„What I‘m doing right now“?
Wie Changchun zur Public ArtCity wurde? Ein Reisebericht von Yiy Zhang, Aurel Dahlgrün und Wilko Austermann

 

Yiy Zhang bei ihrer Wasser-Performance

China und die Kunst des Westens, das ist eine Geschichte, die sich von zwei Enden her erzählen lässt. Hoffnung das eine, Vergeblichkeit das andere. – Öffnung und Angst; Freiheit und Bevormundung. Aber es gibt auch eine neue Geschichte: die Misere ist global. Eine Chinesin, ein Deutsch-Schwede und ein Deutscher unternahmen einen Abstecher in die chinesische Provinz und landeten im neuen Industriezentrum Chinas.

Für unsere Studenten nur das Sicherste, steht so eingraviert in die Betonplatten vor dem Haupteingang zur Kunstakademie. Der Leitspruch der Akademie wurde notgedrungen zur Semesterarbeit von Xiaoyue Zhang (*1990 in Shaanxi, China). 2016 wechselte sie nach mehr oder weniger kurzen Stationen in Peking, Paris und München an die Kunstakademie Düsseldorf. „Schöner Mond“ wie sie mit Vornamen heißt, nennt sich der leichteren Kommunikation halber hier „Yiy“.

In Düsseldorf ist Yiy angekommen und fühlt sie sich „sauwohl“, in der Klasse von Gregor Schneider will sie bald ihren Abschluß machen. Für den diesjährigen Rundgang hat sie sich deshalb ein besonders schönes Projekt ausgedacht. Für das große Treppenhaus der Akademie hat sie eine Installation entwickelt. Wasser soll die breiten Stufen hinunterrinnen. Aus dem „Wasserfall“ wurde doch nichts. „Sicherheit“, dieses ziemlich deutsche Wort, lernte Yiy ziemlich deutlich kennen.

Die Kunsthochschule lehnte das Projekt aus Sicherheitsgründen ab. Und Yiy fragte auf gut Englisch nach: „What is Sicherheit in art?“ – Ach, sie kennt die strengen Auflagen der hiesigen Feuerpolizei noch nicht! Wo es in der Kunst doch um Experimente und Risiko gehen soll? Keine Chance für den Wasserfall. Das brachte Yiy auf die Palme und gleichzeitig auf den Boden der Tatsachen. Da stand doch, frei nach Beuys vor dem Eingang ihrer Akademie, „Für unsere Studenten nur das Beste.“ Yiy überschrieb das letzte Wort mit „Sicherste“. Hip-Hop liebt sie ohnehin. Und so einfach läßt sie sich nicht ausbremsen.

Wilko Austermann wiederum sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, innerhalb von vier Wochen die riesige Paketposthalle hinter dem Bahnhof zu „bespielen“. Daraus wurde im November 2017 PostPostFinal, eine wundervoll improvisierte Großausstellung im größten Düsseldorfer Sanierungsgebiet. Yiy lud er ein, mitten in der langen Halle ihre Wasser-Performance „Lebenslinie“ vorzustellen.

Changchun Sculpture Museum

Dann wurde Yiy von der in München basierten chinesischen Kuratorin Zhao Zhang kontaktiert und zu einer Ausstellung im neuen Museum in Changchun eingeladen. Yiy hat Wilko Austermann dann gefragt, ob er als deutscher Kurator für die Ausstellung mitwirken wolle.  Das Thema war „Wasser“, da die Austellung ursprünglich in einem Wasser-Themenpark in Changchun stattfinden sollte. Sonst war alles nicht ganz so einfach. Changchun (chinesisch 長春市/ 长春市, ‚langer Frühling‘) ist die Hauptstadt der Provinz Jilin im Nordosten Chinas. 2006 hatte Städteplaner Albert Speer jr. (* 1934 in Berlin; † 2017 in Frankfurt am Main) den Zuschlag für die Planung und Errichtung einer Automobil-Stadt erhalten, die mit 120 Quadratkilometern gleich doppelt so groß wie Shanghais Autocity Anting ist. 300.000 Autobauer sollen hier Arbeit finden. Das Projekt soll 2022 abgeschlossen sein. Changchun will das Detroit des Ostens werden. Schon jetzt ist sie Chinas zweitgrößter Automobilstandort. Dort unterhält auch der VW-Konzern seine China-Zentrale.

