Ohne Wally geht es nicht
Das Kunstmuseum Solingen wagt sich mit Anna Stainer-Knittel an eine Wiederentdeckung als Geier-Wally

“Oben in Adlershöhe … am schwindelnden Abhang stand eine Mädchengestalt, (…) Schrankenlos war ihr Mut und ihre Kraft, als hätte sie Adlersfittige, schroff und unzugänglich ihr Sinn, wie die scharfkantigen Felsspitzen, an denen die Geier nisten und die Wolken des Himmels zerreißen…“ aus: Geier-Wally, Wilhelmine von Hillern, 1875.

 

„Ein echter Fan besucht die Geierwallly-Bühne jedes Jahr einmal, und nimmt auf dem Weg von Wien selbst Staus auf österreichischen und deutschen Autobahnen in Kauf. Tipp: Ein paar Tage da bleiben und wandern“, schreibt ein echter Geierwally-Fan auf der Webseite der in den grauen Fels gehauenen Geierwally-Freilichtbühne in Elbigenalp. Dort, tausend Meter hoch in den Tiroler Bergen über der Lech, ist das Annele geboren, die längst vergessene Kunstmalerin Anna Knittel, weltberühmt als Geier-Wally.

Der Geier war ein Adler, die Wally eine Anna

Die Wirklichkeit war schon damals weniger märchenhaft, dafür wirklicher; nicht unbedingt trostloser, dafür umso erstaunlicher. Zur “Geier-Wally” wurde das Annele, weil sie der Schauspielerin und späteren Autorin unzähliger Berg- und Heimatromane, Wilhelmine von Hillern (1836-1916), treu ihre Lebensgeschichte erzählt hat. Mit der „Geier-Wally“ sollte von Hillern zur Bestseller-Autorin aufsteigen. Sie selbst schuf gleich noch eine erste Bühnenfassung, arbeitete mit Alfredo Catalani am Libretto der Oper La Wally, die 1892 an der Mailander Scala uraufgeführt wurde (Maria Callas und Anna Netrebko haben die Partie später gesungen) und vermarktete auch sonst ihr Buch nach Kräften. Nach dem Tod ihres Mannes verlegte die Erfolgsautorin 1882 ihren Wohnsitz in die bayrischen Berge, später ins Kloster Ettal. In Oberammergau ließ sie sich eine schöne Villa bauen, das “Hillern-Schlössl”. Es wurde zu einem gesellschaftlichen Anziehungspunkt für höchste Kreise. Ihr Roman handelt von der Emanzipation einer starrköpfigen Bauerstochter und strickt doch erfolgreich wie folgenreich an der Blut-und-Boden-Fiktion vom Lederhosen-Bayern und dem urwüchsigen Luis-Trenker-Tirol. Die Geier-Wally zählt bis heute zu den wunderlichsten Blüten des Alpenkitschs.

Ungezählte Bühnenfassungen, eine Oper, ein Musical, sechs Verfilmungen sind bisher zu verzeichnen. Unvergessen Walter Bockmayers schrille Komödie mit Dirk Bach, Ralph Morgenstern und Samy Orfgen, die ab 1984 in der Kölner „Filmdose“ mit 330 Vorstellungen für Furore sorgte. Jetzt kommt eine Ausstellung hinzu: „Geierwally – und der Berg in der zeitgenössischen Kunst“, im Bergischen Land, wo sonst!

Und jetzt zur Ausstellung

Die Porträt- und Blumenmalerin Anna Stainer-Knittel (* 28. Juli 1841 in Elbigenalp im Lechtal – 28. Februar 1915 in Wattens, Tirol) allerdings ging unter der Kultfigur Geier-Wally verschütt und vergessen. Zeitlebens kämpfte sie um Anerkennung als Malerin – und blieb doch bloß ein Dirndl, ein willkommenes Motiv für den Alpenvermarktungszirkus. Endlich – 1911 widmet das Ferdinandeum in Innsbruck der Tiroler Künstlerin eine einzige Einzelausstellung – kommt es zu einer Würdigung ihrer Werke außerhalb ihrer Heimat, mit Porträts, Landschaften, Blumenstilleben aus der letzten Schaffensphase, dazu autobiographische Aufzeichnungen und Briefe der Malerin, alle aus dem Familiennachlass. Es ist der Kuratorin Gisela Elbracht-Iglhaut zu verdanken, diese Schätze aus dem verstreuten Familienbesitz in der Solinger Ausstellung vereint zu haben.

