Pop-Up Wunderkammer
Im Gegenwind. Die TEFAF Maastricht hält die europäischen Werte hoch

Barock und Pop. Die TEFAF pflegt den Elitarismus. Foto: Loraine Bodewes

…und jedes Jahr wieder überfällt mich das Gefühl, es könnte die Letzte sein. Aus der TEFAF-Traum, Schluss und vorbei mit dieser größten, schönsten, überwältigendsten Pop-up Wunderkammer. Auf einmal ist der Zauber verflogen, die Hallen leer, die Parkplätze draußen vor dem scheußlichen MECC am Stadtrand von Maastricht verwaist. In alle Winde zerstoben die Schätze aus fünftausend Jahren, all‘ die alten und neuen Meister, die Preziosen, die Im- und Ponderabilien. Es bliebe nur basses Erstaunen und die Erinnerung, dass diese wunderliche Zusammenkunft von gut dreihundert Galerien und Kunsthandlungen, zehntausender Sammler oder bloß Neugierigen überhaupt jemals zu Stande kam.

In diesem Jahr wurde sie noch einmal wahr. TEFAF – wie stolz sie seit 1988 ihren Titel trägt “The European Fine Art Fair“! Doch Europa geht es schlecht, wie sollte es der TEFAF da gut gehen? Denn mit den Werken verkaufen sich auch Werte. Wie sollte deren Niedergang aufgehalten werden, wenn anderswo in der Welt die Musik spielt? Wenn der Druck auf Europa steigt und an die böse Vergangenheit gerne erinnert wird. Wie Rembrandt feiern, dessen 350. Todestag in diesem Jahr begangen wird, ohne an den Sklavenhandel seines Heimatlandes zu erinnern, der im „Gouden Eeuw“ seinen Höhepunkt erlebte?

Das Vereinigte Königreich (UK), die zweitgrößte Handelsnation Europas und drittgrößter Kunstmarkt weltweit, verläßt in diesen Tagen die EU. Wie sollten da die Preise steigen, zumindest stabil bleiben? Längst hat auch in Maastricht die Talfahrt eingesetzt, gut kaschiert durch die Fülle eines immer noch betäubend schönen Angebots. Niemand weiß, wie der Brexit sich auf den Kunsthandel auswirken wird. Aber wenn selbst eine Messe wie die TEFAF den Verfall der Preise auf ihren beiden angestammten Domänen, den Antiquitäten und den Altenmeistergemälden nicht länger aufhalten kann, wohin dann? Die Werte Europas im Sinkflug? Ausverkauf der Alten Welt?

Und was hat die TEFAF nicht alles unternommen, um genau das zu verhindern! „See You at TEFAF New York“ heißt es da schon seit dem letzten Jahr. Gleich zwei Ableger gründeten die TEFAF Händler in der Park Avenue Amory unter ihren Vorsitzenden Nanne Dekking. Kommt es bald zu einem weiteren Ableger in Hongkong? Der aktuelle Chinese Art Market Report 2019, den die TEFAF  herausgibt, legt es nahe.

Anpassung tut not; aber nichts wird bleiben wie es ist

Doch weder New York noch Hongkong, noch Dubai oder wo immer das Geld fließt und sprudelt, werden das alte Maastricht retten. Wie der Marktbericht aus China klarstellt ist man in China an Kunst vor allem als Erlebnisbühne interessiert. Es gehe dort, so sagt es die Untersuchung, vor allem um „art experiences”, nicht so sehr um Kunstkonsum, sondern um einen sozialen Austausch mit Kunst. Das wäre doch ein schöner Wandel. Oder doch eher Mitmachkunst als Alte Meister, Spaß statt Kennerschaft. Erlebniskunst, die Technik, Mode, Design, Theater, Performance, auch gerne Tanz, Kino und alle möglichen Formen des Pop aufnimmt, wird in China hoch im Kurs stehen, sagt die Untersuchung. Schwere Zeiten für Flachware. Der TEFAF China Markt Report kommt zu dem gar nicht erstaunlichen Fazit, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren die Ausgaben für deratigen Kunst-Konsum (experienced-based art) stark steigen werden. „Wegen ihrer Ansprache eines breiten Publikums bei erschwinglichen Preisen.” Jenny Wang, die Vorsitzende des Fosun Art Center, beobachtet, dass “die Chinesen heute ein Medium bevorzugen, das leicht verständlich ist und in dem man sich leicht ausdrücken kann. Es kann mit wirklichen Gefühlen interagieren. Andere aber, wie etwa Conceptual Art, Minimal Art, werden es meiner Meinung nach schwer haben.“ Auch wenn das wenig Neu erscheint, wird es für europäische Händler nicht unbedingt ein gefundens Fressen in China sein.