Changchun hat etwa 4 Millionen Einwohner in der Innenstadt, 9 im gesamten Stadtgebiet. Das Museum ist erst zwei Jahre alt und wie sich herausstellte, sind die Erwartungen hier sehr hoch an deutsche Kunst. Es sollte überhaupt die erste Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst im Museum werden. Ein Monat Vorlauf blieb Austermann immerhin. Als Ausstellungsraum fiel ihm die große Halle im Foyer des Museums zu, Deckenhöhe 15 Meter, vollgestellt mit Kübelpflanzen, Kunsttransport Fehlanzeige. Austermann stieg ein. Seine Wahl fiel auf Yiy und Aurel Dahlgrün. Dessen Abschlußarbeit an der Kunstakademie „19 weeks of water“ (Klasse Christopher Williams) sollte nach China. Bloß wie?

Installation von Aurel Dahlgrün

Nach zwölf Stunden Flug landete das Flugzeug in Changchun, von dort ging es unmittelbar ins Sculpture-Museum. Noch zehn Tage bis zur Eröffnung. Dahlgrün machte sich ans Werk und baute seine Installation im Museum aus Stahlresten nach. Das gelang mit Unterstützung vieler eifriger Helfer auch gerade noch vor der Eröffnung. Über dem Wasserbecken brachte Dahlgrün einen Kolbentrichter an. Aus dem Kolben tropft es, wenn sich dort genug Wasser gesammelt hat. Wann ist nicht vorhersehbar. Sobald der Wassertropfen auf die glatte Wasserfläche fällt, zerspringt das Spiegelbild. So entwickelt sich aus der erhöhten Luftfeuchtigkeit, die das staunende Kunstpublikum selbst erzeugt, ein Tropfen, ein Bild, eine Skulptur. Und nie ist man sicher, wann der Tropfen fällt, ob er das Bild zerstört oder es erzeugt.

Yiy steuerte dreimal pro Tag ihre famose Wasserlinien-Performance bei.

Außerdem war sie unverzichtbare Dolmetscherin des Kunstprojekts. Austermann stand den fremden Gesichtern, ihrer Sprache, Mimik und Gestik erst hilflos gegenüber. Nie aber hatte er das Gefühl ein Fremder zu sein. Bei der Eröffnung, an einem Freitag um 10 Uhr morgens, gab es die üblichen Reden der Ortspolitiker, des Bürgermeisters aber auch viele Fragen an die Künstler, die Kuratorin und den Kurator. Alles wurde auf Deutsch übersetzt. Dahlgrün erinnert sich an den überraschenden Applaus, den er für seine Antworten erhielt. Als passionierter Taucher konnte er verschiedene Sichtweisen glaubhaft vermitteln: über Wasser, unter Wasser; Nähe und Ferne. Überraschend viele jungen Leute, Studenten kamen zur Eröffnung und auch die Tage danach, auch viele normale Bürger und sehr viel Presse, weniger Print-Medien als digitale Medien, Filmblogger.

Letzter Tag Stadtrundfahrt. In Changchun ist man stolz den Kaiserpalast des letzten Kaisers vorzeigen zu können, ein Kleinod der wechselvollen Geschichte dieser Stadt. Changchun machte auf Austermann den Eindruck einer Megapolis ohne Zentrum, „viele Hochhäuser, sehr kalt“. Sie besuchten auch den „World-Sculpture-Park“ einen riesigen Skulpturenpark, der bildhauerische Positionen aus der ganzen Welt zeigt. Auch Yiy war erstmals in Changchun, „bisschen provinziell“ fand sie es da. Erstaunliche Erfahrung der beiden Deutschen: China ist sehr flexibel, erfrischend improvisierend. Eher das Gegenteil von Sicherheit.


 

 

 



Hinweise auf Ausstellungen:

Aurel Dahlgrün –  Irgendwo im Tiefenrausch, Ausstellung des „Ehrenhofpreisträgers 2108“ im Kunstpalast 27. Juni bis 15. Sept. 2019

Planet 58 im K21

Yiy Zhang – Yellow reflection Gallerie Liusa Wang, Paris 15, Bvd. St. Germain 7. März bis 13. April, anschließend P8 artist residency in Changsha Hunan

Wilko Austermann –
EDEN von Mevlana Lipp, bis 9. März, 18-21:00 h, KUK Krupic Kersting Galerie, Köln

Sonnendeck von Paul Schwer, Installation auf dem Hinterdach, Antichambre hotel friends, Düsseldorf

Skindeep mit Timo Kube und Sebastian Wickeroth im neuen PROJEKTRAUMRFK, Börnestraße 10b, 40211 Düsseldorf, 8. bis 10.März 2019

Mimikry, Julius Brauckmann, Jaana Caspary, Felix Contzen, Jonas Hohnke, Photo Weekend Düsseldorf, Eröffnung 8. März Antichambre

Brexibition, Royal College of Arts, London, am 25. und 27.März. Dann BREXIT (29. März)


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