Von Flaneuren, Malerfürsten und anderen Untoten
Perlenfischer: Ausstellungen in Bonn und Krefeld tauchen tief – und heben was?

Blickt weg. Pfau inmitten der „Malerfürsten“

Wollten wir nicht alle Flaneur sein? Stille Beobachter des bunten Treibens um uns herum, unentwegt Bewegte, unbeteiligte Beteiligte am Großen Welttheater, wie beim Straßenfest gleich vor der Haustüre?

Aber was ist ein Flaneur? Zumindest keine Figur, aus der sich eine Ausstellung in einem Kunstmuseum gewinnen ließe. „Der Flaneur“ ist eine Erfindung Walter Benjamins, eine literarische Gestalt, eine Kopfgeburt, mithin ein Phantom. Es wurde von Benjamin, der 1933 nach Paris emigriert war, eigens erfunden, um sein zentrales „Passagenwerk“, an dem er zäh von 1927 bis zu seinem Tod 1940 arbeitete, mit einer Figur zu beleben.

Aus dieser posthum veröffentlichten Materialsammlung über „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ entsprangen so berühmte Texte der Moderne wie der Kunstwerk-Aufsatz, die Baudelaire gewidmeten Arbeiten und die Thesen Über den Begriff der Geschichte – und eben auch der Flaneur. Was Benjamin da als Phänotyp entdeckt haben will, war also gut 60, 70 Jahre zuvor mit den Passagen untergegangen, wenn es ihn überhaupt jemals gegeben hat. Deshalb begibt sich das Kunstmuseum Bonn auf eine weitgewagte Phantomjagt: „Der Flaneur – vom Impressionismus bis zur Gegenwart“.

So schwelgerisch der Ausstellungstitel daher kommt, so einladend dieser Streifzug durch mal eben 140 Jahre Kunstgeschichte wirken mag, der Flaneur bleibt ein Schattenmann. Oder doch ein Leitstern?

Literarische Figuren sind meist nur mühsam in Erzeugnissen von Bildwerken, Gemälden, Fotografien oder sonstigen Medien der bildenden Kunst dingfest zu machen. So verliert sich die Ausstellung in einem Überangebot der Bilder, der Thesen und Themen, man durchstreift die Säle und Jahrhunderte, blickt erst interessiert, dann irritiert all die wundervollen Werke von van Gogh, Menzel, Pissarro, Béraud, Abel-Truchet, Anquetin, Dennery an – Chapeau vor diesem Aufgebot! – um endlich, ja wo wohl, in der „Gegenwart des Flaneurs“ anzukommen. Ach so!

Aber wo sollte die sein, wo, wenn wir nicht jene mit Schaufenstern besetzten Durchgänge und Konsumghettos wie die knallbunten Malls oder Einkaufspassagen (die längst veröden, oder bereits wieder abgerissen werden) mit den eleganten Bauwerken aus der Blütezeit der Pariser Belle Époque verwechseln wollten?

In der Gegenwart hat das Bonner Kunstmuseum unbedingt seine Stärken. Aber was, bitte, haben die raum- oder wandfüllenden Werke von Franz Ackermann Mostly India, Corinne Wasmuth Gate 77, Peter Piller (eben als Gursky Nachfolger an die Kunstakademie Düsseldorf berufen) oder Francis Alys Postkartenserie einer fortgesetzten Aktion Ohne Titel mit dem Flaneur zu schaffen?

Blickt diese Ausstellung nun mit Benjamin bloß nostalgisch zurück auf die längst verblichene Erscheinung des vorletzten fin de siécle, trauert sie noch einmal dem Verschwinden der schönen Passagenwelten hinterher, den Müßiggängern im Turbo-Amazon-Konsumzeitalter, den letzten Individualisten im Googleozän nach? Oder traut sie sich zu, den Flaneur des 21. Jahrhunderts ausfindig zu machen? Etwa im Internet? – To stroll und to scroll klingt nicht nur ähnlich, sagt Kurator Stefan Berg, es könnte sich um die Wiederbelebung eines Untoten im digitalen Zeitalter handeln.

Blicken wir im Lauf des Parcours der Ausstellung auf grelle oder blendende, anziehende oder unappetitliche Bilder der Großstadt in Sektionen wie „Die Städte“, „Welt der Waren“, „Passanten und Passagen“, verschleift der Flaneur zum Snob, Dandy, Beobachter, Spaziergänger, Schaufenstergucker oder Katastrophentouri und You-tuber. Schade.

„In Zeiten des Terrors“, schreibt Walter Benjamin 1938, „wo jedermann etwas vom Konspirateur an sich hat, wird auch jedermann in die Lage kommen, den Detektiv zu spielen…´Der Beobachter´, sagt Baudelaire, ´ist ein Fürst, der überall im Besitze seines Inkognitos ist´. Wenn der Flaneur dergestalt zu einem Detektiv wider Willen wird, so kommt ihm das gesellschaftlich sehr zupass. Es legitimiert seinen Müßiggang.“

Aber Müßiggang und Inkognito sind dort doch eher auf der Strecke geblieben. Schon Benjamins „Hauptstadt des 19. Jahrunderts“ war nur vordergründig die Stadt Baudelaires, in Wahrheit die Stadt Napoleon III., eines despotischen Popoulisten.

