Design – oder Nichtsein?
PS-Raritäten im „Kunstpalast“ – Prototypen fürs Überleben im „Weltkunstzimmer“. Ein Wettrennen

Prototyp „Sustainer“, 2018. Weltpremiere im Weltkunstzimmer

Es war der Sommer der Cabrios, der Spider und Sportscars. Sonnenschein ohne Ende, tropische Nächte, purzelnde Hitzerekorde. Wie eine stumme Demonstration des Verlangens nach ewigem Sommer und blauem Himmel will die Ausstellung der makellosen Rennwagen erscheinen, die sich da im Kunstpalast auftut: „PS: ich liebe Dich“. Sportwagen der 1950er bis 1970er Jahre stehen dort auf graue Sockel erhoben im Ausstellungshaus, das sich nicht länger „Museum“ nennen möchte.

Es ist die erste große Ausstellung, die der neue Palastdirektor Felix Krämer eröffnet. Ein Signal. Eine Punktlandung. Oder gleich in die Sackgasse? Am Tag der Eröffnung der „ersten Automobilausstellung in einem Kunstmuseum“ (Eigenwerbung) gab BMW eine Gewinnwarnung heraus, der Aktienkurs ging auf Crashkurs. Mercedes verlor seinen Vorstandschef, der von Audi sitzt seit drei Monaten in Untersuchungshaft. Dieselgipfel im Bundeskanzleramt. Die Räumung des Hambacher Forst, vor den Toren Düsseldorfs, wird fortgesetzt.

Ein notorischer Fußgänger, der Brite Richard Long, hat schon vor Jahren notiert: „The global warming seems to be doing us some good“, die globale Erderwärmung scheint uns was Gutes zu tun. Aber das steht in einer anderen Ausstellung zu lesen, die dieser Tage am anderen Ende von Düsseldorf, im alten Industriegebiet im Süden, eröffnet wurde: Inside Ecologies. https://weltkunstzimmer.de/ausstellungen/ausstellungen-details/articel//ausstellung-1.html

Während im Kunstpalast 30 glänzende Kultfahrzeuge und High-End-Autos der 60er Jahre wie der Aurelia Spider, 300 SL von Mercedes-Benz, Turbo von BMW, Jaguar E, Lamborghini Miura oder Toyota GT, aufgefahren werden, „aber auch Poster-Cars der Siebziger wie Ferrari Daytona und Lamborghini Countach“, wie Kurator Dieter Castenow schwärmt, steigt man bei Inside Ecologies mit Louis Henderson auf eine Computerschrotthalde. Der 1983 geborene Filmemacher reiste mehrere Monate durch Afrika, um in einer Elektroschrott-Deponie in Ghana das Gegenbild der so clean strahlenden Welt unseres Konsumzeitalters zu finden.

Eine Müllhalde der Technikentsorgung wird zur „Gegenerzählung“ der unbekümmerten PS-Parade im Kunstpalast. Die Autoparade der superschnellen PS-Monster der Extraklasse stellt das Auto als Ästhetikum aus „Form, Technik, Design und Emotionen“ heraus – und wirkt doch eigenartig steril, fast bieder. Zwar wirbt sie mit der PS-Stärke schon im Titel, 360 Pferdestärken unter der Haube sind hier keine Ausnahme, doch bleibt der Motor kalt. Bewegung, Beschleunigung, Geschwindigkeit – solches Fahrgefühl dürfen höchsten ihre Besitzer auskosten. „Der ästhetische Blick“, bemerkt Krämer „steht im Mittelpunkt“. Design soll überhaupt ein Schwerpunkt in seiner Ägide werden. Keine Abgaswolke, auch kein Duft von Leder oder heißem Öl in den dunkelgrau gestrichenen Ausstellungssälen. Während die Ausstellung im Weltkunstzimmer Fragen aufwirft, etwa: Was bedeutet der immer wieder neu entstehende Hunger nach neuester Technologie und die Wegwerfmentalität für die Lebensbedingungen an anderen Orten der Welt? Welche Folgen hat die in vielen technischen Geräten installierte Obsoleszenz, die technische Geräte frühzeitigen nutzlos machen? Mehr Fragen als schnelle Antworten. „Inside Ecologies“ hat vor allem junge Künstler ihrer Generation gesucht und eingeladen, die das Verhältnis zwischen Mensch und seiner (Um)Welt neu sehen und es als ihre Aufgabe erkennen, künstlerische Wege zu beschreiten, die vielleicht auch die Kunst verändern. Designfragen sind hier erstmal nicht so zentral. Wie bewegen wir uns innerhalb von natürlichen und digitalen Ökosystemen? In welchem Verhältnis stehen wir zur Umwelt und ihren nicht-menschlichen Akteuren, Pflanzen, Tieren? Wie können artenübergreifende Kollaborationen zwischen Mensch, Tier oder Maschine aussehen? Wie können wir uns angesichts knapper werdender Ressourcen und Lebensräume in nachhaltige Kreisläufe eingliedern?

