„Arbeit ist Kunst/Kunst ist Arbeit“
Zum Tod von Anatol Herzfeld

Bei der Arbeit. Anatol in seiner “Scheune”

„Schaut ein Mensch auf einen arbeitenden Menschen, tut er dieses gezielt und bewußt, so nimmt er einen tiefen Kontakt auf. Er wird zum Mitarbeiter“. Anatols Credo, abgedruckt im Katalog-Ringbuch der documenta 5, erinnert an eine Kunst, der es vor allem um den Menschen geht. 1972, noch Student in der Klasse Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf, macht er sich auf und wird zum Arbeitsmensch, seine Kunst nennt er „Arbeitszeit“. So nimmt er uns gefangen und macht uns zu seinen Mitarbeitern.

„Arbeitszeit“ nennt Anatol folglich seinen Raum auf der documenta 5. Harry Szeemann, ohnehin auf  Individuelle Mythologien eingeschworen, stellte Anatol im Keller des Fridericianums, Sektion Selbstdarstellung aus. Mit „Arbeitshütte“ und „Lebensplatz“ (drei Pappelstämme, div. Holzbalken) baut er gleich zwei programmatische Arbeiten auf.

Schon 1967, als Reaktion auf den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, hatte Beuys die Deutsche Studentenpartei gegründet. Wesentliches Anliegen der Partei ist die Erziehung aller Menschen zur geistigen Mündigkeit (“Jeder Mensch ist Student”). Anatol wird Gründungsmitglied. Beuys hatte sein Büro „Aktion für direkte Demokratie“ für 100 Documenta-Tage nach Kassel verlegt. Den erweiterten Kunstbegriff und die Soziale Plastik wollte er auch in der Politik umgesetzt sehen. Am letzten Tag der documenta wird Anatol zum “Ringrichter” beim legendären Boxkampf zwischen Beuys und Abraham David Christian.

Ein Tag nach Beendigung der documenta 5 wird Beuys als Professor von NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau fristlos entlassen, ein Jahr später tritt Anatol erneut in Aktion, hievt einen 30 Meter langen Pappelstamm auf die Terrasse der Kunsthalle, höhlt ihn aus, bis ihm der Baum fahrtüchtig erscheint. Die „Heimholung des Joseph Beuys“ startet am frühen Nachmittag des 20. Oktober 1973. Beuys kam als Galionsfigur ganz vorn im Einbaum zu sitzen, dahinter Anatol als Fährmann,  weiter hinten die Mannschaft. Vom rechten Rheinufer in Oberkassel ging die Partie bis schräg gegenüber zum alten Schloßturm, von dort zu Fuß ins Ohme Jupp. Dort wurde dann gleich noch die (inoffizielle) 200-Jahr-Feier der Kunstakademie gefeiert. Die „Heimholung“ ist längst als mythenumwobene Fluxus-Aktion in die Kunstgeschichte eingegangen. Was ein Irrtum ist.

Die Protestaktion war ein Schlag ins Wasser. Beuys wurde nicht wieder an die Akademie zurückgeholt, noch war es eine Fluxus-Aktion. Doch sollte sie Anatol weithin berühmt machen. Mit 43 Jahren, in der Mitte seines Lebens, war er angekommen, als Gefährte und Fährmann von Beuys.

„…was machen, das auch die Leute aufmerksam macht, die nicht die genauen Zusammenhänge kennen. Wie das ist, wenn man einen guten Lehrer aus einer wichtigen Position drängt.“ Das galt vor allem für Anatol selbst. Die „Heimholung“ ist als Antwort und Echo auf seine eigene Heimholung und Erweckung zum Künstler durch Beuys zu verstehen. In der Altstadt hatten die gut ein Jahrzehnt jüngeren Beuys-Studenten Peter Heisterkamp und Norbert Tadeusz den Schutzmann und „Moormaler“ wie sich Anatol damals nannte, 1964 kennen gelernt und ihn gleich noch in der Nacht mit zu Beuys ins Atelier am Drakeplatz geschleppt. Beuys nahm Anatol wenig später in seine Klasse an der Akademie auf. Ein Präzendenzfall. Denn Anatol, gelernter Schmied, längst in den Polizeidienst eingetreten, malte und zeichnete so nebenbei. Aber Beuys, dem der Typ gefiel, setzte sich über alle Regeln und Bedenken hinweg, und Anatol erhielt die Immatrikulation. Elf Semester blieb der nur zehn Jahre jüngere Anatol sein Schüler und Adept. Romanhaft geht es weiter: Aus Karl-Heinz Herzfeld wird Anatol (nach Fürst Anatól Wassíljewitsch Kurágin aus Tolstois großer Kriegscollage „Krieg und Frieden“), aus Peter Heisterkamp wird auf Anatols Geheiß Blinky Palermo. Als Beuys sein außerplanmäßiges Aufnahmeverfahren Schule werden läßt, nimmt das ein böses Ende, die fristlose Kündigung folgt.