Was macht die Ausstellung im Kunstmuseum Solingen aus der Geschichte? Sie knickt ein, sie setzt der Malerin erneut die Geier-Wally vor. Der Ausstellungstitel „Geierwally“ vermarktet die Malerin erneut unter dem abgefeierten Klischee, dem die Malerin doch zeitlebens zu entkommen suchte. Als traute man in Solingen nicht auf die Kraft ihrer Bilder allein, greift man in die Wally-Mythos-Schublade und stellt der Tiroler Malerin aus der Mitte des 19. Jahrhunderts überdies gleich fünf „Positionen der Gegenwartskunst“ an die Seite, die sich dem „Mythos Berg“ im 21. Jahrhundert widmen. Der ungleiche Dialog, den die Ausstellung anstrengt, geht auf Kosten der Malerin Anna Knittel, deren Existenz und künstlerischer Ausdruck vom Alpenland Triol zeitlebens geprägt blieb und keine Distanzierung zuließ.

Während Sven Drühl, Rainer Esch, Birgit Jensen, Hiroyuki Masuyama und Heike Weber (zwischen 1957 und 1968 geboren) künstlerischen Konzeptionen folgen, die das Motiv Berg völlig losgelöst von Historie und lokaler Gebundenheit nutzen. Sie nutzen es mittels medial hoch differenzierter Darstellungsformen, sicher, souverän und überlegen. Umso befangener und lokaler, niedlicher und beinah belächelnswert erscheint Anna Knittels Malerei. Allein überstrahlt vom falschen Nachruhm einer Geierwally?

Denn mit Anna Knittel findet sich tatsächlich ein Beispiel einer Frau, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Weg als Malerin hart erkämpfen und entsagungsreich erobern mußte. Als Tochter des Büchsenmachers Joseph Anton Knittel war sie gleichwohl verwandt mit dem Bildhauer Josef Alois Knittel (1814–1875), ihrem Onkel. Joseph Anton Koch, ein bedeutender Landschaftsmaler, war ihr Großonkel. Mit Siebzehn nahm sie 1859 als eine der ersten Frauen überhaupt ein Kunststudium an der Kunstakademie München auf. Fünf schöne Jahre später ging das Geld aus und Annele mußte zurück ins Lechtal. Dort malte sie unverdrossen weiter, Porträts der Eltern, Landschaftsansichten, auch das „Selbstportrait in Lechtalertracht“, das vom Tiroler Ferdinandeum erworben wurde. Aus Innsbruck kamen Aufträge für Porträts und erstes Geld kam durchs Malen herein. Gegen den Willen der Eltern heiratete sie einen Gipsabformer, eine Familie wurde gegründet, vier Kinder kamen zur Welt, Karl, Leo, Rosa und Emma. Porträts der Malerin mit ihren Kindern entstanden. Um die Familie zu versorgen, eröffnete Anna Stainer-Knittel 1873 die erste „Zeichen- und Malschule für Damen“ in Innsbruck, die sie bis ins hohe Alter leitete. Wie viele Knittel-Schülerinnen es wohl gibt? Heute sieht das alles recht brav aus, biedermeierlich eben, trioler Heimatstil. Doch das mag täuschen. Viel mutiger als Adlernester ausheben, mag es gewesen sein, ein Leben als Malerin durchzustehen.

Geburt der „Geierwally“

Kurz bevor sie nach München aufbricht, läßt sich das Annele hoch oben im Gebirge zu einem Adlerhorst abseilen, um das Nest auszunehmen. Die Greifvögel rissen die Lämmer und schadeten so den Bergbauern. Eine erfolgreiche Praxis: Ende des 19. Jahrhunderts ist der Bart- oder Lämmergeier in den Alpen ausgerottet. Und blieb es rund 100 Jahre lang. Das Pflanzenschutzmittel DDT tat das Übrige. Erst seit Ende der 1980er-Jahre gibt es Versuche, Adler in den Alpen wieder anzusiedeln. Eigenen Aufzeichnungen zufolge packte Knittel das Adlerjunge in ihren Rucksack, hinterliess die Jahreszahl auf der Felsplatte und stieg mit Hilfe der oben Wartenden die Felswand wieder hinauf. Das Adlerjunge zog sie zu Hause auf.

Diese “femme vitale” wollte mehr. Sie wollte Malerin sein.

 


Ausstellungseröffnung am Freitag, den 10. Mai 2019 um 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 11. Mai bis 23. Juni 2019


 

Lesung Birgit Minichmayr
Donnerstag, 12. Juni 2019, 19.00 Uhr, Kunstmuseum Solingen
Birgit Minichmayr liest aus dem Roman, Die Geier-Wally von Wilhelmine von Hillern Roland Pütz spielt dazu Alphorn

 

Anna Stainer-Knittel, Selbstportait im Adlerhorst, 1864, Öl auf Leinwand
Hiroyuki Masuyama Zeit – Reise LONDON – VENICE / 2015 – Lightbox / 30x850x4cm

 


Sven Drühl
Neue Arbeiten
Galerie Conrads
Eröffnung 11. Mai 1915. Mai bis 22. Juni 2019

Birgit Jensen
MINISCULE VENICE
Eröffnung am Freitag, den 10. Mai 2019 um 17.00 – 19.00 Uhr
Mi – So 11 – 18.00 Uhr

Fondamenta Sant’ Anna,
Sestiere Castello 996A
30122 Venezia VE


 

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