Wie weiter mit der Provenienzforschung?
Über die dunklen Flecken einer Tagung über den Kunsthändler Max Stern

Im Licht. Starke Unterstützung erfährt die Provenienzforschung durch Isabel Pfeiffer-Poensgen, NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft                   Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/David Young

 

 

 

Von den 35 Gemälden in den Düsseldorfer Sammlungen, die über Julius oder Max Stern gehandelt wurden, konnte bislang nicht einmal die Hälfte näher untersucht werden. Nur für eine Handvoll wurde bislang eine lückenhafte Provenienz ermittelt. Diese Gemälde stellen wiederum nur einen Bruchteil all der Kunst- und Kulturgutankäufe nach 1933 dar, die unter unrechtmäßigen Umständen abgewickelt wurden.

„Derzeit kann keine Aussage darüber gemacht werden, wie viele Objekte in sämtlichen städtischen Kunst- und Kulturinstitutionen im Hinblick auf einen möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzug untersucht werden müssen“, antwortete der Düsseldorfer Kulturdezernent Hans-Georg Lohe auf eine Anfrage zur Ratssitzung am 1. Februar 2018. Das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. Denn, so Lohe, die „anlassbezogenen Provenienzrecherchen“ stehen vorne an, also die Prüfung der Auskunfts- bzw. Restitutionsgesuche, mit denen die Stadt bereits konfrontiert wurde.

Hinterherarbeiten ist Programm

Eine solche Art von Hinterherarbeiten ist für die Provenienzforschung vielerorts die Realität. Damit sich daran etwas ändert, will man nun in Düsseldorf parallel zur Bearbeitung der akuten Fälle eine Infrastruktur für die zukünftige Forschung in den städtischen Sammlungen aufbauen. Doch vor allem und zunächst will man das angeschlagene Image wieder aufpoliert und aller Welt die unbedingte Aufklärungsbereitschaft Düsseldorfs vorgeführen. Aus dem Symposium zur Vorbereitung einer Ausstellung zu Max Stern, die nun im Herbst 2020 im Stadtmuseum (der Wechselausstellungsbereich ist hier 500 qm groß) stattfinden soll, wurde eine internationale Tagung – mit doppeltem Anspruch. Sowohl die nachträgliche Würdigung Max Sterns und seiner kunsthändlerischen Tätigkeit sollte gelingen, als auch ein Erkenntnisgewinn für den Umgang und die Bearbeitung der Kunsthändlernachlässe herausspringen. Denn die haben sich für den Herkunftsnachweis der Kunst- und Kulturgüter als besonders ergiebig erwiesen.

Die Vorträge zum Düsseldorfer Umfeld des Kunsthandels der Familie Stern im 19. und 20. Jahrhundert, zu Max Sterns Versuch der Öffnung der Galerie des Vaters in Richtung Moderne sowie zu seinem erfolgreichen Wirken auf diesem Feld und dem der zeitgenössischen kanadischen Kunst in London und Montreal waren informativ und einer Würdigung angemessen. Darstellungen früherer Recherchen zu Werken aus der Galerie Max Stern lieferten interessante Details. Insbesondere der Bericht der Provenienzforscherin, die Anfang 2012 zu jenem Selbstbildnis von Wilhelm von Schadow recherchiert hatte, das nach seiner Restitution als Leihgabe im Stadtmuseum bleiben konnte und Anlass für die ursprüngliche Ausstellungsplanung war.

Einige Programmpunkte boten Anlass zur Verwunderung

Da war die von Berlin angereiste Referentin, die verkündete, eigentlich gar nichts über die Düsseldorfer Zeit der von ihr beforschten Galerie zu wissen und sich folgerichtig in ihren Ausführungen nach New York begab. Wissenschaftlerinnen aus dem Metropolitan Museum of Art stellten einen Kunsthändler und zwei Sammler der Moderne vor, zu denen in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin längst geforscht wird. Eine der beiden glaubte sogar ihrem Fachpublikum die Bedeutung der Bilderrückseiten, also das ABC der Provenienzforschung vermitteln zu müssen. Aus den drei Archiven in der National Gallery of Canada in Ottawa, in denen über 50 laufende Meter an Textdokumenten und anderem Material der Familie Stern und ihrer Kunsthandlungen bewahrt werden, berichtete Andrea Bambi, die Leiterin der Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Sie hatte in Kanada eine Forschungswoche verbracht.