Akademiezeit/Polizeizeit

Mit seiner Polizei-BMW, der legendären R 27 (Einzylinder-Viertaktmotor mit Kardanantrieb) fuhr Anatol Herzfeld seit 1953 als Verkehrspolizist durch Düsseldorf. „Ich war gern Schutzmann“, sagte er stets und blieb es bis zu seiner Pensionierung 1991. Generationen von Schulkindern brachte er als „Verkehrskasperl“ mit selbstgebastelten Puppen die Regeln im Straßenverkehr bei: „Am Bordstein ist Halt, damit es nicht knallt!. Dabei lernte er auch, wie man ein Publikum für sich gewinnt.

Anatol der Polizist, nahm in der Beuys-Klasse von Anfang an eine Sonderrolle unter den „Widerspruchsvollen“ ein. Gislind Nabakowski, seit 1966 in der Beuys-Klasse, erinnert sich: „Anatol verkörperte häufig einen art großväterliches Ostpreussentum, Selbststilisierung zwischen verlorenem Heimatgedanken, manchmal angereichert mit canadischem Cowboytum.“ Doch Beuys war stolz auf die widersprüchlichen Grundbedürfnisse seiner wachsenden Schülerschar und er hatte Vertrauen in sie: „Jeder hier arbeitet an einem eigenen System, dessen Ende noch offen ist.“  Anatol ferigte „sehr ´lautstarkes´ Zeugs, so etwa Frauen aus Blei, die keine Beine hatten, runde mystisch-magische Skulpturen, die er dann in glühende und kalte Asche stellte, wobei er Sprüche vom Urweiblichen murmelte.“ (Nabakowski)

Viel zu wenig wird Anatols heute unsichtbares Werk gewürdigt, sein ganz eigener Beitrag zur Aktionskunst, sein umfassender Kunstbegriff. Auch hier antwortet Anatol seinem Lehrer. Gleich zu Anfang seines Studiums führt er die „Ringgespräche“ in der Beuys-Klasse ein (die Johannes Stüttgen später weiterführen sollte), 1968 folgen die Aktionen „Geburt in Stahl. Polizei studiert bei Beuys“ und „Stahltisch/Handaktion (Eckenaktion)“ im Düsseldorfer Szenelokal Cream Cheese (mit Beuys, Joachim Duckwitz, Ulrich Meister und Stüttgen). Eine Riesespektakel wurde die Aktion “Polizisten sind auch Künstler”. Auf der R27 knatterte Anatol in Polizeiuniform auch durch die Flure der Kunstakademie bis ganz hinten zum Raum 20 und zurück, Beuys hopste dazu auf Stahlfederschuhen und schwang die Polizeikelle. 1969 folgte PANGENESE in der Akademie. 1971 veranstaltete Anatol für seinen Lehrer Beuys eine symbolische Geburts-Aktion vor der Kunsthalle. Anatol kostete sein Doppelleben aus, genoß seine Sonderverhältnis zu Beuys und der ließ ihn machen. Anatol wird Großtöner: „Beuys ist mein Meister. Aber ich bin auch schon Meister.“  Anatol ist „schlecht einzuordnen“, so Stüttgen heute, “der machte viele Aktionen auf eigene Faust. Ist schwer als Figur unterzubringen in der damaligen Künstlerzsene, eine Sonderfigur.”

Niemand hat diese Zeit besser aufgehoben und dokumentiert als Johannes Stüttgen, gewissermaßen Anatols Antipode, in seinen Erinnerungen “Der Ganze Riemen: Joseph Beuys – der Auftritt als Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf 1966 bis 72“, darin auch ein ausführliches Gespräch mit Anatol über die Akademiezeit.

Inselzeit

Anatol ist es, der den Immobilienkaufmann und Kunstsammler Karl-Heinrich Müller 1980 auf ein verwunschenes Gelände an der Erft bei Neuss aufmerksam macht, die spätere Museums Insel Hombroich. Das Leben nach der Akademie konnte beginnen. Müller hatte Anatol schon 1972 bei Alfred Schmela kennengelernt und dessen Einzelausstellung aufgekauft. Müller zeigt sich wie auch sonst gegenüber seinen Künstlern äußerst großzügig und läßt eine halb verfallene Scheune nach dem Vorbild osteuropäischer Bauernhäuser in ein Atelier mit Ausstellungsraum für Anatol umbauen. Diese Scheune wird ab 1982 zu Anatol zweiter Heimat. Tagtäglich kommt er auf die Insel, um dort zu werkeln, zu schaffen, zu arbeiten. Besucher empfangen und ihnen die unglaublichsten Geschichten aufzutischen, gehörte selbstverständlich dazu, 37 Jahre lang bis zu seinem 88. Geburtstag, den er hier feierte. Rund um die Scheune wächst Anatols ganz eigener Skulpturenpark, große Eisenskulpturen wie „das Parlament“, „die Kirche“, „das Haus“, oder „die Schule“, mitten im 30 Hektar weiten Inselreich.

