Im white cube ist die Hölle los
Zur Ausstellung Katharina Grosse „Inside the Speaker“ im Museum Kunstpalast

An der Malerei klebt jede Menge Tradition und der Glanz vergangener Hochkultur. Was kann sie überhaupt noch retten? Findet sich unter den zeitgenössischen Künstlern jemand, der frei und offensiv, anspruchsvoll und gnadenlos herausfordernd mit der antiquierten Malerei umspringt, dann Katharina Grosse. Sie springt schon seit 25 Jahren ziemlich schonungslos und landet jetzt unsanft im Museum Kunstpalast.

Malereiselbstüberwindung

Die zwei etwa gleich großen Hallen im Obergeschoß hat sie von allen Einbauten, Zwischenwänden, Decken etc. befreit, bis zwei hangarähnliche Ausstellunghallen von je gut 800 qm groß übrigblieben. In der Mitte das Treppenhaus. Doch wie unterschiedlich hat die in Berlin lebende, in Bochum aufgewachsene („ich komme aus dem Ruhrgebiet, wo das deutsche Informell stark vertreten war.“), in Düsseldorf lehrende Malerin diese gewaltigen Hallen genutzt! In der Halle rechts prangen lediglich acht Leinwandbilder auf den sonst kahlen Wänden, während die linke in eine begehbare Farbraumlandschaft oder besser Farbrauschlandschaft verwandelt wurde. Man könnte im Wechsel der beiden Flügel gut von einem Dialog der beiden Arbeitsfelder Grosses, den Tafelbildern und den Rauminstallationen, sprechen. Doch das nähme die Spannung aus der Sache. Es handelt sich um Erweiterung und Entgegensetzung, um Konfrontation und Malereiselbstüberwindung. Erst so wird die ganze Spannweite der aktuellen Auseinandersetzung um die Malerei deutlich und die der Arbeit Grosses dazu.

schwer spektakulär: Malerei als Farbmraumlandschaft. Acryl auf Stoff und Erde, 2014

Die acht Leinwandbilder in der einen Halle sind ein Schock für sich. Bis zu 36 qm groß, jedes ein Farbgewitter für sich, explosiv und monumental, überwältigend und sublime zugleich, fühlt man sich diesen XXL-Leinwänden jäh ausgesetzt. Kein Entkommen. Unwillkürlich fühlt man sich überwältigt, erliegt einem halluzinatorischen Erlebnis. Der Besucher muss die Segel streichen: Unmöglich, sich den Bildern von Katharina Grosse zu entziehen! Der Kritiker tröstet sich: Immerhin erzielt die Künstlerin solche Wirkung aufgrund einer Reflexion über Malerei. Wie kaum eine andere Künstlerin beteiligt sie sich an theoretischen Auseinandersetzung über Malerei, deren Traditionen, Voraussetzungen und Bedingungen. Bestandteil der Düsseldorfer Schau wird da ein Malerei-Symposium mit führenden Malerei-Experten sein (8.Dez.).

Die gegenüberliegende Halle hat sie dagegen in eine Farbhöhle verwandelt. Da kann, wer will, drin herum wandern und Bauklötze staunen, sich in der apokalyptischen Kulisse gruseln oder sich in schönste Farbwachträume versetzten. Es ist ein begehbares Bild, eine halluzinatorische Landschaft mit Hügeln, Tälern und Wegen dazwischen. „Raummalerei“ und Materialschlacht aus 3000 Quadratmetern Leinwandstoff, 40 Kubikmetern Erde und Styroporfelsen.

Wie die sich die heftig eingesetzte Sprayfarbe auf den unterschiedlichen Untergründen verhält, das interessiert Grosse immer wieder von Neuem und erinnert zugleich Landschaften der Romantik eines Capar David Friedrich, oder Land Art eines Robert Smithons, Michal Heizer und Walter de Maria.

Katharina Grosse im Bild, Düsseldorf 2014

Dieser „Erdraum“ ist der Renner der Düsseldorfer Schau, die Besucher stehen Schlange und werden en passant Teil dieses spektakulären Farbraums. Die Farbe aber trägt sich im Laufe der Laufzeit ab. Auflösung der Malerei und Neuland. Schöne Vorstellung: Die vielfarbigen Fußspuren tragen sich durchs Museum, weiter hinaus durch den Hofgarten und in die Stadt, halten einen Moment innen im „Ehrenhof“ bei der „Ellipse“, die Grosse da an die Außenfassade des Ausstellungsbaus montiert hat.

Mit seltner Konsequenz verfolgt Katharina Grosse ihren Weg der Befreiung der Malerei. Die radikale Formlosigkeit, die Schichtung der Farben, die Unschärfen und Verläufe, die Verunklärung des innerbildlichen Raumes, der performative Charakter, die changierende Farbigkeit – alles das hat sie in den letzten Jahren überlegt und furios, spielerisch und tiefgründig vorgeführt. Der Angriff auf die Malerei mit den Mitteln der Malerei hat mit Katharina Grosse eine Vehemenz und Dynamik erreicht, dass uns vor ihren Bildern der Atem stockt und ihre Malerei als Befreiung  oder Beängstigung erleben.

Ist der begehbare Farbraum die Steigerung und Erweiterung der Malerei, die nebenan im Leinwandsaal gezeigt wird? Oder eine Sackgasse, weil die Malerei doch hoffnungslos den Möglichkeiten der Unterhaltungstechnik unterlegen ist? Ist es Erneuerung der Land Art oder Installationskunst unter Einsatz von Sprayfarbe? An solchen Frage ist Grosse immens interessiert: „Die Grenze ist eine Einladung.“

Denn Grosse betreibt experimentelle Grundlagenforschung, „analytische Malerei“ wie sie es nennt: Wie wird Farbe zum Bild? Oder erweitert: Wie trifft Farbe in welcher Konsistenz und mit welchem Druck auf welchen Untergrund? Was ereignet sich in der Luft zwischen dem Maler und den Malgründen? Das sind einige der Fragen der Malforscherin Grosse, die die Tradition der Malerei sehr schätzt, um sie für sich fruchtbar zu machen: „Außerdem ist die Malerei ein fantastisch altes Medium.“ So beim Sprayen: Da wird die Farbe mit viel Druckluft zu kleinen Bällen geformt, die auf der Wand zerplatzen. Daraus entsteht ein neues Bild. „Es ist,“ schwärmt Grosse, „ als ob sich eine große Farbwolke im Raum befände, die sich wie durch ein Druckverfahren auf der Wand abbildet.“ Unbedingt einsteigen!

C. F. Schröer

 

 

 

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