Bambi hatte in Düsseldorf bereits das Projekt alfredflechtheim.com vorgestellt, das 2016 in einem Museumsverbund, zu dem auch zwei Düsseldorfer Museen gehörten, entstand. Seinerzeit hatte man sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, die Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim in keiner Weise einbezogen zu haben. Im aktuellen Fall fühlen sich die beiden kanadischen Wissenschaftler, die sich seit gut zehn Jahren intensiv mit dem für die weitere Aufklärungsarbeit essentiellen Stern-Nachlass beschäftigen, durch die Absage der von ihnen vorbereiteten Ausstellung derart brüskiert, dass sie der Tagung fernblieben.

Die Zusammenarbeit mit der kanadischen Seite ist aber für die Aufklärung der Verlustumstände der Bilder aus dem ehemaligen Bestand von Max Stern notwendig. Der Düsseldorfer OB Thomas Geisel versicherte darum in seinen Begrüßungsworten glaubhaft, dass sich die Stadt Düsseldorf um die Wiederannäherung bemüht.

Vertreter des „Stern Cooperation Project“, das erst im vergangenen Jahr sozusagen als Antwort auf die Querelen in Düsseldorf am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München entstanden ist, hatten sich vor der Tagung kritisch geäußert und dann ihre Präsenz auf Plätze im Publikum beschränkt. In München will man weiter zur Migrationsgeschichte der Familie Stern und des Kunsthandels forschen und ist damit gleichermaßen auf die kanadische Unterstützung angewiesen.

Die Recherche zu Werken in den Düsseldorfer Sammlungen, die ehemals über Julius oder Max Stern gehandelt wurden, wird offenbar bislang hauptsächlich von drei Studentinnen des Masterstudiengangs Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durchgeführt. Das konnte man ihrem Vortrag und einer Broschüre (die der Pressemappe beigelegt war), entnehmen. Sie waren es auch, die in den Inventarbüchern und den Akten im Stadtarchiv die eingangs erwähnten 35 Gemälde ausfindig gemacht haben. Ihre Professorin Uli Seegers und auch die Provenienzforscherin der Stadt Düsseldorf standen ihnen „mit Rat und Tat“ zur Seite.

Der Kontakt zur Praxis schon während des Studiums ist sinnvoll und die Einbindung dieser drei Studentinnen hat dem akuten Recherchebedarf offenbar gut gedient. Im Hinblick auf die angekündigte Infrastruktur für die zukünftige Provenienzforschung der Stadt Düsseldorf stimmt sie allerdings nachdenklich. Am geeignetem Personal mangelt es eigentlich gar nicht, es ist ausreichend vorhanden. Es hat sein kunstgeschichtliches oder historisches Studium abgeschlossen und seitdem in Museen, im Kunsthandel oder an anderer Stelle weiteren Sachverstand erworben. Nur müssen diese Wissenschaftler für ihre Arbeit bezahlt werden.

Die Beschlussvorlage zum „Konzept Provenienzforschung“, die im Haupt- und Finanzausschuss der Landeshauptstadt Düsseldorf am 10. September 2018 auf der Tagesordnung stand, sieht zur Unterstützung der im Oktober 2016 eingerichteten Stelle für Provenienzforschung allerdings neben einer Stelle für einen Volfjuristen nur jeweils eine halbe Stelle für eine HistorikerIn und eine KunsthistorikerIn vor. Die Einsparungen, die durch den Verzicht auf die externe juristische Beratung zu erwarten sind, mögen dabei eine Rolle spielen. Dennoch räumt die Stadt mit dieser Planung ihrer juristischen Absicherung auch den größeren Stellenwert ein.

Zur rechtlichen Frage nach der Freiwilligkeit der Verkäufe Max Sterns vor der Liquidation der Galerie hat man während der Tagung leider nichts erfahren. Lediglich ein Vortrag zu den speziellen rechtlichen Gegebenheiten im Zusammenhang mit den Warenbeständen von Kunsthändlern war vorgesehen, ausgerechnet der fiel allerdings krankheitsbedingt aus.

Erst die Podiumsrunde warf interessante Fragen auf

Das „crowdsourcing“ wurde hier von der Provenienzforscherin des New Yorker Museum of Modern Art beworben, durch das man ergänzende Informationen von Forschern außerhalb des eigenen wissenschaftlichen Zirkels erhalten könne. Die genealogischen Datenbanken im Internet haben das vorgeführt, Menschen aus der ganzen Welt kommunizieren da miteinander um ihre Informationen zu Vorfahren auszutauschen. Für die Provenienzforschung und die Erbenermittlung werden diese bereits als hilfreiches Instrument genutzt.

