US-Stories, Castration and some more Desasters
Extrem-Maler Fabian Marcaccio erzählt die brutale Seite der US Stories

Auf der Einladungskarte (Querformat) prangt das Opfer einer bestialischen Folter. Ein erigierter Penis liegt da auf einem Tablett, der Schaft von mehreren Kreditkarten durchschnitten. „American Express“ steht auf einer der blutverschmierten, scharfkantigen Plastikkärtchen, die weltweit im Einsatz sind. Die Phantasie des argentinisch-amerikanischen Extrem-Malers Fabian Marcaccio, der 1963 in Rosario de Santa Fe geboren wurde und vor über zwanzig Jahren nach New York übersiedelte, ist außergewöhnlich drastisch, zumeist ekelerregend und abstossen. In letzter Zeit greift er zudem brisante politische Themen auf, die unter die Haut gehen: Es sind allesamt Horrorthemen seiner Wahlheimat USA, wie sie sich jüngst ereignet haben: Das Waco-Desaster in Texas, der von Jim Jones verordnete Massenselbstmord in Guyana, das Falludscha Massaker, die Schülermorde an der Columbine School oder der mexikanische Drogenkrieg. Diese jähen Ausbrüche an extremer Gewalt stellen nicht nur die Schattenseiten der US-Geschichte dar, es steckt in ihnen eine erschreckende Brisanz der zunehmend gewaltbereiten Gesellschaft der einzigen Supermacht. Some USA Stories nennt der Maler lakonisch seine neue, für die Ausstellung im Haus Esters entwickelte Serie von 12 monumentalen Werken. Dunkel, ekelhaft und abstossend allemal. Schaurige Geschichten. Marcaccio-Ausstellungen fordern von den Besuchern eine besondere Portion Compassio. Aber selten sah man ein malerisches Werk, das sich anhand politischer Verstrickungen und abgründiger Desaster gewaltiger, rauschhafter und auch großartiger entwickelt, als das von Fabian Marcaccio.

Denn bei allem lastenden thematischen Bezug, bringt er auch seine Malerei selbst mächtig zur Wirkung. Man kann diese Historienschinken sogar als sinnliche, rauschhafte Malerei pur genießen. Es kommt ganz auf den Abstand an: Die Schreckensbilder erwachsen erst nach und nach aus der dicken Farbmaterie heraus. Erst aus einem gehörigen Abstand lassen sich die brisanten Themen erahnen und treten als erkennbare Motive hervor. Ganz dicht bei den Bildern, gewinnt man ein ganz anderes Erlebnis. Der Schock-Maler Marcaccio ist auch ein grandioser Meister der entfesselten Malerei. „Selbstdarstellung von Malerei“ nennt das Martin Hentschel, Kurator der Krefelder Schau. Netze aus Hanfschnüren und darin verwobene Kletterseile aus Nylon traktiert Marcaccio mal von vorne, mal von hinten mit Alkyd-Farben und Silikonmasse, lässt die krassen Farben und schlierigen Kunstharze in die grobe Trägerstruktur eindringen oder presst sie von hinter durch das Netz. Monumentale, reliefartige Bilder entstehen, die in ihrer Leidenschaft und eruptiven Gewalt den brutalen Inhalten antworten, ihnen Paroli bieten. Heftige Malerei, fürwahr, die mit den grandiosesten Gemälden der Gegenreformation mühelos konkurrieren können. Ein Bild hängt in Krefeld auf der dunklen Backsteinmauer, draußen zur Terrasse der einstigen Industriellenvilla. „Erschießungskommando“ heißt dieses Werk. Es ist das einzige der Serie, das sich nicht dezidiert auf die aktuelle US-Geschichte bezieht. Erschießungskommandos gab es auch bei uns, auch in Krefeld.

Die Einladungskarte mit dem kastrierten Penis stammt aus Duisburg. Raimund Stecker, auch nicht zimperlich, hat „Castration“ als einladendes Motiv zu seiner Schau „ The Structural Canvas Paintants“ gewählt. Der Direktor des Lehmbruck-Museums war 2011 neben Udo Kittelmann und Anda Rottenberg Juror des Bernhard-Heiliger-Preis für Skulptur. Marcaccio erhielt den Preis. Die Duisburger Ausstellung ist eine Art Übernahme aus dem Berliner Georg-Kolbe-Museum. Nach den zierliche Goldschmiedestücken des Georg Hornemann folgt mit Fabian Marcaccio ein ganz anderes Kaliber, eine malerische Herausforderung der Sonderklasse. „Paintants“ – wie Marcaccio seine hybride Malerei neuerdings nennt, sein keineswegs origineller Wortschrumpf aus „painting“ und „mutant“ – verschmilzt die Konzepte des Gemäldes, der Skulptur und der Objektkunst verschmelzen, was auch eine unverdauliche, zähe Masse ergeben könnte, entstünden in diesem Verschmelzungsprozess nicht jene großartigen figürlichen Tableaus voller ätzender politischer Aktualität. Globalisierung, Bankencrash, Transsexualität, Gentechnik und Terrorismus gehören dazu wie auch die Rolle der Medien. „CNN-Paintant“ zeigt etwa einen am Boden liegenden, zerfetzten CNN-Reporter, der die (laufende?) Kamera hochhält, um noch die letzten Bilder zu schiessen. Infotainment, dieses Gemisch aus Sensationsgier, Gewaltakt und Gefühlsoverkill, fliesst in unseren visuellen Alltag ein, gewöhnt uns an die süffigen Bilder und läßt uns gleichermaßen abstumpfen. Dagegen wirken Marcaccios „Paintants“ wie eine Hallo-Wach-Droge. Nie wurde man mehr gewahr, daß im Wort „painting“ auch „pain“ steckt: Schmerz, Leid, Sorge.

 

C.F.Schröer

Letzte Meldung:
Nun doch. Stecker will das Lehmbruck-Museum offen halten
Als Martin Hentschel und Raimund Stecker noch Leiter von Kunstvereinen waren, in Stuttgart der eine, der andere in Düsseldorf, veranstalteten sie 1995 gemeinsam die Trendausstellung „Abenteur der Malerei“. Fabian Marcaccio war auf beiden Stationen schon damals vertreten. Die beiden Kuratoren zerstritten sich damals und treffen sich heute als Direktoren bedeutender Museen im Rheinland wieder. Die parallelen Marcaccio-Ausstellungen im Haus Esters und dem Lehmbruck-Museum, wenige 18 Kilometer von einander entfernt, kamen eher zufällig zustande. Und dann durch das Love-Parade-Desaster aufgeschreckte Duisburger Baaufsichtsbeamte beinahe doch wieder nicht. Das Duisburger Museum wurde kurzerhand geschlossen, da Geländer und Plexiglasplatten unter der Museumsdecke als nicht unbedingt sicher eingestuft wurden. Doch „dem Lamento der Duisburger Bauaufsicht“ will sich Raimund Stecker nicht anschließen und „auf alle Fälle versuchen“, die Ausstellung wie angekündigt zu eröffnen.

 

Dank an Fabian Marcaccio für den Sketch zum baulichen Desaster im Lehmbruck-Museum und an Eike Dürrfeld, Galerie Thomas Schulte, Berlin, für die großartige Unterstützung. Dank auch an Ilka Tödt, Berlin und DOP Johannes Obermeier, Berlin.

 

 

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