Wiederbelebungsversuch II – „Malerfürsten“

Also hinüber in die Bundeskunsthalle, wo abgestimmt oder nicht, sich eine weitere Ausstellung auftut, die tief ins Herz des 19. Jahrhunderts hineinleuchtet: „Malerfürsten“. Im Unterschied zum Flaneur ist der Typ Malerfürst tatsächlich nachweisbar. Die Ausstellung will das anhand von sieben toten Exemplaren nachweisen, Frederic Lord Leighton, Hans Makart, Jan Matejko, Mihály von Munkácsy, Franz von Lenbach, Friedrich August von Kaulbach und Franz von Stuck. Doch weder erwähnt die Ausstellung, daß sich dieser Künstlertyp seit der Renaissance aus dem Hofmann und Hofkünstler entwickelt hat und sich auf Künstler wie Mantegna, Tizian oder Rubens bezieht, noch in wie weit Malerfürsten heute noch eine Rolle spielen, allen voran, Markus Lüpertz, der diese Marke erst jüngst wieder hoffähig, pardon publik gemacht hat. Aber da gäbe es auch Kollegen wie Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Olafur Eliasson oder Damien Hirst.

Künstlervillen, Künstlerhäuser, Künstlerfeste, Kostümierungen aller Art spielen heute wieder eine beträchtliche Rolle bei der Durchsetzung der Karrieren – bestimmt auch bei den neuen Malerprinzessinnen. Nur eben White Cube-mäßig.

Vor allem wird nicht klar, was diese mit gehörigem Aufwand und vielen dekorativen Beigaben betriebene Schau eigentlich zeigen will, auf was sie hinaus will: Horror vor diesem Gehabe oder Sehnsucht danach? Will sie uns all diese pompösen, in ihren tonnenschweren Goldrahmen lastenden Schinken, historistischen Kostüme und Devotionalien vor Augen führen, damit wir diese staatliche Kunsthalle so schnell wie möglich verlassen? Über so viel Größenwahn und Geschmacksverirrung den Kopf schütteln? Dann wäre es ein Großversuch zum Abgewöhnen. Eine Femeausstellung zumal. Das wäre ihr gelungen. Oder ist es der Versuch einer Revision dieser sieben Fürsten (eine Malerfürstin fand sich offenbar nicht). Dann ist es mutig. Zumal die Bundeskunsthalle zu hundert Prozent vom Bund finanziert wird, also durch und durch einer Demokratie verpflichtet ist, die nicht weiß, wohin sie will. Schielt hier eine Sehnsucht durch? – eine nach Pomp und Palast, nach Genie und Wahnsinn, nach High Society und Extravaganz, nach Untergang? Die Beamtenrepublik leistet sich in ihrem Bonner Kulturhaus einen Schuß Untergangsseligkeit und Dekadenz. Wie schön, wie gruselig. Der ausgestopfte Pfau da auf seinem Sockel wendet sich mit Graus ab.

Eine andere Sache sind die Kataloge. Beide Häuser legen prächtige wie inhaltsschwere Kataloge vor. Hier werden die Themen glänzend aufgefächert und in sehr guten Aufsätzen gründlich aufbereitet. Besonders empfehlenswert Cinema Cerebale. Flanierende Anmerkungen zur Bild- und Bewußtseinsgeschichte des Flaneurs von Hans-Joachim Müller im Flaneur-Buch und Die Musealisierung des Malerfürsten. Winkelzüge der Moderne von der Bonner Kunstgeschichtlerin Anne-Marie Bonnet. Ein Fürst, der sich die Zeit nähme, diese Aufsätze, diese Kataloge zu lesen. Unbedingt empfehlenswert.

Wiederbelebungsversuch III – „Die Moderne“

Einen Blick zurück in die gute alte Reformzeit um 1900 wirft das runderneuerte Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld. Da wird das „Künstlerkleid“ gleich zum Hauptakteur der Frauenemanzipation und einer „gesamtkünstlerischen Gestaltung aller Lebensbereiche“. Wenn das mal so einfach wäre: Neues Kleid, neuer Mensch; neuer Look, neues Leben!

Das KWM unternimmt es keineswegs erstmals Mode, Fotografie, Tanz und bildenden Künste in Zusammenhang mit den Lebensreformbewegungen in Europa zwischen 1900 und 1914 zu sehen. Das „Panorama der frühen Moderne“, so die Kuratorinnen Ina Ewers-Schulz und Magdalena Holzhey, endete bekanntlich im Untergang des Alten Europa, in Todesorgien der Schützengräben des Ersten Weltkriegs, spätestens 1918.

Eine kleine Ausstellung in Paris fragt indes, ob Malerfürsten auch Meisterwerke geschaffen haben. Oder Meisterwerke den Malerfürsten? „Picasso Meisterwerk“ heißt simpel und überzeugend eine Schau im Musée Picasso, die anhand von Archivmaterial und ein paar Dutzend wichtiger Werke die Frage stellt: Was ist ein „Meisterwerk“ im Falle Picasso?

Ein schönes Thema für einen Künstler, der aus einem Stück Karton oder einem Besenstiel oder Fahrradlenker ein Kunstwerk machte, gleichzeitig aber für andere Werke zahlreiche Skizzen anfertigte und sie unvollendet liess.

 

 

 

 

 

 

 

 


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Kommentare

  1. das habt ihr wieder schön beschrieben und kommentiert. Es ist mir immer eine Freude, die lockeren wie fundierten Beiträge zu gegenwärtigen Ausstellungen zu lesen. Besser als es in sich für anspruchsvoll haltenden Zeitungen geschieht!

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