Aus dem Paul Cassirer Archiv in Zürich wurde die Digitalisierung und online-Stellung der dort erhaltenen 83 annotierten Kataloge von Auktionen bei Paul Cassirer zwischen 1916 und 1932 in Aussicht gestellt, was für die Provenienzforschung ohne Frage ein großer Gewinn sein wird.

Und schließlich erlebte man, wie Günter Herzog, der Wissenschaftliche Leiter des Zentralarchivs für deutsche und internationale Kunstmarktforschung ZADIK in Köln an einem Vorschlag Gefallen fand, den interessanterweise Andrea Bambi am Ende ihres Vortrags in die Runde warf: Die Bestände in den Archiven in der National Gallery of Canada könnten zunächst dort digital erschlossen werden und dann im ZADIK, als neutralem Ort, für die Forschung in Deutschland bereitgestellt werden.

Wie in Düsseldorf besteht überall im Lande großer Aufklärungsbedarf

Von der Notwendigkeit einer Digitalisierung der Inventare, Akten und Rechercheergebnisse und ohnehin der Sammlungsobjekte, war auf dieser Tagung vielfach die Rede. Gerade auch im Hinblick auf eine Auffindungsmöglichkeit und die Vernetzbarkeit, der in den verschiedenen Häusern deutschlandweit und international laufenden Untersuchungen, die sich nicht selten demselben Forschungsgegenstand widmen. In Düsseldorf hat man das inzwischen akzeptiert. So soll parallel zur anlaufenden „Tiefenerschließung der Akten“ zu den Erwerbungen der städtischen Sammlungen die Digitalisierung von Zugangs- und Inventarbüchern weiterverfolgt werden.

Sieht man die Beschlussvorlage der Stadt Düsseldorf zur Provenienzforschung genauer an, drängt sich der Verdacht auf, dass es in der Landeshauptstadt nach wie vor am Verständnis für die Bedeutung der Provenienzforschung mangelt. Vor dem Hintergrund der Veranstaltung zu Max Stern erscheint die Ratsvorlage in neuem Licht. Für die NRW-Landeshauptstadt ergeben sich durch eine verstärkte Provenienzforschung und das Finden fairer und gerechter Lösungen im Sinne der Washingtoner Prinzipien folgende Vorteile:

„Rechtssicherheit im Hinblick auf die städtischen Kunst- und Kulturgüter. Diese machen ca. 20% der bilanzierbaren Vermögenswerte der Stadt Düsseldorf aus. Genauere Bewertung bzw. Steigerung der materiellen wie immateriellen Werte der städtischen Kunst-und Kulturgüter. Bessere Ausganglage bei den Verhandlungen und Lösungsfindungen im Hinblick auf Kulturgüter, die als NS-verfolgungsbedingt entzogen identifiziert worden sind. Positive öffentliche Wahrnehmung (in Presse und Politik) und mehr Kontrolle über die öffentliche Berichterstattung und damit langfristige Wahrung der Reputation der Stadt…“

Auch wenn man sich vorstellen kann, dass hier ein Finanzausschuss überzeugt werden soll, Gelder zur Verfügung zu stellen, die genauso für andere Aufgaben gebraucht werden, sind solche Ausführungen doch erschreckend.
Und das gilt keineswegs allein für Düsseldorf. Da sehen die Kulturpolitiker und Museumsdirektoren offenbar die Chance, endlich ihre Sammlungsbestände zu erschliessen und digital zu erfassen – auf Kosten der Provenienzforschung?

Der Zuruf eines Mitarbeiters des Zentralinstituts für Kunstgeschichte zur Podiumsrunde lautete daher ganz richtig: „Man muss die Provenienzforschung erst mal ernstnehmen!“

Im 20. Jahr der „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ sollte man das endlich erwarten können.

Menschen ist Unrecht geschehen während der nationalsozialistischen Diktatur und die Bundesrepublik Deutschland hat sich verpflichtet, die Kulturgüter, die ihnen abhandenkamen oder geraubt wurden, in den Sammlungen des Landes zu suchen. Um sie wenigstens Ihren Erben zurückzugeben oder mit diesen eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden, die den Sammlungen diese Werke eventuell auf Dauer erhält.

