Schlange stehen für die Kunst
Der Run auf den RUNDGANG

Alle wollen rein. Besucherschlange vor der Kunstkadademie

Die JULIA STOSCHEK COLLECTION fördert erneut zwei Ateliers für Künstler*innen mit dem Schwerpunkt auf zeitbasierter Kunst im ehemaligen Gebäude des Landeskriminalamts in Düsseldorf-Unterbilk.

 

Alle Tage stehen sie Schlange, von morgens halb zehn bis abends um acht. Was sie dort suchen? RUNDGANG steht da auf einem quadratischen Stoff über dem Eingang. Das ist alles, sonst keine Werbung, kein Flyer, keine Plakate und doch dürfte der RUNDGANG eine der erfolgreichsten Kunstausstellungen überhaupt sein. An die 50.000 Besucher treibt es an sechs Tagen durch die Kunstakademie, sie nehmen es in Kauf, bei winterlichen Temperaturen stundenlang auf den Einlass zu warten.

Der Aufwand ist denkbar gering, die Kunststudenten stellen in ihren Klassenräumen aus, was gerade so fertig ist und „die Leute“ strömen unentwegt und unerschrocken in die Staatliche Kunstakademie am Eiskellerberg. Ob sie auch finden, was sie suchen?

Der Brauch wurde von Rektor Norbert Kricke in den 1970er Jahren eingeführt, um die Abschlußarbeiten der Kunststudenten auch einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Inzwischen herrscht arges Gedränge vor der Akademie, auf den Fluren wie in allen Klassenräumen. Zwischen Volksfest und Talentbörse zieht der RUNDGANG seine Runden. Längst sind es nicht nur Sammler und Galeristen, die hier auf die Suche nach dem neuen Richter, Polke oder Gursky gehen, jeden Morgen stehen ganze Schulklassen Schlange, der kunstinteressierte Bürger reiht sich ebenso ein wie ehemalige Studenten, x-beliebige Kunstfreunde aus nah und fern. Schon mehren sich Stimmen, den „ganzen Zirkus“ einfach abzublasen.

Das wäre schade. Für eine Woche im Jahr zeigt die Akademie ein anderes Gesicht. Was als hohe Schule der Kunst, als eltitäre, legendenumtoste Anstalt gilt, als Talentschmiede und Geniebude, öffnet sich für ein paar Tage dem Volk. Und das nimmt sich ganz unbefangen das Recht, die von ihren Geldern getragene Schule zu besuchen. Ein eminent basisdemokratischer Zugang zur Kunst bricht sich hier Bahn. Jeder darf seinen Senf ganz ungeniert dazugeben. Während andernorts die Auslese und Privilegisierung des Publikums in Prepreviews und speziellen Einladungen zu anschließenden Cocktails und Dinners unvermindert betrieben wird. Man täusche sich nicht. Die Popularisierung der Kunst ist vielleicht nur ein Deckmantel, unter dem gewisse Zirkel ihr exklusives Spiel ungehindert fortsetzen können. Das Museum, das einmal im Jahr zur „Langen Nacht“ einlädt, scheut sich darum nicht, ausgewählte Gäste zum gesetzten Abendessen im kleinen Kreis zu bitten.

Das Phänomen RUNDGANG speist sich noch aus anderer Quelle. Es bietet sich als beste Gelegenheit, sich selbst zu spiegeln. Der Sog der Digitalsierung ist so weit fortgeschritten, dass jedermann und jedefrau glücklich ist, an einen Ort zu kommen, der instagramtauglich und hashtagverdächtig ist. Im Zeichen des Doppelkreuzes wird die neobarocke Kunstakademie wirklich ein Hotspot. Man läuft in die Flure, strömt in die Klassen, stolpert in die Eiskellerbar oder in einen abgedunkelten Videoraum, trifft die jungen, die wirklich ganz jungen Künstler*innen, staunt nicht schlecht über diese seltsame, kaum einschätzbare Kunst da an den Wänden, auf dem Boden, von der Decke hängend, ein Geschiebe und Gedränge, ein Rein und Raus in Scharen – ein Fest für die Handykamera: „Hello, I´m auch dabei.“

Diese neue Kommunikationsbegeisterung kommt auch den Museen zu Gute. Überall dort, wo die neue Selbstbespiegelung Anreize findet, wächst der Zulauf, wo nicht, sterben die Kinos, die Theater, die Bücher bleiben ungelesen. Bloß nie mehr allein sein! Das große Mitmachtheater findet dort statt, wo handyaffine Veranstaltungen geboten werden. Demokratisierung der Hochkultur? Wird Hilmar Hoffmanns Traum einer „Kultur für alle“ endlich Wirklichkeit? Oder verzappelt sich da was? Die Hochkultur wird sich jedenfalls umstellen müssen. Anne Imhoff hat es im Deutschen Pavillon vorgemacht. Faust, ihre fünfstündige Performance war das meistgepostet, meistgeteilte Ereignis der letzten Venedig-Biennale. Den Goldenen Löwen bekam sie dazu.

