Das Fest und die Fotografie
Neuer Kick mit Linda Conze am Kunstpalast

Tritt an. Linda Conze neu am Kunstpalast. Foto: privat

„Ich verstehe die Fotografie als Medium, das sich gerade deshalb so gut eignet, Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen, weil es künstlerische Ausdrucksform und Gebrauchsmedium in verschiedenen sozialen Kontexten zugleich ist“, so Linda Conze (geb.1985). Sie ist im Rheinland aufgewachsen, Abitur in Krefeld, hat in Hamburg und Berlin Geschichte mit dem Schwerpunkt Fotografie der 1920er und 1930er Jahre studiert. Von 2012 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert der Humboldt-Universität, Berlin, wo sie ihre Dissertation (als Teil des des Forschungsprojektes “Fotografie im Nationalsozialismus”) verfolgt: Thema: „Komplizen: Das Fest und die Fotografie“.

Mit Linda Conze wird erstmals eine Kuratorin für Fotografie in Düsseldorf tätig werden. Sie tritt die neu eingerichtete Stelle schon am 15. April am Düsseldorfer Kunstpalast an.

Auffällig ist, daß keine Kunsthistoriker berufen wurde, sondern eine Historikerin, die sich als Museumskuratorin für Fotografie weitergebildet hat, so als Stipendiatin der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Museum Folkwang, am Münchner Stadtmuseum, zuletzt am Dresdner Kupferstich-Kabinett sowie am Getty Research Institute Los Angeles.

Die Schaffung einer wissenschaftlichen Kuratorenstelle für Fotografie wurde mit dem Erwerb von 3039 Abzügen historischen Fotografien der Berliner Galerie Kicken Ende 2018 möglich. Auf Conze wartet eine gewaltige Pionierarbeit.

Die neue Stelle zur wissenschaftlichen Bearbeitung der jüngst erworbenen Fotosammlung konnte ausgeschrieben werden, weil sich Annette Kicken, die Witwe des im Juni 2014 in Berlin verstorbenen Fotogaleristen Rudolf Kicken bereit erklärt hat, die Stelle für die ersten fünf Jahre zu finanzieren. Diese Übereinkunft war Teil eines ungewöhnlichen Deals, mit dem die Stadt Düsseldorf erstmals überhaupt ein bedeutendes Konvolut an Fotografien erwarb.1823 Bilder umfasst das Konvolut aus restlichen Galeriebeständen, das die Stadt für runde acht Millionen Euro ankaufte. Weit unter dem geschätzten Marktwert, wie gerne betont wird (er soll im unteren zweistelligen Millionenbereich liegen). Die Witwe schenkte weitere 1216 Werken hinzu. Warum?

Für die Abwicklung des Kaufs – es ist der höchste Betrag, den die Stadt jemals in ihrer Geschichte für den Erwerb einer Sammlung oder eines Kunstwerks aufbrachte – ist Felix Krämer verantwortlich, der den Kunstpalast (vormals Museum Kunstpalast) seit 2017 als Generaldirektor leitet. Die Fotografie sei das wichtigste Bildmedium des 20. Jahrhunderts und ziehe vor allem ein junges Publikum an, sagt er. Für Düsseldorf sei der Erwerb der „Sammlung Kicken“ besonders wichtig, weil sie ein hervorragender historischer Grundstock sei, der hier völlig fehle. Die Fotos böten einen breiten Überblick über die wichtigsten Tendenzen der europäischen Fotokunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Mehr noch: mit den Aufnahmen zwischen 1840 bis 1990 liesse sich die Fotografiegeschichte selbst nacherzählen. Die Liste der Fotokünstler liest sich wie ein Who’s Who des Mediums. Enthalten sind Bilder berühmter Fotografen wie August Sander, Robert Capa, Horst P. Horst und Helmut Newton bis zu Bernd und Hilla Becher und auch der amerikanischen Farbfotografie. Jedes Genre und nahezu jede Strömung sind vertreten, von Akt bis Reportage, von Piktoralismus bis Konzeptkunst.

