UP & DOWN JAN ALBERS
Höhen und Tiefen der abstrakten Kunst

Jan Albers “hOkusaipOwderglutdude”, 2012,Sprühfarbe auf Polystyrol & Holz, 171 x 110 x 13 cm, Photo© & Courtesy der Künstler & VAN HORN, Düsseldorf

von Moritz Jacobsen

Vom Hauptbahnhof gelange ich in gut 15 Gehminuten zur Kunsthalle, die zentral in einem funktionalen Neubau der Stadtverwaltung am Berliner Platz liegt. Hier präsentieren sich 34 Werke aus den letzten drei Jahren des Düsseldorfer Künstlers Jan Albers (*1971 in Wuppertal). „Up & Down“, nennt sich die Ausstellung , kuratiert von Ute Riese, der Kunsthallenleiterin.

Albers Werk wird von der Kuratorin als „zu den zentralen Positionen des heutigen Diskurses abstrakter Kunst“ gehörend angekündigt. Ich frage mich unweigerlich, wie Albers in seinen Kunstwerken Raum geschaffen hat. Und warum diese in einer Stadt ausgestellt werden, deren Nachkriegsarchitektur in oft unübersehnbar postmoderner Art u. a. von einer raumgreifenden Fußgängerbrücke aus Sichtbeton mit drei großen, achteckigen Materialaussparungen darin – dem sogenannten „Elefanten-Klo“ – geprägt ist? –  Ironie der Geschichte?

Fest steht, der 2006 mit dem Pollock-Krasner Foundation Award ausgezeichnete Albers „baut“ seine Bilder, indem er sperriges, bildfremdes Material heranzieht, es presst, löchert, schneidet, flechtet  oder verbiegt, um es zu einem eigenen Ding zusammenzusetzen, von dem man beim besten Willen nicht mehr sagen kann, was es ist: Relief, Wandobjekt, Kastenbild. Das Prinzip der De- und Rekonstruktion spielt sich so auf witzig intelligente Weise in und um die Kunsthalle Gießen ab.

Albers‘ Werke zielten im Fragmentarischen auf Ganzheitliches ab. Er definiert den Resonanzraum für seine Bilder durch farbige Wandanstriche, Wandzeichnungen und skulpturale oder fotografische Elemente und schafft so eigenwillige neue Raumerlebnisse zwischen Autonomie und Kontextualität. Dabei finden Elemente der Op-Art ebenso Eingang wie geometrische Formen, die allesamt regelmäßig unregelmäßig den Raum strukturieren. Löcher, wie sie etwa Lucio Fontana in seine Leinwände schlitzte, werden mit Schriftzügen versehen. Metallrohre sowie Keramikscherben geben weitere Tiefe. Es sind wahre Landschaften, die Albers im Raum entstehen lässt: Gewebe mit charakteristischen Höhen und Tiefen, Farbverläufen und mattem Glanz.

Eine Besucherin spricht von „Belästigungskunst“, die fein säuberlich, farblich geordnet und nach Gruppen gehängt auf den mehr oder weniger geneigten Betrachter trifft: Sprühfarbe auf Polystyrol oder Sisalteppich. Baumarktkunst als Hommage an das Rechteck, denke ich, ohne mich im Geringsten belästigt zu fühlen. Materialreich wird in jedem einzelnen Kunstwerk Struktur geschaffen,  mit Holz, Wolle, Keramik, Kupferdraht, Papier, Aluminium und Blattsilber. Schade, dass man die  Oberflächen nicht berühren kann. Die meisten Werke in einem  Plexiglaskasten aufgehoben und geschützt. Der Schutzkasten ist zudem eine bewusste, selbstironische Nobilitierung der Exponate, die zweifelsohne ihren Zweck erfüllt . So bleibt der Ausstellungskatalog mit seinen 65 Seiten und einem Leinengewebeeinband das einzige Hochformat, das der Kunstkonsument haptisch begreifen kann.

Man muss nicht die Biografie des heute international ausstellenden, gebürtigen Wuppertalers kennen, der in Namibia aufgewachsen ist und nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf nun in Düsseldorfer lebt, um zu verstehen, dass er auch politische Nachrichten an die Betrachter seiner Kunst sendet. Selbstgefertigte Ansteck-Buttons zeigen Bildausschnitte von Augen und Mündern. Ich erkenne Nelson Mandela und das Logo von Amnesty International. Als weitere Garnierungen dienen hier und da ordinäre Pin-Nadeln neben Schriftzügen, wie ‚feed me‘ oder ‚sundowner‘, die sich erst aus einer gewissen Distanz lesen lassen. Über ‚twilight‘ rätseln einige Besucherinnen einer Schülergruppe, die bestens mit der populären Thematik von prüden amerikanischen Vampir-Phantasien vertraut sind, warum hier Buttons eine Referenz zu den ihnen bestens bekannten Kinofilmen herstellen: Was ist, wenn etwas zwielichtig ist? – Es liegt im Dunklen. Ratlosigkeit.

Dabei sollen die Arbeiten von Jan Albers doch zeigen, dass „sich künstlerischer Erfindungsreichtum und gesellschaftliche Relevanz nicht ausschließen, sondern einander geradezu bedingen können“, so das Konzept der Ausstellung. Zusammengetragen wurden ausnahmslos Hochformate, darunter ein Oval, vornehmlich aus Privatbesitz sowie Sammlungen aus Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hamburg. Wer ist wohl Liebhaber dieser Kunst, für wen stellt es gar Wandschmuck, Wohnzimmerkunst oder Anlageobjekt dar? Der Jan Albers-Graph von bei artfacts zeigt steil nach oben.

Wie faltet der 42-jährige Künstler ein altes Fahrrad handwerklich so ‚schön‘, dass es am Ende so dekorativ an einer Wand hängt? – Nach längerem Verweilen beginne ich seine Werke als ‚Maximal Minimal Art‘ zu betrachten: Als eine Strategie, Kunst zu schaffen, deren Simplizität bei gleichzeitiger Innovation durch verschiedenste Materialien, eine Antwort auf die Frage geben soll, was Kunst eigentlich alles ist, und so auch den kritischen Betrachter begeistern kann.

 

 

 

 

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