Planet 58. Neue Kooperation – neue Konfusion

Schlange stehen hieß es auch bei der Eröffnung des „neuen Formats“ (Susanne Gaensheimer) „Planet 58“, ein Schaulaufen aller Akademie-Absolventen aus dem letzten Jahr. Im Basement des K21 werden 60 künstlerische Newcomer mit größtenteils neuen Werken in einer Gruppenausstellung vorgestellt. Der Auftakt ist gelungen. Trotz aller Befürchtungen, eine eindrucksvolle, auch mitreißende Schau. Natürlich kann man hier viel klarer als etwa beim RUNDGANG sehen, was die Akademie noch drauf hat. Unerwartet groß auch hier der Ansturm. Bis gegen Mitternacht bildete sich eine Menschenschlange, um diese Ausstellung sehen zu können. Auf der Piazza tummelte sich das Kunstvolk wie seit der Eröffnung des Hauses nicht.

Aus dem Museumshop auf die Leinwand. Fliegende Monster Gemälde (Detail) von Ryo Kinoshita

Parallel zum RUNDGANG beginnt mit „Planet 58“ eine neue Kooperation zwischen den beiden vom Land NRW getragenen Kunstinstitutionen in Düsseldorf, der NRW-Landesgalerie und der staatlichen Kunstakademie. Das dürfte die ohnehin labile Balance unter den öffentlichen Ausstellungshäusern mächtig erschüttern. Waren die Akademiestudenten und –Absolventen doch bislang der Acker des Kunstvereins, der Kunsthalle, des KIT oder des Kunstpalasts. Wenn sich die Staatsgalerie künftig für die jüngsten Künstler*innen öffnet, stellt sich die Frage, wie man verhindern will, die jungen Künstler zu überfo(ö)rdern. Der Kunstpalast ist zudem das vertraglich und traditionell mit der Kunstkadakdmie verbundene Museum. Was daraus wird, steht in den Sternen. Dem Gedränge hat sich der Kunstpalast vorerst entzogen und die parallel zum RUNDGANG terminierte Ausstellung des „Ehrenhof-Preisträgers“ Aurel Dahlgrün aus der Klasse von Christopher Williams erstmal verschoben.

 

 

 

 

Wer alles die Akademiestudenten fördert

Provinzial Rheinland Versicherung (12.000 Euro Kunststipendium, jährlich). Erste Preisträgerin ist Dorothee Clara Brings

Kunst-und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf (6000 Euro für Reisestipendien)

PwC-Förderpreis „Junge Kunst aus der Akademie“ (6.000 Euro für Akademiestudenten)

Julia Stoschek fördert zwei Ateliers für Künstler oder Künstlerinnen mit dem Schwerpunkt auf zeitbasierter Kunst im ehemaligen Gebäude des Landeskriminalamts in Düsseldorf-Unterbilk (Betrag unbekannt)

Peter Michael und Ulrike Engel-Stiftung kauft Kunst junger Akademiestudenten, dazu Stipendien für ausländische Kunststudenten (insgs. 24.000 Euro)

Bürgerstiftung (zwei Deutschlandstipendien, Betrag unbekannt)

Kunstpalast mit Georg Landsberg „Ehrenhof-Preis“ für Absolventen oder Absolventinnen der Kunstakademie (10.000 Euro plus Einzelausstellung)

 

 

 

Kommentare

  1. Als einer, der mit Josef Beuys noch auf der Andreasstraße diskutiert hat, ist der Rundgang gleichzeitig auch immer eine Erinnerung an die die Aufbruchstimmung der 60-70iger Jahre.
    Was mich allerdings nachwievor unverändert erstaunt, sind doch die recht hohen Preise, die jungen Studenten/innen für ihre “ Meisterwerke“ verlangen.
    Dennoch, dieser Rundgang, die Möglichkeit der Teilnahme, tut der Stadt Düsseldorf gut. Es stirbt doch augenblicklich auch viel wegn. Der Mamon frisst die letzten Oasen der Unabhängigkeit.

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