Der Deal wurde möglich, weil sich Annette Kicken entschlossen hat, die Galerie Kicken, die sie seit dem Umzug der Galerie Kicken nach Berlin 2000 gemeinsam mit ihrem Ehemann führte, zu schließen. In Zukunft will sie sich mehr mit der Archivierung und Begleitung von Fotosammlungen befassen.

Warum die Aufspaltung in Ankauf und Schenkung? Seit 2007 ist das „Gesetz zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements“ gültig, nachdem ein Spender einen steuerlichen Abzug von seinen Einkünften bis zu einer Million Euro erzielen kann. Der Düsseldorfer Steuerberater und Kunstsammler Felix Ganteführer (gest. im Mai 2018) hat an der Gesetzesnovelle mitgewirkt. „Für zusammenveranlagte Eheleute gilt seit 2013 überdies, daß die Spende bis zu zwei Millionen Euro betragen kann, auch wenn sie nur aus dem Vermögen eines der Ehepartner stammt“, schreibt Ganteführer. Allerdings muß die Spende „in den Vermögensstock einer Stiftung des öffentlichen Rechts oder einer gemeinnützigen Stiftung des privaten Rechts erfolgen.“ Das führt zum Städel in Frankfurt a.M.

Der doppelte Kicken

Schon einmal wurde die „Sammlung Kicken“ verkauft. Schon einmal in Verbindung mit „einer großzügigen Schenkung durch das Ehepaar Kicken.“ Die Fotografie-Sammlung von Rudolf und Annette Kicken, 1173 Fotos umfassend, gingen 2013 als geschlossene Sammlung ans Städel Museum am Frankfurter Museumsufer. Wie der Kunstpalast in Düsseldorf übrigens in der Trägerschaft einer Stiftung. Der Kaufpreis blieb geheim.

„Fotografie ist unsere Leidenschaft, deshalb freuen wir uns sehr mit dem Städel Museum einen Ort gefunden zu haben, an dem auf ideale Weise unsere Vorstellung von Fotografie als gleichberechtigtem künstlerischen Medium verwirklicht wird. In der Sammlungspräsentation des Museums wird beispielhaft dargelegt, wie die Künste einer Epoche ineinandergreifen und sich gegenseitig erhellen. Das war auch immer unser Ziel…“, bekannten 2013 Annette und Rudolf Kicken.

2013 hieß der Sammlungsleiter am Städel für Kunst der Moderne Felix Krämer: „Seit der Neupräsentation unserer Sammlung Kunst der Moderne im November 2011 ist die Fotografie im Städel als gleichberechtigte künstlerische Ausdrucksform in die ständige Sammlung integriert. Die gemeinsame Präsentation von Malerei, Skulptur und Fotografie erlaubt uns eine Darstellung der Wechselwirkungen zwischen den Medien, die in dieser Art und Weise bis heute in Deutschland einzigartig ist. Mit der Sammlung Kicken können wir diesen gattungsübergreifenden Dialog auf höchstem Niveau fortführen und ausbauen.“

In den Ankauf involviert, damals als Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, war Isabel Pfeiffer-Poensgen. Auch ihr ging es darum, die Fotografie in die Präsentation der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts gleichberechtigt einzubinden.

Krämer war also bestens vertraut mit dem Fall Kicken, als er dem Ruf nach Düsseldorf folgte. Das Modell Städel will er im Kunstpalast verfolgen und weiter ausbauen.