Neue Räume in Hongkong

Die Galerie Axel Vervoordt, Mitbegründer der TEFAF und Motor des Wunderkammer-Revivals in den 1990er Jahren, feiert in diesem Jahr ihr 50 jähriges Bestehen. In diesem März wird Boris Vervoordt für die Vervoordt-Galerie neue, über zwei Stockwerke sich ausdehnende Räume in Wong Chuk Hang, dem expansiven Künstlerviertel im Süden Hong Kongs eröffnen. Den Anfang macht dort die Gruppenausstellung “Infinitive Mutability” mit Werken von Peter Buggenhout, Kimsooja und Bosco Sodi. Ausgehend von Derridas Konzept der Dekonstruktion, zielt die Ausstellung auf die Bedeutungsvielfalt, die ein Text oder ein Kunstwerk entwickeln kann. Wandlungsfähigkeit kann eben auch Teil der alten Konzept-Kunst sein. Chinesische Galerien in Maastricht – Fehlanzeige.

Zurück nach Maastricht. Der einzige echte Rembrandt, den es auf der Messe zu bewundern gibt, kommt aus Dresden. „Ganymed in den Fängen des Adlers“ gemalt 1635, ist Teil einer Sonderschau, mit der die Dresdner die Wiedereröffnung der Paraderäume im Residenzschloss im September bewerben wollen. Von Rembrandt ist schon seit Jahren kein nennenswertes Werk mehr auf den Markt gekommen. Auch das zeigt eine Schwäche der TEFAF. Die wirklich guten Bilder sind längst im Museum. Sollte sich trotzdem was aus Privatbesitz lösen, wird es zunächst auf einer der illustren Auktionen erscheinen.

Nicht so Gabrielle, eine der lang hingestreckten fülligen Frauen von Pierre-Auguste Renoir von 1903. Etwas gewöhnlich. Doch ging sie gleich zur Eröffnung der Messe wie geschnitten Brot (bei Dickinson, London, New York) an einen privaten Sammler.

Neun im Widerstand, Giacomettis La Clairiêre das Spitzenlos bei Landau Fine Arts

Nicht so „Lichtung“, eine neun Figuren starke Gruppe von Alberto Giacometti von 1950. Die Bronze, Auflage sechs, ist für 25 Millionen Dollar erhältlich. Landau Fine Arts bietet regelmäßig einen Stand auf, von dem viele Museen nur träumen können. Die gesamte Flöte der Klassischen Moderne, Millionenwerte, augenbetäubend und hinreißend doch. Mittlerweile unterhält Robert Landau zwei Firmensitze, einen in Montreal und einen in Meggen. Warum Meggen? Wegen der schönen Lage am Vierwaldstättersee und der paradiesischen Bedingungen in Steuerangelegenheiten.

Ach, die Steuern. Auch das ist ein Thema der TEFAF. Die Niederlande erheben 21 Prozent Umsatzsteuer, Belgien und Deutschland 19 Prozent. Dazu kommen weitere Gestaltungsmöglichkeiten. Daher wird über alles auf der TEFAF gesprochen, nur über die Preise nicht. Die Messe dient vornehmlich als Treffpunkt und Schaufenster. Hier kann der kundige Sammler sich das Objekt seiner Begierde in schönstem Licht ansehen. Zum Abschluß kommt es dort, wo die Bedingungen günstig sind, in Meggen, St. Moritz oder Monaco beispielsweise. „La Clairière“, übrigens Giacomettis Gedenken an die Resistance in Paris, ist noch zu haben. Ein weiterer Abguß steht, wer sich die Kleinigkeit im Augenblick nicht leisten kann, im Kunsthaus Zürich.

Schmuck und Putz. Portrait von Antonio d’Ubertino Verdi, gen. Bacchiacca

Mein Lieblingsstück, eine unbekannte Schöne, eine  Florentinerin aus dem sechzehnten Jahrhundert, ist noch zu haben. Sie hält eine Katze auf dem Arm. Während die vornehme Dame einen Blick hinüber auf uns wirft, wendet sich das Kätzchen gelangweilt ab. Weit vor allen Katzenvideos auf YouTube ein Wahnsinn. Nicholas Hall aus New York bietet die grazile Schöne samt Kätzchen (53.6 x 43.8 cm) an, Preis auf Anfrage.

 

 

 

 

 

…und weiter dreht sich das Messekarussell

Art Dubai                             20. – 23. März                             ART BASEL HONG KONG  27. – 31. März
Art Cologne                         11. – 14. April

 

 

 

 


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