Kasper König zum 70.
Privjet Manifesta - Ein König für Sankt Petersburg


Die Überraschung könnte kaum größer sein. Zum ihrem zwanzigjährigen Jubiläum im kommenden Sommer gönnt sich die Manifesta, die Europäische Kunstbiennale für zeitgenössische Kunst, etwas Besonderes. Nach der aufgegebenen Kohlemine Waterschei im belgischen Genk wird die 10. Manifesta erstmals in ein Schloß einziehen. Nicht irgendeines: Es ist die Eremitage (Einsiedelei), genauer der Neue Flügel für Moderne Kunst. Die Hauptspielstätte soll in dem gigantischen neoklassischen Gebäudekomplex, unmittelbar gegenüber dem Winterpalais zwischen 1819-1829 als Generalstabsgebäude stattfinden. Nach jahrelangen Renovierungs- und umstrukturierungsarbeiten soll der Neuen Flügel im Frühjahr 2014 feierlich eröffnet werden. Dann wird die Eremitage, 1764 von Katharina der Grossen begründet, heute eines der größten Museumskomplexe der Welt, ihren 250. Geburtstag feiern. Dann ab dem 28.06.2014 sollen an die 800 Zimmer der Manifesta 10 zur Verfügung stehen.
 


Wem das an Sensationen nicht reicht, hier gleich die nächste: Kasper König wird Kurator der Sankt Petersburger Manifesta, Emily Joyce Evans seine rechte Hand. König, in diesem Jahr selbst 50 Jahre als Kurator im Dienst unterschiedlicher Dienstherren und -Damen, ist nicht nur ein alter Hase, sondern obendrein ein schlauer Fuchs. Eine Ausstellung wie die Manifesta ausgerechnet in Russland auszurichten, wird kein Kinderspiel. Politische Implikationen werden, Jubiläum hin, Jubiläum her, nicht auszuschließen sein. 2014 wird in Russland ein neuer Präsident gewählt. Sankt Petersburg ist Putins Geburtsstadt. Die Belagerung der Stadt durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg ist unvergessen. Es ist nicht auszuschließen, daß König vor seiner größten und heikelsten Mission steht.
Am 21. November wurde Kasper König 70 Jahre alt. Hoch lebe der…!

Was uns fehlen wird: Seine Glaubwürdigkeit. Wenn Kasper König uns von seinen frühen Jahren in New York erzählt, wie er Andy Warhohl in seiner Factory aufsucht und dort unverhofft auf Marlene Dietrich trifft, oder wie er zusammen mit Alfred Schmela im Madison Square Garden einen Titelkampf mit Boxweltmeister Cassius Clay sieht, sind das Anekdoten, die König immer auf Lager hat. Sie erzählen auch von Königs vitalem Interesse an den Beziehungen und Personen, seiner persönlichen Anhänglichkeit und tiefen Verbindung mit der Kunst seiner Zeit, nicht selten über vier, fünf Jahrzehnte hinweg.

Was Kasper König überhaupt nicht werden wollte, wir werden es wohl am meisten vermissen. Ganz gegen sein Naturell und Wesen, wohl auch gegen seine generationsbedingte Skepsis gegen Autoritäten, ist er selbst zu einer geworden. Er, der seinen Vornamen früh von Rudolf Hans zu Kasper änderte, dieser lustige wie schalkhafte Kasper, ist tatsächlich zu einer eigenwilligen Autorität gereift. Auf seiner langen Bahn durch die wechselhaften, mal aufklarenden, mal launischen und öfters ungestümen Zeiten, ist er zu einer anti-anti-Autorität geworden, gleichzeitig kritischer Beobachter und Instanz, scharfzüngiger Kommentator und sorgender Museumsdirektor.

Odyssee im Kunstraum, Teil 2:

Seinen Abschied hat er sorgfältig vorbereitet und eindrucksvoll inszeniert. Wie es sich für den letzten amtierenden Großmeister des internationalen Kunstbetriebs gebührt. Seit König auf dem Höhepunkt der Kölner Kunstmetropolenträume 1981 die „Westkunst“ organisierte, stand Köln ohnehin im Bann dieses singulären Ausstellungsmachers. Erst mit 57 Jahren wurde er auf Initiative von Marie Hüllenkremer ans Museum Ludwig berufen und übernahm 2000 erstmals die Leitung eines Museums. „Ich bin letztlich branchenfremd, kein promovierter Kunsthistoriker und habe diverse Sachen gemacht, aber mich vor allem seit erschreckend langer Zeit immer mit dem beschäftigt, was Künstler tun und was Kunst sein könnte,“ erklärte er erfrischend selbsteinsichtig. In zwölf Jahren hat sich König das unvertraute Amt eines Museumsdirektors erarbeitet und erobert. Zum Abschluß zieht er mit einer ganzen Serie von Ausstellungen eindrucksvoll Bilanz. Als wollte der zuletzt zu einem großen Museumsmann gereifte Ausstellungsmacher König dem internationalen Publikum zeigen, was aus einem Kunstmuseum in kommunaler Trägerschaft, selbst in der von öffentlichen Schulden und manchen Kabalen geplagten Kunstmetropole im Niedergang herauszuholen ist.

Seinen besonderen Humor, sein heiseres Lachen, stets mit wacher Skepsis und scharfem Verstand grundiert, haben ihm die Ämter nicht abkaufen können. Auf seine erstaunliche Art ist König gealtert und jung geblieben. Im bunt kariertem Hemd, Hosenträger darüber, empfing uns Kasper König in seinem Büro im Museum Ludwig.

Interview: C. F. Schöer
Kamera & Montage: Thom de Bock
Photographie: Astrid Piethan

Besonderer Dank an die Mitarbeiter des Museums Ludwig, Köln

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.