in Schloß Jägerhof nur so stapelten. Zum ersten eigenen Bildankauf “der Freude” kam es daher zögerlich. Auf Ben Nicholson 1968 folgten erst fünf Jahre später Sam Francis’ Gemälde St.-Honoré, (erworben 1973  bei Alfred Schmela) und elf Jahre später Konrad Klaphecks Vergessene Helden. Von Amedeo Modigliani, Max Ernst, Francis Bacon, zu Ad Reinhard, Robert Rauschenberg, Ellsworth Kelly, Agnes Martin, Gerhard Richter, Günther Uecker bis Thomas Struth, Wael Shawky und Sabine Groß reicht die Namensliste der Erwerbungen heute. Die Qualität folgt den Ansprüchen des jeweilgen Direktors, der Direktorin. Denn, so die goldene Regel, die Werke werden ausschließlich auf deren Wunsch angekauft. Die „eigene Sammlung“ ist mithin ein Spiegelbild des Geschmack der jeweiligen Sammlungsleitung. Selbstverständlich hat die Direktorin, der Direktor einen Sitz im Vorstand in der Gesellschaft

Auf Susanne Gaensheimers Wunschliste stand etwa Isa Genzken. Also wird zum Jubiläum auch die jüngste Neuerwerbung vorgestellt, eine vierteilige Wandarbeit, Untitled, am Stand der Galerie Buchholz auf der Art Cologne für 250.000 Euro übernommen. Kein besonders großer Brocken für „Die Freunde“.

Grenzen der Großzügigkeit

Heute hat der Verein knapp 1000 Mitglieder, die im Jahr durchschnittlich 500 Euro an Mitgliedsbeitrag in die Vereinskasse zahlen. Dazu kommen nochmals gut eine halbe Million Euro an „Sonderzuweisungen“, sprich Spenden, wenn der Vorsitzende den Ankauf eines besonderen Wunsch-Werkes empfiehlt. Seltener kommt es zu Schenkungen wie zuletzt 2014 von Viktoria von Flemming (Gerhard Richters Portrait von Alfred Schmela) oder von Candida Höfer. Am 7. Juli, Abschluß der Jubiläumsfeierlichkeiten, wird eine weitere „Millionenschenkung“ bekannt gegeben. Es soll wieder ein Gemälde sein. „Einspringen“ ist also eine saloppe Übung für die Freunde. Allerdings nur bei Ankäufen, seltener bei Buchankäufen.  Doch das bürgerliche Engagement kennt Grenzen: “Es darf nicht missbraucht werden. Für den Betrieb fühlen wir uns nicht zuständig“, zieht Rademacher die rote Linie des Lückenspringerglücks. Ausstellungen werden nur ausnahmsweise (100. Geburtstag von Alfred Schmela im Schmela Haus) gefördert. Personal-, Gebäude- und Ausstattungskosten muss das Land NRW schon selbst tragen. Immerhin, Ministerpräsident Armin Laschet, qua Amt Vorsitzender der Kunstsammlungs-Stiftung, erscheint zu den Kuratoriumssitzungen höchstpersönlich, was lange schon kein Ministerpräsident für nötig hielt.

Die Kunst hat sich verändert, der Kunstbegriff erweitert. Sogar die Museen sehen sich mit der digitalen Revolution vor neuen Herausforderungen,  nur die Freundeskreise bleiben sich treu. „Nach wie vor“, meint Rademacher „wollen wir das Haus materiell wie ideell unterstützen.“ Das Ideelle findet dabei kaum wahrnehmbar statt. „Ab und zu komme ich auf den Reisen im Flugzeug neben Frau Gaensheimer zu sitzen“, verrät der Cheerleader in Chief, „dann kommt auch schon mal das eine oder andere zur Sprache“.

Auch die Sorgen um die Vereinsjugend haben Tradition. Um Vereinsnachwuchs zu gewinnen, hat man in Düsseldorf den Klub21 gegründet.  Der wurde 2002 speziell für jüngere Mitglieder unter 40 Jahren von Leopold Freiherr von Diergardt ins Leben gerufen. 21 stand Anfangs für die neue Dependance, das K21, heute ganz allgemein für die Kunst des 21. Jahrhunderts. Mit Silke Lemmes und Anna-Alexandra Pfau sind auch gleich zwei Klub21 Mitgliederinnen in den Beirat der Gesellschaft aufgerückt. Bei allem, was wäre ein solcher Freundeskreis ohne wohl funktionierendes Getriebe. Jutta Müller, die Geschäftführerin, hält den Laden auf Hochtouren.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                            C. F. Schröer

 

 

Hauptwerk im Hintergrund. Ellsworth Kelly´s Grünes Relief mit Blau, eine Erwerbung der Freunde aus dem Jahr 1997. Davor Maria Müller-Schareck, Leopold Freiherr von Diergardt, Susanne Gaensheimer, Robert Rademacher (v.l.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.