Man darf sich Anatol, den Aktionisten, Geschichtenmacher und Stegreifdichter, den Menschenfänger und Schwerarbeiter als einen Mann voller wunderlicher Widersprüche vorstellen. Er liebte die Natur, die Landschaft, die alten Steinbrüche, Garzweiler ganz in der Nähe liebte er nicht. Er „rettet“ aus den zum Abriß anstehenden Häusern des Braunkohletagebaus Türen und Tore, baute daraus Skulpturen, oder bemalt sie. Seine Kunst wird immer kantiger, auch klotziger, kolossaler und martialischer. Ganze Armeen kantiger Krieger läßt er aufmarschieren und lädt sie zeitaktuell mit politischen und gesellschaftlichen Themen auf. Immer mehr verliert sich in den Erinnerungen an seine schwere Kindheit in Ostpreußen.

Dort wuchs er in der Nähe eines Konzentrationslagers auf: “Ich habe sogar die Öfen brennen sehen in Stutthof.” Als die Rote Armee vorrückt, muss er Zwangsarbeit in einem russischen Arbeitslager leisten. Seine Mutter hat ihn da längst zur Adoption freigegebem, 1946 wird auch seine christlich geprägte Pflegefamilie vertrieben. Eine Kindheitserinnerung bleibt: In einem hohlen Baum sitzen und der Natur lauschen.

Der letzte Mohikaner

Müller, der Inselgründer, der Düsseldorfer mit armenischer Abstammung, hat drei Künstler – Gotthard Graubner, Erwin Heerich und Anatol (zwei Flüchtlingen aus dem verlorenen Osten, Heerich kam verwundet von der Ostfront) auf der Insel neu beheimatet, gesammelt und ihnen zeitlebens die Freundschaft gehalten. Es spricht für das weite Herz dieses Sammlers, solch ausgeprägten Naturen und streitbaren Künstlern einen Platz auf Hombroich eingerichtet zu haben. Mit Anatol ist 15 Jahre nach Heerich, 12 Jahre nach Müller, sechs nach Graubner der letzte Mohikaner der Insel Hombroich gestorben.

Nachdem erst der künstlerische Nachlaß  von Heerich, dann von Graubner die Insel verlassen hat, stellt sich die Frage nach dem Anatol-Vermächtnis. Zweifellos wäre seine Kunst von einer neuen Generation erst noch zu entdecken.

Seinen gewaltigen „Eisenmann“ hat er auf die Insel gesetzt und gleich mit Riesenknöterich umpflanzt: „… und schon ist er umarmt vom Geist der Insel. Wachsen und Vergehen, mein Verständnis von Skulptur“, schreibt Anatol an Müller, den „lieben Freund!“ Und weiter: „Nach dem Verlust der Wärme ist Stille, und das Bewegen ruht, die Skulpturen sind dann nur noch Fossile, Sedimentgestein, vielleicht auch im Magma eingeschlossen.“

 

 

 

Anatol, geb. am 21. Januar 1931 in Insterburg ehem. Ostpreußen, heute Tschernjachowsk, Russland ist am 10. Mai in Moers gestorben. Er war mit Erdmute (Misi) Herzfeld verheiratet, seine Sohn Heico, starb 1976 bei einem Motorradunfall 17-jährig.

 


Die “Wachstation des Denkens gegen illegale Gewalt”, Anatol Beitrag für die Documenta IX 1992, gelangt 2013 im Seewerk Moers zur Aufstellung. Angelika Petri und Frank Merks haben sie von Kassel nach Moers transportiert und am Ufer des Silbersees installiert.

Das WELTKUNSTZIMMER plant für 2020 eine Anatol-Ausstellung

 

Vor der “Scheune”. Anatol, Hans-Willi Notthoff, der Autor, Winter 2005. Foto: Burkhard Maus
Ring frei. “Das Parlament”, Insel Hombroich

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Kommentare

  1. Ein schöner Text über den großmäulig auftretenden Selbstinszenierer, der als Füllstoff bei seinen Gussssmodellen gern auch mal rohe Kartoffeln einzusetzen pflegte.

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