Mit seiner Agentur castenow.communications hat sich der Düsseldorfer Werbemann und Autosammler Castenow als führend im „Employer-Branding“ durchgesetzt. Das heißt ungefähr so viel wie die Firma selbst zu einer attraktiven Marke für die Mitarbeiter zu machen. Angefangen hat das mit einem Auftrag von McDonald’s, heute betreut er werbemäßig die Bundeswehr. „Denn es geht heute zunehmend darum, heiß begehrte Talente zu gewinnen, langfristig zu halten und so den Wert eines Unternehmens zu steigern“, sagt Castenow. Gar nicht so weit entfernt vom Ansatz der Kollegin Janine Blöß von „Inside Ecologies“: Den Menschen als Bestandteil der Welt zu verstehen, nicht als externen Beobachter. Auch ihr geht es um Teilhabe und Beteiligung und den großen Zusammenhang, um Kreisläufe und Prozesse. „Wie wir verstehen können, uns in bestehende Beziehungsgeflechte einzugliedern?“ ist ihre Frage. Die Erde als Marke für die Mitarbeiter attraktiv machen.

Und was hat die Kunst damit am Hut?

16 zeitgenössische Positionen hat Blöß versammelt, von Jan Dibbets und Richard Long zu Julius von Bismarck und Julian Charrière, von Raphael Brunk und Budhaditya Chattopadhyay zu  CMUK, Mona El Gammal, Lisa Rave, Pankoke/Schmidt und Jorinde Voigt, bis Morgenvogel Real Estate. Ziel wäre es hier, uns zu sensibilisieren und unseren Umgang mit dem natürlichen und artifiziellen, schwer-digitalisierten Lebensraum neu zu erproben und auszukosten. Deshalb setzt die Kuratorin auf Ausprobieren und Mitmachen, Interaktion. Die Kunst im Weltspielzimmer läßt sich ausprobieren. Einsteigen ist unbedingt erwünscht.

Auch hier wird ein Prototyp vorgestellt. Wie im Kunstpalst der Alfa Romeo Giulietta SS, dessen Form schon 1957 der eines raketenartigen UFOs glich, kann man bei „Inside Ecologies“ den Sustainer, Baujahr 2018, bewundern. Es handelt sich eher um eine Versuchsstation im Altcontainer-Design. Reste und Altmaterialien, die irgendwo auf dem Gelände der alten Brotfabrik herumlagen, wurden zu einem geschlossenem Biomasse-, Wasser- und Energiekreislauf zusammenmontiert. Conrad Kürzdörfer hat sich mit Brian Holden, dem alten Hasen der Permakultur und weiteren Experimentaldesignern zusammen getan, um ein Modul für nachhaltige Lebensweisen zu entwickeln. Ziel ist es, eine variable, multifunktionale Versorgungseinheit zu schaffen, die es auch unter schwierigsten Bedingungen dem Menschen ermöglicht, sich selbst zu versorgen. Ihr Sustainer mag ebenso belächelt werden, ebenso Kopfschütteln hervorrufen wie Carl Benz´ Velicoped vor 125 Jahren. www.sustainerproject.org und http://www.gen-europe.org