Dabei geht es Felix Krämer keineswegs nur um einen pädagogischen Auftrag. „Er ist davon überzeugt, dass die Fotografie über die Zukunftsfähigkeit der Kunstmuseen entscheide. Unbestritten ist sie das Medium, das eine große Zahl junger Besucher in die Häuser holt. Gerade im Kunstpalast hat man damit reichlich Erfahrung sammeln können. Ganze Etagen wurden für Ausstellungen etwa der Arbeiten von Wim Wenders freigeräumt, vor allem jedoch für Fotografen der „Düsseldorfer Schule“ wie Candida Höfer, Axel Hütte und Andreas Gursky. Umso unverständlicher ist es, dass in Düsseldorf bisher keine Institution ernsthaft Fotografie gesammelt hat. Mit den Bildern von Annette und Rudolf Kicken ist nicht nur ein Grundstock geschaffen. Die schiere Anzahl sowie der Rang der einzelnen Aufnahmen liefern Material für Ausstellungen auf Jahrzehnte hinaus…“ schrieb etwa Freddy Langer im Feuilleton der FAZ zum Deal in Düsseldorf.

Wo liegt der Unterschied zwischen der “Sammlung Kicken” in Frakfurt und der “Bestandssammlung der Galerie Kicken ” in Düsseldorf?  Während in Frankfurt vor allem Fotos angekauft wurden die der „Neuen Sachlichkeit“, der Bauhaus-Fotografie und der „Subjektiven Fotografie“ der fünfziger Jahre der Bundesrepublik zuzurechnen sind, hat Düsseldorf den (Rest-)Bestand der Galerie erworben, also querbeet. Es gibt einen weiteren Unterschied. Während sich die Frankfurter (den wesentlich geringeren) Kaufpreis zu viert teilten, neben dem Städel Museum waren der Städelsche Museums-Verein, die Hessiche Kulturstiftung und auch die Kulturstiftung der Länder beteiligt, stemmte die Stadt Düsseldorf den Kaufpreis allein.

Damit kommt bereits die zweite “Sammlung” aus Galeriebeständen nach Düsseldorf. 2017 kam die “Sammlung-Fischer”, insgesamt über 200 Gemälde, Installationen, Skulpturen, Zeichnungen, Schriftstücke und Entwürfe von 44 Künstlern an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte den Kaufpreis von rund elf  Millionen Euro  zusammen mit Stiftungen wie der Kunststiftung NRW, der Kunststiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, dazu den Freunden der Kunstsammlung und dem Mäzen Jann Beyen den Kaufpreis gestemmt (das Land übernahm 7,7 Millionen Euro). Auch in diesem Fall “schenkten” die Erben von Dorthee und Konrad Fischer die Hälfte der Werke dem Land, dazu das Galerie-Archiv. Eine “Sammlung Fischer” ist hüben ebensowenig angekauft worden, wie eine “Sammlung Kicken” drüben. Wenn man denn einen Willen des Sammlers voraussetzt, eine solche Sammlung aufzubauen. Galeriebestände sind aber doch keine Sammlung.

Ein Unterschied besteht auch zur Art der Sammlung. Da die Fotografie kein Original kennt, ist es fraglich, ob man überhaupt seltene und daher teure und zudem überaus lichtempfindliche Vitage-Abzüge in den Museumsbestand aufnehmen sollte. Ein guter Abzug eines Negativs ist von einem Abzug zu Lebzeiten des Fotografen ohnehin nicht zu unterscheiden.

 

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Am Anfang war der „Lichttropfen“

Als Rudolf Kicken 1974 gemeinsam mit Wilhelm Schürmann, die Galerie „Lichttropfen“ in Aachen gründete, betraten die beiden Freunde Neuland. Es gab kaum eine Fotogalerie. Das Ehepaar Wilde hatte ihre Galerie 1972 in Köln  gegründet. Als auch Kicken 1979 nach Köln umzog, war die Fotografie als Kunstgattung keineswegs etabliert. In Köln wuchs Kicken zur führenden Galerie für künstlerische Fotografie in Europa heran. Seit 2000 führte Rudolf Kicken die Galerie in Berlin zusammen mit seiner Frau Annette weiter, die sie 2018 mit dem Verkauf der „Bestandsammlung“ wieder schloß.

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