Wenn die Suche nach dem NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgut die Museen endlich in die Lage versetzt, ihre Sammlungsbestände vollständig zu erfassen, indem sie finanziell und personell unterstützt werden, ist das gut. Aber Raubkunst ist nicht Beifang im Schleppnetz der Aktion.

Endlich: eine Tagung zur Galerie Stern

Letzten Mittwoch fand im Haus der Universität also die Tagung mit dem langen Titel „Die Galerie Stern im Kontext des Rheinischen Kunsthandels während des Nationalsozialismus“ statt. Ankündigungen, Absagen, Neuankündigungen und Verschiebungen hatten zuvor fünfzehn Monate lang auch international für gehörige Aufregung gesorgt.

Mit der Vorgeschichte ist jedoch mindestens im Jahre 1937 anzusetzen, als Max Stern gezwungen wurde, die zuvor bereits vom Vater Julius Stern geführte Galerie an der Königsallee 23–25 aufzulösen. Er emigrierte über Paris nach London und 1941 weiter nach Kanada. Im Exil gelang es ihm eine neue Existenz als Kunsthändler aufzubauen und als er 1987 in Montreal verstarb, ging sein Erbe an die „Dr. and Mrs. Max Stern Foundation“, die drei Universitäten in Kanada und Israel zugutekommt. Seit 2002 forscht das von ihnen gegründete „Max Stern Art Restitution Project“ nach den Kunstwerken, die Max Stern im Zusammenhang seiner Vertreibung zu verkaufen gezwungen war bzw. durch Beschlagnahme verlor.

In 2011 erhielt das Stadtmuseum Düsseldorf dessen Anfrage zu einem Gemälde, einem Selbstbildnis von Wilhelm von Schadow, das seit 1973 zum Inventar des Museums gehörte. Eine vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (Magdeburg) mitfinanzierte Provenienzrecherche im Folgejahr konnte nicht alle Umstände, aber hauptsächliche Fakten klären.

Das Gemälde wurde Ende 2013 offiziell an die Stern Foundation restituiert und durfte danach als Leihgabe im Stadtmuseum Düsseldorf verbleiben. Die Direktorin des Museums, Susanne Anna, fasste daraufhin den Plan zu einer Ausstellung zu Max Stern und weiteren Projekten zur Thematik der Restitution in ihrem Hause. Sie überantwortete dem Max Stern Art Restitution Project der Concordia University in Toronto die Ausstellungsvorbereitung.

Erst im Herbst 2017 wurde das Kulturdezernat darauf aufmerksam, dass im Stadtmuseum weder die Finanzierung der Ausstellung noch allgemeine Abläufe, wie der Leihverkehr, abschließend geregelt waren und die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung offenbar maßgeblich durch die kanadischen Wissenschaftlicher vorbereitet wurde.

Angesichts der steigenden Zahl an Auskunfts- und Restitutionsgesuchen zu Objekten im städtischen Besitz, befürchtete die Stadt eine einseitige Einflussnahme auf die öffentliche Meinung durch das kanadische Ausstellungskonzept. Zudem beanspruchte die Stern Foundation mittlerweile ein weiteres Düsseldorfer Bild. Der in diesem Streitfall bereits in 2015 von der Stadt Düsseldorf vorgeschlagenen Anrufung der Beratenden Kommission, haben die Erben die notwendige Zustimmung bis heute nicht erteilt. Insofern hielt das Kulturdezernat nun auch die Einbindung der städtischen Provenienzforscherin in die weitere Planung für notwendig.

Schließlich beschloss man die für Februar 2018 angekündigte Ausstellung mit der offiziellen Erklärung „aufgrund aktuell laufender Auskunfts- und Restitutionsgesuche in deutschen öffentlichen Einrichtungen, die im Zusammenhang mit der Galerie Max Stern stehen“ abzusagen und gab zugleich das Vorhaben eines wissenschaftlichen Symposiums bekannt, das nun endlich stattfinden konnte.

Erich Bergfeld

 

Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) sprach ein Grußwort © alle Bilder Landeshauptstadt Düsseldorf/David Young

Drittes Panel. Andrea Bambi, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, machte einen überraschenden Vorschlag
(CDU)

Auch Kulturdezernent Hans-Georg Lohe entrichtete ein Grußwort

Luise Mahler M.A. (Leonard A. Lauder Research Center for Modern Art/Metropolitan Museum of Art, New York) referierte ebenfalls im Rahmen der internationalen Tagung © Landeshauptstadt Düsseldorf/David Young

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