uko gesichtet
In Schräglage: Raumobjekt von Katharina Grosse

Was ist bunt, hat Löcher und hängt zwischen Baum und Kirche? – Antwort: Ein uko (unbekanntes kunstobjekt).

Was es eigentlich ist, lässt sich schwer fassen – Scheibe, Schirm, Schild, Schüssel oder Sieb? Oder eigentlich Auge, Linse oder doch eher Wolke. Das Objekt nennt sich „Ellipse”, womit, wiederum auch sehr ungenau, nur die äußere Form gemeint sein kann. Denn das Ding, einem Riesen-Kartoffelchip nicht unähnlich, ist merkwürdig gewölbt. Könnte auch ein Stück abgeplatzter Außenpanzer der ISS sein (International Space Station) sein, das da mitten in die Düsseldorfer City herabgesegelt kam – und sich kunstvoll in gut vier Metern Höhe verfangen hat. Da hängt es nun, um sich bestaunen zu lassen.

Das amorphe Teil (ca. sechs mal acht Meter) hat überdies eine bunte Außen- und eine weiße, eher technoide Innenseite. Ob es strahlt? Oder heiß ist? Und wozu diese vielen Löcher? Verdächtig ist, dass es just zur Quadriennale 2010 (Motto “kunstgegenwärtig”) gelandet ist. Folglich wird es sich tatsächlich nur um ein Kunstobjekt handeln.

Katharina Grosse (geb. 1961 in Freiburg), die einst an der Düsseldorfer Kunstakademie (bei Graubner) studierte und lange ihr Atelier am Höherweg betrieb, siedelte in den 2000er Jahren nach Berlin um, bezog ein nach ihren Vorstellungen gebautes, klotziges Künstlerhaus (eine „Ateliermaschine”, sagen die Architekten Frank und Augustin), um in diesem Herbst eine Professur für Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie zu übernehmen.

Das uko könnte also ein Vorbote sein. Es ist aber auch ein Erinnerungsposten. Es stand nämlich schon mal, damals lässig an die Wand gelehnt, zusammen mit drei weiteren Riesenchips, in der Ausstellung „shadowbox” in der temporären Kunsthalle auf der Berliner Schlossfreiheit 1.

Damals – die Halle ist inzwischen futsch – schrieb Geschäftsführer Thomas Eller im Katalogvorwort von einem „anarchischem Impuls”, der die Arbeit Katharina Grosses präge. Aber Hallo! „Die gewohnten Bildgrenzen und Hierarchien überschreitend, konfrontiert uns die Künstlerin mit visuellen Ereignissen, die geprägt sind von einem anarchischen Impuls, der in letzter Konsequenz die Frage nach den Handlungsspielräumen jedes Einzelnen nach sich zieht.” In letzter Konsequenz? Das unbenennbare Raumobjekt ist jedenfalls Grosses erste objekthafte Arbeit im Außenraum und stellt hier an die Passanten einige Ansprüche.

Denn so unbegreiflich und fremd das Objekt über den Köpfen auch ist, so bedrohlich und herausfordernd es allein schon wegen seiner Ausmaße auch erscheinen mag, ist es doch von einer hohen Attraktivität. Die ineinander verlaufenden, neon-grellen Sprayfarben auf der konkaven Außenseite wirken noch in der visuell überfrachteten Citylage ungemein anziehend. Die Abstraktion der Farbmalerei in Spraytechnik, mit der Grosse in den vergangenen zehn Jahren den Malereibegriff souverän an zahlreichen Schauplätzen umdefinierte, ist allerdings nicht gegenstandslose Formalie, sondern Ausdruck einer Lebensweise, die sich konsequent von allen Gewissheiten verabschiedet hat. Hierin besteht die Herausforderung für die Malerin wie für die zufällig Vorbeikommenden gleichermaßen. Nur Kunstobjekt? Das Ungewohnte, Unfassliche greift unversehens in den Alltag ein – und wir staunen nicht schlecht. Mit Grosse können wir damit einstweilen den heiteren Umgang üben.

C. F. Schröer

 

Ellipse” ist ein Außenprojekt der Kunsthalle Düsseldorf im Rahmen der Quadriennale 2010 an der Johanniskirche, Martin-Luther-Platz.

Eine Farb-Raum-Inszenierung hat Katharina Grosse für die Ausstellung Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart im Kunstmuseum Wolfsburg geschaffen (bis 3.10.). Siehe auch Der geheime Inspirator? Jan Albers und Manuel Graf über ihren Steiner

Für die Ausstellung “KOSMOS RUDOLF STEINER” im Kunstmuseum Stuttgart bereitet sie eine neue Sprayarbeit vor (5.02. bis 22.05.2011).

 

alle Photographien: © 2010 Burkhard Maus (und besonderer Dank)

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