Mars wandert, Heinzelmann bleibt verschollen

Beide weg. Mars nach Dresden, Heinzelmann nach Hause

Aus den unermesslichen Tiefen des Rheinlands tauchen immer wieder unbekannte Kunstsammlungen auf und werfen Blasen. Mal in Köln die „Sammlung Jägers“, von den Beltraccis erfunden, mal in Aachen die von Westspiel (die mit den Warhols), dann die von Portigon (ehemals West LB) oder die der NRW-Bank (beide Düsseldorf). Jetzt die „Sammlung Bayer“.

Die Kunstsammlung des Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer umfasse über zweitausend Kunstwerke. Aber Hallo! Picasso, Warhol, Gerhard Richter und nicht schlecht. Kann man das vielleicht mal sehen? Erst als die Bayer AG in Leverkusen eine knapp vierzig Zentimeter hohe Kleinbronze von Giambologna (1529 bis 1608) zur Auktion nach London einlieferte, kam etwas Licht ins Dunkel der obskuren Kunstsammlung des Chemiegiganten. Sotheby’s freute sich auf den „Höhepunkt der aktuellen Saison“. Ein eigener Katalog ging in Druck. Der Schätzpreis der Götterstatuette lag bei drei bis fünf Millionen Pfund (3,4 bis 5,7 Millionen Euro).

Marion Ackermann, die neue Generaldirektorin in Dresden, durfte sich nun freuen, den „Mars“ für das Grüne Gewölbe und die Dresdner Skulpturensammlung zurück zu gewinnen. Öffentliche und private Geldgeber hatten den Verkauf noch vor der Auktion möglich gemacht. Anfang Oktober, zur Finissage der Giambologna-Schau, soll die Bronze dann zurück in Dresden sein – und dauerhaft einen prominenten Platz in der Sempergalerie einnehmen.

Warum die Bayer AG überhaupt an einen Verkauf der ihr ehedem, 1988, als Geschenk zugefallenen Bronze gedacht hat? Spötter sagen, das hinge mit dem (zu) teuren Zukauf von Monsanto i.H.v. 63 Milliarden Dollar zusammen. Vielmehr wurde der „Mars“ ein Opfer des neuen Kulturgutschutzgesetzes. Als das KGS-Gesetz von Kultur-Staatsminsterin Monika Grütters aufgelegt wurde, schaffte die Bayer AG ihre Preziose vorsichtshalber außer Landes. Aus diesem mußten Grütters und Co. es nun zurückerwerben – zu den international üblichen Konditionen. So kostete das Grütters-Gesetz abermals viele Steuermillionen.

Der Leverkusener Saatgut- und Chemieriese lässt nun verkünden verkünden, das eingenommene Geld in den Ankauf zeitgenössischer Kunst zu investieren. Aber Hallo! – Steht da nicht im Leverkusener Stadtwald ein schmuckes Jagdtschloß auf der Kippe, dass sich just auf dem Gebiet der Gegenwartskunst einen weithin klingenden Namen erworben hat! Bisher hat der Großkonzern dem Museum Morsbroich die kalte Schulter gezeigt. Jetzt könnte er einspringen, wo die Not am größten ist.

Seltener Fall. Ein Museumsdirektor taucht ab

Apropos einspringen. Abgesprungen, sozusagen aus vollem Lauf, ist Markus Heinzelmann als Direktor des Museums Morsbroich. Ein seltener Fall von Fahnenflucht eines Museumsmanns. Sein Vertag war unbefristet. Alle Welt rätselt über die Motive für diesen Absprung. Gerade noch hatte Heinzelmann im Stadtrat ein Konzept zur Zukunftssicherung seines Museums vorgestellt und zur erfolgreichen Abstimmung gebracht, um anderntags zu verschwinden. Einfach so futsch. Nicht mal seine engsten Mitarbeiter waren informiert. Seither ist Heinzelmann untergetaucht. Erst, hieß es, er weile in Italien, jetzt tauchte er wieder an seinem Wohnort Düsseldorf auf. Kommentar zu seinem Verschwinden? – Keiner.

Im Dämmerlicht. Museum Morsbroich

Das von Heinzelmann erarbeitete Konzept sieht vor, die jährlichen Ausgaben der Stadt für das Museum von etwa 1,15 Millionen Euro um mehr als 400 000 Euro zu reduzieren. Das Museum Morsbroich gehört zu den renommiertesten Häusern für zeitgenössische Kunst in Nordrhein-Westfalen. Zu seiner Sammlung mit 400 Gemälden und Skulpturen sowie 5000 Grafiken gehören Werke von Gerhard Richter, Georg Baselitz, Rosemarie Trockel, Blinky Palermo und Sigmar Polke.

Durch seinen myteriösen Abgang ist die Zukunft des Museum ungewisser denn je. Bis Ende des Jahres erhält Heinzelmann weiter die vollen Bezüge. Ob es überhaupt zu einer Nachbesetzung kommt, steht in den Sternen. Die Stellenausschreibung müßte jetzt auf den Tisch. Es erscheint allerdings fraglich, ob sich aufgrund der Blamage und Radikalkürzungen überhaupt ein Nachfolger, eine Nachfolgerin melden wird. Eingesprungensind Fritz Emsländer und Stephanie Kreuzer, die die Geschäfte auf Morsbroich einstweilen weiter führen.
Ein Lichtblick bleibt der Park. 200.000 Euro sind an Spendengeldern mittlerweile eingetroffen, um den alten Schloßpark denkmalgerecht zu restaurieren und dort Skulpturen aufzustellen.
Mars ist der Kriegsgott, der durch seine kriegerischen Tätigkeiten den Staat erhaltende Gott. Muskelbepackt verkörpert er auch bei Gimabologna die alle Lebensverrichtungen durchdringende männliche Kraft und Stärke. So gesehen ein schlechtes Zeichen, wenn ausgerechnet jetzt Gimabolognas Mars Leverkusen verläßt. Im sanierten Park wird sich sicher bald ein Plätzchen für einen neuen Mars finden.

 

 

 

 

Redaktionelle Mitarbeit Benita Ortwein

 

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