Im Kunstpalast geht es um edle Endprodukte, letztlich bestaunen wir aber auch die versammelten Werte dieser Chromjuwelen. Für 42 Millionen Euro wurde letzthin ein schwarzer Ferrari 250 GT0 in Kalifornien zugeschlagen, dort, wo sie das Geld längst mit digitalen Produkten verdienen. Ein ähnliches Exemplar findet sich weiter hinten im Erdgeschoss. Nicht mal die Desinger dieser Schlitten werden vorgestellt, nicht Leonardo Fioravanti, nicht Giorgio Giugiaro, nicht Macello Gandini und wie sie alle hießen. Oldtimer dienen heute als Statusymbol und Wertanlage wie vormals die Gestüte. Oldtimer stellen alle anderen Luxusgüter in den Schatten, wenn es um Wertzuwächse geht. Auf Auktionen lag der durchschnittliche Wertzuwachs…bei über 300 Prozent“, ist in der SZ zu lesen, die am Eröffnungsabend im Kunstpalast auslag. Das könnte die Brücke in die neue Museumszukunft sein: „Wenn sie heute einen Kunstsammler fragen, wie sieht es in der Garage aus, dann haben sie ein begeistertes Echo, das ist zumindest unsere Erfahrung,“ berichtet Mark Backé, Initiator und Global Director der führenden Automesse Grand Basel. Es soll noch andere Kunstsammler geben. Jedenfalls sieht die Kunst bei „Inside Ecologies“ auch ziemlich anders aus als auf der Art Basel.

„Europium“ von Lisa Rave (1979 in Guildford/GB) bringt den Fetischkult und die koloniale Vergangenheit Papua Neuguineas in Zusammenhang mit Plänen zum Rohstoffabbau aus den Tiefen des dortigen Bismarck Sees und der alltäglichen Konsumgüterindustrie. Wie verändert die Suche nach seltenen Erden und ihrer Verwendung in digitalen Techniken wie sie unsere Smartphone- oder Computerdisplays brauchen, das Leben der Menschen in Papua Neuginea? Budhaditya Chattopadhyay aus Indien bringt das Projekt „Decomposing Landscape“ nach Düsseldorf. Es zeigt allmähliche aber unwiderrufliche Veränderungen von Boden- und Oberflächenstrukturen durch landwirtschaftliche und industrielle Nutzung. Erzählerisch, teils in völliger Abstraktion wird Landschaft in einer immersiven Raumerfahrung aus Video, Sound und Virtual Reality über die anthropozäne Betrachtung von menschlichen und maschinellen Spuren erfahrbar gemacht. http://budhaditya.org/projects/decomposing-landscape/

Ohne moralischen Blick, ohne Wertung und Entscheidung, ohne den wachen Blick für Systeme und Machtverhältnisse wird man beide Ausstellungen kaum ansehen können. Dazu ist es vielleicht zu spät. Das ist hier nicht anders als am Berliner Schloßplatz, wo wir die hinreißenden Ausstellungsstücke aus den ethnologischen Sammlungen, die demnächst im Humboldt- Forum“ zu besichtigen sind, auch nicht mehr als Kunstwerke goutieren wollen. „Inside Ecologies“ mußte mit 1,5 Mitarbeitern und einem denkbar knappen Etat auskommen und stellt doch Ansprüche. Sie will ein neuer Ausstellungstyp sein: „Die Ausstellung ist ein Biotop“, sagt die Kuratorin schön selbstbewusst, „ein sich ständig verändernder Organismus, der einlädt in natürliche und virtuelle Umwelten einzutauchen. Möglichkeiten, Bedingungen und Widersprüche zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akuteren können bis an die Grenzen der Kunst erforscht werden.“ Und darüber hinaus.

P.S. Die roten Dahlien vor dem Eingang des Kunstpalastes, gesponsert vom „Blumenhaus am Hofgarten“, sind eine Augenweide.

P.P.S. Wer sich von Gedankenspams und Schrottideen auf der eigenen Gehirnplatte reinigen lassen will, dem sei eine Behandlung im IFM (Institut für Methode) – Abteilung für Standarduntersuchungen empfohlen. Das IFM hat seine erste Filiale innerhalb Deutschlands in Düsseldorf / Weltkunstzimmer) eröffnet. Das IFM bietet „einen ausgezeichneten Service zum Wohle einer Gesellschaft voller Gesundheit, Gleichheit und Glück zur Gänze. Kern der Standarduntersuchung ist ein Prozess der Gedankenreinigung und der Bewusstseinsverbesserung.“ www.institutfuermethode.com Vereinbaren Sie Ihren Termin zur persönlichen Reinigung unter: info@institutfuermethode.com oder +49 0211-730 8140


 

Einen Ausflug wert: Richard Long in der Schütte Halle  https://thomas-schuette-stiftung.de/aktuell-news/


 

 

 

Mehr zum Thema:

Kommentare

Platz für Ihre Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.